IOI – Auf der Suche nach einer indonesischen Bieridentität

  1. Wie schmeckt eigentlich Indonesien?

Nach Reis? Nach Salak, jener braunschuppigen Frucht, die in Teilen Balis überall am Straßenrand und auf den Feldern wächst? Nach Kaffee aus den Bergen von Flores? Nach tropischen Früchten, Gewürzen und Aromen, die für Menschen hier alltäglich sind, in einem europäischen Bier aber zunächst ungewöhnlich erscheinen?

Genau dieser Frage geht IOI Craft Beer Bali nach. Die kleine Brauerei in Sibetan im Osten der Insel versucht, internationale Biertraditionen mit Zutaten, Aromen und Geschmackserinnerungen Indonesiens zu verbinden.

Robert Jongkees erzählt mir während unseres Gesprächs in der Brauerei von einem ziemlich alltäglichen Geruch: dem Moment, in dem man einen Reiskocher öffnet.

Warmer Dampf steigt auf, und für einen Augenblick ist dieser charakteristische Duft von frisch gegartem Reis da. Robert experimentiert mit unterschiedlichen Reissorten und würde gerne mehr von genau dieser Aromatik in einem Bier einfangen.

Wir stehen dabei in der kleinen Brauerei von IOI Craft Beer – Islands of Imagination in Sibetan im Osten Balis. Im Padiluwih Lager verwendet IOI Reis aus Jatiluwih. Nicht, damit das Bier möglichst intensiv nach Reis schmeckt. Der Einfluss ist subtiler. Es geht um eine Assoziation, vielleicht sogar um eine Erinnerung.

Diese wenigen Minuten unseres Gesprächs erzählen ziemlich genau, warum ich IOI besuchen wollte.

Denn auf meiner Reise durch Indonesien begegnen mir inzwischen einige gute Craftbiere. Viele orientieren sich an den großen Vorbildern der internationalen Bierwelt: IPA und Pale Ale, Porter und Wheat Beer, Kölsch und Lager. Daran ist nichts falsch. Bierstile sind eine gemeinsame Sprache.

Aber irgendwann stellt sich eine andere Frage:

Muss Indonesien diese Sprache lediglich gut sprechen – oder kann es irgendwann eine eigene entwickeln?

IOI gehört zu den Brauereien, die darauf eine Antwort suchen.

IOI Craft Beer – Islands of Imagination

Gegründet wurde IOI von Laura und Pieter Prinsloo. Klassische Brauerbiografien haben beide nicht.

Laura kommt unter anderem aus Banking, Publishing und Kultur, Pieter aus IT und Specialty Coffee. Gemeinsam war ihnen die Begeisterung für gutes Bier, Fermentation und die Idee, dass Indonesien genügend eigene Zutaten und Geschichten besitzt, um nicht einfach internationale Craftbeer-Konzepte kopieren zu müssen.

Ihre Idee klingt zunächst einfach: gutes Craftbeer in Indonesien zu brauen, das sich tatsächlich mit Indonesien verbunden anfühlt.

Nicht nur eine internationale Bierrezeptur, die zufällig auf Bali produziert wird.

IOI sollte Zutaten, Landschaften und kulturelle Einflüsse Indonesiens aufnehmen und daraus etwas Eigenes entwickeln.

Dafür wollten Laura und Pieter von Anfang an eine eigene Brauerei.

Contract Brewing hätte vieles einfacher machen können. Doch sie wollten Kontrolle über ihre Biere und vor allem die Freiheit, zu experimentieren.

Laura formulierte es mir gegenüber besonders treffend:

IOI sollte eine indonesische Brauerei sein – und nicht lediglich eine Biermarke, die in Indonesien produziert wird.

Warum Sibetan?

Damit kommt ein Ort ins Spiel, den wahrscheinlich kaum jemand außerhalb Balis mit Craftbeer verbindet.

Sibetan liegt in Karangasem im Osten der Insel und ist landwirtschaftlich geprägt. Besonders bekannt ist die Gegend für Salak, die wegen ihrer schuppenartigen Schale auch Schlangenfrucht genannt wird.

Laura erzählt mir, dass gerade dieses landwirtschaftliche Umfeld ein wichtiger Grund für die Standortentscheidung war. IOI wollte mit lokalen Produzenten arbeiten und die Brauerei stärker mit ihrer unmittelbaren Umgebung verbinden.

