Die Brauerei Lemke Berlin gibt ihren Klassikern mit kräftigen Farben, neuen Namen und einem Zwickel, das erstmals regulär in der Flasche angeboten wird, eine neue Identität. Auf den ersten Blick erscheint die neue Klassiker-Linie wie ein Design-Relaunch. Doch die Veränderungen reichen tiefer. Sie erzählen davon, wie sich das Verhältnis zwischen Marke, Herkunft und lokaler Identität gerade neu ordnet – nicht nur bei Lemke, sondern in weiten Teilen der Gastronomie und Bierwelt.
Lange galt ein möglichst einheitlicher Auftritt als besondere Stärke einer Marke. Wiedererkennbarkeit bedeutete, dass ein Konzept an jedem Standort ähnlich funktionierte. Heute wächst dagegen das Bedürfnis nach Orten, die nicht austauschbar wirken, sondern ihre Umgebung, ihre Geschichte und die Menschen des jeweiligen Viertels einbeziehen.
Bei Lemke begann dieses Umdenken während der Corona-Pandemie. Das neue Erscheinungsbild der Biere ist daher weniger der Ausgangspunkt als das sichtbare Ergebnis eines längeren Prozesses.
Wenn jeder Standort seine eigene Geschichte erzählt
Bis zur Pandemie folgten die drei Berliner Lemke-Restaurants einem weitgehend einheitlichen Modell. Die Namen waren eng miteinander verbunden, auch die Speisekarten ähnelten sich. Das sorgte für Klarheit und Wiedererkennung, ließ aber nur begrenzt Raum für die Eigenheiten der einzelnen Standorte.
Dabei unterscheiden sich die Berliner Kieze erheblich. Ein Brauhaus in Charlottenburg wird von einem anderen Umfeld geprägt als eine Gastronomie am Hackeschen Markt. Die Geschichte des Hauses, die Zusammensetzung der Gäste und die Erwartungen im Viertel sind jeweils andere.
Lemke begann deshalb, die Standorte schrittweise individueller auszurichten. Die gemeinsame Zugehörigkeit zur Gruppe sollte erhalten bleiben, ohne die Eigenständigkeit der einzelnen Häuser zu verdecken. Aus einem möglichst einheitlichen gastronomischen Konzept entwickelte sich eine Struktur, in der jeder Standort sein eigenes Profil zeigen darf.
Diese Entwicklung passt in eine Zeit, in der viele Menschen wieder stärker nach dem Besonderen eines Ortes suchen. Gerade nach den Erfahrungen der Pandemie werden Gastronomien nicht nur als funktionierende Betriebe wahrgenommen. Sie sind Treffpunkte, Erinnerungsorte und Bestandteile eines Viertels. Ihre Bedeutung entsteht auch daraus, dass sie nicht ohne Weiteres an einen anderen Ort versetzt werden könnten.
Die Rückkehr des Luisenbräu
Besonders deutlich zeigt sich dieser Gedanke in Charlottenburg. Das dortige Brauhaus trug zeitweise die Namen „Brauhaus am Schloss“ und „Lemke am Schloss“. Im Sprachgebrauch des Viertels war der frühere Name jedoch nie wirklich verschwunden.
Für viele Menschen blieb das Haus weiterhin das Luisenbräu.
Dass dieser Name nun offiziell zurückkehrt, ist deshalb nicht allein als nostalgische Rückbesinnung zu verstehen. Es ist vielmehr die Anerkennung einer Identität, die von den Gästen und Bewohnern des Viertels über Jahre hinweg bewahrt worden war.
Ein Name wird schließlich nicht nur von einem Unternehmen festgelegt. Seine tatsächliche Bedeutung entsteht im alltäglichen Gebrauch. Wenn Menschen über lange Zeit an einer Bezeichnung festhalten, zeigt dies, wie stark ein Ort im kollektiven Gedächtnis eines Kiezes verankert sein kann.
Zur Identität des Luisenbräu gehört auch sein Hausbier: ein unfiltriertes Zwickel, das bislang eng mit diesem Standort verbunden war. Genau hier führt die Entwicklung von der Gastronomie zur neuen Klassiker-Linie der Brauerei.
Vom Hausbier zur Berliner Pulle
Ein Zwickel bezeichnete ursprünglich die Bierprobe, die der Brauer mithilfe des sogenannten Zwickelhahns direkt aus dem Lagertank entnahm. Heute steht der Begriff meist für ein unfiltriertes, naturtrübes Bier. Da auf eine Filtration verzichtet wird, bleiben Hefe und natürliche Trübstoffe erhalten.
