Vietnam – zwischen Reisterrassen, alten Königreichen und unerwarteten Wendungen

Von den Kalksteinlandschaften Nordvietnams über die Bergdörfer von Sa Pa und die Hạ-Long-Bucht bis zu den alten Tempeln und modernen Städten Zentralvietnams. Wochen voller Begegnungen, beeindruckender Landschaften und einer ungeplanten Unterbrechung, die uns daran erinnerte, dass sich eine Reise nicht immer nach den eigenen Vorstellungen entwickelt.

Am 23. September erreichten wir Hanoi. Hinter uns lagen unsere Wochen in Thailand, vor uns ein Land, dessen landschaftliche und kulturelle Vielfalt mich schon lange neugierig gemacht hatte. Vietnam ist eines jener Länder, die sich nicht auf ein einzelnes Bild reduzieren lassen. Zwischen den Bergen im Norden, den großen Flussdeltas, alten Handelsstädten und modernen Wirtschaftsmetropolen liegen nicht nur gewaltige Entfernungen, sondern auch sehr unterschiedliche Geschichten.

Wir hatten einiges vor, wollten wandern, Menschen begegnen, die Geschichte des Landes besser verstehen und uns dabei möglichst viel Zeit lassen. Dass wir unsere Pläne schon bald gründlich überdenken mussten, ahnten wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Tam Cốc – ein Wiedersehen zwischen Reisfeldern und Kalksteinfelsen

Unsere erste Station war Tam Cốc, südlich von Hanoi. Die Landschaft gehört zur Region Tràng An und ist geprägt von gewaltigen Kalksteinfelsen, die nahezu unvermittelt aus der flachen Ebene aufragen. Dazwischen liegen Reisfelder, kleine Dörfer und Wasserläufe, die sich durch die Landschaft schlängeln.

Vor allem aber trafen wir hier unsere Freunde wieder. Nach den vielen Ortswechseln der vergangenen Monate war es wunderbar, vertraute Menschen um uns zu haben, gemeinsam unterwegs zu sein und einfach Zeit miteinander zu verbringen.

Die Umgebung erkundeten wir mit Fahrrädern, was sich als eine der schönsten Möglichkeiten erwies, diese außergewöhnliche Landschaft kennenzulernen. Auf kleinen Wegen fuhren wir zwischen Reisfeldern und den steil aufragenden Kalksteinfelsen hindurch, vorbei an Häusern, kleinen Tempeln und den alltäglichen Szenen des dörflichen Lebens. Immer wieder hielten wir an, weil sich hinter der nächsten Kurve ein neuer Blick auf die Berge eröffnete.

Besonders eindrucksvoll war unser Aufstieg zum Drachenfelsen bei Hang Múa. Über eine lange, steile Steintreppe ging es hinauf zu einem Aussichtspunkt, von dem aus sich die Landschaft in ihrer ganzen Weite überblicken lässt. Unter uns schlängelte sich der Fluss zwischen den Reisfeldern hindurch, während die Kalksteinfelsen wie gewaltige Inseln aus der Ebene ragten. Ein Anblick, für den sich der schweißtreibende Aufstieg allemal gelohnt hatte.

Die Gegend ist Teil einer Landschaft, deren Geschichte weit über den heutigen Tourismus hinausreicht. In der Nähe liegt Hoa Lư, das im 10. und frühen 11. Jahrhundert Hauptstadt eines eigenständigen vietnamesischen Reiches war. Die alten Tempel erinnern an eine Epoche, in der sich nach langen Phasen chinesischer Herrschaft eine eigenständige politische Ordnung entwickelte. Auch geologisch erzählt die Region eine viel ältere Geschichte, denn ihre Kalksteinformationen entstanden aus Ablagerungen ehemaliger Meereslandschaften, die über Millionen Jahre durch tektonische Prozesse und Verwitterung geformt wurden.

Doch so interessant diese Hintergründe auch sind, in Erinnerung bleiben mir vor allem unsere gemeinsamen Tage. Das Radfahren, die Gespräche, die Landschaft und das schöne Gefühl, für eine Weile nicht nur von einem Ort zum nächsten unterwegs zu sein.

