Von traditionellen Reisgetränken über die französische Kolonialzeit bis zu modernen Craft-Bieren: Die Bierkultur in Nordvietnam erzählt eine Geschichte voller Gegensätze. Zwischen den Straßenlokalen Hanois, den Bergen von Sapa und den Kalksteinfelsen der Ha-Long-Bucht begegne ich ungewöhnlichen Bieren, interessanten Brauereien und einer Atmosphäre, die mich ausgerechnet in Vietnam an meine rheinische Heimat erinnert.
Bereits am ersten Abend in Hanoi ahnte ich, dass die Bierkultur Nordvietnams noch einige Überraschungen bereithalten würde. Ich hatte mich im Vorfeld durchaus mit den Brauereien des Landes beschäftigt und wusste, dass sich in Vietnam eine interessante Craft-Beer-Szene entwickelt hatte. Doch als ich durch die engen Gassen der Hanoier Altstadt schlenderte, entdeckte ich zwischen Garküchen, Straßenrestaurants und kleinen Bars eine Auswahl vietnamesischer Craft-Biere, mit der ich in diesem Ausmaß nicht gerechnet hatte.
Motorroller bahnten sich ihren Weg durch die Menschenmengen, aus den Küchen stiegen verführerische Düfte auf, und überall wurde gegessen, getrunken und geredet. Zwischen den bekannten industriellen Lagerbieren tauchten immer wieder IPAs, Pale Ales und andere Spezialitäten auf, deren Hersteller mir zum Teil völlig unbekannt waren. Schon dieser erste Abend machte deutlich, dass es hier erheblich mehr zu entdecken gab als das berühmte vietnamesische Frischbier.
Hanoi war ohnehin ein fester Bestandteil meiner Reiseplanung. Nach dem ersten Aufenthalt sollte es zunächst weiter nach Tam Cốc und anschließend in die Berge von Sapa gehen, bevor ich für ungefähr drei Tage in die Hauptstadt zurückkehren wollte. Dort hatte ich mir vorgenommen, neben der modernen Craft-Beer-Szene auch die traditionelle Bia-Hơi-Kultur und die Geschichte der vietnamesischen Brauereien näher kennenzulernen.
Die Route musste ich deshalb nicht ändern. Allerdings war mir nach diesem ersten Abend klar, dass drei Tage für Hanoi ziemlich knapp bemessen waren. Also verlängerte ich den zweiten Aufenthalt auf fünf Übernachtungen. Eine kleine Anpassung, die sich später als ausgesprochen sinnvoll erweisen sollte.
Zwischen Kalksteinfelsen und den ersten Bierentdeckungen
Zunächst führte mich die Reise nach Tam Cốc in der Provinz Ninh Bình. Gewaltige Kalksteinfelsen ragen hier aus Reisfeldern und Flusslandschaften empor, schmale Straßen führen durch kleine Dörfer, und spätestens bei einer Fahrt durch die Umgebung versteht man, weshalb diese Region zu den bekanntesten Reisezielen Nordvietnams gehört.
Tam Cốc ist längst kein Geheimtipp mehr. Rund um die touristischen Zentren gibt es zahlreiche Restaurants und Unterkünfte, doch schon wenige Kilometer entfernt zeigt sich wieder das ländliche Vietnam mit seinen Feldern, Wasserläufen und kleinen Garküchen.
Auch die traditionelle Frischbierkultur, die ich später in Hanoi noch ausführlicher kennenlernen sollte, ist hier allgegenwärtig. In den einfachen Restaurants und Straßenlokalen wird Bia Hơi ausgeschenkt, jenes leichte, nicht pasteurisierte Fassbier, das in weiten Teilen Nordvietnams zum gesellschaftlichen Alltag gehört. Die kleinen Gläser, die unkomplizierte Atmosphäre und die Selbstverständlichkeit, mit der das Bier zum Essen und zum geselligen Beisammensein getrunken wird, unterscheiden sich kaum von dem, was ich später in der Hauptstadt erleben sollte. Doch dazu später mehr.
Eine erste Überraschung war allerdings Seven Bridges, eine Craft-Beer-Brauerei aus Đà Nẵng. Dass ihre Biere bereits so weit im Norden und ausgerechnet in Tam Cốc angeboten wurden, hätte ich nicht unbedingt erwartet.
Seven Bridges wurde 2017 von Stanley Boots in Đà Nẵng gegründet. Die Vorgeschichte reicht bis zu privaten Brauversuchen in Hanoi zurück. Inzwischen gehört das Unternehmen zu den bekannteren Namen der vietnamesischen Craft-Beer-Szene und engagiert sich auch in sozialen und ökologischen Projekten, darunter Initiativen zur Wiederverwertung von Materialien und Brauereinebenprodukten.
