Zum Mond und zurück – und was ist eigentlich aus dem Fortschritt geworden?

Über den größten Triumph der Raumfahrt, die Rückkehr der Milliardäre und die Frage, ob technischer Fortschritt tatsächlich auch menschlichen Fortschritt bedeutet.

Manchmal sind es gerade die Gedanken, mit denen man sich zunächst überhaupt nicht beschäftigen möchte, die einen später besonders lange begleiten. Beim Meditieren versuche ich, meine Gedanken zur Ruhe kommen zu lassen. Wobei es eigentlich weniger darum geht, gar nichts mehr zu denken, sondern vielmehr darum, die Gedanken wahrzunehmen, ohne sich von ihnen mitreißen zu lassen. Man bemerkt, dass etwas auftaucht, beobachtet es für einen Moment und lässt es wieder ziehen. Zumindest ist das die Idee dahinter, auch wenn es natürlich nicht immer so einfach gelingt.

Interessanterweise kommt es gelegentlich vor, dass solche Gedankenfetzen nach der Meditation wieder auftauchen. Manchmal verschwinden sie ebenso schnell, manchmal entwickeln sie sich weiter, und hin und wieder entsteht daraus eine Frage, mit der man sich plötzlich viel länger beschäftigt als ursprünglich beabsichtigt.

So ging es mir kürzlich mit einem Gedanken über die Mondlandung. Irgendwann war mir wieder bewusst geworden, dass seit mehr als einem halben Jahrhundert kein Mensch mehr auf dem Mond gewesen ist. Eigentlich eine erstaunliche Vorstellung. 1969 gelang es den Amerikanern, zwei Astronauten auf der Mondoberfläche abzusetzen und anschließend sicher zur Erde zurückzubringen. Bis 1972 folgten fünf weitere erfolgreiche Landungen. Dann war Schluss. Und obwohl sich unsere technischen Möglichkeiten seither in einem kaum vorstellbaren Ausmaß entwickelt haben, ist bis heute niemand zurückgekehrt. Warum seit 1972 niemand mehr auf dem Mond war?

Zunächst musste ich an die immer wieder auftauchenden Diskussionen denken, in denen behauptet wird, die Mondlandungen hätten möglicherweise gar nicht stattgefunden. Tatsächlich erscheint es auf den ersten Blick widersprüchlich, dass eine solche Leistung vor über fünfzig Jahren möglich war, während wir heute mit all unserer modernen Technologie noch immer daran arbeiten, sie zu wiederholen. Doch je länger ich mich später mit diesem Gedanken beschäftigte, desto weniger interessierte mich die Frage nach einer vermeintlichen Inszenierung. Viel spannender erschien mir, weshalb die Menschheit überhaupt zum Mond geflogen war und warum sie anschließend so lange darauf verzichtete.

Und damit war ich plötzlich bei einer ganz anderen Frage angekommen. Was verstehen wir eigentlich unter Fortschritt? Ist es tatsächlich ein Zeichen gesellschaftlicher Entwicklung, wenn wir Menschen auf andere Himmelskörper schicken können? Oder sagt die Geschichte der Mondlandungen womöglich sehr viel mehr über unsere politischen und wirtschaftlichen Prioritäten aus als über unsere technischen Fähigkeiten?

Als der Mond zum Schauplatz eines Machtkampfes wurde

Um dieser Frage nachzugehen, muss man einige Jahrzehnte zurückblicken, in eine Zeit, in der die Welt nach dem Zweiten Weltkrieg zunehmend von der Rivalität zweier politischer Systeme geprägt wurde. Die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion konkurrierten nicht nur um militärische Stärke und wirtschaftlichen Einfluss, sondern auch darum, welches Gesellschaftssystem die größeren wissenschaftlichen und technologischen Leistungen hervorbringen konnte. Der Weltraum wurde dabei zu einer weiteren Bühne dieses Wettstreits.

Zunächst waren es die Sowjets, die mit spektakulären Erfolgen auf sich aufmerksam machten. 1957 brachten sie mit Sputnik den ersten künstlichen Satelliten in eine Erdumlaufbahn, vier Jahre später wurde Juri Gagarin zum ersten Menschen im Weltraum. Für die amerikanische Regierung waren diese Erfolge weit mehr als wissenschaftliche Sensationen. Sie berührten das Selbstverständnis einer Nation, die sich als technologisch führende Weltmacht betrachtete. Hinzu kam, dass die Entwicklung leistungsfähiger Trägerraketen eng mit militärischen Interessen verbunden war. Wer Satelliten und Menschen ins All befördern konnte, verfügte schließlich auch über Technologien, die für weitreichende Raketen von Bedeutung waren.