Der Stil vermittelt eine gewisse Nähe zum Brauprozess. Ein Zwickel wirkt weniger wie ein vollständig standardisiertes Produkt und eher wie ein Bier, das gedanklich noch mit Keller, Lagertank und Ausschank verbunden ist.
Das macht seine Aufnahme in die neue Reihe besonders interessant. Das Zwickel wurde nicht entwickelt, um eine vermeintliche Lücke im Supermarktregal zu schließen. Es war bereits vorhanden – als lokales Hausbier mit einer konkreten Geschichte. Unter dem Namen „Berliner Pulle“ verlässt es nun den unmittelbaren Zusammenhang des Luisenbräu und wird erstmals regulär als Flaschenbier im Einzelhandel sowie für Gastronomiekunden als Fassbier angeboten.
Damit verändert sich auch seine Rolle. Aus einem Bier, das die Identität eines einzelnen Hauses verkörpert, wird ein verbindendes Element der gesamten Klassiker-Linie.
Die Wiederentdeckung der Herkunft
Regionalität ist längst zu einem wichtigen Faktor im Lebensmittelhandel geworden. Verbraucher interessieren sich zunehmend dafür, wo ein Produkt hergestellt wird und mit welchem Ort es verbunden ist. Darin steckt zum Teil der Wunsch nach kürzeren Wegen und nachvollziehbarer Produktion. Häufig geht es aber ebenso um kulturelle Zugehörigkeit und eine glaubwürdige Geschichte.
Dieser Zeitgeist bringt allerdings einen Widerspruch mit sich. Je stärker Regionalität als Verkaufsargument eingesetzt wird, desto größer ist die Gefahr, dass sie zur bloßen Kulisse wird. Lokale Namen, Dialekte und Wahrzeichen lassen sich schließlich leicht auf Verpackungen drucken. Entscheidend ist daher, ob hinter ihnen eine tatsächliche Verbindung zum Ort erkennbar bleibt.
Bei Lemke bildet Berlin nicht erst seit dem Relaunch den Hintergrund der Marke. Die Brauerei produziert seit 1999 in den S-Bahnbögen nahe dem Hackeschen Markt. Die Individualisierung der Gastronomiestandorte und die Rückkehr des Luisenbräu verleihen der regionalen Ausrichtung zusätzliche Substanz.
Die neue Klassiker-Linie übersetzt diese Entwicklung nun in eine Form, die auch außerhalb der Brauhäuser verständlich sein soll.
Vier Berliner Klassiker
Unter der gemeinsamen Klammer „Berliner“ versammelt Lemke künftig vier Biere:
- Berliner Perle – Helles, 4,9 Prozent
- Berliner Kante – Pils, 4,9 Prozent
- Berliner Pulle – Zwickel, 4,7 Prozent
- Berliner Original – Dunkles Lager, 5,4 Prozent
Drei dieser Biere waren bereits im Sortiment vertreten, teilweise unter anderen Namen. Das Zwickel kommt als fünftes hinzu. An den Rezepturen der bestehenden Biere ändert sich nichts.
Bezeichnungen wie „Perle“, „Kante“ und „Pulle“ greifen eine Berliner Tonalität auf, ohne einzelne historische Motive nachzuerzählen. Gleichzeitig machen sie die gemeinsame Herkunft der Biere unmittelbar sichtbar.
Das ist nicht nur eine Frage der Identität, sondern auch der Orientierung. Im Einzelhandel begegnen sich traditionelle Großbrauereien, internationale Marken, regionale Anbieter und moderne Craftbier-Projekte auf engem Raum. Ein Sortiment muss dort schnell erkennbar sein, soll aber dennoch nicht beliebig wirken.
Die neuen Namen bewegen sich genau in diesem Spannungsfeld: zwischen Berliner Eigenart und den praktischen Anforderungen eines modernen Handelsprodukts.
Eine Bierwelt im Wandel
Auch die Auswahl der Bierstile lässt sich als Ausdruck eines veränderten Zeitgeistes lesen. Die deutsche Craftbierbewegung definierte sich lange vor allem über besonders hopfenbetonte, intensive oder ungewöhnliche Biere. India Pale Ales, Starkbiere und experimentelle Zutaten standen für die Abgrenzung vom lange als gleichförmig wahrgenommenen deutschen Biermarkt.
