War der Westen nur eine Episode?

Warum Asiens Rückkehr, die Wanderung der Macht und Afrikas Zukunft unseren Blick auf die Welt verändern könnten.

Die Frage ist nicht erst in Hanoi entstanden. Eigentlich begleitet sie mich schon eine ganze Weile auf unserer Reise durch Asien. Vielleicht begann sie irgendwann in Malaysia. Auf Borneo bekam sie eine andere Richtung, in Indonesien wurde sie größer, und Singapur ließ mich noch einmal völlig anders auf diesen Teil der Welt schauen. Auch in Thailand blieb sie. Nun, in Hanoi, merke ich, dass aus einer beiläufigen Beobachtung längst eine Frage geworden ist, der ich intensiver nachgehen möchte.

Warum leben eigentlich so viele Menschen hier?

Die Frage klingt zunächst banal. Asien ist riesig. China und Indien gehören zu den bevölkerungsreichsten Staaten der Erde, Indonesien folgt nicht weit dahinter. Wir kennen die Bilder von Millionenstädten, dicht besiedelten Ebenen und scheinbar endlosen Verkehrsströmen.

Unterwegs wird aus diesem Wissen aber etwas anderes.

Man steht im Verkehr von Jakarta, fährt durch die dicht besiedelten Landschaften Javas, sieht die Schiffe vor Singapur, erlebt Bangkok und sitzt schließlich zwischen Tausenden Motorrollern in Hanoi. Irgendwann sind Milliarden Menschen keine Zahl mehr. Man beginnt sich zu fragen, warum sich gerade hier über Jahrtausende derart große Gesellschaften entwickeln konnten.

Und irgendwann verändert sich die Frage.

Wenn heute fast sechs von zehn Menschen auf der Erde in Asien leben – weshalb betrachten wir Europa und Nordamerika eigentlich so selbstverständlich als die Mitte der Welt?

Je länger ich darüber nachdenke, desto weiter führt mich diese Frage zurück.

Asiens Rückkehr: De Impact van een Veranderende Wereldorde

Sehr weit sogar.

Bis nach Afrika.

Wo die Geschichte des Homo sapiens begann

Dort beginnt nach heutigem Forschungsstand die Geschichte des Homo sapiens. Unsere Spezies entstand vor mehreren Hunderttausend Jahren in Afrika, wobei die Forschung inzwischen ein wesentlich komplexeres Bild zeichnet als die frühere Vorstellung von einem einzigen Ursprungsort.

Von Afrika aus breiteten sich Menschen schließlich über den Planeten aus. Über den Nahen Osten nach Eurasien, weiter nach Osten, bis nach Australien und später nach Amerika.

Natürlich gab es damals keine „Mitte der Welt“. Es gab auch keine Weltwirtschaft und keine Großmächte.

Doch irgendwann begannen Menschen, sesshaft zu werden. Sie bauten Pflanzen an, domestizierten Tiere, produzierten Überschüsse. Dörfer entstanden, später Städte und Staaten.

Eine der entscheidenden Regionen lag im Fruchtbaren Halbmond – von der Levante und Anatolien über Mesopotamien bis in das Zagros-Gebirge des heutigen Iran. Doch auch das war kein einmaliger Schöpfungsmoment, von dem anschließend alles andere ausging. Landwirtschaft und komplexe Gesellschaften entstanden an mehreren Orten.

Schon am Anfang unserer Geschichte finden wir also etwas, das später noch wichtig werden wird:

Es gibt nicht zwangsläufig nur ein Zentrum.

Warum leben so viele Menschen in Asien?

Schaut man auf eine physische Karte Asiens, wird verständlicher, weshalb sich gerade hier einige der größten Bevölkerungskonzentrationen der Menschheitsgeschichte entwickelten.

Indus. Ganges und Brahmaputra. Mekong. Roter Fluss. Yangtse. Gelber Fluss.

Gewaltige Flusssysteme, fruchtbare Schwemmebenen, Monsunregen, lange Vegetationsperioden und in vielen Regionen die Möglichkeit intensiver Bewässerungslandwirtschaft. Besonders Nassreis ermöglicht hohe Erträge auf vergleichsweise kleinen Flächen. Wo Klima und Bewässerung mehrere Ernten zuließen, konnten entsprechend viele Menschen ernährt werden.

