Warum ich die Frage nach dem schönsten Land nie beantworten kann
„Welches Land hat dir am besten gefallen?“
Wahrscheinlich ist das die Frage, die mir nach Vorträgen, Reisen oder auch im privaten Gespräch am häufigsten gestellt wird.
Meine Antwort sorgt meist zunächst für Verwunderung.
„Ich weiß es nicht.“
Nicht, weil ich ausweichen möchte. Sondern weil ich sie tatsächlich nicht beantworten kann.
Natürlich gibt es Länder, in denen ich besonders gerne unterwegs bin. Landschaften, die mich faszinieren, Berge, die mich beeindrucken, und Küsten, an die ich gerne zurückkehre. Doch je länger ich reise, desto deutlicher wird mir, dass meine Erinnerungen nur selten bei einem Ort beginnen.
Sie beginnen fast immer bei einem Menschen, einer besonderen Atmosphäre oder einem Moment, in dem plötzlich vieles zusammenpasst.
Jeder erlebt dieselbe Welt anders
Vielleicht fällt mir die Antwort auch deshalb so schwer, weil ich längst nicht mehr glaube, dass ein Ort für jeden Menschen derselbe ist.
Unsere Wahrnehmung entsteht nie allein durch eine Landschaft oder eine Sehenswürdigkeit. Sie hängt immer auch davon ab, wie wir selbst gerade unterwegs sind.
Bin ich neugierig oder erschöpft? Offen oder gedanklich ganz woanders? Begegne ich Menschen, mit denen ich lachen kann? Spüre ich diese besondere Energie, die sich kaum erklären lässt und dennoch einen ganzen Tag, einen Ort oder sogar eine Reise prägen kann?
Auch das Wetter, die eigene Stimmung und die Ereignisse der vergangenen Stunden verändern den Blick. Ein Ort, der an einem Tag kalt und abweisend erscheint, kann sich zu einem anderen Zeitpunkt leicht, lebendig und vertraut anfühlen.
Manche Landschaften sind zweifellos wunderschön. Unvergesslich werden sie für mich jedoch meist erst durch die Menschen, denen ich dort begegne, durch die Atmosphäre eines Augenblicks und durch den Menschen, der ich in diesem Moment selbst bin.
Die schönsten Reisen beginnen manchmal mit einem Umweg
Auf einer meiner ersten großen Fernreisen nach Mittelamerika lief zunächst fast alles anders als geplant.
Gemeinsam mit drei Freunden wollte ich eigentlich Baja California bereisen. Erst vor Ort erfuhren wir, dass die Verbindung, auf der unser gesamter Plan beruhte, schon seit vielen Jahren nicht mehr existierte. Wir waren schlecht vorbereitet und standen plötzlich ohne richtige Route da.
Noch am selben Abend lernten wir zufällig ein Paar aus der Nähe von Augsburg kennen. Sie erzählten begeistert von ihrer Reise durch Mexiko, Guatemala und Honduras. Kurz entschlossen beschlossen wir, ihrer Route in umgekehrter Richtung zu folgen.
Rückblickend war das wahrscheinlich eine der besten Entscheidungen dieser Reise.
Nicht wegen der Strecke allein, sondern wegen der vielen Begegnungen, die daraus entstanden. Es entwickelten sich Geschichten, über die wir bis heute lachen und die ich noch immer erzähle. Nicht, weil jede einzelne davon besonders spektakulär wäre, sondern weil sie zeigen, wie sehr Menschen und ungeplante Situationen eine Reise verändern können.
Menschen geben Orten ihre Bedeutung
Seitdem durfte ich viele Länder bereisen – auf der Walz, allein oder mit Freunden, als Reiseleiter, als Journalist und heute gemeinsam mit meiner Familie.
Immer wieder habe ich dabei erlebt, dass Orte allein selten das sind, woran ich mich zuerst erinnere.