Kosten spielten ebenfalls eine Rolle, waren ihrer Aussage nach jedoch nicht ausschlaggebend.

Erst als ich selbst zur Brauerei fahre, wird mir bewusst, welchen Preis IOI für diese Entscheidung zahlt.

Die Brauerei liegt wirklich sehr abgelegen.

Die großen touristischen und gastronomischen Märkte Balis befinden sich weit entfernt im Süden. Rohstoffe müssen nach Sibetan gebracht werden, fertiges Bier anschließend wieder hinaus.

Allein die Logistik stelle ich mir aufwendig vor.

Laura bestreitet diesen Nachteil gar nicht. Für IOI gehört der Ort inzwischen trotzdem zur eigenen Identität.

Keine Craftbeer-Kulisse

Auch die Brauerei selbst überrascht mich.

Ich kenne solche Orte aus Irland und Großbritannien, wo ich immer wieder kleine Mikrobrauereien besucht habe.

Hier ist nichts auf Hochglanz poliert. Kein gläsernes Sudhaus, das vor allem für Besucher gebaut wurde. Keine aufwendig inszenierte Craftbeer-Erlebniswelt.

Es ist eine Arbeitsbrauerei.

Sauber, funktional und mit allem Wesentlichen ausgestattet. Tanks, Leitungen, Kühlung, Abfüllung. Es muss funktionieren.

Und genau das gefällt mir.

Man spürt mehr Leidenschaft als Inszenierung.

Gleichzeitig zeigt schon ein Blick auf die Rohstoffe, dass die Suche nach einer indonesischen Bieridentität komplizierter ist als der Begriff „lokales Bier“ vermuten lässt.

Malz kommt unter anderem von Weyermann aus Bamberg, daneben verarbeitet IOI auch vietnamesisches Malz. Hopfen wird überwiegend über Großhändler in Hongkong bezogen.

Die internationale Bierwelt endet also keineswegs an der Tür der Brauerei.

Und das soll sie auch gar nicht.

Bamberg trifft Bali

IOI versucht nicht, krampfhaft jeden klassischen Braurohstoff durch etwas Indonesisches zu ersetzen.

Gerstenmalz und Hopfen gehören zu einer internationalen Lieferkette. Das Brauwissen ebenso.

Interessant wird es dort, wo diese Welt auf Indonesien trifft.

Auf Salak aus Sibetan.

Auf Reis aus Jatiluwih.

Auf Arabica-Kaffee aus Bajawa auf Flores.

Auf Honig, tropische Früchte und andere landwirtschaftliche Produkte aus unterschiedlichen Regionen des Landes.

IOI nimmt bekannte Bierstile und fragt: Was passiert, wenn wir sie durch Aromen und Rohstoffe Indonesiens weiterdenken?

Dass dieser Ansatz zum Kern der Brauerei gehört, erkennt man bereits am Sortiment. Salaca Wheat Beer, Padiluwih Lager, Coffee Porter, Honey Kölsch und verschiedene Sour-Biere verbinden vertraute Bierstile mit Zutaten aus Indonesien.

Und dann treffe ich Robert.

Vom Kaffee zum Bier

Robert Jongkees ist Niederländer und Head Brewer von IOI.

Seine Geschichte gehört für mich unbedingt zur Geschichte dieser Brauerei, denn Robert kam nicht über eine klassische Brauerausbildung nach Bali.

Vor dem Bier kam Kaffee.

Mehr als ein Jahrzehnt arbeitete er im indonesischen Specialty-Coffee-Bereich und direkt mit Produzenten. Dabei beschäftigte er sich intensiv mit Fermentation, Aufbereitung und Qualitätsentwicklung.

Im Gespräch erzählt er mir, wie sehr ihn Kaffee für geschmackliche Unterschiede sensibilisiert hat.

Selbst Kaffee aus derselben Region kann abhängig von Lage, Verarbeitung und Fermentation völlig unterschiedliche Aromen entwickeln.

Mit der Zeit veränderte sich für ihn jedoch auch der Specialty-Coffee-Markt. Besonderheit und zusätzlicher Aufwand ließen sich nicht unbegrenzt in eine entsprechende Zahlungsbereitschaft übersetzen.

Zu dieser Zeit kam Pieter ins Spiel.