Doch daraus entstand mehr als nur Bevölkerungswachstum.

Landwirtschaftliche Produktivität ermöglichte größere Bevölkerungen. Größere Bevölkerungen ermöglichten stärkere Arbeitsteilung, Märkte, Städte und komplexere Staaten. Diese wiederum konnten Bewässerungssysteme, Straßen und andere Infrastruktur organisieren, die noch intensivere Landwirtschaft ermöglichten.

Die enorme Bevölkerung Asiens ist deshalb nicht einfach das Ergebnis einer modernen Bevölkerungsexplosion. Ihre Grundlagen reichen Jahrtausende zurück.

Und damit stoße ich auf etwas, das unserem gewohnten europäischen Geschichtsbild erstaunlich stark widerspricht.

Asien war keineswegs immer die ärmere Peripherie einer westlich dominierten Welt.

Im Gegenteil.

Historische Rekonstruktionen der Wirtschaftsleistung kommen für das Jahr 1820 zu einem bemerkenswerten Ergebnis: Rund 56 Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung entfielen damals auf Asien. China allein stand für ungefähr ein Drittel, Indien für weitere 16 Prozent.

China und Indien zusammen erzeugten damit nahezu die Hälfte der gesamten Weltwirtschaft.

Gut 140 Jahre später, 1962, war Asiens Anteil auf weniger als 15 Prozent gefallen.

Allein diese Verschiebung lässt die Geschichte plötzlich anders aussehen.

Vielleicht erleben wir heute gar nicht den „Aufstieg Asiens“.

Vielleicht erleben wir seine Rückkehr.

Wie wurde ausgerechnet Europa zum Mittelpunkt?

Damit stellt sich zwangsläufig die nächste Frage.

Was geschah in diesen wenigen Jahrhunderten?

Irgendwann begann jene Entwicklung, die Wirtschaftshistoriker als „Great Divergence“ bezeichnen. Einige Regionen Europas industrialisierten sich. Kohle stellte ungeheure Mengen Energie bereit. Dampfmaschinen veränderten Produktion und Transport. Wissenschaft, Kapitalmärkte, technische Innovation und neue Formen wirtschaftlicher Organisation beschleunigten die Entwicklung.

Doch zur selben Zeit geschah noch etwas anderes.

Europäische Staaten expandierten über den Planeten.

Sie eroberten Gebiete, kontrollierten Handelswege, versklavten Menschen, eigneten sich Land und Rohstoffe an und zwangen anderen Gesellschaften ihre Handelsbedingungen auf.

Indien geriet unter britische Herrschaft. Die Niederländer kontrollierten große Teile des heutigen Indonesiens. Frankreich herrschte über Indochina. China wurde in den Opiumkriegen militärisch zur Öffnung seiner Märkte gezwungen. Afrika wurde schließlich unter europäischen Mächten aufgeteilt.

War also Gewalt der Grund dafür, dass Europa reich wurde?

So einfach wäre mir die Antwort zu bequem.

Historiker diskutieren bis heute darüber, weshalb ausgerechnet Teile Nordwesteuropas zuerst industrialisierten. Kohle spielte eine Rolle. Wissenschaft und technische Innovation. Institutionen und Kapitalmärkte. Die Konkurrenz europäischer Staaten. Der Zugriff auf Land und Ressourcen der Amerikas. Kolonialismus und Sklaverei.

Wahrscheinlich entstand Europas Vorsprung gerade aus dem Zusammenspiel vieler dieser Faktoren.

Deshalb beschäftigt mich eine andere Frage mehr:

Hätte Europa eine vergleichbare weltweite Dominanz entwickeln können, ohne gleichzeitig große Teile der übrigen Welt gewaltsam zu beherrschen?

Darauf gibt es keine einfache Antwort.

Sicher ist nur: Die europäische Weltordnung, die tatsächlich entstand, war ohne militärische Gewalt und imperiale Herrschaft nicht denkbar.