Als Präsident John F. Kennedy 1961 ankündigte, noch vor Ende des Jahrzehnts einen Amerikaner auf den Mond zu bringen und sicher zur Erde zurückzuführen, ging es deshalb keineswegs ausschließlich um wissenschaftliche Neugier. Es war eine politische Entscheidung von gewaltiger Tragweite, mit der die Vereinigten Staaten ihre Leistungsfähigkeit gegenüber der Sowjetunion demonstrieren wollten. Innerhalb weniger Jahre wurden enorme finanzielle und industrielle Ressourcen mobilisiert. Hunderttausende Menschen arbeiteten an einem gemeinsamen Ziel, Unternehmen entwickelten neue Technologien, Universitäten und Forschungseinrichtungen wurden eingebunden, und der amerikanische Staat stellte Mittel bereit, die unter gewöhnlichen Bedingungen kaum vorstellbar gewesen wären.

Dabei war diese Begeisterung keineswegs unumstritten. Während Milliarden Dollar in die Raumfahrt flossen, lebten Millionen Amerikaner in Armut, die Bürgerrechtsbewegung kämpfte gegen rassistische Diskriminierung und der Vietnamkrieg verschlang immer größere Summen. Schon damals stellten sich Menschen die Frage, weshalb eine Nation bereit war, so viel Geld für eine Reise zum Mond auszugeben, während grundlegende gesellschaftliche Probleme ungelöst blieben. Eine Frage, die mir erstaunlich vertraut vorkommt, wenn ich heute die Diskussionen über die Raumfahrtprojekte von Elon Musk verfolge.

Als Neil Armstrong im Juli 1969 schließlich den Mond betrat, war das erklärte politische Ziel erreicht. Die Bilder gingen um die Welt und wurden zum Symbol einer Epoche, in der scheinbar keine technischen Grenzen mehr existierten. Doch bereits wenige Jahre später zeigte sich, wie schnell sich politische Prioritäten verändern können. Weitere Mondlandungen lieferten zwar bedeutende wissenschaftliche Erkenntnisse, doch ihr propagandistischer Wert nahm ab. Die öffentliche Aufmerksamkeit ließ nach, Haushaltsmittel wurden gekürzt und andere Aufgaben rückten in den Vordergrund. Aus einem Projekt, das zuvor als nationale Notwendigkeit gegolten hatte, wurde zunehmend eine kostspielige Fortsetzung eines bereits gewonnenen Wettbewerbs.

Insgesamt hatte das Apollo-Programm nach historischen Berechnungen rund 25,8 Milliarden Dollar gekostet. Berücksichtigt man die Preisentwicklung, entspricht das nach einer raumfahrtspezifischen Berechnung etwa 309 Milliarden Dollar in Kaufkraft von 2025. Eine gewaltige Summe, die allerdings nicht einfach für einige spektakuläre Fernsehbilder ausgegeben wurde. Die Missionen lieferten wissenschaftliche Erkenntnisse, die bis heute von Bedeutung sind. Rund 382 Kilogramm Mondgestein wurden zur Erde gebracht, zahlreiche technische Entwicklungen vorangetrieben und industrielle Fähigkeiten geschaffen, die auch außerhalb der Raumfahrt Verwendung fanden.

Dennoch bleibt die Frage, ob der wissenschaftliche Nutzen allein einen solchen Aufwand gerechtfertigt hätte. Die Sowjetunion bewies später mit unbemannten Missionen, dass sich Mondgestein auch ohne Astronauten zur Erde transportieren ließ. Natürlich waren die wissenschaftlichen Möglichkeiten solcher Missionen begrenzter, doch sie zeigten, dass nicht jede Forschungsaufgabe die Anwesenheit eines Menschen erforderte. Gerade die bemannte Raumfahrt ist schließlich besonders aufwendig, weil Astronauten nicht nur zum Ziel gebracht, sondern dort versorgt, geschützt und anschließend sicher zurückgeführt werden müssen.

