Bali – die heimliche Craftbier-Insel Südostasiens

Zwischen Tempeln, Tropenhitze und überraschend gutem IPA


Bier? Auf Bali?

Als ich das erste Mal nach Indonesien reiste, hatte ich vieles erwartet: Vulkane, Reisfelder, dichte Regenwälder, beeindruckende Tauchreviere, scharfes Essen, Gewürze und freundliche Menschen. Aber ganz sicher keine spannende Craftbier-Szene.

Schließlich befindet man sich im größten muslimischen Land der Erde. Ein Land, in dem Alkohol vielerorts gesellschaftlich kritisch gesehen wird, hohe Steuern erhoben werden und kleine Brauereien mit zahlreichen bürokratischen Hürden kämpfen müssen.

Bier und Indonesien – das passte für mich zunächst nicht wirklich zusammen. Doch manchmal entstehen die interessantesten Biergeschichten genau dort, wo man sie am wenigsten erwartet.

Und so entwickelte sich Bali für mich zu einer der überraschendsten Bierdestinationen Asiens. Nicht wegen der Menge an Brauereien oder spektakulärer Bierfestivals, sondern wegen der Leidenschaft, Kreativität und Eigenständigkeit einer kleinen Szene, die ihren ganz eigenen Weg gefunden hat.


Zwischen Islam, Tourismus und balinesischer Eigenständigkeit

Wer die Craftbier-Szene Balis verstehen möchte, muss zunächst Indonesien verstehen. Mit über 270 Millionen Einwohnern ist Indonesien das größte muslimische Land der Welt. Alkohol spielt in vielen Regionen gesellschaftlich nur eine Nebenrolle. Immer wieder gibt es politische Diskussionen über Verkaufsbeschränkungen, höhere Steuern oder strengere Regulierungen.

Für kleine Brauereien bedeutet das keine einfachen Bedingungen. Malz und Hopfen müssen importiert werden, die Kosten liegen deutlich höher als in klassischen Bierländern Europas. Hinzu kommen Genehmigungen, Steuern und ein Markt, der lange Zeit von wenigen großen Marken dominiert wurde.

Doch Bali war schon immer etwas anders. Die Insel ist überwiegend hinduistisch geprägt und seit Jahrzehnten eng mit Australien, Europa und Nordamerika verbunden. Tourismus, internationale Gastronomie und eine weltoffene Atmosphäre haben hier Rahmenbedingungen geschaffen, die man in anderen Teilen Indonesiens kaum findet.

Genau deshalb konnte sich hier langsam eine Craftbier-Szene entwickeln. Sie ist klein, aber bemerkenswert lebendig.


Die Anfänge – Stark und die ersten Schritte

Die Geschichte beginnt mit einer Brauerei, deren Bedeutung man heute leicht unterschätzt: Stark.

Lange bevor Craft Beer in Canggu zum Trend wurde, experimentierte Stark bereits mit Bierstilen, die sich deutlich von den üblichen Lagerbieren Indonesiens unterschieden. Die Brauerei liegt im Norden Balis bei Singaraja und gilt bis heute als einer der wichtigsten Wegbereiter der indonesischen Craftbier-Bewegung.

Während viele Produzenten auf sichere Massenware setzten, wagte Stark bereits den Schritt zu Weizenbier, Dark Wheat, Ale-Varianten und später auch hopfenbetonteren Bieren. Heute wirkt das selbstverständlich. Damals war es mutig.

Besucht man den Stark Craft Beer Garden, spürt man noch immer etwas von diesem Pioniergeist. Die Anlage mag nicht die modernste der Insel sein, doch sie erzählt ein wichtiges Kapitel balinesischer Biergeschichte.

Ohne Stark gäbe es viele der heutigen Entwicklungen vermutlich nicht.


Eine überraschende Begegnung auf Sulawesi

Meine erste Begegnung mit einem balinesischen Craft Beer fand allerdings gar nicht auf Bali statt, sondern auf Sulawesi. Nach einem langen Reisetag stand plötzlich ein Black Sand IPA vor mir – ein Bier aus Bali, mehrere hundert Kilometer von seinem Ursprungsort entfernt.

Schon der erste Schluck machte neugierig. Das Bier war kräftig, hopfenbetont, fruchtig und erstaunlich ausgewogen. Besonders beeindruckte mich damals, wie gut es mit der indonesischen Küche harmonierte.

Wer regelmäßig scharf isst, weiß, dass viele stark gehopfte Biere schnell an ihre Grenzen kommen. Entweder dominiert die Bitterkeit oder die Gewürze überdecken sämtliche Aromen. Das Black Sand IPA schien dagegen genau für solche Situationen geschaffen. Es blieb präsent, ohne aufdringlich zu wirken.