Und innerhalb erstaunlich kurzer Zeit befand sich ein vergleichsweise kleiner Teil der eurasischen Landmasse im Zentrum einer Welt, deren Regeln er maßgeblich bestimmte.

Als die Mitte über den Atlantik wanderte

Aber auch dieses Zentrum blieb nicht dort.

Zwei Weltkriege schwächten Europa. Kolonialreiche zerfielen. Und das Machtzentrum der westlichen Welt wanderte über den Atlantik.

Nach 1945 entstand mit den Vereinigten Staaten etwas historisch Außergewöhnliches. Wirtschaftliche, technologische, finanzielle, kulturelle und militärische Macht konzentrierten sich in einem Staat in einem kaum gekannten Umfang.

Dollar und Finanzmärkte. Weltbank und Internationaler Währungsfonds. Universitäten und Technologiekonzerne. Hollywood und Popkultur. Militärbasen und Flugzeugträger.

Vielleicht haben gerade diese Jahrzehnte unsere Vorstellung davon geprägt, dass die Welt überhaupt eine eindeutige Mitte besitzen müsse.

Doch während wir uns daran gewöhnten, begann sie sich bereits wieder zu verändern.

Es gibt nicht „das Asien“

Dabei führt schon die Formulierung vom Aufstieg Asiens in die Irre.

Was haben China, Indien, Pakistan, Japan, Indonesien, Russland, Taiwan und Singapur eigentlich gemeinsam, außer dass wir sie derselben riesigen Weltregion zurechnen?

Ihre Voraussetzungen könnten unterschiedlicher kaum sein.

China besitzt gewaltige industrielle Kapazitäten und wird technologisch immer bedeutender, gleichzeitig altert und schrumpft seine Bevölkerung. Indien verfügt über eine jüngere Bevölkerung und einen riesigen Binnenmarkt, muss daraus aber erst in gleichem Maße Produktivität und Wohlstand erzeugen. Japan und Südkorea gehören zu den technologisch fortgeschrittensten Gesellschaften der Erde und altern gleichzeitig rapide.

Und dann ist da Pakistan.

Seine Bevölkerung dürfte in den kommenden Jahrzehnten noch stark wachsen. Man könnte darin einen gewaltigen zukünftigen Markt und eine enorme Zahl potenzieller Arbeitskräfte sehen.

Doch Pakistan zeigt gleichzeitig, weshalb Menschen allein noch keine Macht erzeugen.

Eine junge Bevölkerung wird erst dann zur demografischen Dividende, wenn Bildung, produktive Arbeitsplätze, Infrastruktur und halbwegs verlässliche Institutionen vorhanden sind. Politische Instabilität, der starke Einfluss des Militärs, Konflikte, Wasserknappheit und wirtschaftliche Schwierigkeiten können aus demselben demografischen Potenzial eine Belastung machen.

Menschen können Macht bedeuten. Sie garantieren sie nicht.

Dasselbe gilt für Rohstoffe.

Und das haben wir auf unserer Reise in Indonesien besonders deutlich gesehen.

Rohstoffmacht: Wem gehört eigentlich ein Rohstoff?

Indonesien produziert inzwischen mehr als 60 Prozent des weltweit geförderten Nickels. Nickel wird für Edelstahl und bestimmte Batterietechnologien benötigt. Das Land versucht deshalb seit Jahren, nicht länger lediglich Erz auszuführen, sondern einen größeren Teil der Verarbeitung und damit der Wertschöpfung ins eigene Land zu holen.

Die Idee scheint selbstverständlich:

Wenn der Rohstoff bei uns liegt, weshalb sollen dann andere mit seiner Verarbeitung das große Geld verdienen?

Doch die Wirklichkeit ist komplizierter.

Chinesische Unternehmen kontrollieren inzwischen rund drei Viertel der indonesischen Nickel-Raffineriekapazität.

Der Rohstoff liegt also in Indonesien.

Die Mine ebenfalls.

Selbst die Fabrik steht dort.

Und trotzdem stellt sich die Frage:

Wem gehören Kapital, Technologie und Wissen?

Plötzlich bedeutet wirtschaftliche Unabhängigkeit weit mehr, als lediglich einen wertvollen Rohstoff im Boden zu besitzen.