Die beiden kannten sich aus dem Kaffeeumfeld. Pieter beschäftigte sich bereits mit Homebrewing und dem Aufbau einer eigenen Brauerei. Robert brachte Erfahrung mit Fermentation, Prozessen, Technik und Geschäft mit – aber keine jahrzehntelange Laufbahn als professioneller Brauer.

Nach Roberts Erinnerung ging alles ziemlich schnell.

Im Juni sprachen sie über das Projekt.

Bereits wenige Monate später war Robert in Sibetan, während die Brauerei noch aufgebaut wurde.

Heute leitet er den Braubetrieb und beschäftigt sich neben Rezeptentwicklung und Produktion stark mit Prozesssteuerung, Qualität und technischer Optimierung.

Aus dem Kaffeemann wurde ein Brauer.

Und vielleicht war gerade dieser Umweg hilfreich.

Was Kaffee mit Bier zu tun hat

Kaffeefermentation und Bierbrauen sind natürlich nicht dasselbe.

Robert sieht aber Parallelen.

Bei Kaffee können beispielsweise Fermentationszeit, Temperatur und Aufbereitung beeinflusst werden. Beim Bier wird das Experimentierfeld durch Hefen, Bakterien, Rohstoffe und Prozessführung noch größer.

Und damit öffnet sich für jemanden, der sich bereits lange mit Fermentation und Aromen beschäftigt hat, eine enorme Spielwiese.

Im Gespräch kommen wir auch darauf, wie spannend lokale Mikroorganismen sein könnten. Fermentation ist schließlich nicht überall identisch, und Mikroflora ist an Orte gebunden.

Doch solche Ideen klingen in der Theorie einfacher als ihre Umsetzung in einer Brauerei.

Man muss ausprobieren.

Sehr viel ausprobieren.

Und vieles davon funktioniert am Ende nicht.

Genau diese Haltung begegnet mir während unseres Gesprächs immer wieder.

Lokal allein macht noch kein gutes Bier

Eine der wichtigsten Aussagen über IOI hatte Laura mir bereits vor meinem Besuch gegeben:

Eine Zutat kommt nicht ins Bier, nur weil sie lokal ist.

Robert bestätigt diesen Gedanken aus Sicht des Brauers.

Indonesien bietet eine beinahe überwältigende Auswahl an Früchten, Gewürzen, Reis, Kaffee, Kakao und anderen landwirtschaftlichen Produkten.

Man kann damit experimentieren.

Aber ein interessantes Experiment ist noch lange kein gutes kommerzielles Bier.

Eine Zutat muss sensorisch funktionieren.

Sie muss einen Beitrag leisten.

Und am Ende muss jemand ein zweites Glas davon trinken wollen.

Gerade darin unterscheidet sich IOIs Ansatz für mich von der einfachen Gleichung:

Tropische Frucht + Bier = indonesisches Craftbeer.

Salak direkt vor der Tür

Beim Salaca Wheat Beer könnte die Verbindung zum Standort kaum unmittelbarer sein.

Rund um Sibetan wächst Salak.

Also stellte sich die Frage: Kann diese Frucht in einem Wheat Beer funktionieren?

Das Bier verbindet den Weizenbiercharakter mit der Frucht aus der unmittelbaren Umgebung der Brauerei.

Die Denkweise dahinter ist einfach:

Arbeite mit dem, was deine Umgebung hervorbringt – sofern es das Bier tatsächlich bereichert.

Das Salaca Wheat Beer erzählt deshalb vielleicht direkter als jedes andere IOI-Bier vom unmittelbaren Standort der Brauerei.

Der Duft eines geöffneten Reiskochers

Beim Padiluwih Lager wird es subtiler.

Das Bier wird mit Reis aus Jatiluwih gebraut. Es ist ein leichtes, zurückhaltend bitteres Lager, bei dem der Reis keine dominante Aromatik liefern soll.

Reis im Bier ist nichts Neues. Internationale Großbrauereien arbeiten seit Jahrzehnten damit.

Aber Robert interessiert nicht allein der technische Einsatz von Reis.

Er experimentiert mit unterschiedlichen Sorten und deren Aromatik.

Und irgendwann fällt in unserem Gespräch dieses Bild vom Reiskocher.

Für mich verändert es die Perspektive.

Denn plötzlich geht es nicht mehr darum, ob ein europäischer Biertrinker möglichst deutlich „Reis“ herausschmecken kann.