Das Sortiment reicht weit über die üblichen Standardbiere hinaus. Das Dragon IPA beispielsweise ist mit 4,8 Prozent Alkohol und 32 Bittereinheiten als Session IPA angelegt. Sein Name verweist auf die berühmte Drachenbrücke in Đà Nẵng. Das Sơn Trà Haze setzt dagegen auf eine weichere, tropisch-fruchtige Hopfenaromatik. Noch ungewöhnlicher erscheint das Fire Eater Barrel Aged, ein fassgereiftes Stout mit Kakao und Chili, bei dem dunkle Malze, Gewürze und Aromen aus der Fasslagerung zusammentreffen.
Ob ein solches Bier bei tropischen Temperaturen unbedingt die erste Wahl sein muss, sei einmal dahingestellt. Neugierig macht es mich jedenfalls. Und Seven Bridges sollte mir im weiteren Verlauf der Reise noch einmal begegnen.
Von Tam Cốc ging es anschließend nach Sapa, in die Berge nahe der chinesischen Grenze. Die Landschaft veränderte sich grundlegend. Statt Kalksteinfelsen und Flusslandschaften bestimmten nun tief eingeschnittene Täler, terrassierte Reisfelder und gewaltige Berghänge das Bild. In der Region leben verschiedene ethnische Minderheiten, darunter Hmong und Dao, deren Traditionen bis heute das gesellschaftliche Leben prägen.
Ausgerechnet hier begegnete mir eines der interessantesten Biere meiner bisherigen Reise.
Das Chúc Thơm von THƠM Brewing ist ein Golden Ale mit ungefähr sechs Prozent Alkohol, bei dem eine aromatische vietnamesische Zitrusfrucht eine entscheidende Rolle spielt. Schon der erste Eindruck begeisterte mich. Das Bier besaß eine intensive, exotisch-frische Zitrusaromatik, die sich erstaunlich harmonisch in den eigentlichen Biercharakter einfügte.
Gerade diese Balance ist für mich entscheidend. Bei vielen Fruchtbieren habe ich den Eindruck, dass zusätzliche Zutaten vor allem möglichst spektakuläre Aromen erzeugen sollen. Hier war es anders. Die Frucht ergänzte das Bier, ohne es zu dominieren, und verlieh ihm einen unverwechselbaren Charakter.
THƠM entstand in Hanoi und gehört zu jenen vietnamesischen Brauereien, die gezielt mit regionalen Zutaten experimentieren. Das Chúc Thơm zeigt eindrucksvoll, wie sich internationale Bierstile durch einheimische Rohstoffe weiterentwickeln lassen, ohne ihren ursprünglichen Charakter zu verlieren.
Für mich gehört es jedenfalls zu den schönsten Bierentdeckungen meiner Reise durch Nordvietnam. Und es bestätigt einmal mehr, dass außergewöhnliche Biere nicht zwangsläufig dort zu finden sind, wo man sie erwartet.
Hanoi – zwischen Brauhausatmosphäre und jahrhundertealter Trinkkultur
Nach meinem Aufenthalt in Sapa kehrte ich nach Hanoi zurück. Diesmal standen fünf Übernachtungen zur Verfügung, und ich wollte die unterschiedlichen Seiten der hiesigen Bierkultur genauer kennenlernen.
Neben den großen industriellen Brauereien und einer wachsenden Craft-Beer-Szene besitzt Hanoi mit dem Bia Hơi eine ganz eigene Tradition. Dieses leichte, frisch ausgeschenkte Bier gehört seit Jahrzehnten zum gesellschaftlichen Alltag. Besonders in den einfachen Straßenlokalen wird deutlich, dass es dabei um weit mehr geht als um den bloßen Konsum eines alkoholischen Getränks.
Allerdings hat sich die gastronomische Landschaft der Hauptstadt stark verändert. Rund um die berühmte Beer Street in der Altstadt bestimmen inzwischen vor allem Touristen und Expats das Bild. Nach meinem persönlichen Eindruck besteht das Publikum dort zu weit über 80 Prozent aus internationalen Gästen. Wer das ursprüngliche gesellschaftliche Leben rund um das Bia Hơi kennenlernen möchte, sollte sich deshalb nicht ausschließlich auf die bekanntesten Straßen der Altstadt beschränken.
In anderen Vierteln sitzen weiterhin Einheimische auf niedrigen Plastikhockern, bestellen gemeinsam etwas zu essen und lassen sich ein Glas nach dem anderen bringen.