Und genau hier begegnet uns eine weitere Form von Macht.

Technologiemacht: Warum Taiwan so wichtig ist

Taiwan besitzt keine riesige Bevölkerung und keine gewaltigen Rohstoffvorkommen.

Trotzdem könnte eine schwere Krise um diese Insel Auswirkungen auf die gesamte Weltwirtschaft haben.

Der Grund liegt nicht im Boden, sondern im Wissen.

Taiwan hat mit seiner Halbleiterindustrie eine Schlüsselposition in einer der wichtigsten technologischen Wertschöpfungsketten unserer Zeit. Hochentwickelte Chips werden für Computer, Smartphones, Fahrzeuge, künstliche Intelligenz, Kommunikation und moderne Waffensysteme benötigt.

Das ist Technologiemacht.

Eine kleine Insel kann dadurch geopolitisch ein Gewicht entwickeln, das ihre Fläche oder Einwohnerzahl niemals vermuten ließen.

Und dann gibt es noch einen kleinen Staat, der mich während unserer Reise auf ganz andere Weise beeindruckt hat.

Singapur.

Singapur und die Macht der Knotenpunkte

Singapur besitzt kaum eigene Rohstoffe. Es besitzt wenig Land und nur einen winzigen Bruchteil der Bevölkerung Chinas, Indiens oder Indonesiens.

Und trotzdem ist der Stadtstaat einer der wichtigsten Orte der Weltwirtschaft.

2025 wurden im Hafen 44,66 Millionen Standardcontainer umgeschlagen. Mehr als 130.000 Schiffe laufen Singapur jährlich an, der Hafen ist mit mehr als 600 Häfen weltweit verbunden.

Warum?

Weil Singapur dort liegt, wo andere vorbeimüssen.

Vor seiner Haustür verläuft mit der Straße von Malakka eine der wichtigsten Verkehrsadern der Erde.

Und plötzlich taucht neben Bevölkerungs-, Rohstoff- und Technologiemacht noch eine andere Form von Macht auf:

Knotenpunktmacht.

Man muss die Ware nicht herstellen.

Man muss den Rohstoff nicht besitzen.

Manchmal genügt es, dort zu sitzen, wo Waren, Kapital, Energie, Daten und Menschen zusammenkommen.

Macht folgt auch den Wegen

Schaut man unter diesem Gesichtspunkt auf die Weltkarte, erscheinen plötzlich ganz andere Orte wichtig.

Malakka.

Hormus.

Suez.

Der Bosporus.

Die Taiwanstraße.

Häfen, Eisenbahnen, Pipelines, Unterseekabel und Datenverbindungen.

Schon die alten Seidenstraßen funktionierten nach diesem Prinzip. Städte wurden reich und mächtig, weil Waren und Menschen durch sie hindurchzogen.

Heute gilt dasselbe.

Wenn eine Meerenge unsicher wird, gewinnen alternative Häfen, Pipelines und Eisenbahnen an Bedeutung. Wird Hormus zum Risiko, steigt der strategische Wert alternativer Energie- und Handelskorridore über die arabische Halbinsel zum Roten Meer oder Mittelmeer. Dabei können Staaten wie Saudi-Arabien, die Golfstaaten, Jordanien oder auch Israel zusätzliche Bedeutung als Transitländer erhalten.

Nicht weil sie dadurch automatisch zu einem zweiten Singapur werden.

Sondern weil sich mit den Wegen auch die Bedeutung der Orte verändert, durch die diese Wege führen.

Vielleicht unterschätzen wir diese Form der Macht, weil sie weniger spektakulär erscheint als Raketen, Panzer oder Flugzeugträger.

Dabei kann die Fähigkeit, Verbindungen zu schaffen oder zu unterbrechen, mindestens ebenso bedeutend werden wie die Kontrolle über Territorium.

Und genau deshalb lohnt sich ein Blick weit nach Norden.

Nach Russland.

Russland: Wenn sich die Warenströme nach Osten drehen

Der größte Teil des russischen Staatsgebietes liegt in Asien. Sibirien und der Ferne Osten verfügen über gewaltige Mengen an Energie, Rohstoffen, Wäldern und Land.

