Zwischen Flip-Flops und Barfußschuhen
Am größten Wasserfall Indonesiens, dem Tumpak Sewu auf Java, wurde ich einmal besonders intensiv beobachtet. Während sich eine Gruppe japanischer Touristen mit hohen Gummistiefeln für den Abstieg ausgerüstet hatte, stand ich bereits in meinen schlichten Flip-Flops auf dem Weg nach unten. Erst wanderten ihre Blicke zu meinen Füßen, dann zu meinem Gesicht und schließlich wieder zurück. Gesagt hat niemand etwas. Ihre Verwunderung war dennoch kaum zu übersehen.
Es war nicht das erste Mal, dass meine Schuhe mehr Aufmerksamkeit bekamen als ich selbst.
Einige Monate zuvor hatte ich auf Zypern an einem freien Tag meiner Wanderreise eine zusätzliche Tour angeboten. Als ich in Flip-Flops am Treffpunkt erschien, blickten mich einige Teilnehmer zunächst ebenso überrascht an. Ich konnte ihre Reaktion gut verstehen. Wahrscheinlich hätte ich vor einigen Jahren selbst ähnlich reagiert.
Heute muss ich über solche Situationen schmunzeln. Nicht, weil ich glaube, den besseren Weg gefunden zu haben. Sondern weil sie mich immer wieder daran erinnern, wie unterschiedlich unsere Vorstellungen davon sind, was wir wirklich brauchen.
Es begann nicht mit einer Philosophie
Wenn ich ehrlich bin, hatte meine Entwicklung überhaupt nichts mit Minimalismus oder einer bestimmten Überzeugung zu tun.
Wie viele andere war ich davon überzeugt, dass es den einen perfekten Sportschuh geben müsse. In meinem Fall war das ein bestimmtes Modell von Adidas. Ich kaufte es immer wieder, ohne darüber nachzudenken. Es fühlte sich einfach richtig an.
Jahre später stieß ich eher zufällig auf meinen ersten Barfußschuh. Es war ein Merrell aus Leder – noch weit entfernt von den heutigen Trailmodellen, die ich inzwischen auf anspruchsvolleren Wanderungen trage.
Was mich überraschte, war nicht der Schuh selbst.
Es war das Gefühl.
Plötzlich bewegte sich mein Fuß wieder freier. Das Gehen fühlte sich natürlicher an. Erst trug ich ihn im Alltag. Später begann ich, Barfußschuhe beim Wandern zu tragen – zunächst auf einfachen Wegen, dann auch auf längeren und anspruchsvolleren Touren. Aus kurzen Touren wurden längere. Aus einfachen Wegen anspruchsvollere Bergtouren.
Irgendwann stellte ich fest, dass sich meine Knie und mein gesamter Bewegungsablauf für mich deutlich angenehmer anfühlten. Ob das bei anderen genauso wäre, weiß ich nicht. Jeder Mensch bringt andere Voraussetzungen mit. Für mich persönlich war es jedoch eine Erfahrung, die meinen Blick auf Schuhe nachhaltig verändert hat.
Reisen verändert mehr als den Blick auf die Welt
Je länger ich unterwegs bin, desto häufiger beobachte ich Menschen, deren Alltag körperlich wesentlich anspruchsvoller ist als meiner.
Fischer an den Küsten Indonesiens.
Markthändler in Thailand.
Bauern auf Bali.
Kinder, die stundenlang barfuß oder mit einfachen Sandalen unterwegs sind.
Besonders beeindruckt haben mich jedoch die Träger im Himalaya.
Bis zu siebzig Kilogramm Last tragen sie auf dem Rücken. Gehalten wird das Gewicht von einem Gurt, der über die Stirn verläuft. Tag für Tag steigen sie über steinige Bergpfade hinauf zu den Lodges – oft in einfachen Flip-Flops.
Mich faszinierte dabei nicht das Schuhwerk.
Mich faszinierte, wie selbstverständlich diese Menschen ihren Körper nutzten.
Das brachte mich zum Nachdenken. Nicht darüber, ob jeder möglichst wenig Schuh tragen sollte. Sondern darüber, wie schnell wir unsere eigenen Gewohnheiten für selbstverständlich halten.
Flip-Flops waren eigentlich nur eine praktische Lösung
Während einer Weltreise verändert sich auch der Blick auf das Gepäck.
Jedes Teil im Rucksack wird getragen.
Jeden Tag.
Monatelang.
