Zwischen Orang-Utans, Regenwald und einer gelungenen Realsatire

Unsere Sabah Rundreise führte uns vom Kinabalu-Nationalpark über den Kinabatangan bis nach Labuan und zeigte uns die beeindruckende Vielfalt des malaysischen Bundesstaates auf Borneo.

Noch einmal werfen wir einen Blick zurück auf den Mount Kinabalu. Der höchste Berg Südostasiens außerhalb des Himalayas verschwindet langsam hinter den Hügeln, während sich die Straße in zahlreichen Kurven hinunter ins Tiefland windet. Mehrere Tage haben wir zwischen uralten Nebelwäldern, moosbewachsenen Bäumen und spektakulären Wanderwegen verbracht. Nun verändert sich die Landschaft mit jedem Kilometer. Die angenehm kühle Bergluft weicht tropischer Schwüle, dichter Regenwald rückt näher an die Straße heran und langsam wird uns bewusst, dass nun ein völlig anderer Abschnitt unserer Reise beginnt.

Während der Kinabalu-Nationalpark vor allem von seiner beeindruckenden Landschaft lebt, sollte uns der Osten Sabahs auf ganz andere Weise begeistern. Es waren nicht nur die Tiere des Regenwaldes, sondern auch die bewegte Geschichte der Region und viele unerwartete Begegnungen, die diese Tage bis heute unvergesslich machen.

Sepilok: Orang-Utans und Malaienbären

Unser erstes Ziel war Sepilok.

Der kleine Ort ist vor allem für das Orang-Utan-Rehabilitationszentrum bekannt. Seit den 1960er-Jahren werden hier verletzte oder verwaiste Tiere gepflegt und Schritt für Schritt wieder an ein Leben in Freiheit herangeführt. Angesichts der fortschreitenden Abholzung der Regenwälder und der Ausbreitung riesiger Palmölplantagen leistet die Station einen wichtigen Beitrag zum Schutz einer Tierart, deren Lebensraum von Jahr zu Jahr kleiner wird.

Trotzdem merkten wir schon nach kurzer Zeit, dass wir den Regenwald lieber dort erleben wollten, wo seine Bewohner völlig frei leben.

Zu den Fütterungszeiten füllen sich die Plattformen mit Besuchern aus aller Welt. Kameras werden vorbereitet, Smartphones hochgehalten und alle richten ihren Blick gespannt auf die Baumkronen. Als schließlich der erste Orang-Utan nahezu lautlos zwischen den Ästen erscheint und sich mit beeindruckender Gelassenheit seinen Weg durch das Blätterdach sucht, verstummen die Gespräche fast augenblicklich.

Auch wir beobachten fasziniert jede seiner Bewegungen.

Der malaiische Name „Orang-Utan“ bedeutet übersetzt „Mensch des Waldes“. Wer diesen Menschenaffen einige Minuten zusieht, versteht sehr schnell, weshalb sie diesen Namen tragen. Ihre Bewegungen wirken überlegt, ihre Mimik aufmerksam und manchmal beinahe vertraut. Dass Orang-Utans rund 97 Prozent ihres Erbguts mit uns Menschen teilen, ist eine wissenschaftliche Tatsache. Wenn man ihnen beim Klettern, Beobachten oder Innehalten zusieht, wird diese Zahl plötzlich erstaunlich greifbar.

Nicht weniger spannend fanden wir das benachbarte Zentrum für Malaienbären. Die kleinsten Bären der Welt sind hervorragend an das Leben im tropischen Regenwald angepasst. Mit ihren kräftigen Krallen erklimmen sie mühelos hohe Bäume, während ihre ungewöhnlich lange Zunge ihnen hilft, Honig und Insekten selbst aus schmalen Baumhöhlen zu holen. Vor allem Thore hätte den Tieren vermutlich noch lange zusehen können.

Nach zwei Tagen in Sepilok zog es uns schließlich dorthin, worauf wir uns schon seit Beginn unserer Reise durch Sabah besonders gefreut hatten.