Mit dem Ende des Apollo-Programms verschwanden nach und nach auch die industriellen Voraussetzungen für weitere Mondlandungen. Die gewaltigen Saturn-V-Raketen wurden nicht mehr gebaut, Produktionsanlagen geschlossen und spezialisierte Zulieferketten aufgelöst. Die technischen Kenntnisse gingen nicht vollständig verloren, aber die Fähigkeit, jederzeit eine vergleichbare Mission durchzuführen, war damit nicht mehr vorhanden. Die NASA konzentrierte sich auf andere Aufgaben, zunächst auf Raumstationen und später auf das Space-Shuttle-Programm. Die bemannte Raumfahrt verlagerte sich für Jahrzehnte weitgehend in die erdnahe Umlaufbahn.

Je länger ich mich mit dieser Geschichte beschäftigte, desto deutlicher wurde mir, dass die lange Abwesenheit des Menschen auf dem Mond weniger mit einem technischen Rückschritt zu tun hatte als mit politischen Entscheidungen. Die Fähigkeit, etwas Außergewöhnliches zu leisten, bedeutet offenbar noch lange nicht, dass eine Gesellschaft bereit ist, die dafür notwendigen Mittel dauerhaft aufzubringen.

Alte Machtspiele, neue Milliardäre

Interessant ist dabei, dass sich die Geschichte inzwischen in gewisser Weise zu wiederholen scheint. Wieder soll der Mensch zum Mond zurückkehren, wieder spielen politische Machtinteressen eine wichtige Rolle, und wieder werden gewaltige Summen mobilisiert. Nur sind es heute nicht mehr ausschließlich staatliche Einrichtungen, die diese Entwicklung vorantreiben. Unternehmen wie SpaceX und Blue Origin sind zu entscheidenden Partnern der amerikanischen Raumfahrt geworden, und mit ihren Gründern Elon Musk und Jeff Bezos verbinden sich Vorstellungen, die weit über einzelne Mondmissionen hinausgehen.

Dabei wäre es falsch, die Leistungen dieser Unternehmen geringzuschätzen. Insbesondere SpaceX hat mit der Entwicklung wiederverwendbarer Raketen gezeigt, dass sich zumindest bestimmte Bereiche der Raumfahrt erheblich wirtschaftlicher gestalten lassen. Während bei den Apollo-Missionen die gewaltigen Saturn-V-Raketen nach ihrem Einsatz verloren waren, können moderne Falcon-9-Raketenstufen wieder landen und erneut verwendet werden. Damit haben sich Möglichkeiten eröffnet, die noch vor wenigen Jahrzehnten kaum vorstellbar waren. Allerdings bedeutet eine kostengünstigere Beförderung von Satelliten in eine Erdumlaufbahn noch lange nicht, dass auch bemannte Mondlandungen oder gar Reisen zum Mars wirtschaftlich einfach geworden wären.

Genau das zeigt das amerikanische Artemis-Programm. Die NASA möchte Menschen nicht nur erneut auf den Mond bringen, sondern langfristig die Voraussetzungen für regelmäßige Aufenthalte schaffen. Anders als bei Apollo setzt sie dabei für die eigentliche Landung auf Fahrzeuge privater Unternehmen. SpaceX entwickelt eine besondere Variante seines Starship-Raumschiffs, während Blue Origin mit einem eigenen Mondlandesystem beteiligt ist. Die Unternehmen sollen die Fahrzeuge entwickeln und betreiben, während die NASA entsprechende Leistungen einkauft. Das klingt zunächst nach einer sinnvollen Arbeitsteilung, bei der der Staat von privatwirtschaftlicher Innovationskraft profitiert. Gleichzeitig entstehen jedoch neue Abhängigkeiten, denn die öffentliche Raumfahrt ist zunehmend auf Technologien angewiesen, die sich im Besitz weniger Unternehmen befinden.

Wie aufwendig dieses neue Modell ist, lässt sich an den aktuellen Zahlen erkennen. Allein für die Entwicklung der kommerziellen Mondlandesysteme hatte die NASA bis März 2026 bereits rund 6,9 Milliarden Dollar vertraglich gebunden. Bis zum Haushaltsjahr 2030 rechnet die Behörde mit Ausgaben von etwa 18,3 Milliarden Dollar. Das ist wohlgemerkt nur ein Teil der gesamten Artemis-Kosten, denn die Trägerraketen, das Orion-Raumschiff und zahlreiche weitere Einrichtungen müssen ebenfalls finanziert werden. Immerhin stellte der unabhängige Generalinspektor der NASA fest, dass die vereinbarten Kosten der beiden Landefahrzeugverträge bislang vergleichsweise gut kontrolliert wurden. Die größeren Schwierigkeiten liegen derzeit bei technischen Verzögerungen und Fragen der Sicherheit.