Flip-Flops gehören ohnehin zur Grundausstattung. Für Gemeinschaftsduschen, Strände, einfache Unterkünfte oder Waschräume sind sie nahezu unverzichtbar.
Irgendwann stellte ich fest, dass ich sie längst nicht mehr nur dort trug.
Der Weg zum Restaurant.
Ein Marktbesuch.
Ein Spaziergang.
Und irgendwann auch kleinere Wanderungen.
Nicht, weil ich es geplant hatte.
Sondern weil sie ohnehin dabei waren.
Heute trage ich meine Flip-Flops im Alltag fast ständig. Wenn ich allein unterwegs bin, nutze ich sie häufig auch auf kürzeren Wanderungen.
Verantwortung bedeutet manchmal auch, Vorbild zu sein
Als Reiseleiter sieht die Situation allerdings anders aus.
Dort trage ich grundsätzlich Barfußschuhe.
Nicht, weil ich sie unbedingt bräuchte.
Sondern weil ich Verantwortung für eine Gruppe trage.
Ich möchte niemanden dazu verleiten, meine persönliche Entwicklung einfach nachzuahmen.
Wer viele Jahre überwiegend klassische Schuhe getragen hat, sollte nicht plötzlich den gesamten Alltag oder längere Wanderungen in Flip-Flops absolvieren. Füße, Muskulatur und Sehnen brauchen Zeit, um sich an neue Belastungen anzupassen.
Für viele Menschen sind gut sitzende Barfußschuhe oder Barfußsandalen deshalb wahrscheinlich der deutlich sinnvollere Einstieg.
Auch hier gilt:
Nicht jeder Weg passt zu jedem Menschen.
Schuhe sind Werkzeuge
Vielleicht ist genau das der wichtigste Gedanke.
Ich sehe Schuhe nicht als Glaubensfrage.
Sie sind Werkzeuge.
Nicht mehr.
Aber auch nicht weniger.
Es gibt Situationen, in denen mir Flip-Flops vollkommen ausreichen.
Es gibt andere, in denen Barfußschuhe für mich die bessere Wahl sind.
Und es gibt Regionen, in denen auch ich zu robusterem Schuhwerk greifen würde.
Die moosigen Fjells Norwegens oder Schwedens beispielsweise, wo Wege oft über Stunden nass bleiben.
Oder hochalpines Gelände mit scharfkantigem Kalkgestein, Geröllfeldern oder Blockwerk, in dem eine steifere Sohle den Fuß sinnvoll schützt.
Deshalb lautet meine persönliche Philosophie nicht:
So wenig Schuh wie möglich.
Sondern:
So wenig Schuh wie nötig.
Weniger Ballast – mehr Freiheit
Vielleicht hat das alles am Ende gar nicht so viel mit Schuhen zu tun.
Auf meinen Reisen habe ich gelernt, dass weniger manchmal mehr sein kann.
Nicht bei den Erlebnissen, nicht bei Begegnungen und schon gar nicht bei der Neugier auf die Welt. Im Gegenteil.
Aber oft bei den Dingen, die wir mit uns herumtragen.
Ich glaube tatsächlich, dass weniger Besitz zufriedener machen kann. Nicht weil Besitz grundsätzlich etwas Schlechtes wäre, sondern weil jedes Teil, das wir mitnehmen, Aufmerksamkeit, Platz und manchmal auch Energie beansprucht.
Je leichter mein Rucksack wurde, desto freier fühlte ich mich.
Nicht, weil ich weniger hatte.
Sondern weil ich mehr Raum für das hatte, was mir wirklich wichtig ist.
Begegnungen.
Gespräche.
Geschichten.
Zeit.
Neugier.
Unterwegs bleiben
Vielleicht werde ich in einigen Jahren vieles wieder anders sehen.
Vielleicht entdecke ich einen Schuh, der sich noch natürlicher anfühlt.
Vielleicht verändert sich meine Sicht erneut.
Für mich wäre das kein Widerspruch.
Im Gegenteil.
Das Leben ist ein steter Prozess.
Reisen bedeutet für mich nicht, möglichst viele Antworten zu sammeln. Viel spannender finde ich die Fragen, die unterwegs entstehen und den eigenen Blick auf die Welt verändern.
„Je länger ich unterwegs bin, desto weniger interessieren mich endgültige Antworten.“
Vielleicht ist genau das die schönste Erkenntnis, die mir das Reisen bisher geschenkt hat.