Dass wir schon wenige Wochen später nach Tam Cốc zurückkehren würden, ahnten wir damals nicht. Und noch weniger, wie anders wir diesen Ort beim zweiten Mal erleben sollten.

Sa Pa – Wasserbüffel, Bergvölker und die Kunst, genau hinzusehen

Von Tam Cốc führte uns unsere Reise weit in den Norden nach Sa Pa. Die Landschaft veränderte sich grundlegend. An die Stelle der Kalksteinfelsen traten hohe Berge, tiefe Täler und ausgedehnte Reisterrassen, die sich in zahllosen Stufen an die Berghänge schmiegten.

Sa Pa selbst hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert. Die Stadt ist längst ein bedeutendes touristisches Zentrum geworden, und nicht überall entspricht das, was man dort vorfindet, den romantischen Vorstellungen vom Leben in den Bergen. Uns zog es deshalb vor allem hinaus in die umliegenden Täler und Dörfer.

Besonders eindrucksvoll waren die Begegnungen mit den Wasserbüffeln, die uns während unserer Wanderungen immer wieder entgegenkamen. Manchmal waren ganze Gruppen dieser mächtigen Tiere unterwegs, ohne dass ein Mensch in ihrer Nähe zu sehen war. Wenn einem auf einem schmalen Weg plötzlich mehrere Wasserbüffel entgegenkommen, bleibt man zunächst ganz automatisch stehen. Ihre gewaltigen Körper, die ausladenden Hörner und ihre bemerkenswerte Gelassenheit machen sie zu beeindruckenden Erscheinungen. Auch wenn sie meist ruhig wirken, begegnet man ihnen mit einem gewissen Respekt.

Wir waren an zwei Tagen mit Frauen aus unterschiedlichen ethnischen Gemeinschaften unterwegs. Am ersten Tag begleitete uns eine Frau aus der Gemeinschaft der Schwarzen Hmong, die uns nicht nur durch die Landschaft führte, sondern auch viel über die Pflanzen der Region und deren traditionelle medizinische Verwendung erzählte.

Das war für mich besonders interessant. Während wir häufig an Pflanzen vorbeigehen, ohne ihnen größere Aufmerksamkeit zu schenken, eröffnete sie uns einen ganz anderen Blick auf die Vegetation. Plötzlich hatten Blätter, Wurzeln und Kräuter eine Bedeutung, die weit über ihre bloße Erscheinung hinausging. Natürlich ersetzt traditionelles Pflanzenwissen keine moderne medizinische Versorgung, aber es ist Teil eines über Generationen weitergegebenen Erfahrungsschatzes, der eng mit dem Leben in dieser Landschaft verbunden ist.

Am folgenden Tag waren wir mit einer Frau aus der Gemeinschaft der Roten Dao unterwegs. Auch diese Wanderung führte uns durch eine großartige Berglandschaft, doch mindestens ebenso interessant waren die Gespräche über das Leben in den Dörfern und die Traditionen ihrer Gemeinschaft.

Zum gebuchten Programm gehörte ein gemeinsames Essen bei ihrer Familie. Dass dieser Besuch organisiert war, machte ihn für uns keineswegs weniger eindrucksvoll. Wir saßen zusammen, aßen und erhielten für einige Stunden einen persönlichen Einblick in einen Alltag, der sich in vielerlei Hinsicht von unserem eigenen unterscheidet.

Solche Begegnungen sollte man nicht romantisieren. Die Menschen in den Bergen führen kein Leben außerhalb der modernen Welt, und auch der Tourismus ist längst Teil ihrer wirtschaftlichen Realität geworden. Aber gerade deshalb finde ich es wichtig, nicht nur auf traditionelle Kleidung oder vermeintlich exotische Bräuche zu schauen, sondern den Menschen zuzuhören, die hier leben.

Die Hmong und Dao gehören zu den zahlreichen ethnischen Gemeinschaften Nordvietnams, deren Geschichte von Wanderungsbewegungen, kulturellem Austausch und dem Leben in einer oft schwer zugänglichen Bergregion geprägt ist. Ihre Sprachen, Traditionen und sozialen Strukturen unterscheiden sich teilweise erheblich voneinander. Was für uns Reisende zunächst wie eine einheitliche Berglandschaft erscheint, ist tatsächlich ein Raum großer kultureller Vielfalt.