Politisch, kulturell und wirtschaftlich orientierte sich Russland dennoch über Jahrhunderte stark nach Europa.

Doch diese Verbindung wird schwächer.

Russlands Entscheidung zum Angriff auf die Ukraine, die darauf folgenden Sanktionen und Europas Abkehr von russischer Energie haben eine Entwicklung enorm beschleunigt, die schon vorher begonnen hatte: Russlands wirtschaftliche Orientierung verschiebt sich nach Osten.

2020 gingen noch rund 41 Prozent seiner Rohöl- und Kondensatexporte nach Asien und Ozeanien. 2024 waren es bereits 81 Prozent. Vor allem China und Indien nahmen die zusätzlichen Mengen auf.

Das stellt Europa vor ein bemerkenswertes strategisches Paradox.

Die wirtschaftliche Abkopplung kann aus europäischer sicherheitspolitischer Sicht nachvollziehbar sein. Gleichzeitig trägt sie dazu bei, Russland enger mit asiatischen Märkten zu verbinden.

Russische Energie und Rohstoffe treffen dort auf chinesische Industrie und einen riesigen indischen Markt.

Das bedeutet keineswegs, dass nun ein geschlossener russisch-chinesisch-indischer Block entsteht. Die Interessen dieser Staaten unterscheiden sich erheblich. Und insbesondere gegenüber China könnte Russland durch diese Verschiebung selbst in eine immer asymmetrischere Position geraten.

Aber etwas hat sich trotzdem verändert.

Die Richtung der Warenströme.

Und Warenströme schaffen Beziehungen.

Manchmal für Jahrzehnte.

Amerikas militärische Macht ist noch lange nicht verschwunden

Bei all dem wäre es leicht, bereits das Ende der amerikanischen Dominanz auszurufen.

Das wäre voreilig.

2025 gaben die Vereinigten Staaten nach Schätzungen des Stockholmer Friedensforschungsinstituts SIPRI rund 954 Milliarden Dollar für ihr Militär aus. China lag bei etwa 336 Milliarden, Russland bei rund 190 Milliarden.

Noch wichtiger ist etwas, das sich nicht einfach in Dollar ausdrücken lässt: Die Vereinigten Staaten besitzen ein weltweites Netz aus Bündnissen, Militärbasen, Partnerschaften und logistischer Infrastruktur.

Doch gleichzeitig verändert sich auch hier das Kräfteverhältnis.

Die Militärausgaben Asiens und Ozeaniens stiegen 2025 um gut acht Prozent. China modernisiert seine Streitkräfte, Japan erhöht seine Verteidigungsausgaben, Taiwan ebenfalls.

Vielleicht muss China die Vereinigten Staaten gar nicht weltweit militärisch überholen.

Vielleicht genügt etwas anderes:

Amerika daran zu hindern, unmittelbar vor Chinas Küste weiterhin selbstverständlich militärisch dominieren zu können.

Das wäre ein fundamentaler Unterschied.

Die USA könnten noch lange die stärkste Militärmacht der Erde bleiben und trotzdem einen Teil ihrer regionalen Hegemonie verlieren.

Auch Macht ist relativ.

Und vielleicht führt genau das zu einer Welt, in der nicht eine neue Macht die alte einfach ersetzt.

Und was, wenn nach Asien Afrika kommt?

Hier könnte man die Geschichte eigentlich beenden.

Asien war über lange Zeit ein wirtschaftliches Schwergewicht. Europa zog vorbei. Amerika übernahm. Nun kehrt Asien zurück.

Ein schöner Kreis.

Nur wäre er vermutlich falsch.

Denn während wir nach China und Indien schauen, verändert sich südwestlich von hier eine weitere Weltregion fundamental.

Afrika.

Während China, Japan, Südkorea und viele andere Gesellschaften altern, wächst Afrikas Bevölkerung weiter. Die Vereinten Nationen gehen davon aus, dass sich die demografischen Gewichte der Welt in diesem Jahrhundert erheblich in Richtung Afrika verschieben werden.

Und gleichzeitig besitzt Afrika etwas, das die industrialisierte Welt dringend benötigt.

Rohstoffe.