Es geht um Geschmackserinnerung.

Um etwas Vertrautes.

Um diesen kurzen Moment, wenn ein Reiskocher geöffnet wird und warmer, frisch gegarter Reis seinen Duft freigibt.

Kann ein Lager irgendwann eine solche Assoziation hervorrufen?

Genau hier wird die Frage nach einer indonesischen Bieridentität für mich wirklich interessant.

Nicht:

„Wir haben Reis hineingetan, also ist es indonesisch.“

Sondern:

Kann ein Bier eine Geschmackserinnerung hervorrufen, die für Menschen aus dieser Kultur selbstverständlich ist?

Robert experimentiert weiter.

Vielleicht ist ein Brauer mit einem Bier ohnehin nie ganz fertig.

Es gibt immer etwas, das noch ein wenig besser werden könnte.

Drei Biere, drei Geschichten

Über Bieridentität lässt sich viel theoretisieren. Am Ende muss das, was im Sudhaus erdacht wird, aber im Glas funktionieren.

Bei meinem Besuch in Sibetan kann ich einige der IOI-Biere direkt mit Robert probieren. Dabei fällt mir auf, wie erstaunlich gut die Beschreibungen der Brauerei meine eigenen sensorischen Eindrücke treffen.

Die lokalen Zutaten wirken nicht wie ein aufgesetzter Effekt. Sie sollen nicht möglichst laut „Indonesien“ rufen, sondern ihren Platz im jeweiligen Bier finden.

Eine Berliner Weisse – und plötzlich Heimat

Besonders überrascht mich die Sirsak Berliner Weisse.

Ein Schluck – und für einen Moment stehe ich nicht mehr in einer kleinen Brauerei im Osten Balis, sondern mitten in Berlin.

Es ist dieses vertraute Spiel aus Säure, Fruchtigkeit und Leichtigkeit, das bei mir sofort ein Heimatgefühl auslöst.

Dabei steckt mit Sirsak, der tropischen Stachelannone, ausgerechnet eine Frucht im Bier, die mit Berlin denkbar wenig zu tun hat.

Ein klassischer Berliner Bierstil trifft auf eine indonesische Frucht – und löst bei mir Tausende Kilometer von zu Hause entfernt eine vertraute Erinnerung aus.

Vielleicht zeigt gerade dieses Bier, wie kompliziert die Frage nach Herkunft und Geschmack eigentlich ist.

Wir schmecken nicht nur das, was objektiv im Glas steckt.

Wir schmecken immer auch ein Stück unserer eigenen Geschichte.

Wenn Roberts zwei Welten zusammenkommen

Beim Coffee Porter schließt sich dagegen ein Kreis in Roberts Geschichte.

Bevor er Brauer wurde, beschäftigte er sich viele Jahre mit indonesischem Specialty Coffee, arbeitete mit Produzenten und lernte dabei viel über Fermentation und die enorme aromatische Vielfalt von Kaffee.

Für das Porter verwendet IOI Arabica-Kaffee aus Bajawa auf Flores.

Damit treffen in einem Bier Roberts frühere und seine heutige berufliche Welt aufeinander: Kaffee und Bier – zwei fermentierte Produkte, mit denen er sich intensiv beschäftigt hat.

Und das Ergebnis wurde auch international ausgezeichnet. Bei der Asia Beer Championship 2024 gewann das Coffee Porter Gold. IOI wurde dort außerdem als Country Champion Brewery für Indonesien ausgezeichnet.

Für mich ist das Coffee Porter deshalb mehr als nur eines der erfolgreichen Biere der Brauerei.

Es erzählt gleichzeitig etwas über Robert und über die Grundidee von IOI: internationales Brauhandwerk mit einem Rohstoff zu verbinden, der eine konkrete Geschichte aus Indonesien mitbringt.

Ein Bier, das es noch gar nicht gibt

Und dann stellt Robert mir etwas hin, das noch gar nicht regulär auf dem Markt ist.

Ein neues Bier mit lediglich 3,5 Prozent Alkohol.

Es soll bewusst leicht und unkompliziert werden – und zugleich das günstigste Bier im IOI-Sortiment.

Das klingt zunächst nach einem Bier, bei dem man angesichts des niedrigen Alkoholgehalts Abstriche bei Körper und Geschmack erwarten könnte.

Im Glas passiert das Gegenteil.