In einem solchen Lokal erlebte ich einen Moment, der mich unvermittelt an meine rheinische Heimat erinnerte.
Überall wurde geredet, gelacht und durcheinandergerufen. Die Gespräche der Gäste vermischten sich zu einem gewaltigen Stimmengewirr, Bedienungen stellten weitere Gläser auf die Tische, und ständig rückten irgendwo Menschen zusammen, um noch einen weiteren Gast unterzubringen.
Vor mir stand ein kleines Glas Bia Hơi, vielleicht 0,25 bis 0,3 Liter. Während ich das Treiben beobachtete, musste ich unwillkürlich an einen gut besuchten Kölner Brauhausabend denken.
Es fehlte eigentlich nur noch ein Köbes mit seinem Kranz voller Kölschgläser.
Natürlich schmeckt ein vietnamesisches Bia Hơi nicht wie ein Kölsch. Der Vergleich bezieht sich auf die Atmosphäre, nicht auf die Rezeptur. Aber diese ausgelassene Geselligkeit, die kleinen Biergläser und die Selbstverständlichkeit, mit der das Bier zum gemeinsamen Abend gehört, kamen mir auf Anhieb vertraut vor.
Für ein Glas bezahlte ich gerade einmal 15.000 Dong, umgerechnet ungefähr fünfzig Cent. Ein erstaunlich günstiger Preis für ein Getränk, das in Hanoi eine lange Tradition besitzt.
Dabei beginnt die Geschichte alkoholischer Getreidegetränke in Vietnam wesentlich früher als die industrielle Bierproduktion.
Lange bevor französische Brauer ihre Anlagen nach Indochina brachten, verstanden es die Menschen hier, aus Reis und anderen stärkehaltigen Rohstoffen alkoholische Getränke herzustellen. Unter dem Begriff Rượu werden verschiedene traditionelle Getränke zusammengefasst, darunter sowohl vergorene Reisgetränke als auch destillierte Reisspirituosen.
Eine besonders interessante Tradition ist das Rượu Cần, das mit verschiedenen ethnischen Gemeinschaften des vietnamesischen Hochlands verbunden ist. Dabei wird Reis oder ein anderer stärkehaltiger Rohstoff mithilfe traditioneller Fermentationsstarter vergoren. Das Getränk befindet sich in einem größeren Gefäß, aus dem die Beteiligten gemeinsam durch lange Bambusröhrchen trinken.
Dieses gemeinschaftliche Trinken besitzt eine gesellschaftliche und teilweise rituelle Bedeutung. Es geht um Gastfreundschaft, Zusammengehörigkeit und überlieferte Traditionen. Bei anderen regionalen Reisgetränken kommen wiederum Fermentationsstarter zum Einsatz, die teilweise Kräuter und unterschiedliche Mikroorganismen enthalten.
Mit dem heutigen Bier nach europäischem Vorbild lassen sich diese Getränke allerdings nicht ohne Weiteres gleichsetzen. Während bei der modernen Bierherstellung gemälztes Getreide, die Verzuckerung der Stärke und der gezielte Einsatz von Brauhefe eine entscheidende Rolle spielen, beruhen traditionelle Reisgetränke häufig auf anderen Verfahren und Mischgärungen.
Vietnam besaß also bereits lange vor der französischen Kolonialherrschaft eine eigenständige Kultur alkoholischer Getreidegetränke. Das moderne Bier kam erst deutlich später hinzu.
Die industrielle Biergeschichte Hanois beginnt 1890 mit der Gründung der Hommel-Brauerei während der französischen Kolonialzeit. Ursprünglich diente sie insbesondere der Versorgung der europäischen Bevölkerung und der Kolonialverwaltung. Aus diesem Betrieb sollte später eines der bedeutendsten Brauereiunternehmen Vietnams hervorgehen.
Nach dem Ende der französischen Herrschaft und der Teilung des Landes wurde die Brauerei unter völlig veränderten politischen Bedingungen weitergeführt. Beim Wiederaufbau und der Modernisierung halfen unter anderem Fachleute aus der damaligen Tschechoslowakei. 1958 wurde die Produktion unter vietnamesischer Führung wieder aufgenommen. Aus dieser Entwicklung entstand schließlich HABECO, die Hanoi Beer Alcohol and Beverage Corporation.
Die Geschichte dieses Unternehmens spiegelt damit auch die politischen und wirtschaftlichen Veränderungen Vietnams wider: vom kolonialen Betrieb über die sozialistische Planwirtschaft bis zur heutigen, zunehmend international ausgerichteten Bierindustrie.