Diese Experimentierfreude ist nicht verschwunden. Gleichzeitig richtet sich der Blick vieler Brauereien wieder stärker auf klassische, zugängliche Bierstile. Helles, Pils, dunkles Lager und Zwickel erscheinen nicht mehr zwangsläufig als Gegenpol zum handwerklichen Brauen. Vielmehr wird neu gefragt, wie eigenständig und charaktervoll gerade solche vermeintlich einfachen Biere gebraut werden können.
Die Klassiker-Linie von Lemke passt in diese Entwicklung. Sie stellt keine spektakuläre Stilinnovation in den Mittelpunkt, sondern Biere, die in der Berliner Gastronomie und im Alltag funktionieren sollen.
Der Begriff „Klassiker“ bedeutet hier also nicht Stillstand. Er steht eher für den Versuch, vertraute Bierstile zeitgemäß einzuordnen.
Farbe als gemeinsame Sprache
Auch gestalterisch wird aus den zuvor eher einzeln auftretenden Bieren nun eine zusammenhängende Reihe. Die neuen Etiketten sind großflächig, eckig und in kräftigen Farben gehalten. Jede Sorte besitzt einen eigenen Farbton, folgt aber derselben Grundstruktur.
Name und Bierstil stehen an vergleichbaren Positionen. Das Logo, der seitlich gesetzte Schriftzug „Brauerei Lemke“ und der Berliner Fernsehturm verbinden die Flaschen miteinander. Der Fernsehturm verweist dabei nicht nur allgemein auf Berlin, sondern konkret auf den Standort der Brauerei in den S-Bahnbögen unweit des Hackeschen Marktes.
Entwickelt wurde die Gestaltung von Vera Neumann im Team der Brauerei. Auch darin zeigt sich ein Anspruch, möglichst viel der eigenen Identität im Haus entstehen zu lassen. Das Etikett soll keine nachträglich aufgesetzte Geschichte erzählen, sondern eine Entwicklung sichtbar machen, die bereits in Gastronomie und Brauerei begonnen hatte.
Natürlich erfüllt das Design zugleich eine klare wirtschaftliche Aufgabe. Lemke will im Berliner Einzelhandel leichter erkannt werden, unterschiedliche Biere zu gemischten Gebinden zusammenstellen und auch eine jüngere Zielgruppe ansprechen. Die regionale Erzählung und die Anforderungen des Handels lassen sich dabei kaum voneinander trennen.
Gerade diese Verbindung macht den Relaunch interessant: Es handelt sich weder um eine rein romantische Rückkehr zum Lokalen noch ausschließlich um eine neue Verkaufsstrategie. Beides greift ineinander.
Eine neue Philosophie mit alten Wurzeln
Die vielleicht wichtigste Veränderung liegt deshalb nicht in den Farben oder Namen. Sie besteht in einem anderen Verständnis von Zusammengehörigkeit.
Früher wurde diese vor allem durch möglichst ähnliche Gastronomiekonzepte ausgedrückt. Heute soll sie offenbar dadurch entstehen, dass unterschiedliche Standorte ihre Eigenheiten bewahren und dennoch Teil einer gemeinsamen Brauerei bleiben. Einheitlichkeit wird nicht aufgegeben, aber neu definiert.
Das Luisenbräu darf wieder Luisenbräu heißen, weil dieser Name zu Charlottenburg und zur Geschichte des Hauses gehört. Sein Zwickel wird gleichzeitig Teil einer Berliner Bierfamilie, die auch im Einzelhandel als solche erkennbar sein soll. Lokale Identität und größere Markenstruktur werden nicht länger als Gegensätze verstanden.
Ob die neuen Namen und die farbigen Etiketten von den Kunden angenommen werden, wird sich erst im Alltag zeigen. Glaubwürdigkeit lässt sich schließlich nicht allein gestalten. Sie entsteht über Jahre durch die Qualität der Biere, die Atmosphäre der Häuser und die Beziehung zu den Menschen, die dort einkehren oder im Supermarkt zur Flasche greifen.
Doch hinter dem neuen Auftritt ist eine nachvollziehbare Entwicklung zu erkennen: weg von der Vorstellung, dass eine starke Marke überall möglichst gleich erscheinen muss, und hin zu einer Identität, die Unterschiede zulässt.
So betrachtet ist die Berliner Pulle mehr als nur das fünfte Bier einer neu sortierten Produktlinie. Sie ist das Bindeglied zwischen einem Charlottenburger Hausbier, der Rückkehr eines beinahe verschwundenen Namens und dem Versuch einer Brauerei, ihre Herkunft in einer veränderten Bierwelt neu zu erzählen.