Ich empfinde es als erstaunlich vollmundig. Dazu kommt eine angenehme Fruchtnote und vor allem eine ausgeprägte Drinkability. Nichts wirkt dünn oder unfertig. Das Bier wirkt bereits erstaunlich rund.

Gerade für den indonesischen Markt könnte dieser Ansatz interessant sein.

Laura hatte mir zuvor erklärt, dass der Preis eine der großen Hürden für Craftbeer ist. Gleichzeitig sind für viele indonesische Konsumenten zugänglichere Bierstile ein leichterer Einstieg in eine Bierwelt, die ihnen noch vergleichsweise neu ist.

Ein leichtes Bier mit 3,5 Prozent Alkohol, hoher Drinkability und einem niedrigeren Verkaufspreis setzt genau an diesen beiden Punkten an.

Noch hat dieses Bier keinen Platz im regulären Sortiment.

Aber bei meinem Besuch wirkt es bereits erstaunlich gelungen.

Und vielleicht zeigt gerade dieses zunächst unspektakulär klingende Bier einen weiteren Aspekt der Entwicklung von IOI:

Eine eigenständige Bierkultur entsteht nicht nur durch außergewöhnliche Zutaten und experimentelle Biere. Sie braucht auch Biere, die Menschen ganz selbstverständlich trinken möchten.

Welches Bier erklärt IOI?

Laura hatte mir vor meinem Besuch drei Biere genannt, mit denen sie die Geschichte von IOI besonders gut erzählen würde.

Padiluwih Lager – für die Verbindung eines internationalen Bierstils mit balinesischem Reis.

Salaca Wheat Beer – für die unmittelbare Verbindung von Brauerei und Sibetan.

Coffee Porter – für die größere indonesische Geschichte mit Kaffee aus Flores.

Zusammen ergeben diese drei Biere beinahe eine kleine Reise durch Indonesien.

Dieselbe Frage stelle ich Robert.

Wenn ich nur ein einziges IOI-Bier trinken dürfte, um zu verstehen, was er als Brauer erreichen möchte – welches wäre es?

Robert tut mir den Gefallen nicht.

Er will sich nicht auf ein einziges Bier festlegen.

Und seine Begründung gefällt mir.

Das passende Bier hängt für ihn vom Moment ab.

Vom Essen.

Vom Wetter.

Von der Stimmung.

Manchmal möchte man etwas Leichtes und Frisches. An einem anderen Abend vielleicht ein kräftigeres, komplexeres Bier.

Ein Bier, das heute perfekt passt, muss morgen nicht das richtige sein.

Laura beantwortet dieselbe Frage stärker als Gründerin und Geschichtenerzählerin.

Robert beantwortet sie als Brauer und Biertrinker.

Beides gehört zu IOI.

Mehr als 600 Kunden – und trotzdem viel Überzeugungsarbeit

Bei all diesen Geschichten über Reis, Salak und Kaffee darf man leicht vergessen, dass IOI am Ende auch ein Unternehmen sein muss.

Und Craftbeer in Indonesien ist kein einfaches Geschäft.

Laura erzählt mir, dass Indonesier im internationalen Vergleich relativ wenig Bier trinken. Craftbeer ist noch weniger im Alltag verankert.

Sie beobachtet zwar wachsendes Interesse – insbesondere bei jüngeren Indonesiern, die sich auch für Essen, Musik, Design, Reisen und neue Geschmackserfahrungen interessieren.

Doch Bali bleibt für IOI der wesentlich wichtigere Markt.

Hier treffen internationale Besucher, Expats und indonesische Konsumenten aufeinander, die bereits stärker mit Craftbeer in Berührung gekommen sind.

Nach Lauras Angaben besitzt IOI inzwischen mehr als 600 aktive und passive Accounts bei Bars, Restaurants, Hotels und Händlern.

Das klingt zunächst nach komfortabler Reichweite.

Ist es aber nicht unbedingt.

Denn einen Kunden zu gewinnen und Craftbeer dauerhaft bei ihm zu etablieren sind zwei verschiedene Dinge.

Eine spezialisierte Bierbar kennt IPA, Sour, Porter und Wheat Beer.

In einem Hotel, Café oder Restaurant, in dem Bier nur einen kleinen Teil des Angebots ausmacht, braucht es wesentlich mehr Betreuung. Mitarbeiter müssen das Produkt verstehen. Kunden müssen wissen, warum dieses Bier anders ist – und warum es mehr kostet.