Eine besondere Rolle spielt dabei das Bia Hơi, das traditionell nicht pasteurisiert wird und für einen vergleichsweise schnellen Verbrauch vorgesehen ist. Anders als bei vielen industriellen Flaschen- und Dosenbieren wird auf die thermische Haltbarmachung verzichtet. Dadurch können bestimmte hitzeempfindliche Bestandteile erhalten bleiben. Je nach Filtration und Herstellungsverfahren können auch noch lebende Hefezellen vorhanden sein.
Das bedeutet allerdings nicht automatisch, dass jedes Bia Hơi besonders viele lebende Hefen enthält oder grundsätzlich gesünder wäre als pasteurisiertes Bier. Die fehlende Pasteurisation stellt vor allem höhere Anforderungen an Hygiene, Lagerung und Haltbarkeit.
Besonders interessant fand ich in diesem Zusammenhang die unterschiedlichen Fässer, die in Hanoi vielerorts angeliefert werden. Auffällig sind dabei die roten und blauen Verschlüsse, hinter denen tatsächlich eine technische Unterscheidung steckt.
In der Produktdeklaration von Bia Hơi Hà Nội werden Fässer mit roten Aluminiumverschlüssen genannt, die bei 4 bis 14 Grad Celsius gelagert und transportiert werden müssen. Für Fässer mit blauen Aluminiumverschlüssen gelten dagegen strengere Temperaturvorgaben von 3 bis 8 Grad Celsius.
Im Zusammenhang mit Bia Hơi wird außerdem von unterschiedlichen Haltbarkeiten gesprochen. Manche angeschlossenen Fässer sollen innerhalb von ein bis zwei Tagen verbraucht werden, während ungeöffnete und ordnungsgemäß gekühlte Fässer teilweise sieben bis zehn Tage haltbar sind. Eine eindeutige Zuordnung dieser Zeiträume zu den beiden Verschlussfarben konnte ich allerdings nicht belegen.
Interessant ist zudem, dass HABECO seit Juni 2026 bei seinen traditionellen 30- und 50-Liter-Fässern QR-Codes auf den Verschlüssen einsetzt. Damit lassen sich unter anderem Produktionsdatum und Haltbarkeit des jeweiligen Fasses überprüfen.
Dass die Fässer vielerorts täglich angeliefert werden, bedeutet natürlich nicht, dass das Bier erst wenige Stunden zuvor gebraut wurde. Auch ein untergäriges Frischbier benötigt Zeit für Gärung und Reifung. Entscheidend sind vielmehr die Art der Weiterverarbeitung, die Lagerbedingungen und der schnelle Absatz.
Gerade bei den hohen Temperaturen Vietnams ist eine sorgfältige Kühlung deshalb von großer Bedeutung.
Doch all diese technischen Überlegungen geraten schnell in den Hintergrund, wenn ich wieder in einem der einfachen Straßenlokale sitze. Das Bier ist leicht, erfrischend und günstig, die Menschen unterhalten sich und lassen den Abend auf sich zukommen.
Und irgendwo zwischen den kleinen Gläsern und dem Stimmengewirr ist Köln plötzlich gar nicht mehr so weit entfernt.
Fünf Biere am Trúc-Bạch-See und ein Zug mitten durch die Kneipe
Einen ganz anderen Einblick in die Bierkultur Hanois bietet die Standing Bar am Trúc-Bạch-See. Das Lokal wurde 2016 eröffnet und entwickelte sich früh zu einem Treffpunkt der jungen Craft-Beer-Szene. Anders als viele klassische Brauereigaststätten konzentriert sich die Standing Bar nicht auf die Produkte eines einzelnen Herstellers, sondern bietet eine wechselnde Auswahl unterschiedlicher vietnamesischer Marken an.
Für mich war das eine ausgesprochen angenehme Ausgangssituation, schließlich wollte ich möglichst viele Biere kennenlernen, ohne dafür jedes Mal eine andere Brauerei aufsuchen zu müssen.
Besonders überzeugte mich das Friday IPA von Three Blind Men. Mit 6,9 Prozent Alkohol und 69 Bittereinheiten besitzt es durchaus Kraft, verzichtet aber auf jene überbordenden tropischen Fruchtaromen, die heute bei vielen IPAs fast schon selbstverständlich geworden sind. Stattdessen zeigte es einen ausgeprägteren Malzkörper, kräuterige Noten und eine gut eingebundene Bittere. Ein Bier mit Charakter, das sich trotzdem erstaunlich angenehm trinken ließ.
Das Wooden Bridge IPA von 36 Streets präsentierte sich dagegen sommerlicher und fruchtiger. Es war weniger komplex, besaß aber eine angenehme Bittere im Abgang. Der Name erinnerte mich an die historische Altstadt Hanois, deren traditionelle Handwerksviertel häufig unter dem Begriff der 36 Straßen zusammengefasst werden.