Besonders bemerkenswert finde ich, dass die NASA ihre Planungen für die Rückkehr zum Mond mehrfach ändern musste. Im April 2026 umrundeten mit Artemis II erstmals seit den Apollo-Missionen wieder Menschen den Mond. Die nächste Mission, Artemis III, soll 2027 zunächst wichtige Andockmanöver mit den neuen Landefahrzeugen in einer Erdumlaufbahn erproben. Erst für Anfang 2028 ist mit Artemis IV die nächste bemannte Mondlandung vorgesehen. Ob dieser Termin tatsächlich eingehalten werden kann, bleibt angesichts der technischen Herausforderungen offen.

Dass eine solche Mission trotz aller technologischen Fortschritte noch immer schwierig ist, erscheint mir inzwischen weniger rätselhaft als zu Beginn meiner Überlegungen. Die technischen Anforderungen sind enorm, die frühere Infrastruktur existiert längst nicht mehr, und die heutigen Ziele unterscheiden sich erheblich von denen der Apollo-Zeit. Dennoch bleibt der historische Vergleich aufschlussreich. Während die Vereinigten Staaten in den 1960er-Jahren innerhalb weniger Jahre eine vollständige Infrastruktur für bemannte Mondlandungen aufbauten, dauert die Entwicklung einer neuen Generation von Raumfahrzeugen inzwischen deutlich länger. Nicht weil wir grundsätzlich weniger könnten, sondern weil sich die wirtschaftlichen, politischen und technischen Rahmenbedingungen verändert haben.

Hinzu kommt, dass die Vereinigten Staaten längst nicht mehr allein auf dem Weg zum Mond sind. China hat in den vergangenen Jahren bemerkenswerte Fortschritte erzielt, betreibt eine eigene Raumstation und konnte mit unbemannten Missionen sogar Gesteinsproben von der erdabgewandten Seite des Mondes zur Erde bringen. Bis 2030 möchte das Land eigene Astronauten auf dem Mond landen lassen. Damit gewinnt die amerikanische Rückkehr erneut eine geopolitische Bedeutung, die an die Zeiten des Kalten Krieges erinnert. Wieder geht es um internationale Anerkennung, technologische Führungsansprüche und den Einfluss auf die zukünftige Nutzung des Weltraums.

Allerdings könnte der Mond diesmal mehr sein als nur das Ziel eines politischen Wettlaufs. Besonders die Regionen in der Nähe seiner Pole sind für Wissenschaftler interessant, weil dort Wassereis nachgewiesen wurde. Dieses Wasser könnte eines Tages für die Versorgung von Astronauten genutzt und möglicherweise sogar in Bestandteile für Raketentreibstoff zerlegt werden. Daraus entstehen Vorstellungen einer langfristigen menschlichen Präsenz, die weit über die kurzen Aufenthalte der Apollo-Astronauten hinausgehen. Ob sich solche Ressourcen tatsächlich in wirtschaftlich sinnvoller Weise gewinnen lassen, ist bislang allerdings offen.

Während ich mich mit diesen Entwicklungen beschäftigte, musste ich immer wieder an die ursprüngliche Frage denken, die nach meiner Meditation wieder aufgetaucht war. Weshalb wollen wir eigentlich auf andere Himmelskörper? Geht es uns um wissenschaftliche Erkenntnisse, um die Erweiterung unserer Möglichkeiten oder letztlich doch wieder um wirtschaftliche und politische Macht? Vermutlich lässt sich das gar nicht eindeutig voneinander trennen. Schon Apollo war gleichzeitig wissenschaftliches Forschungsprogramm und geopolitisches Prestigeprojekt. Und auch heute werden sich die unterschiedlichen Interessen kaum sauber auseinanderhalten lassen.