Nach unseren Tagen in Sa Pa kehrten wir nach Hanoi zurück, wo wir uns schließlich auch von unseren Freunden verabschiedeten.

Hanoi – eine Stadt zwischen Geschichte und Gegenwart

Hanoi empfing uns mit einer Energie, die sich nur schwer in Worte fassen lässt. Motorräder strömten durch die Straßen, auf den Gehwegen wurde gekocht, gegessen, gehandelt und diskutiert, und zwischen den alten Fassaden der Altstadt spielte sich ein Leben ab, das kaum zwischen öffentlichem und privatem Raum zu unterscheiden schien.

Mich faszinierte besonders, wie selbstverständlich sich hier unterschiedliche Zeitschichten begegnen. Hanoi wurde bereits im Jahr 1010 unter dem Namen Thăng Long zum Herrschaftssitz der Lý-Dynastie und entwickelte sich über viele Jahrhunderte zu einem politischen und kulturellen Zentrum. Chinesische Einflüsse, eigenständige vietnamesische Traditionen, die französische Kolonialzeit und die sozialistische Geschichte des 20. Jahrhunderts haben ihre Spuren hinterlassen.

Zwischen Tempeln, kolonialen Gebäuden und modernen Geschäften begegnet man deshalb nicht nur verschiedenen Baustilen, sondern auch den Veränderungen einer Gesellschaft, die sich in den vergangenen Jahrzehnten mit bemerkenswerter Geschwindigkeit entwickelt hat.

Dabei beschäftigte mich immer wieder die Frage, wie sehr unsere Wahrnehmung anderer Länder durch unsere eigenen Vorstellungen geprägt wird. Wir beobachten fremde Lebensweisen, bewerten sie beinahe automatisch und merken häufig erst später, dass wir dabei Maßstäbe anlegen, deren Entstehung wir selbst kaum hinterfragen.

Mit solchen Gedanken hatte ich mich bereits in meinem Artikel „Moralische Grenzen, die wir nicht sehen“ beschäftigt. Gerade unterwegs begegnen mir immer wieder Situationen, die mich daran erinnern, wie wichtig es ist, die eigenen Überzeugungen gelegentlich aus einer anderen Perspektive zu betrachten.

Natürlich spielte auch die vietnamesische Bierkultur während unserer Tage in Hanoi eine Rolle. Besonders das traditionelle Bia Hơi hatte es mir angetan. In einfachen Straßenlokalen sitzen Menschen auf kleinen Plastikhockern zusammen, trinken frisch ausgeschenktes Bier und lassen den Tag ausklingen. Die Atmosphäre erinnerte mich stellenweise tatsächlich an die Geselligkeit rheinischer Brauhäuser, auch wenn die kulturellen Hintergründe natürlich ganz andere sind.

Die ausführliche Geschichte des Bieres in Nordvietnam habe ich bereits in einem eigenen Artikel erzählt. Für unsere gemeinsame Reise waren diese kleinen Lokale vor allem Orte, an denen wir einen weiteren Ausschnitt des vietnamesischen Alltags kennenlernen konnten.

Eine Nacht zwischen den Felsen der Hạ-Long-Bucht

Von Hanoi führte uns unsere Reise an die Küste zur Hạ-Long-Bucht. Die Landschaft mit ihren unzähligen Kalksteininseln, die teilweise nahezu senkrecht aus dem Wasser aufragen, gehört zu den bekanntesten Naturwundern Vietnams.

Wir verbrachten eine Nacht auf dem Wasser, um die Bucht nicht nur während eines kurzen Ausflugs zu erleben. Besonders in den ruhigeren Stunden, als das Tageslicht langsam verschwand und die Konturen der Felsen immer dunkler wurden, entfaltete die Landschaft ihre besondere Wirkung.

Die Inseln und Felsformationen sind das Ergebnis geologischer Prozesse, die sich über viele Millionen Jahre erstreckten. Mächtige Kalksteinschichten wurden angehoben und durch Wasser und Verwitterung geformt. Zurück blieb eine außergewöhnliche Karstlandschaft mit Höhlen, steilen Felswänden und zahllosen kleinen Inseln.