Es war ein Bier, das man nicht nur analysieren, sondern vor allem trinken möchte. Damals ahnte ich noch nicht, dass dieses IPA später zu einem der roten Fäden meiner Entdeckungsreise durch die Craftbier-Szene Balis werden würde.


Lola’s Tap Beer Bar – der perfekte Einstieg

Meine eigentliche Entdeckung begann einige Wochen später in Sanur, genauer gesagt in Lola’s Tap Beer Bar.

Von außen wirkt die Bar beinahe unscheinbar. Drinnen öffnet sich jedoch eine Welt, die Bierliebhaber sofort begeistert. Besonders beeindruckt hat mich die Atmosphäre: herzlich, offen und getragen von einer ehrlichen Begeisterung für Bier.

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nahmen sich Zeit, erklärten verschiedene Biere und gaben Empfehlungen. Dabei wirkte nichts einstudiert oder aufgesetzt. Man spürte sofort, dass hier Menschen arbeiten, die ihre Produkte kennen und mögen.

Schon die Freundlichkeit der Bedienungen hat mich überwältigt. In vielen Bars bekommt man ein Bier hingestellt. Bei Lola’s hatte ich eher das Gefühl, in eine kleine Szene eingeführt zu werden.

Und genau hier begegnete mir eines der besten Biere meiner gesamten Indonesienreise.


Kura Kura – ein Hazy IPA, das überrascht

Das Hazy IPA von Kura Kura traf mich völlig unerwartet. Schon nach dem ersten Schluck war klar, dass ich etwas Besonderes im Glas hatte.

Das Bier wirkte frisch, fruchtig und wuchtig, gleichzeitig aber erstaunlich ausbalanciert. Saftige Tropenfrüchte dominierten das Aroma, begleitet von einer angenehmen Bitterkeit und einem trockenen Finish. Nichts wirkte klebrig, nichts überladen.

Viele moderne Hazy IPAs neigen dazu, sich in Süße zu verlieren. Dieses nicht. Es besaß Kraft und Eleganz zugleich.

Für mich war es eines jener Biere, bei denen man nach dem ersten Schluck kurz innehält und sich fragt, warum eigentlich kaum jemand darüber spricht.

Kura Kura zeigt eindrucksvoll, wie weit sich die balinesische Craftbier-Szene inzwischen entwickelt hat.


Kura Kura – modernes Bali im Glas

Die Brauerei selbst gehört zur jüngeren Generation der Insel. Gegründet von einem Balinesen, der seine Begeisterung für Craft Beer während seiner Zeit in Australien entwickelte, verbindet Kura Kura internationale Braukultur mit balinesischer Identität.

Schon der Name verweist auf die Schildkröte, die in zahlreichen lokalen Legenden eine wichtige Rolle spielt. Besonders bemerkenswert ist auch die Lage der Brauerei im kühleren Hochland Balis.

Hier entstehen Biere, die längst nicht mehr nur für Touristen gebraut werden. Kura Kura exportiert inzwischen sogar ins Ausland und gehört zu den wichtigsten Botschaftern der modernen balinesischen Bierkultur.


IOI – die vielleicht spannendste Brauerei Indonesiens

Wenn mich jemand nach der größten Überraschung meiner Reise fragt, lautet die Antwort allerdings nicht Kura Kura und auch nicht Black Sand, sondern IOI.

Vor meiner Reise hatte ich vergleichsweise wenig über diese Brauerei gehört. Umso größer war die Überraschung, als ich die ersten IOI-Biere bei Lola’s probierte. Ehrlich gesagt hatte ich nicht erwartet, auf Bali Biere dieser Qualität vorzufinden.

Die Biere wirkten modern, kreativ, eigenständig und charaktervoll. Während viele Brauereien außerhalb Europas und Nordamerikas versuchen, bekannte Vorbilder möglichst exakt zu kopieren, verfolgt IOI einen anderen Ansatz.

Hier entstehen keine bloßen Kopien. Hier entstehen Interpretationen. Die Brauerei versucht, eine eigene indonesische Bieridentität zu entwickeln. Und genau das macht die Biere so spannend.


Islands of Imagination

IOI steht für „Islands of Imagination“. Der Name ist Programm.

Statt lediglich amerikanische oder australische Bierstile nachzubauen, suchen die Brauer nach eigenen Wegen. Viele Biere wirken experimentierfreudig, ohne beliebig zu sein. Sie sind modern, ohne modisch zu wirken, und kreativ, ohne den eigentlichen Trinkgenuss aus den Augen zu verlieren.

Gerade die hopfenbetonten Sorten hinterließen bei mir einen bleibenden Eindruck. Sie zeigen eindrucksvoll, welches Potenzial in der indonesischen Craftbier-Szene steckt.

Für Bierenthusiasten gehören die IOI-Biere aus meiner Sicht zu den spannendsten Entdeckungen auf Bali.