Mit dem Passionfruit Wit von East West Brewing begegnete mir anschließend ein Bier aus Ho-Chi-Minh-Stadt. Die Passionsfrucht war angenehm eingebunden, eine leichte Säure sorgte für zusätzliche Frische, und mit lediglich 4,6 Prozent Alkohol blieb das Ganze ausgesprochen unkompliziert.
Das Electric IPA von Tê Tê, ebenfalls aus dem Süden Vietnams, zeigte eine zurückhaltendere Fruchtigkeit und eine deutlicher wahrnehmbare Bittere. Zum Abschluss probierte ich das Cheekie Blonde von Three Blind Men, ein schlankes, leicht malziges Bier mit weicher, aber durchaus definierter Bittere. In seiner unkomplizierten Art erinnerte es mich sogar ein wenig an das Bia Hơi, erschien geschmacklich allerdings ausgeprägter.
Auch B’Ross gehörte zu den Marken, denen ich in Hanoi begegnete. Hinter dem Unternehmen steht eine Brauereigeschichte, die unter anderem mit familiärer Imkerei und der Verwendung regionaler Zutaten verbunden ist. Das Kung Fu IPA bringt es auf 6,5 Prozent Alkohol und 50 Bittereinheiten.
Bemerkenswert fand ich vor allem, wie selbstverständlich inzwischen Biere aus unterschiedlichen Teilen Vietnams gemeinsam angeboten werden. East West und Tê Tê stammen aus Ho-Chi-Minh-Stadt, Seven Bridges aus Đà Nẵng, andere Marken aus Hanoi selbst. Die Craft-Beer-Szene hat sich damit längst zu einem überregionalen Markt entwickelt.
Eine völlig andere Bierbegegnung erlebte ich wenig später an der berühmten Train Street. Hier führt die Eisenbahn unmittelbar zwischen Häusern, Cafés und kleinen Restaurants hindurch. Wenn ein Zug kommt, verwandelt sich die ohnehin ungewöhnliche Gasse in ein Schauspiel, das man kaum beschreiben kann, ohne dass es ein wenig übertrieben klingt.
Passend dazu entdeckte ich eine Flasche Hanoi Train Queen. Das Etikett versprach ein Double IPA mit sechs Prozent Alkohol und 60 Bittereinheiten.
Bei dieser Kombination musste ich zunächst schmunzeln. Ein Double IPA mit gerade einmal sechs Prozent Alkohol ist zumindest eine recht eigenwillige Interpretation des Bierstils. Schließlich zeichnet sich ein solches Bier normalerweise auch durch einen deutlich höheren Alkoholgehalt aus.
Doch während ich mein Bier genoss und der Zug unmittelbar an mir vorbeifuhr, spielten solche stilistischen Feinheiten plötzlich keine große Rolle mehr. Das Rattern der Räder, die Nähe der Waggons und die ungewöhnliche Kulisse sorgten für ein Erlebnis, das mir wohl noch lange in Erinnerung bleiben wird.
Wer das Bier tatsächlich produziert, ließ sich nicht eindeutig feststellen. Eine eigene Brauerei hinter der Marke ist jedenfalls nicht belegt. Auch das gehört zur modernen Craft-Beer-Welt: Nicht jede Marke besitzt eine eigene Produktionsstätte. Manche Unternehmen lassen ihre Biere von anderen Brauereien herstellen und konzentrieren sich auf Rezeptentwicklung, Vermarktung und Vertrieb.
Das ist international keineswegs ungewöhnlich. Es erinnert mich allerdings daran, bei der Beschäftigung mit einer Biermarke nicht nur auf Etiketten und wohlklingende Geschichten zu achten, sondern auch auf die Frage, wer das Bier tatsächlich braut.
Cát Bà – zwischen Inselwelten und deutschen Bierklassikern
Nach den fünf Übernachtungen in Hanoi führte mich die Reise weiter auf die Insel Cát Bà. Statt Großstadtverkehr und dicht bebauter Straßen erwarteten mich tropische Vegetation, kleine Buchten und die gewaltigen Kalksteinformationen der Lan-Ha- und Ha-Long-Bucht.
Zu den eindrucksvollsten Erlebnissen gehörte eine Bootstour mit Übernachtung in dieser außergewöhnlichen Landschaft. Zwischen den steil aus dem Wasser ragenden Felsen und den zahlreichen kleinen Inseln entfaltete die Bucht einen ganz eigenen Reiz. Die wechselnden Lichtstimmungen und die ungewöhnlichen Felsformationen machten diese Fahrt zu einem der landschaftlichen Höhepunkte meiner Reise.