Fast die Hälfte der bekannten globalen Kobalt- und Manganreserven sowie mehr als ein Fünftel des natürlichen Graphits liegen nach Angaben der UN-Handelsorganisation UNCTAD auf dem Kontinent.

Kobalt, Kupfer, Mangan, Graphit und weitere Rohstoffe werden für Elektrifizierung, Batterien, Stromnetze und Digitalisierung benötigt.

Das klingt nach einem gewaltigen Vorteil.

Doch Afrika besitzt seit Jahrhunderten wertvolle Rohstoffe.

Und genau das hat viele afrikanische Gesellschaften keineswegs reich gemacht.

Damit kehren wir zu der Frage zurück, die uns schon in Indonesien begegnet ist.

Besitzen ist nicht dasselbe wie beherrschen

Was geschieht, wenn afrikanische Staaten ihre Rohstoffe nicht länger hauptsächlich ausgraben und exportieren?

Wenn aus Kobalt auf dem Kontinent Vorprodukte für Batterien entstehen?

Aus Kupfer Kabel und Elektrotechnik?

Aus landwirtschaftlichen Rohstoffen verarbeitete Lebensmittel?

Wenn Wertschöpfung dort stattfindet, wo die Rohstoffe herkommen?

Und was geschieht, wenn afrikanische Staaten gleichzeitig stärker miteinander handeln, anstatt ihre Volkswirtschaften hauptsächlich auf Europa, China oder andere externe Märkte auszurichten?

Dann würde wirtschaftliche Emanzipation etwas anderes bedeuten als eine bloße Abkehr vom Westen.

Denn Europa ist längst nicht der einzige externe Akteur.

China spielt eine enorme Rolle. Die USA ebenso. Indien wird wichtiger. Die Golfstaaten investieren.

Die eigentliche Unabhängigkeit Afrikas bestünde deshalb vielleicht gar nicht darin, sich für einen dieser Partner und gegen die anderen zu entscheiden.

Sondern darin, mit allen handeln zu können, ohne von einem abhängig zu sein.

Das wäre eine völlig andere Form von Macht.

Und dann bekommt der Anfang dieser Geschichte plötzlich eine unerwartete Verbindung zu ihrer möglichen Zukunft.

Kehrt die Geschichte irgendwann zu ihrem Ausgangspunkt zurück?

Unsere Spezies entstand in Afrika.

Von dort breiteten sich Menschen über den Planeten aus.

In Eurasien entstanden große Agrargesellschaften. China und Indien wurden über lange Zeiträume zu gewaltigen Bevölkerungs- und Wirtschaftsräumen.

Dann verschob sich das Machtzentrum innerhalb weniger Jahrhunderte nach Europa.

Von dort wanderte es über den Atlantik nach Nordamerika.

Nun bewegt sich wirtschaftliches und politisches Gewicht wieder stärker nach Asien.

Und irgendwann könnte Afrika eine wesentlich größere Rolle spielen.

Es wäre verführerisch, daraus einen großen historischen Kreis zu machen:

Afrika – Asien – Europa – Amerika – Asien – Afrika.

Aber Geschichte funktioniert nicht so.

Bevölkerung ist kein Schicksal.

Rohstoffe sind kein Schicksal.

Geografie ist kein Schicksal.

Pakistan zeigt, dass eine große junge Bevölkerung noch keinen Wohlstand garantiert.

Afrikas Geschichte zeigt, dass Rohstoffreichtum keine wirtschaftliche Unabhängigkeit garantiert.

Singapur zeigt umgekehrt, dass ein winziger Staat fast ohne Rohstoffe durch Lage, Institutionen, Wissen und Vernetzung enorme Bedeutung entwickeln kann.

Taiwan zeigt, dass technisches Wissen strategisch ebenso wichtig werden kann wie Öl.

Und Russland zeigt gerade, wie politische Entscheidungen innerhalb weniger Jahre Handelsströme verändern können, die über Jahrzehnte gewachsen waren.

Vielleicht gibt es deshalb gar keine zwangsläufige nächste Weltmacht.

Vielleicht geschieht etwas viel Interessanteres.

