Über Wohlstand, menschlichen Wert und die Frage, was uns wirklich fehlt
Eine Familie sitzt beim Abendessen. Das Kind zwischen den Eltern, vor ihnen Teller und Gläser. Vielleicht war es ein langer Tag. Vielleicht wurde gerade noch etwas erzählt.
Dann leuchten die Mobiltelefone auf.
Beide Eltern schauen hinunter. Vielleicht beantworten sie nur eine Nachricht. Vielleicht lesen sie etwas, das schon wenige Minuten später keine Bedeutung mehr haben wird. Für sie bleibt dieser Moment vermutlich kaum haften.
Für das Kind möglicherweise schon.
Es sitzt da und erlebt, dass etwas auf diesen kleinen Bildschirmen offenbar wichtiger ist als seine Gegenwart. Niemand sagt ihm, dass es weniger wert sei. Und vermutlich würden seine Eltern einen solchen Gedanken entschieden zurückweisen. Doch Kinder erfahren ihren Wert nicht zuerst durch Erklärungen. Sie erleben ihn in der Aufmerksamkeit anderer Menschen: in einem Blick, einer Antwort, einer Nachfrage und in dem Gefühl, dass jemand wirklich anwesend ist.
Was geschieht, wenn ein Kind immer wieder erlebt, dass beinahe alles interessanter zu sein scheint als es selbst?
Welche Erwachsenen werden aus Kindern, die früh um Aufmerksamkeit konkurrieren mussten? Werden sie später selbst fortwährend nach Bestätigung suchen – durch Leistung, Besitz, beruflichen Erfolg, Schönheit, Reichweite oder die Anerkennung anderer?
Und beginnt der Wunsch nach immer mehr vielleicht manchmal genau dort: in dem Gefühl, selbst nie ganz genug zu sein?
Der Wunsch nach mehr
Während meiner Reisen durch Südostasien sehe ich immer wieder, wie sichtbar der Wunsch nach Wohlstand ist.
Menschen möchten ein besseres Haus, einen Motorroller oder ein Auto, ein modernes Smartphone, schöne Kleidung, Reisen und vor allem eine gute Ausbildung für ihre Kinder. Besitz wird mitunter sehr deutlich gezeigt. Er erzählt etwas darüber, was jemand erreicht hat und welchen gesellschaftlichen Platz er beansprucht.
Das unterscheidet sich gar nicht so sehr von Europa.
Trotzdem erzählen wir uns als Reisende gerne eine andere Geschichte. Wir sehen eine Familie vor einem einfachen Haus sitzen, Kinder auf der Straße spielen und Menschen gemeinsam essen. Schnell entsteht daraus das Bild eines bescheidenen, aber glücklichen Lebens. Vielleicht denken wir sogar, diese Menschen hätten etwas bewahrt, das uns verloren gegangen sei.
Möglicherweise stimmt davon manches.
Aber wir sollten vorsichtig sein. Wer freiwillig auf Besitz verzichtet, weil im Hintergrund ein Bankkonto, eine Krankenversicherung und ein Rückflugticket warten, lebt nicht unter denselben Bedingungen wie ein Mensch, dem diese Möglichkeiten fehlen.
Freiwillige Einfachheit ist etwas anderes als Armut.
Ein Mensch, der nicht weiß, ob er eine medizinische Behandlung, ausreichend Nahrung oder die Schulbildung seiner Kinder bezahlen kann, braucht keine Belehrung darüber, dass Geld nicht glücklich macht. Materieller Wohlstand kann schützen. Er kann Schmerzen lindern, Bildung ermöglichen, Abhängigkeiten verringern und Menschen die Freiheit geben, Entscheidungen über ihr eigenes Leben zu treffen.
Die Frage darf deshalb nicht lauten, ob Wohlstand gut oder schlecht ist.
Die schwierigere Frage lautet:
Wann wird aus dem, was unser Leben verbessert, etwas, das unser Leben beherrscht?
Was macht einen Menschen wertvoll?
Vielleicht liegt eines unserer grundlegenden Probleme darin, dass wir Wohlstand nicht nur mit Sicherheit und Möglichkeiten verbinden, sondern zunehmend auch mit dem Wert eines Menschen.
Wer viel verdient, erhält häufig mehr gesellschaftliche Anerkennung. Seine Meinung wird eher gehört, seine Zeit gilt als kostbarer und sein Erfolg als Ausdruck persönlicher Leistung. Wer wenig besitzt oder von staatlicher Unterstützung lebt, muss sich dagegen mitunter sogar dafür rechtfertigen, einen Platz in der Gesellschaft einzunehmen.