Besonders deutlich wird dieser Widerspruch bei den Vorstellungen Elon Musks, der seit Jahren davon spricht, die Menschheit zu einer multiplanetaren Spezies machen zu wollen. Sein langfristiges Ziel ist eine menschliche Siedlung auf dem Mars, die eines Tages unabhängig von der Erde existieren könnte. Dahinter steht die Überlegung, dass eine Zivilisation, die ausschließlich auf einem einzigen Planeten lebt, durch eine globale Katastrophe vollständig ausgelöscht werden könnte. Eine zweite, unabhängige menschliche Gesellschaft würde dieses Risiko zumindest theoretisch verringern.

Dieser Gedanke ist nicht völlig abwegig. Schließlich zeigt die Geschichte unseres Planeten, dass das Leben immer wieder durch gewaltige Naturereignisse bedroht wurde. Asteroideneinschläge, Vulkanausbrüche und klimatische Veränderungen haben die Entwicklung der Erde entscheidend beeinflusst. Hinzu kommen Gefahren, die wir Menschen selbst geschaffen haben. Doch zwischen der theoretischen Vorstellung einer zweiten menschlichen Zivilisation und ihrer tatsächlichen Verwirklichung liegen Herausforderungen, deren Dimensionen wir uns vermutlich nur schwer vorstellen können.

Der Mars ist schließlich kein zweites Paradies, das lediglich darauf wartet, von uns besiedelt zu werden. Seine Atmosphäre ist extrem dünn, die Temperaturen liegen überwiegend weit unter dem Gefrierpunkt, und die Oberfläche ist einer erheblichen Strahlenbelastung ausgesetzt. Menschen könnten dort nur in aufwendig geschützten Lebensräumen überleben. Wasser, Sauerstoff, Nahrung und nahezu sämtliche technischen Voraussetzungen des täglichen Lebens müssten zunächst mitgebracht oder unter schwierigsten Bedingungen vor Ort hergestellt werden.

Selbst wenn es gelingen sollte, in den kommenden Jahrzehnten Menschen auf den Mars zu bringen, wäre damit noch lange keine unabhängige Gesellschaft entstanden. Eine kleine Forschungsstation, die auf regelmäßige Lieferungen von der Erde angewiesen ist, könnte im Falle einer globalen Katastrophe auf unserem Heimatplaneten kaum als sichere Zuflucht dienen. Erst eine Siedlung, die über lange Zeit sämtliche lebensnotwendigen Güter selbst herstellen könnte, würde diesem Anspruch überhaupt näherkommen. Von einer solchen Fähigkeit sind wir allerdings noch sehr weit entfernt.

Wie weit bringt uns der Fortschritt eigentlich?

Und an dieser Stelle begann sich meine ursprüngliche Überlegung langsam zu verändern. Denn während wir darüber nachdenken, wie sich Menschen auf einem lebensfeindlichen Planeten ansiedeln lassen könnten, stehen wir auf der Erde vor Problemen, für deren Lösung viele technische Voraussetzungen längst vorhanden sind. Wir wissen beispielsweise, wie erneuerbare Energien gewonnen, Trinkwasser aufbereitet oder Nahrungsmittel unter schwierigen Bedingungen produziert werden können. Dennoch gelingt es uns nicht, diese Möglichkeiten überall so einzusetzen, dass alle Menschen davon profitieren.

Natürlich wäre es zu einfach, die Milliarden für die Raumfahrt einfach gegen die Kosten von Armutsbekämpfung, Gesundheitsversorgung oder Klimaschutz aufzurechnen. Die gesellschaftlichen Probleme unserer Welt würden nicht automatisch verschwinden, wenn wir auf Mond- und Marsmissionen verzichteten. Zudem haben gerade die Raumfahrt und die damit verbundene Forschung zahlreiche Entwicklungen hervorgebracht, die uns heute auch auf der Erde zugutekommen. Satelliten helfen bei der Beobachtung des Klimawandels, ermöglichen die Untersuchung von Naturkatastrophen und liefern wichtige Informationen für Landwirtschaft, Kommunikation und Navigation.

Trotzdem bleibt für mich die Frage bestehen, nach welchen Maßstäben wir eigentlich entscheiden, was als Fortschritt gilt. Wir bewundern immer leistungsfähigere Computer, größere Raketen und künstliche Intelligenz, die inzwischen Aufgaben übernehmen kann, die noch vor wenigen Jahren ausschließlich Menschen vorbehalten waren. Gleichzeitig scheint es uns ungleich schwerer zu fallen, gesellschaftliche Verhältnisse so zu gestalten, dass diese Entwicklungen möglichst vielen Menschen zugutekommen.