Natürlich ist auch die Hạ-Long-Bucht längst zu einem bedeutenden touristischen Ziel geworden. Zahlreiche Schiffe bringen Besucher in die Region, und die wirtschaftliche Bedeutung des Tourismus stellt den Schutz dieser empfindlichen Landschaft vor große Herausforderungen.

Trotzdem war es ein besonderes Erlebnis, zwischen diesen gewaltigen Felsen unterwegs zu sein und die Landschaft vom Wasser aus zu betrachten. Nach unseren Tagen in Hanoi genossen wir den Wechsel der Perspektive und freuten uns auf die nächste Etappe unserer Reise.

Eigentlich wollten wir nun nach Pù Luông, um dort noch einmal wandern zu gehen. Auf dem Weg dorthin war lediglich ein kurzer Zwischenstopp in Tam Cốc vorgesehen.

Doch dann kam alles anders.

Eine ungeplante Woche in Tam Cốc

Ulrike ging es zunehmend schlechter. Was zunächst wie eine Erkrankung aussah, die sich mit etwas Ruhe überwinden ließe, entwickelte sich zu einer Situation, die uns ernsthaft beschäftigte. Sie war erschöpft, hatte Husten und fühlte sich zunehmend kraftlos.

Unsere Pläne für Pù Luông waren damit erst einmal hinfällig. Aus dem kurzen Zwischenstopp in Tam Cốc wurde schließlich eine ganze Woche.

Es war ein eigenartiges Gefühl, wieder an jenem Ort zu sein, an dem wir kurz zuvor noch so unbeschwerte Tage mit unseren Freunden verbracht hatten. Die Landschaft hatte sich nicht verändert, aber unser Blick darauf war plötzlich ein anderer geworden. Statt Fahrradtouren und Wanderungen zu planen, beschäftigten uns nun Fragen, die mit dem Reisen wenig zu tun hatten.

Wie ernst war Ulrikes Erkrankung? Würde es ihr bald besser gehen? Und war es überhaupt vernünftig, unsere Reise fortzusetzen?

Schließlich verbrachten wir einen ganzen Tag im öffentlichen Krankenhaus von Ninh Bình. Ulrike wurde untersucht, es gab Bluttests und auch einen Test auf Denguefieber, der negativ ausfiel. Zunächst stand eine Lungenentzündung als Diagnose im Raum, und sie erhielt entsprechende Medikamente. Wirklich beruhigend war die Situation für uns trotzdem nicht, denn einige ihrer Beschwerden schienen nicht recht zu diesem Krankheitsbild zu passen.

Für Ulrike, die selbst im Gesundheitswesen arbeitet, war dieser Krankenhausbesuch auch aus beruflicher Sicht eine ungewöhnliche Erfahrung. Vor allem aber war sie in diesem Moment Patientin, in einem fremden Land und fernab jener vertrauten Umgebung, in der man normalerweise medizinische Hilfe sucht.

Nach diesem Tag stand für sie jedenfalls eines fest: Ein weiterer Besuch in diesem Krankenhaus gehörte ganz sicher nicht zu ihren Wünschen.

Dabei möchte ich keineswegs über die medizinische Versorgung in Vietnam urteilen. Dazu reichen unsere persönlichen Erfahrungen nicht aus, und es wäre anmaßend, die Arbeit der Menschen vor Ort pauschal an unseren eigenen Erwartungen zu messen. Vielmehr wurde uns bewusst, wie viele Dinge wir in Deutschland ganz selbstverständlich voraussetzen. Wir kennen die Sprache, sind mit den Abläufen vertraut und bewegen uns in einem Gesundheitssystem, dessen Leistungen wir im Alltag häufig erst dann richtig würdigen, wenn wir plötzlich auf sie angewiesen sind.

Vielleicht gehört auch das zu einer Weltreise. Nicht nur andere Länder kennenzulernen, sondern gelegentlich einen neuen Blick auf das zu bekommen, was man zu Hause längst für selbstverständlich hält.