Tierbeobachtungen am Kinabatangan

Der Kinabatangan gehört zu den artenreichsten Flusslandschaften Südostasiens. Obwohl große Teile des ursprünglichen Regenwaldes längst verschwunden sind, bildet der Fluss bis heute einen der wichtigsten Rückzugsräume für zahlreiche Tierarten Borneos. Gerade weil sich Begegnungen mit Wildtieren hier nicht planen lassen, besitzt diese Region einen ganz besonderen Reiz. Niemand weiß, was hinter der nächsten Flussbiegung wartet.

Schon während unserer ersten Bootsfahrt wurde deutlich, weshalb Naturfreunde aus aller Welt an den Kinabatangan reisen.

Kaum hatten wir den Anleger verlassen, verlangsamte unser Guide zum ersten Mal den Motor und deutete nach oben. Zwischen den Ästen saß eine Gruppe Nasenaffen und beobachtete unser Boot mit sichtbarer Gelassenheit. Die ausschließlich auf Borneo vorkommenden Primaten gehören zweifellos zu den außergewöhnlichsten Affen der Welt. Ihre markanten Nasen machen vor allem die Männchen unverwechselbar. Weniger bekannt ist, dass Nasenaffen hervorragende Schwimmer sind. Mühelos springen sie von überhängenden Ästen ins Wasser und legen selbst größere Flussarme zurück – eine Fähigkeit, die ihnen hilft, Fressfeinden zu entkommen.

Es blieb nicht bei dieser ersten Begegnung. Makaken durchstreiften das Ufer, Silberlanguren ruhten hoch oben in den Baumkronen und immer wieder begleiteten uns Nashornvögel. Häufig hörten wir zunächst nur das kräftige Schlagen ihrer Flügel, bevor wir die imposanten Vögel entdeckten. Besonders eindrucksvoll war der Anblick, wenn sie regungslos auf einem Ast saßen und ihre mächtigen Flügel ausbreiteten. Erst dann wurde uns bewusst, welche beeindruckende Größe diese Vögel tatsächlich erreichen. Gleichzeitig erfuhren wir von unserem Guide eine weitere Besonderheit: Während der Brutzeit mauert sich das Weibchen fast vollständig in einer Baumhöhle ein. Lediglich ein schmaler Spalt bleibt offen, durch den das Männchen seine Partnerin und später auch die Jungvögel über viele Wochen mit Nahrung versorgt – ein Verhalten, das in der Vogelwelt nahezu einzigartig ist.

Natürlich hofften wir auch darauf, frei lebende Orang-Utans zu entdecken. Anders als in Sepilok gibt es am Kinabatangan jedoch keine festen Fütterungszeiten und keinerlei Garantie auf eine Begegnung. Man braucht Geduld, einen aufmerksamen Guide und manchmal schlicht das nötige Quäntchen Glück.

Wir hatten dieses Glück gleich zweimal.

Hoch oben im Blätterdach bewegten sich zwei Orang-Utans langsam durch die Äste und schienen sich von unserer Anwesenheit überhaupt nicht stören zu lassen. Vielleicht waren es gerade diese ungeplanten Begegnungen, die uns so tief beeindruckten. Niemand hatte sie angekündigt, niemand wusste, ob wir sie überhaupt sehen würden. Für einige Minuten durften wir lediglich Gäste in ihrer Welt sein.

Zu den eindrucksvollsten Erlebnissen gehörte jedoch eine Begegnung mit den kleinsten Elefanten Asiens. Unser Guide verlangsamte plötzlich das Boot und deutete auf eine Bewegung zwischen den Bäumen. Kurz darauf trat eine kleine Herde Borneo-Elefanten ans Flussufer. Einige Tiere liefen direkt ins Wasser und begannen ausgiebig zu baden, andere verschwanden nach kurzer Zeit wieder nahezu lautlos im dichten Regenwald. Die häufig auch als Borneo-Zwergelefanten bezeichneten Tiere kommen ausschließlich auf Borneo vor und gelten heute als stark gefährdet. Umso glücklicher waren wir, sie während unseres Aufenthalts sogar zweimal beobachten zu können.

Eine Nachtfahrt durch den Regenwald

Den nachhaltigsten Eindruck hinterließ allerdings unsere nächtliche Bootsfahrt.