Natürlich hielt ich auch hier nach interessanten Bieren Ausschau.
Seven Bridges begegnete mir erneut. Nach der ersten Entdeckung in Tam Cốc war es bereits das zweite Mal, dass ich auf die Brauerei aus Đà Nẵng stieß.
Daneben entdeckte ich zwei Biere von C-Brewmaster, einer Brauerei, deren Geschichte besonders interessant ist. Gegründet wurde das Unternehmen von Nguyễn Văn Cường, der bereits lange vor seinem Einstieg in die Craft-Beer-Szene Erfahrungen in der industriellen Bierproduktion gesammelt hatte. Sein beruflicher Weg führte ihn unter anderem in das Umfeld internationaler Brauereiunternehmen und zur brautechnischen Ausbildung nach Dänemark. Mit C-Brewmaster verbindet er dieses Wissen heute mit einer erstaunlichen Vielfalt unterschiedlicher Bierstile und Zutaten.
Das India Pale Lager zeigte sich schlank und angenehm trinkbar. Besonders auffällig waren für mich die zitrischen Noten, bei denen Orange im Vordergrund stand. Die Bittere war deutlich wahrnehmbar und besaß im Abgang eine leicht adstringierende Komponente, blieb insgesamt aber gut eingebunden.
Noch interessanter fand ich das Smoked Amber Ale mit 6,5 Prozent Alkohol und 35 Bittereinheiten. Rauchbiere können bekanntlich eine ziemlich intensive Angelegenheit sein. Wer einmal ein kräftiges fränkisches Rauchbier getrunken hat, weiß, wie schnell der Eindruck entstehen kann, man hätte nicht nur das Bier, sondern gleich den gesamten Räucherofen mitbestellt.
Hier war das anders. Die Rauchnote blieb angenehm zurückhaltend, während Toffee- und Karamellnoten dem Bier einen weichen, malzbetonten Charakter verliehen. Gerade diese Zurückhaltung gefiel mir. Der Rauch ergänzte das Bier, ohne alle anderen Aromen zu überdecken.
Neben den beiden C-Brewmaster-Bieren begegneten mir auf Cát Bà auch ein Helles und ein Dunkles aus dem Umfeld der Sun Group. Beide orientierten sich an klassischen deutschen Bierstilen und standen damit für einen anderen Ansatz als die vielen fruchtigen IPAs und experimentellen Spezialitäten, die ich bisher kennengelernt hatte.
Interessant ist dabei die Verbindung zu deutscher Brautechnik und Rezeptentwicklung. Nach den Informationen, die mir bislang vorliegen, stehen die Biere im Zusammenhang mit Camba und BrauKon. Camba ist als Brauerei für ihre vielfältigen Bierspezialitäten bekannt, während BrauKon international Brauereianlagen und technische Lösungen entwickelt. Welche konkrete Rolle die beiden Unternehmen bei diesen Rezepturen und ihrer Umsetzung in Vietnam gespielt haben, möchte ich noch genauer klären.
Das Helle und das Dunkle selbst waren eher klassische Vertreter ihrer jeweiligen Bierstile. Nicht jedes Bier muss mit außergewöhnlichen Zutaten oder einer spektakulären Hopfenkombination beeindrucken. Manchmal reicht es schließlich auch, ein ordentliches Helles oder Dunkles zu brauen.
Gerade dieser Gegensatz machte die Begegnung interessant. Auf einer vietnamesischen Insel standen plötzlich deutsche Bierklassiker neben amerikanisch inspirierten IPAs und einem angenehm zurückhaltenden Rauchbier.
Zurück in Tam Cốc – und eine Frage zur Kühlkette
Nach Cát Bà kehrte ich noch einmal nach Tam Cốc zurück. Die Landschaft mit ihren Kalksteinfelsen, Flüssen und kleinen Dörfern war mir inzwischen vertraut geworden, doch auch diesmal wartete eine neue Bierentdeckung.
In einem kleinen Restaurant entdeckte ich Werbung für Barett Craft Beer. Angeboten wurden unter anderem ein Lemongrass Weizen und ein California IPA. Ich entschied mich für Letzteres.
Das California IPA mit sechs Prozent Alkohol und 35 Bittereinheiten war angenehm bodenständig. Keine übertriebene Fruchtigkeit, keine aggressive Bittere, dafür ausgesprochen gut trinkbar. Ein Bier, das nicht unbedingt mit spektakulären Aromen beeindrucken möchte, sondern einfach Freude macht.