Vielleicht liegt darin ein grundlegender Unterschied zwischen technischem und gesellschaftlichem Fortschritt. Technische Probleme lassen sich häufig durch Forschung, Entwicklung und die Bereitstellung ausreichender Ressourcen lösen. Gesellschaftliche Probleme dagegen berühren Interessen, Machtverhältnisse und Vorstellungen davon, wie wir miteinander leben wollen. Und während sich die Leistungsfähigkeit eines Computers vergleichsweise einfach messen lässt, ist die Frage, ob eine Gesellschaft gerechter, friedlicher oder lebenswerter geworden ist, wesentlich schwieriger zu beantworten.

Die Geschichte der Mondlandungen scheint mir dafür ein besonders anschauliches Beispiel zu sein. Innerhalb weniger Jahre gelang es den Vereinigten Staaten, eine technische Herausforderung zu bewältigen, die zuvor kaum vorstellbar gewesen war. Dafür wurden enorme Mittel bereitgestellt, Hunderttausende Menschen arbeiteten gemeinsam an einem Ziel, und schließlich gelang tatsächlich der Schritt auf einen anderen Himmelskörper. Als das politische Ziel erreicht war, verschwand jedoch erstaunlich schnell die Bereitschaft, diese Anstrengungen fortzusetzen.

Heute erleben wir möglicherweise den Beginn einer neuen Epoche, in der Menschen wieder auf dem Mond landen und eines Tages vielleicht sogar den Mars erreichen werden. Ich finde diese Vorstellung durchaus faszinierend. Die wissenschaftliche Neugier, die Menschen seit Jahrtausenden dazu bewegt, ihre Umgebung zu erkunden, endet schließlich nicht an den Grenzen unserer Atmosphäre. Warum sollte sie das auch?

Aber ich frage mich inzwischen, ob wir bei aller Begeisterung für diese Möglichkeiten nicht gelegentlich etwas aus den Augen verlieren. Denn eine Gesellschaft, die in der Lage ist, Menschen über Hunderttausende Kilometer durch den Weltraum zu transportieren, müsste eigentlich auch über außergewöhnliche Fähigkeiten verfügen, ihre Probleme auf der Erde zu bewältigen. Dass uns das häufig nicht gelingt, dürfte weniger an fehlendem Wissen liegen als an den unterschiedlichen Interessen und Prioritäten, die unser Zusammenleben bestimmen.

Als ich nach meiner Meditation erneut über die lange Zeit seit der letzten Mondlandung nachdachte, erschien mir das zunächst wie ein erstaunlicher technischer Stillstand. Inzwischen sehe ich darin eher eine Geschichte darüber, wie wir Menschen mit unseren Möglichkeiten umgehen. Wir können offenbar sehr viel erreichen, wenn wir uns auf ein gemeinsames Ziel verständigen. Welche Ziele wir dafür auswählen und weshalb andere, möglicherweise dringendere Aufgaben immer wieder zurückstehen müssen, ist jedoch eine ganz andere Frage.

Vielleicht werden eines Tages tatsächlich Menschen dauerhaft auf dem Mond leben. Vielleicht entstehen Forschungsstationen auf dem Mars, und möglicherweise wird die Menschheit irgendwann mehr als einen Planeten bewohnen. Ich würde diese Entwicklung durchaus mit Neugier verfolgen. Aber ich frage mich, ob wir dann auch gelernt haben werden, verantwortungsvoller miteinander und mit unseren natürlichen Lebensgrundlagen umzugehen. Denn unsere gesellschaftlichen Probleme verschwinden schließlich nicht dadurch, dass wir die Erde verlassen. Wir könnten sie genauso gut mitnehmen.

Und vielleicht ist genau das der Gedanke, der mich an der ganzen Geschichte inzwischen am meisten beschäftigt. Nicht die Frage, weshalb wir seit fast 54 Jahren nicht mehr auf dem Mond gewesen sind, sondern weshalb wir technischen Fortschritt so selbstverständlich mit menschlichem Fortschritt gleichsetzen. Schließlich ist es das eine, immer größere Entfernungen überwinden zu können. Was wir aus diesen Möglichkeiten machen und ob sie unser Zusammenleben tatsächlich verbessern, steht auf einem ganz anderen Blatt.

Zum Mond und zurück – und was ist eigentlich aus dem Fortschritt geworden?