IOI übernimmt den Vertrieb auf Bali deshalb überwiegend selbst.

Die direkte Beziehung zum Kunden ist Teil des Geschäftsmodells.

Außerhalb Balis wird es komplizierter.

Craftbeer gegen industrielle Größe

Der Preis ist eine der größten Hürden.

Kleine Produktionsmengen sind teuer. Viele klassische Braurohstoffe und technische Komponenten kommen aus dem Ausland. Dazu kommen Steuern, Regulierung und Distribution.

Gleichzeitig konkurriert IOI mit großen und seit Jahrzehnten etablierten Bierproduzenten um Aufmerksamkeit, Zapfhähne und Regalflächen.

Diese verfügen über erheblich größere Vertriebsnetze, Marketingbudgets und kommerzielle Möglichkeiten.

Eine Mikrobrauerei kann diesen Wettbewerb nicht über Größe gewinnen.

Laura nennt deshalb andere Faktoren:

Qualität.

Persönliche Beziehungen.

Geschichten.

Lokale Identität.

Und irgendwann idealerweise eine Marke, nach der Gäste ausdrücklich fragen.

Warum so viel Craftbeer auf Bali passiert

Je länger ich mich mit indonesischem Craftbeer beschäftige, desto auffälliger wird ein geografisches Ungleichgewicht.

Java ist das wirtschaftliche und demografische Zentrum Indonesiens. Dort stehen auch die großen industriellen Brauereien des Landes.

Die junge unabhängige Craftbeer-Szene konzentriert sich dagegen auffällig stark auf Bali.

Laura hält wenig davon, dies ausschließlich mit Religion oder Regulierung zu erklären.

Natürlich spielen beide Faktoren eine Rolle.

Aber es braucht auch Menschen, die Bier trinken wollen.

Und eine Gastronomie, in der Bier selbstverständlich angeboten wird.

Bali besitzt durch Tourismus, internationale Bewohner und seine enorme Restaurant- und Barszene genau dieses Umfeld.

Jakarta ist für IOI ein wachsender Absatzmarkt.

Eine vergleichbar dichte eigenständige Craftbeer-Produktionslandschaft hat sich dort bislang jedoch nicht entwickelt.

Damit verstärkt sich Balis Vorsprung beinahe selbst:

Wo Craftbeer verfügbar ist, lernen Menschen Craftbeer kennen.

Wo Menschen Craftbeer kennen, entsteht Nachfrage.

Und wo Nachfrage besteht, können Brauereien eher bestehen.

Geschmack ist erlernt

Irgendwann wird unser Gespräch mit Robert grundsätzlicher.

Wir reden nicht mehr nur über Malz, Reis oder Fermentation.

Sondern darüber, wie Menschen Geschmack überhaupt beurteilen.

Denn niemand schmeckt völlig neutral.

Wir tragen eine Art persönliche sensorische Bibliothek mit uns herum.

Was wir als angenehm, ungewöhnlich, vertraut oder fremd empfinden, hängt auch davon ab, womit wir aufgewachsen sind.

Ich komme aus Europa. Meine Vorstellung von Bier ist zwangsläufig von europäischen Biertraditionen geprägt – selbst wenn ich inzwischen Biere aus vielen Teilen der Welt kenne.

Jemand, der in Indonesien aufgewachsen ist, kann mit völlig anderen Aromen sozialisiert sein.

Robert greift diesen Gedanken in unserem Gespräch auf. Für ihn hängt die Wahrnehmung eines Bieres stark davon ab, welche Geschmäcker jemand im Laufe seines Lebens kennengelernt hat.

Und hier muss ich wieder an die Sirsak Berliner Weisse denken.

Ausgerechnet ein Bier mit einer tropischen indonesischen Frucht hat mich für einen Moment nach Berlin versetzt.

Vielleicht lässt sich kaum schöner zeigen, wie sehr Geschmack mit Erinnerung verbunden ist.

Und damit stellt sich plötzlich eine andere Frage:

Warum sollte eine zukünftige indonesische Bierkultur ausschließlich danach beurteilt werden, wie gut sie europäische oder amerikanische Stildefinitionen trifft?

Regeln sind wichtig – aber keine Grenzen

Natürlich braucht Bier Kategorien.