Als die Dunkelheit den Regenwald vollständig verschluckt hatte, schien unser kleines Boot lautlos über den Fluss zu gleiten. Ringsum waren nur noch die Geräusche des Waldes zu hören. Frösche, Insekten und unzählige andere Tiere verschmolzen zu einem Klangteppich, während unser Guide mit einer kleinen Lampe immer wieder das Ufer absuchte. Was für uns wie eine undurchdringliche Wand aus Blättern aussah, war für ihn offenbar ein offenes Buch.

Immer wieder stoppte er das Boot, richtete den Lichtstrahl für wenige Sekunden auf einen Ast oder ins dichte Blattwerk und steuerte anschließend zielsicher darauf zu. Dort saß tatsächlich ein winziger Koboldmaki. Wenig später entdeckte er Eisvögel, kleine Krokodile und schließlich sogar eine Schlange, die zwischen den Ästen perfekt getarnt auf Beute wartete.

Ich dagegen sah zunächst – nichts.

Selbst als wir langsam näher kamen, blieb der Ast für mich einfach nur ein Ast. Erst als mein Kopf vielleicht noch fünfzehn Zentimeter von der Schlange entfernt war, erkannte ich sie endlich.

Ich musste lachen.

Nicht, weil ich erschrocken war, sondern weil mir in diesem Moment klar wurde, wie unterschiedlich wir diesen Regenwald wahrnahmen. Ich hätte die Schlange vermutlich selbst dann nicht entdeckt, wenn ich direkt unter ihr gestanden hätte. Unser Guide dagegen hatte sie in völliger Dunkelheit aus einiger Entfernung zwischen unzähligen Blättern erkannt. Wahrscheinlich lassen sich solche Fähigkeiten nicht in einem Lehrgang vermitteln. Man muss in dieser Landschaft aufgewachsen sein, ihre Geräusche verstehen und über viele Jahre gelernt haben, kleinste Bewegungen wahrzunehmen.

Sandakan und seine bewegte Geschichte

Nach mehreren Tagen am Kinabatangan führte unsere Reise schließlich zum ersten Mal nach Sandakan. Viele Besucher verbringen hier kaum mehr als eine Nacht, bevor sie weiterreisen. Wir nahmen uns bewusst etwas mehr Zeit – und wurden dafür belohnt.

Sandakan besitzt eine ganz eigene Atmosphäre. Die Hafenstadt wirkt weder geschniegelt noch touristisch herausgeputzt. Stattdessen begegnet man chinesisch geprägten Straßenzügen, kleinen Märkten und einer bemerkenswerten Gelassenheit. Vielleicht liegt gerade in ihrer bewegten Geschichte der besondere Charakter dieser Stadt.

Auf dem Heritage Trail beschäftigten wir uns mit der Zeit, als Sandakan noch Hauptstadt Britisch-Nordborneos war und aufgrund seines regen Handels sogar den Beinamen „Little Hong Kong“ trug. Der Zweite Weltkrieg veränderte jedoch alles. Während der japanischen Besatzung befand sich hier ein Kriegsgefangenenlager. Von Sandakan aus begannen die später als Sandakan Death Marches bekannt gewordenen Todesmärsche nach Ranau, bei denen mehr als zweitausend australische und britische Kriegsgefangene unter unmenschlichen Bedingungen durch den Regenwald getrieben wurden. Lediglich sechs Männer überlebten.

Heute erinnert der Sandakan Memorial Park an dieses düstere Kapitel der Geschichte. Gerade weil der Ort heute so friedlich wirkt, regt er zum Nachdenken an und zeigt eindrucksvoll, wie eng auf Reisen beeindruckende Natur und bewegende Geschichte manchmal miteinander verbunden sind.

Mit diesen Eindrücken verließen wir schließlich die Ostküste Sabahs und flogen zurück nach Kota Kinabalu. Nach den stillen Morgenstunden auf dem Kinabatangan und den intensiven Tierbeobachtungen wechselte noch einmal die Kulisse. Bevor wir uns mit der historischen Eisenbahn ins Landesinnere aufmachen würden, hatten wir noch einen Abstecher zum Kawa Kawa River geplant – und der sollte uns weniger wegen seiner Tierwelt als vielmehr wegen seiner wunderbar inszenierten Choreografie lange in Erinnerung bleiben.