Dabei bewertet ein Markt keine Menschen. Er bewertet Tätigkeiten, Positionen, Besitzverhältnisse und Knappheiten. Dass jemand ein Vielfaches dessen verdient, was eine Pflegekraft, ein Straßenkehrer oder eine Erzieherin erhält, sagt nichts darüber aus, welcher dieser Menschen wertvoller ist.
Und doch verinnerlichen wir diese Rangordnung.
Vielleicht schaut ein wohlhabender Mensch auf einen Slumbewohner und empfindet sich nicht bewusst als besser. Aber unsere gesellschaftlichen Strukturen vermitteln ihm fortwährend, dass seine Bedürfnisse, seine Entscheidungen und seine Lebenszeit mehr Gewicht besitzen.
Dabei unterscheiden sich Menschen in ihren Möglichkeiten, nicht in ihrem menschlichen Wert.
Ein Mensch in einem Slum möchte geliebt werden. Er möchte gesund sein, dazugehören und seinen Kindern eine Zukunft ermöglichen. Ein wohlhabender Mensch wünscht sich ebenfalls Liebe, Gesundheit, Anerkennung und ein sinnvolles Leben. Der Besitz verändert die Bedingungen, unter denen diese Wünsche verfolgt werden. Die grundlegenden Bedürfnisse verschwinden dadurch nicht.
Materielle Armut kann unerträglich sein.
Eine innere Leere lässt sich durch materielle Güter dennoch nicht dauerhaft füllen.
Wenn der Mangel seine Gestalt verändert
Ein großer Teil der deutschen Bevölkerung gehört im weltweiten Vergleich zu einer privilegierten Minderheit. Trotzdem empfinden sich viele Menschen nicht als wohlhabend. Wir vergleichen uns schließlich selten mit der gesamten Menschheit. Wir vergleichen uns mit Nachbarn, Kollegen und jenen Bildern, die täglich auf unseren Bildschirmen erscheinen.
Und dort gibt es fast immer jemanden, der mehr besitzt.
So kann ein Mensch global betrachtet außerordentlich privilegiert sein und sein eigenes Leben dennoch als unzureichend erleben. Es fehlt die größere Wohnung, das neuere Auto, die nächste Reise, die bessere Position oder das beruhigende Gefühl, endgültig abgesichert zu sein.
Der Mangel verschwindet nicht.
Er verändert nur seine Gestalt.
Nach dem aktuellen Weltungleichheitsbericht erhält das einkommensstärkste Zehntel der erwachsenen Weltbevölkerung mehr als die Hälfte des globalen Einkommens. Beim Vermögen ist die Konzentration noch deutlicher: Die oberen zehn Prozent besitzen etwa drei Viertel des weltweiten Vermögens, die ärmere Hälfte dagegen nur rund zwei Prozent. Diese Zahlen sagen nichts über den Wert einzelner Menschen. Sie zeigen aber, wie ungleich ihre Möglichkeiten verteilt sind. Der World Inequality Report 2026 macht diese Unterschiede sichtbar.
Gerade deshalb erscheint mir die Frage nach dem Genug so schwierig.
Wer kaum genug zum Leben hat, braucht mehr. Wer ausreichend besitzt, kann überlegen, worauf er verzichten möchte. Und wer sehr viel besitzt, verfügt häufig auch über die Macht, die Bedingungen mitzugestalten, unter denen andere leben und arbeiten.
Die Möglichkeit, sich freiwillig zu beschränken, ist selbst ein Privileg.
Immer mehr – auch im Kopf
Unser Wohlstand besteht längst nicht mehr nur aus Dingen. Wir besitzen Zugang zu einer Menge an Informationen, für die frühere Generationen Bibliotheken, Reisen und ein ganzes Leben gebraucht hätten.
Aber Zugang bedeutet noch kein Verstehen.
Nachrichten, Videos, Bilder und Meinungen erreichen uns nahezu ohne Unterbrechung. Jeder Augenblick des Wartens kann gefüllt werden. Im Bus, beim Essen, auf der Toilette und sogar während eines Gesprächs greifen wir zum Smartphone.
Wir müssen kaum noch Langeweile aushalten.
Dabei ist Langeweile möglicherweise nicht einfach leere, ungenutzte Zeit. Sie kann jener Zwischenraum sein, in dem Erlebtes verarbeitet wird, Erinnerungen sich verbinden und neue Gedanken entstehen. Untersuchungen zum freien Wandern der Gedanken deuten darauf hin, dass solche Phasen kreative Prozesse unterstützen können. Der Zusammenhang ist allerdings komplexer als die einfache Formel „Langeweile macht kreativ“. Entscheidend scheint vielmehr zu sein, dass unser Denken überhaupt Gelegenheit erhält, sich ohne vorgegebenes Ziel zu bewegen. Ein Forschungsüberblick zum Gedankenwandern und zur Kreativität beschäftigt sich mit diesem Zusammenhang.