Fast interessanter als das Bier selbst war allerdings die Art des Ausschanks.
Die Fässer standen draußen bei normaler Umgebungstemperatur. Erst unmittelbar vor dem Zapfen wurde das Bier durch eine Kühlanlage geleitet und auf Trinktemperatur gebracht.
Als jemand, der sich seit vielen Jahren mit Bier beschäftigt, werde ich bei solchen Beobachtungen natürlich neugierig. Barett beschreibt seine Biere als unfiltriert und nicht pasteurisiert. Bei den hohen Temperaturen Vietnams stellt sich deshalb die Frage, wie lange ein solches Bier unter diesen Bedingungen tatsächlich seine geschmackliche und mikrobiologische Stabilität behält.
Natürlich bedeutet ein ungekühlt stehendes Fass nicht automatisch, dass das Bier pasteurisiert sein muss. Auch weiß ich nicht, wie lange die Fässer dort bereits standen oder wie schnell sie ausgeschenkt wurden. Dennoch können hohe Temperaturen gerade bei hopfenbetonten Bieren die geschmackliche Alterung deutlich beschleunigen.
Damit begegnete mir dieselbe grundsätzliche Frage, mit der ich mich bereits beim traditionellen Bia Hơi in Hanoi beschäftigt hatte: Wie gelingt es, unter tropischen Bedingungen ein empfindliches Produkt vom Braukessel bis ins Glas zu bringen, ohne dass die Qualität darunter leidet?
Barett selbst betreibt eine technisch modern ausgestattete Produktionsbrauerei in Hưng Yên und bietet neben eigenen Bieren auch die Herstellung für andere Marken an. Das Unternehmen steht damit für eine zunehmend professionelle Seite der vietnamesischen Craft-Beer-Industrie.
Doch die beste Brautechnik hilft nur begrenzt, wenn auf dem anschließenden Transportweg oder beim Ausschank ungünstige Bedingungen herrschen. Gerade in einem Land wie Vietnam dürften deshalb Lagerung, Logistik und Kühlketten eine mindestens ebenso wichtige Rolle spielen wie die Entwicklung neuer Rezepte.
Dass Tam Cốc inzwischen aber nicht nur traditionelles Bia Hơi und einzelne Craft-Biere zu bieten hat, zeigte sich bei meinem zweiten Aufenthalt noch auf ganz andere Weise. Im Linh Chi Craft Beer Pub entdeckte ich eine Bierauswahl, die ich in einem vergleichsweise kleinen Touristenort kaum erwartet hätte.
Auf den Karten fanden sich zahlreiche Biere von Heart of Darkness und East West Brewing, zwei Brauereien aus Ho-Chi-Minh-Stadt. Neben verschiedenen Pale Ales und IPAs standen dort sogar ein Imperial Stout, ein New England IPA und mehrere fruchtbetonte Spezialitäten zur Auswahl. Allein die Bandbreite war beeindruckend. Wer hier ausschließlich die üblichen vietnamesischen Lagerbiere erwartet, dürfte ziemlich überrascht sein.
Besonders gut gefiel mir das IPA von East West Brewing. Mit 6,7 Prozent Alkohol und 54 Bittereinheiten ist es ein kräftiger Vertreter der amerikanischen West-Coast-Tradition. Im Glas präsentierte es sich ausgesprochen ausgewogen, mit einer schönen, deutlich wahrnehmbaren Bittere, die im Abgang noch lange nachklang. Eine leichte Adstringenz war ebenfalls vorhanden, ohne den insgesamt harmonischen Eindruck zu stören. Genau diese Verbindung aus Kraft, Balance und einer klaren hopfenbetonten Ausrichtung schätze ich an einem guten West-Coast-IPA.
Auch Kurtz’s Insane IPA von Heart of Darkness entdeckte ich auf der umfangreichen Karte. Ein alter Bekannter, denn dieses Bier hatte ich bereits früher kennengelernt und dabei unwillkürlich an mein eigenes F60 Paranoid IPA aus den Zeiten meiner Brauerei Labieratorium denken müssen. Mit 7,1 Prozent Alkohol und stolzen 102 Bittereinheiten gehört das Kurtz’s zu den ausgesprochen selbstbewussten Vertretern seiner Art. Eine schöne Erinnerung daran, dass ich mich früher selbst intensiv mit solchen kräftigen, hopfenbetonten Bieren beschäftigt habe.