Eine gelungene Realsatire am Kawa Kawa River

Rückblickend gehört dieser Ausflug zweifellos zu den unterhaltsamsten Erlebnissen unserer Zeit auf Borneo – allerdings aus ganz anderen Gründen als zunächst erwartet.

Nach den Tagen am Kinabatangan waren unsere Erwartungen an die Tierwelt naturgemäß hoch. Nasenaffen, Orang-Utans und Elefanten hatten die Messlatte ziemlich weit nach oben gelegt. Tatsächlich zeigte sich der Kawa Kawa River deutlich zurückhaltender. Einige Makaken ließen sich blicken, die Landschaft war zweifellos reizvoll, doch der eigentliche Unterhaltungswert dieses Nachmittags lag an einer ganz anderen Stelle.

Neben einer kleinen koreanischen Reisegruppe waren wir die einzigen Gäste, die nicht mit einer chinesischen Reisegruppe unterwegs waren. Busweise trafen die Besucher ein, und schon nach wenigen Minuten wurde deutlich, dass der gesamte Nachmittag einer perfekt abgestimmten Dramaturgie folgte.

Den Auftakt bildete eine Tanzvorführung, bei der Kinder und Jugendliche traditionelle Tänze präsentierten. Anschließend durfte jeder seine Treffsicherheit beim Blasrohrschießen unter Beweis stellen. Ziel waren Luftballons, die sich hartnäckiger erwiesen, als man zunächst vermuten würde. Spätestens jetzt war der Ehrgeiz vieler Teilnehmer geweckt.

Erst danach begann die eigentliche Bootsfahrt.

Während wir gemächlich den Fluss entlangfuhren, beobachteten wir allerdings nicht nur die Natur, sondern mindestens ebenso interessiert das Geschehen auf den anderen Booten. Es wurde fotografiert, gefilmt, gelacht und immer wieder nach der besten Perspektive gesucht. Manchmal hatten wir das Gefühl, nicht nur Teil eines Ausflugs, sondern einer perfekt inszenierten Aufführung zu sein.

Nach dem Sonnenuntergang ging das Programm nahtlos weiter. Eine kleine Feuershow am Strand sorgte für Begeisterung, bevor anschließend das Abendbuffet eröffnet wurde. Den Abschluss bildete schließlich eine weitere Bootsfahrt in völliger Dunkelheit.

Diesmal gehörte die Bühne ganz der Natur.

Tausende Glühwürmchen saßen in den Mangroven entlang des Flusses und ließen ganze Bäume wie Weihnachtsbeleuchtung aufleuchten. Nach der lebhaften Stimmung des Nachmittags wurde es plötzlich erstaunlich ruhig. Selbst auf den Booten schienen viele Gäste diesen Moment einfach nur genießen zu wollen.

Als wir später wieder den Anleger erreichten, stiegen die meisten Besucher zurück in ihre Busse und machten sich auf den langen Rückweg nach Kota Kinabalu. Wir dagegen hatten ganz bewusst eine kleine Unterkunft in der Nähe gebucht. Nur wenige Minuten später lag Thore bereits im Bett, während wir beide noch einmal schmunzelnd auf diesen wunderbar choreografierten Nachmittag zurückblickten. Nicht jede Erinnerung entsteht durch spektakuläre Tierbeobachtungen. Manchmal sind es gerade die kleinen Absurditäten des Reisens, die einem besonders lange im Gedächtnis bleiben.

Mit der Dschungelbahn nach Tenom

Am nächsten Morgen begann einer der Reiseabschnitte, auf den ich mich schon seit langer Zeit gefreut hatte.

Von Kota Kinabalu fuhren wir zunächst nach Beaufort. Schon dort wurde deutlich, dass diese Eisenbahn weit mehr ist als eine touristische Attraktion. Am Bahnhof herrschte geschäftiges Treiben. Taschen, Kartons und Einkäufe wurden verladen, Menschen begrüßten sich und verschwanden wenig später in den alten Waggons.

Als unser Zug um 13.30 Uhr Richtung Tenom abfuhr, fiel uns schnell auf, dass wir offenbar die einzigen Touristen an Bord waren.