Vielleicht verschwindet die Mitte

Vielleicht war nicht die Vorherrschaft Europas die historische Normalität.

Vielleicht war auch das amerikanische Jahrhundert keine Normalität.

Vielleicht war vielmehr die Vorstellung ungewöhnlich, dass ein relativ kleiner Teil der Menschheit überhaupt bestimmen konnte, nach welchen politischen, wirtschaftlichen und teilweise kulturellen Regeln große Teile der übrigen Welt funktionierten.

Dann wäre das 21. Jahrhundert nicht das Jahrhundert, in dem die Macht einfach von Washington nach Peking wandert.

Es könnte das Jahrhundert sein, in dem Macht sich verteilt.

Produktion hier.

Rohstoffe dort.

Technologie anderswo.

Kapital an wieder anderen Orten.

Junge Menschen und zukünftige Märkte zunehmend in Afrika und Südasien.

Militärische Macht weiterhin stark in den USA, zunehmend aber auch in anderen Regionen.

Und dazwischen Orte wie Singapur, deren Bedeutung gerade daraus entsteht, dass die anderen einander brauchen.

Vielleicht werden deshalb jene Orte immer wichtiger, an denen diese verschiedenen Formen von Macht miteinander verbunden werden.

Menschen sind Macht.

Rohstoffe sind Macht.

Wissen ist Macht.

Technologie ist Macht.

Militär kann Macht erzwingen.

Aber auch Wege sind Macht.

Und plötzlich sieht dieselbe Weltkarte vollkommen anders aus.

Wo liegt eigentlich die Mitte der Welt?

Nun sitze ich in Hanoi.

Draußen fahren Motorroller durch die Straßen. Menschen sitzen auf kleinen Plastikstühlen, verkaufen Waren, kochen, arbeiten, bauen, handeln. Eine Stadt voller Bewegung.

Die Frage, die mich seit Monaten begleitet, ist damit nicht beantwortet.

Im Gegenteil.

Aus der zunächst einfachen Frage, warum ausgerechnet in Asien so viele Menschen leben, sind immer neue entstanden.

Warum wurde Europa für einige Jahrhunderte so mächtig?

Welche Rolle spielten Wissenschaft und Industrialisierung – und welche Kolonialismus und Gewalt?

Kann Amerika seine außergewöhnliche Stellung behalten?

Was geschieht, wenn Russland sich dauerhaft stärker nach Asien orientiert?

Was wird aus China, wenn seine Bevölkerung altert?

Was macht Indien aus seiner jungen Bevölkerung?

Kann Afrika irgendwann verhindern, dass andere mit seinen Rohstoffen mehr verdienen als es selbst?

Und wer kontrolliert die Wege zwischen all diesen Zentren?

Vielleicht liegt mein Denkfehler schon in dieser letzten Formulierung.

Denn vielleicht gibt es diese Zentren nur, weil wir gewohnt sind, die Welt auf diese Weise zu betrachten.

Wir Europäer haben über Generationen Karten betrachtet, auf denen Europa ziemlich genau in der Mitte lag. Wir haben Geschichte gelernt, in der die „Entdeckung Amerikas“ eine europäische Entdeckung war, obwohl dort längst Menschen lebten.

Und wir sprechen noch immer vom Fernen Osten.

Fern von wem eigentlich?

Vielleicht verrät unsere Sprache mehr über unsere Vorstellung von der Welt, als uns bewusst ist.

Und vielleicht verändert eine lange Reise deshalb nicht nur die Orte, die man kennt.

Sie verändert den Punkt, von dem aus man auf die Welt schaut.

Ich weiß nicht, ob dieses Jahrhundert chinesisch, indisch, asiatisch oder irgendwann afrikanisch sein wird.

Vielleicht ist genau diese Frage falsch.

Vielleicht erleben wir gerade nicht, wie eine neue Mitte entsteht.

Vielleicht erleben wir, wie die alte Vorstellung von einer Mitte langsam verschwindet.

Und vielleicht ist das Interessanteste am Unterwegssein deshalb gar nicht, herauszufinden, wo die Mitte der Welt liegt.

Sondern irgendwann zu begreifen, dass sie nie dort liegen musste, wo wir sie vermutet haben.