South + East Brewing Co. – ein Schaufenster der Insel

Wenn man die Vielfalt der balinesischen Craftbier-Szene an einem einzigen Ort erleben möchte, führt kaum ein Weg an South + East Brewing Co. vorbei.

Schon die Gestaltung machte Eindruck. Der Ort ist offen, luftig und modern, ohne kühl oder steril zu wirken. Der Blick schweift ins tropische Grün, Innen- und Außenbereich gehen fast nahtlos ineinander über, und man fühlt sich sofort wohl.

Auch die Essensauswahl hat mich sehr angesprochen. Sie geht deutlich über das hinaus, was man in einer klassischen Brauereigastronomie erwarten würde, und passt hervorragend zum entspannten Charakter des Ortes.

Der eigentliche Star ist jedoch die Bierauswahl. Bei South + East konnte ich Beer-Tasting-Boards bestellen und mich durch unterschiedlichste Bierstile probieren. Dadurch wurde der Besuch beinahe zu einer kleinen Bierreise durch Bali: Black Sand, IOI und weitere balinesische Brauereien, unterschiedliche Stile, unterschiedliche Interpretationen und unterschiedliche Geschichten.

Besonders angenehm war die Kompetenz des Teams. Immer wieder kamen Mitarbeiter an den Tisch, erläuterten einzelne Biere oder erzählten etwas über die jeweiligen Brauereien. Man merkte sofort, dass hier Menschen arbeiten, die sich wirklich für Bier begeistern.

South + East ist dadurch weit mehr als nur Restaurant oder Taproom. Es ist ein Schaufenster der gesamten balinesischen Craftbier-Szene.


Black Sand Brewery – das IPA, das Bali perfekt beschreibt

Am Ende landet man jedoch fast zwangsläufig in Canggu und damit bei Black Sand Brewery.

Die Brauerei hat sich in den vergangenen Jahren zu einem der bekanntesten Namen der Insel entwickelt. Wer das Gelände betritt, spürt sofort den Einfluss der internationalen Community, die Canggu prägt.

Hier treffen Surfer, digitale Nomaden, Auswanderer und Reisende aus aller Welt aufeinander. Die Atmosphäre erinnert eher an Melbourne oder Kalifornien als an eine klassische Brauereigaststätte.

Und mittendrin entsteht eines der besten IPAs der Insel.


Warum das Black Sand IPA so gut funktioniert

Viele amerikanische IPAs setzen auf maximale Intensität: mehr Hopfen, mehr Bitterkeit, mehr Alkohol. Das Black Sand IPA verfolgt einen anderen Ansatz.

Es besitzt Kraft, aber keine Schwere. Es hat Intensität, aber keine Aggressivität. Die Frucht steht im Vordergrund, mit Noten von Maracuja, Mango und Zitrus. Dazu kommt eine präzise Bitterkeit, die Struktur gibt, ohne den Trinkfluss zu stören.

Vielleicht ist genau das sein Erfolgsgeheimnis. Dieses Bier wurde nicht für ein Bierfestival in Portland oder Denver entwickelt. Es wurde für Bali gebraut.

Für tropische Temperaturen, für einen Abend nach dem Surfen, für würzige indonesische Küche und für Menschen, die ein aromatisches Bier trinken möchten, ohne danach erschöpft zu sein.

Je häufiger ich es trank, desto besser verstand ich, warum dieses IPA inzwischen einen beinahe legendären Ruf genießt.


Mehr als nur Bier

Was Bali heute so spannend macht, sind letztlich nicht einzelne Brauereien, sondern ihr Zusammenspiel.

Da ist der Mut von Stark, die moderne Identität von Kura Kura, die Kreativität von IOI und das starke IPA von Black Sand. Hinzu kommen Orte wie Lola’s oder South + East, die diese Biere sichtbar machen und überhaupt erst jene Atmosphäre schaffen, in der eine Bierkultur wachsen kann.

Zusammen ergibt sich etwas, das man auf Bali kaum erwarten würde: eine echte Bierkultur. Noch klein, noch jung, aber voller Energie.


Mein Fazit

Wer nach Bali reist, denkt zunächst an Tempel, Strände und Reisfelder. Bier steht selten auf der Liste. Vielleicht sollte es das aber.

Denn die Craftbier-Szene der Insel gehört zu den überraschendsten Entdeckungen, die Südostasien derzeit zu bieten hat. Nicht weil sie riesig wäre oder besonders traditionsreich, sondern weil sie ihren eigenen Weg geht.

Zwischen hinduistischen Tempeln und tropischen Surfstränden, zwischen internationalen Einflüssen und lokaler Identität, zwischen Tradition und Aufbruch entsteht hier eine Bierkultur, die man nicht erwartet hätte.

Und genau das macht sie so spannend.