Zwischen Familien, Pendlern und zahlreichen Schülerinnen und Schülern nahmen wir unsere Plätze am offenen Fenster ein. Viele Kinder kehrten nach dem Unterricht mit dem Zug in ihre Dörfer zurück. Für sie war diese Fahrt nichts Besonderes, sondern Teil ihres ganz normalen Alltags. Während wir begeistert auf den Padas River und den dichten Dschungel blickten, unterhielten sich die Jugendlichen, schauten auf ihre Mobiltelefone oder dösten vor sich hin. Vermutlich würde es uns nicht anders gehen, wenn unser täglicher Heimweg durch eine Landschaft führte, die für andere Menschen als spektakulär gilt.

Die rund 48 Kilometer lange Strecke benötigt knapp drei Stunden. Niemand scheint sich daran zu stören. Im Gegenteil. Die Bahn ist bis heute eine wichtige Verbindung für zahlreiche Ortschaften entlang des Flusses.

Fast noch erstaunlicher ist der Fahrpreis.

Ein Erwachsener bezahlt gerade einmal 2,75 Ringgit, ein Kind 1,40 Ringgit. Für unsere kleine Familie kostet die gesamte dreistündige Bahnfahrt also weniger als viele Menschen in Europa für einen Kaffee bezahlen würden.

Während der Zug gemächlich am Padas River entlangschaukelt, kommen wir immer wieder mit Einheimischen ins Gespräch. Als wir erzählen, dass wir aus Deutschland kommen, dauert es nicht lange, bis ein Name fällt, den wir auf unserer Reise schon mehrfach gehört haben.

„Adolf Hitler.“

Solche Momente bringen mich jedes Mal zum Nachdenken. Nicht nur wegen dieses einen Namens, sondern weil sie zeigen, wie das kollektive Gedächtnis der Menschheit funktioniert. Manche Persönlichkeiten bleiben über Jahrhunderte oder sogar Jahrtausende hinweg bekannt. Häufig sind es Eroberer, Diktatoren oder Herrscher wie Caesar, Alexander der Große, Stalin oder Mao Zedong, deren Namen selbst in weit entfernten Regionen der Welt sofort Assoziationen hervorrufen. Zum Glück begegnen einem auf Reisen aber ebenso häufig Namen wie Buddha, Jesus oder Gandhi – Menschen, die für Mitgefühl, Spiritualität oder Gewaltlosigkeit stehen.

Vielleicht sagt es einiges über uns aus, welche Persönlichkeiten wir über Generationen hinweg weitertragen.

Unser Gespräch im Zug verläuft anschließend ganz entspannt weiter. Einer unserer Mitreisenden erzählt uns lächelnd, dass man durchaus hin und wieder Touristen in diesem Zug sehe.

„Mostly Germans.“

Wir müssen lachen.

Vielleicht besitzen alte Eisenbahnen, die sich stundenlang durch den Dschungel bewegen, tatsächlich eine besondere Anziehungskraft auf Deutsche.

Je länger wir aus dem Fenster schauen, desto plausibler erscheint uns diese Theorie.

Drei ruhige Tage mitten im Regenwald

Nach knapp drei Stunden erreichen wir Tenom.

Für die nächsten drei Nächte hatten wir uns ganz bewusst für eine kleine Lodge mitten im Dschungel entschieden. Große Ausflugsprogramme standen diesmal nicht auf dem Plan. Nach den vielen Eindrücken der vergangenen Wochen wollten wir einfach ankommen, durchatmen und die Ruhe genießen.

Die Entscheidung erwies sich als genau richtig.

Ein kleiner Bach floss durch das Gelände, zwischen Felsen hatten die Besitzer ein natürliches Badebecken geschaffen und mehrere kleine Wasserfälle sorgten für eine angenehme Abkühlung. Während ringsum dichter Regenwald begann, verbrachten wir viele Stunden einfach am Wasser oder auf der Veranda unserer Hütte.

Es sind oft genau diese ruhigen Tage, die eine lange Reise im Gleichgewicht halten.

Für Thore wurde Tenom allerdings aus einem ganz anderen Grund unvergesslich.

Hier schwamm er zum ersten Mal richtig.

Natürlich waren wir noch in seiner Nähe, doch plötzlich bewegte er sich mit einer Selbstverständlichkeit durchs Wasser, die es bis dahin noch nicht gegeben hatte. Solche Momente tauchen in keinem Reiseführer auf. Und doch gehören sie am Ende zu den Erinnerungen, die einem vermutlich am längsten bleiben werden.