Vielleicht entstehen manche unserer wichtigsten Gedanken deshalb beim Spazierengehen, unter der Dusche, beim stillen Sitzen oder während einer Meditation. Äußerlich geschieht wenig. Innerlich beginnt sich etwas zu ordnen.
Wenn wir jeden freien Moment mit neuen Informationen füllen, nehmen wir uns womöglich genau diesen Raum.
Wir konsumieren dann nicht mehr nur Waren. Wir konsumieren Ablenkung.
Was bleibt zwischen uns?
Damit kehre ich zu der Familie am Tisch zurück.
Das Smartphone ist nicht der Schuldige. Eltern dürfen müde sein. Sie müssen erreichbar bleiben, Nachrichten beantworten und manchmal einfach abschalten. Ein einzelner abgewandter Blick zerstört keine Beziehung und entscheidet nicht über das spätere Selbstwertgefühl eines Kindes.
Problematisch wird es dort, wo die Unterbrechung zum Normalzustand wird.
Die Forschung bezeichnet solche Störungen der Begegnung durch digitale Geräte als „Technoference“. Studien zeigen Zusammenhänge mit geringerer elterlicher Aufmerksamkeit und weniger intensiven Gesprächen. Daraus lässt sich nicht ableiten, dass ein Kind durch den Smartphonegebrauch seiner Eltern zwangsläufig ein geringes Selbstwertgefühl entwickelt. Aber es bestätigt, dass digitale Ablenkung die Qualität gemeinsamer Momente verändern kann. Ein Forschungsüberblick zur elterlichen Technoference fasst bisherige Erkenntnisse zusammen.
Vielleicht liegt darin ein eigenartiger Widerspruch unseres Wohlstands.
Wir arbeiten, um unseren Kindern ein sicheres Zuhause, Bildung, Spielzeug, Reisen und möglichst viele Chancen zu ermöglichen. Gleichzeitig sind wir erschöpft von der Arbeit, den Verpflichtungen und der Informationsflut. Und in den wenigen gemeinsamen Augenblicken fehlt uns mitunter die Kraft, wirklich anwesend zu sein.
Wir können unseren Kindern immer mehr bieten – und ihnen dennoch das vorenthalten, was sich nicht kaufen lässt:
unsere ungeteilte Aufmerksamkeit.
Verdrängt Wohlstand die Moral?
Wohlstand macht einen Menschen nicht unmoralisch. Im Gegenteil: Er kann die Freiheit schaffen, anderen zu helfen, Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen, die nicht vom täglichen Überleben bestimmt werden.
Doch Wohlstand kann seine eigenen Voraussetzungen unsichtbar machen.
Wir sehen den günstigen Preis eines Kleidungsstücks, aber nicht die Hände, die es gefertigt haben. Wir sehen das neue Smartphone, aber nicht die Rohstoffe, Arbeitsbedingungen und Landschaften, die dafür benötigt wurden. Wir genießen die Möglichkeit, beinahe jederzeit an beinahe jeden Ort zu reisen, während die ökologischen Folgen räumlich und zeitlich weit von uns entfernt erscheinen.
Vielleicht verdrängt Wohlstand die Moral nicht.
Vielleicht erleichtert er uns nur, die Folgen unseres Lebens auszulagern.
Je weiter Produktion, Armut und Umweltzerstörung von unserem Alltag entfernt sind, desto leichter können wir glauben, unser Wohlstand sei ausschließlich das Ergebnis eigener Leistung. Dann wird aus einem Privileg ein vermeintlicher Anspruch. Und aus dem wirtschaftlichen Erfolg möglicherweise das Gefühl, nicht nur mehr zu besitzen, sondern auch mehr zu sein.
Doch kein Besitz macht einen Menschen wertvoller.
Kein Einkommen verleiht größere Würde.
Und kein Mangel nimmt sie einem Menschen.
Vielleicht müsste unsere Vorstellung von Wohlstand genau dort neu beginnen: nicht bei der Frage, wie viel ein Mensch besitzt, sondern wie frei er leben kann, wie sicher seine grundlegenden Bedürfnisse erfüllt sind und wie viel wirkliche Zeit ihm für sich und andere bleibt.
Wir gehören zu den wohlhabendsten Menschen, die jemals gelebt haben. Wir verfügen über Dinge, Möglichkeiten und Informationen, die noch vor wenigen Generationen kaum vorstellbar waren.
Und trotzdem scheint es nie genug zu sein.
Vielleicht fehlt uns nicht noch mehr.
Vielleicht fehlt uns der Raum, zu spüren, was längst da ist – und einander wieder zu zeigen, dass kein Bildschirm, kein Besitz und kein gesellschaftlicher Rang wertvoller ist als der Mensch, der gerade vor uns sitzt.