Stilrichtlinien helfen Brauern, Juroren und Konsumenten, darüber zu sprechen, was sie im Glas haben.

Ein Porter ist kein Lager.

Ein Wheat Beer kein IPA.

Aber solche Definitionen müssen nicht zwangsläufig die Grenze dessen bestimmen, was gutes Bier sein darf.

Vielleicht liegt die Zukunft gerade darin, sie als Ausgangspunkt und nicht als Endpunkt zu verstehen.

Ein Lager mit balinesischem Reis.

Ein Wheat Beer mit Salak.

Ein Porter mit Flores-Kaffee.

Eine Berliner Weisse mit Sirsak.

Noch sind die internationalen Ursprünge der Bierstile deutlich erkennbar.

Aber was passiert nach zehn, zwanzig oder fünfzig Jahren?

Craft Beer is Culture

Jetzt bekommt dieser Satz für mich eine andere Bedeutung.

Craft Beer is Culture.

Zunächst klingt er wie ein guter Werbeslogan.

Nach meinen Gesprächen mit Laura und Robert steckt für mich mehr dahinter.

Bierkultur entsteht nicht allein im Sudhaus.

Sie entsteht durch Menschen, die bestimmte Geschmäcker kennen und mögen. Durch Essen. Landwirtschaft. Klima. Bars. Musik. Design. Begegnungen. Gewohnheiten.

Deutschland besitzt seine Bierkultur.

Belgien eine völlig andere.

Großbritannien wieder eine andere.

Warum sollte Indonesien versuchen, eine davon zu kopieren?

Interessanter wäre eine eigene.

Und vielleicht steht diese Entwicklung tatsächlich erst ganz am Anfang.

Eine kleine Brauerei und eine ziemlich große Frage

Bevor ich Sibetan verlasse, schaue ich mich noch einmal um.

Gerade jetzt gefällt mir der Gegensatz.

Wir haben über Kultur, Fermentation, Landwirtschaft und die mögliche Zukunft indonesischen Bieres gesprochen.

Und um uns herum steht keine spektakuläre Craftbeer-Kathedrale.

Da ist eine kleine, funktionale Mikrobrauerei in einem landwirtschaftlich geprägten Teil Ostbalis.

Malz aus Bamberg.

Malz aus Vietnam.

Hopfen über Hongkong.

Salak aus Sibetan.

Reis aus Jatiluwih.

Kaffee aus Flores.

Sirsak in einer Berliner Weisse.

Und ein niederländischer Brauer, dessen Weg zum Bier über indonesischen Specialty Coffee führte.

Vielleicht ist gerade diese Mischung ehrlicher als jede Vorstellung von hundertprozentiger Regionalität.

IOI schottet sich nicht von der internationalen Bierwelt ab.

Die Brauerei nimmt Wissen und Rohstoffe von außen – und verbindet sie mit dem, was Indonesien selbst zu bieten hat.

Wie schmeckt Indonesien?

Damit bin ich wieder bei der Frage vom Anfang.

Nach meinen Reisen durch Java und Bali interessiert mich inzwischen weniger, wer das beste indonesische IPA braut.

Mich interessiert, ob hier irgendwann etwas Eigenes entstehen kann.

IOI hat darauf keine fertige Antwort.

Zum Glück.

Denn eine Bierkultur lässt sich nicht am Reißbrett entwerfen.

Sie entsteht durch Ausprobieren.

Durch Biere, die funktionieren.

Durch solche, die scheitern.

Durch Zutaten, die eine großartige Geschichte erzählen, aber sensorisch vielleicht nicht überzeugen.

Und durch andere, die plötzlich genau passen.

Salak.

Reis.

Kaffee.

Sirsak.

Vielleicht irgendwann lokale Hefen.

Vielleicht etwas, woran heute noch niemand denkt.

Und vielleicht braucht es daneben ein leichtes Bier mit 3,5 Prozent, das keine große Geschichte erzählen muss, sondern einfach so gut funktioniert, dass Menschen ein zweites bestellen.

Möglicherweise bekommt irgendwann irgendwo jemand ein indonesisches Bier eingeschenkt.

Ohne Dose.

Ohne Etikett.

Ohne Erklärung.

Er riecht daran, nimmt einen Schluck – und braucht keinen Blick auf die Herkunft.

Das schmeckt nach Indonesien.