Daneben standen unter anderem das Loose Rivet New England IPA mit 6,3 Prozent Alkohol und 45 Bittereinheiten, das Dream Sensations Hazy IPA mit 5,7 Prozent und 19 Bittereinheiten sowie das Tropical Bia mit Mango und Passionsfrucht auf der Karte. Auch East West war mit weiteren Sorten vertreten, darunter ein Pale Ale, ein Summer und ein Rosé. Nicht alle diese Biere habe ich probiert, doch allein die Auswahl zeigte, wie weit sich vietnamesisches Craft Beer inzwischen verbreitet hat.
Gerade in Tam Cốc fand ich diese Entwicklung bemerkenswert. Bei meinem ersten Aufenthalt war mir hier vor allem die Verbindung aus traditioneller Frischbierkultur und den ersten Craft-Beer-Entdeckungen aufgefallen. Nun begegnete mir ein Lokal, dessen Sortiment sich auch in einer größeren europäischen Stadt keineswegs verstecken müsste.
Eine Bierkultur, die ihre eigenen Wege sucht
Wenn ich auf meine Reise durch Nordvietnam zurückblicke, fällt es mir schwer, diese Bierlandschaft auf einen einzigen Begriff zu reduzieren.
Da sind die traditionellen alkoholischen Reisgetränke, deren Geschichte weit vor die französische Kolonialzeit zurückreicht. Da sind die großen Brauereien, die im Zuge der europäischen Einflussnahme entstanden und später Teil der wirtschaftlichen Entwicklung des modernen Vietnam wurden. Und da ist das Bia Hơi, das bis heute zum Alltag Hanois gehört und dessen gesellschaftliche Bedeutung sich kaum mit Bittereinheiten oder Alkoholprozenten beschreiben lässt.
Gleichzeitig hat sich innerhalb weniger Jahre eine bemerkenswert vielseitige Craft-Beer-Szene entwickelt. Einige Brauereien orientieren sich an internationalen Vorbildern, andere experimentieren mit regionalen Zutaten und versuchen, daraus eine eigenständige vietnamesische Bieridentität zu entwickeln.
Gerade diese Entwicklung finde ich besonders interessant. Natürlich kann man auch in Vietnam ein hervorragendes amerikanisches IPA oder ein belgisch inspiriertes Witbier brauen. Wirklich spannend wird es für mich aber dort, wo sich diese Vorbilder mit den Zutaten, Traditionen und Geschichten des Landes verbinden.
Das Chúc Thơm aus Sapa ist dafür ein wunderbares Beispiel. Ebenso interessant finde ich die Verwendung von Honig, Zitronengras, Reis und anderen regionalen Rohstoffen. Hier liegt ein enormes Potenzial, das längst noch nicht ausgeschöpft sein dürfte.
Doch die Erinnerung an Nordvietnam besteht für mich nicht ausschließlich aus außergewöhnlichen Bieren.
Da ist dieser erste Abend in der Hanoier Altstadt, an dem mich die überraschende Craft-Beer-Vielfalt dazu brachte, meinen zweiten Aufenthalt zu verlängern. Da ist das kräftige Friday IPA in der Standing Bar, das mich gerade durch seine ausgewogene, weniger fruchtbetonte Art überzeugte. Da ist das Chúc Thơm in den Bergen von Sapa, dessen ungewöhnliche Zitrusaromatik mir noch lange in Erinnerung bleiben wird.
Da ist das Double IPA an der Train Street, das ich genoss, während ein Zug unmittelbar an mir vorbeifuhr. Da ist das wunderbar zurückhaltende Smoked Amber Ale auf Cát Bà, das zeigte, dass Rauchbier keineswegs immer nach einem ganzen Schinken schmecken muss. Und da ist schließlich der Linh Chi Craft Beer Pub in Tam Cốc, der mir mit seiner unerwartet großen Auswahl noch einmal vor Augen führte, wie lebendig diese junge Bierlandschaft geworden ist.
Vor allem aber bleibt mir jener Abend in Hanoi in Erinnerung, an dem ich zwischen kleinen Biergläsern, lautstarken Gesprächen und ausgelassener Stimmung plötzlich das Gefühl hatte, in einem Kölner Brauhaus zu sitzen.
Vielleicht ist das die schönste Verbindung zwischen diesen beiden so unterschiedlichen Bierkulturen. Nicht die Rezeptur, nicht der Alkoholgehalt und auch nicht die verwendeten Rohstoffe, sondern die Freude daran, gemeinsam ein Bier zu trinken.
Mit Nordvietnam ist meine Reise durch die vietnamesische Bierwelt allerdings noch lange nicht beendet. Weiter südlich warten andere Brauereien, andere Einflüsse und sicherlich noch manche Überraschung.
Nach diesen ersten Begegnungen bin ich jedenfalls ausgesprochen gespannt, was mich dort erwartet.