Auch der Regenwald verabschiedete sich noch einmal von uns. Wir saßen auf der Veranda unserer Lodge, lauschten den Geräuschen des Waldes und entdeckten noch eine Baumschlange, die sich nahezu lautlos zwischen den Ästen bewegte.

Manchmal braucht es gar keine spektakulären Wanderungen.

Es genügt, sich Zeit zu nehmen und genau hinzuschauen.

Labuan – eine besondere Insel

Mit derselben Bahn fuhren wir schließlich zurück nach Beaufort. Vieles kam uns nun bereits vertraut vor. Wieder stiegen Schülerinnen und Schüler zu, wieder wurden Einkäufe verladen und wieder schaukelte der Zug mit bemerkenswerter Gelassenheit am Padas River entlang.

Von Beaufort ging es weiter nach Menumbok und schließlich mit der Fähre nach Labuan.

Schon kurz nach unserer Ankunft fiel uns auf, dass diese Insel innerhalb Malaysias eine Sonderrolle spielt. Selten hatten wir zuvor so viele Geschäfte gesehen, in denen Alkohol verkauft wurde. Als zollfreie Insel zieht Labuan seit vielen Jahren Besucher aus Sabah und dem benachbarten Brunei an, die hier nicht nur günstig einkaufen, sondern häufig auch das Wochenende verbringen.

Das bekamen wir in unserer Unterkunft unmittelbar mit.

Unter der Woche war es angenehm ruhig. Pünktlich zum Wochenende füllte sich das Hotel jedoch mit größeren Gruppen, die gemeinsam feierten, sangen und bis spät in den Abend zusammensaßen.

Mindestens ebenso beeindruckend wie die ausgelassene Stimmung war allerdings das Personal.

Mit einer Gelassenheit, die wir bewunderten, meisterten die Mitarbeiter jede Situation. Egal wie lebhaft es wurde – irgendwo erschien stets ein freundliches Lächeln.

Dafür hatten wir ehrlich gesagt großen Respekt.

Ein fünfter Geburtstag auf Borneo

Der eigentliche Höhepunkt unserer Tage auf Labuan hatte jedoch nichts mit Duty-Free-Shops oder Stränden zu tun.

Thore wurde fünf Jahre alt.

Dass wir seinen Geburtstag einmal auf einer kleinen Insel vor der Küste Borneos feiern würden, hätten wir uns noch vor wenigen Monaten kaum vorstellen können. Natürlich durfte eine Geburtstagstorte nicht fehlen. Dazu kamen einige sorgfältig ausgesuchte Geschenke, die nicht nur große Kinderaugen zum Leuchten brachten, sondern glücklicherweise auch noch in unser inzwischen gut gefülltes Reisegepäck passten.

Vor allem aber war Thore einfach glücklich.

Vielleicht braucht es für einen gelungenen Kindergeburtstag tatsächlich viel weniger, als wir Erwachsenen oft glauben. Ein Strand, das Meer, ein Geburtstagskuchen, ein paar liebe Menschen und genügend Zeit zum Spielen – mehr schien es an diesem Tag nicht zu brauchen.

Abschied von Borneo

Als wir schließlich unsere Rucksäcke wieder packten, fiel uns der Abschied von Borneo nicht leicht. Sabah hatte uns mit seiner Vielfalt überrascht: die uralten Wälder des Kinabalu, die außergewöhnliche Tierwelt am Kinabatangan, die bewegende Geschichte Sandakans, die Gelassenheit in Tenom und die ruhigen Tage auf Labuan.

Gleichzeitig wuchs die Vorfreude auf das, was vor uns lag.

Mit Java wartete nicht nur eine neue Insel mit einer völlig anderen Kultur, beeindruckenden Vulkanen und weiteren Abenteuern auf uns. Dort werden wir auch Emilia wiedersehen. Nach vielen Wochen zu dritt wird unsere kleine Reisegemeinschaft für einige Zeit größer werden.

Ein neuer Abschnitt unserer Weltreise beginnt – und wir können es kaum erwarten, ihn gemeinsam zu erleben.