Wenn ich an Malaysia denke, fällt mir nicht zuerst eine Skyline oder eine Landschaft ein. Ich denke an einen älteren Mann in einer kleinen Bar in Ipoh und an ein Gespräch, das mir bis heute im Gedächtnis geblieben ist.
Wenn ich an Nepal denke, sehe ich nicht zuerst die Achttausender vor mir. Ich denke an die Träger, deren Ruhe, Kraft und Selbstverständlichkeit mich tief beeindruckt haben.
Wenn ich an Tansania denke, denke ich an die Reise, auf der ich meiner heutigen Frau begegnet bin.
Und wenn ich auf viele Wander- und Radreisen zurückblicke, dann sehe ich nicht zuerst Gipfel, Kirchen oder Aussichtspunkte. Ich erinnere mich an Gespräche, gemeinsames Lachen und an Menschen, mit denen ich teilweise bis heute verbunden bin.
Je mehr ich gereist bin, desto weniger denke ich in Ländern. Ich denke in Begegnungen.
Auch als Reiseleiter lerne ich ständig dazu
Vielleicht hat sich mein Blick auch deshalb verändert, weil ich seit vielen Jahren Menschen auf Reisen begleite.
Am Ende einer Tour wird häufig darüber gesprochen, was besonders in Erinnerung geblieben ist. Natürlich werden dabei auch Landschaften, Bauwerke und außergewöhnliche Wanderungen genannt. Sehr oft erzählen die Gäste jedoch von einer Wirtin, einem Brauer, einem Busfahrer, einem lokalen Wanderführer oder einem zufälligen Gespräch während einer Bahn- oder Fährfahrt.
Es sind genau diese kleinen, häufig ungeplanten Momente, die einer Reise ihre eigene Geschichte geben.
Sehenswürdigkeiten sind deshalb keineswegs unwichtig. Sie erzählen von Geschichte, Kultur und Landschaft. Doch ihre Bedeutung entsteht oft erst durch die Menschen, die dort leben, von ihnen erzählen oder sie mit uns teilen.
Eine Reise lässt sich nicht vollständig planen
Reisepläne können Orientierung geben. Sie bringen uns zu besonderen Orten, schaffen Verbindungen und helfen dabei, die zur Verfügung stehende Zeit sinnvoll zu nutzen.
Die Atmosphäre eines Augenblicks lässt sich jedoch nicht buchen.
Ein herzliches Lachen steht in keinem Programm. Ein überraschendes Gespräch lässt sich nicht terminieren. Und auch die Begegnung, die vielleicht Jahre später noch nachwirkt, kündigt sich nicht vorher an.
Für mich bedeutet Reisen deshalb, offen zu bleiben. Nicht nur für neue Orte, sondern auch für Abweichungen, Umwege und Menschen, die plötzlich Teil der eigenen Geschichte werden.
Das Leben als abenteuerliche Reise
Je älter ich werde, desto weniger suche ich nach dem einen schönsten Ort.
Ich freue mich vielmehr auf die nächste Begegnung, auf ein Gespräch, das ich heute noch nicht führen kann, und auf einen Menschen, den ich bisher nicht kenne.
Vielleicht ist genau das der eigentliche Reichtum des Reisens.
Und vielleicht gilt dieser Gedanke nicht nur für das Unterwegssein in anderen Ländern. Auch das Leben selbst ist eine abenteuerliche Reise – mit Umwegen, unerwarteten Wendungen und Begegnungen, deren Bedeutung wir manchmal erst viel später erkennen.
Vermutlich werde ich auch in Zukunft immer wieder gefragt werden, welches Land mir am besten gefallen hat.
Und wahrscheinlich werde ich weiterhin dieselbe Antwort geben:
„Ich weiß es nicht.“
Denn für mich gibt es nicht das schönste Land.
Es gibt schöne Momente. Ein herzliches Lachen. Ein gutes Gespräch. Eine besondere Atmosphäre. Eine unerwartete Begegnung.
Und manchmal genau den einen Augenblick, der einer Reise – oder sogar einem ganzen Leben – eine neue Richtung gibt.