In den folgenden Tagen bestimmte Ulrikes Gesundheitszustand unseren Alltag. Wir blieben in Tam Cốc, während unsere ursprünglichen Pläne immer weiter in den Hintergrund traten. Natürlich hätten wir uns diese Zeit anders gewünscht, aber manchmal ist die vernünftigste Entscheidung eben die, einfach dort zu bleiben, wo man gerade ist.

Als wir schließlich weiterreisen konnten, führte uns der Weg mit dem Nachtzug nach Zentralvietnam.

Hội An – zwischen Laternen und alten Handelswegen

Fünfzehn Stunden später erreichten wir ziemlich übermüdet den Bahnhof von Đà Nẵng. Ich fahre grundsätzlich gerne mit dem Zug, doch eine Nacht im Schlafwagen hat nicht zwangsläufig viel mit erholsamem Schlaf zu tun. Zum Glück wartete unser Fahrer bereits auf uns, sodass wir wenig später auf dem Weg nach Hội An waren.

Nach den vergangenen Tagen wollten wir vor allem eines: wieder ein wenig zur Ruhe kommen.

Ulrike ging es langsam besser, und wir beschlossen, die kommenden drei Tage bewusst entspannt anzugehen. Keine langen Wanderungen, keine überfüllten Tagesprogramme und möglichst wenig von jenem Ehrgeiz, mit dem man unterwegs manchmal versucht, noch eine weitere Sehenswürdigkeit in einen ohnehin schon vollen Tag zu pressen.

Hội An machte es uns leicht, diesen Vorsatz einzuhalten. Wir ließen uns durch die kleinen Gassen treiben, blieben an alten Häusern stehen und genossen die besondere Atmosphäre der historischen Altstadt. Vor allem am Abend, wenn unzählige Laternen die Straßen erleuchten und sich ihre Farben im Wasser des Thu-Bồn-Flusses spiegeln, entwickelt die Stadt einen Zauber, dem man sich nur schwer entziehen kann.

Dabei ist ihre Geschichte mindestens ebenso interessant wie ihre heutige Erscheinung. Zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert gehörte Hội An zu den bedeutendsten internationalen Handelshäfen der Region. Chinesische und japanische Kaufleute ließen sich hier nieder, europäische Schiffe erreichten die Küste, und mit den Waren gelangten auch Religionen, Ideen und unterschiedliche kulturelle Traditionen in die Stadt.

Die japanische Brücke, die chinesischen Versammlungshäuser und die alten Kaufmannshäuser erinnern bis heute an diese Zeit. Als der Hafen im 19. Jahrhundert zunehmend an Bedeutung verlor, blieb ein großer Teil der historischen Bebauung erhalten. Was wirtschaftlich zunächst ein Niedergang war, erwies sich später als Glücksfall für das kulturelle Erbe. Seit 1999 gehört die Altstadt zum UNESCO-Weltkulturerbe.

Heute ist Hội An wieder ein internationaler Treffpunkt, allerdings sind es nun vor allem Touristen, die das wirtschaftliche Leben prägen. Selbst in der Nebensaison empfand ich die Altstadt bereits als ausgesprochen touristisch. Manchmal fragte ich mich, wie voll die kleinen Straßen erst während der Hauptreisezeit sein müssen.

Gleichzeitig wäre es ziemlich widersprüchlich, sich als Besucher über andere Besucher zu beklagen, ohne die eigene Rolle dabei zu berücksichtigen. Für zahlreiche Menschen in Hội An ist der Tourismus eine wichtige Lebensgrundlage. Restaurants, Unterkünfte, Geschäfte und kleine Familienbetriebe profitieren davon, dass Menschen aus aller Welt diese besondere Stadt kennenlernen möchten.

Für mich gab es in Hội An außerdem eine Begegnung, die mit meiner anderen großen Leidenschaft zusammenhing. Ich traf Travis von der Craftbierbrauerei Seven Bridges, mit dem ich mich ausführlich über die Entwicklung der vietnamesischen Bierkultur unterhielt. Besonders spannend fand ich die Versuche, regionale Zutaten und Geschmacksrichtungen in moderne Bierstile einzubinden, sowie die Überlegungen zu einer ressourcenschonenderen Produktion.

Die ausführliche Geschichte darüber werde ich in meinem Bierweltreiseblog erzählen. Hier soll es bei der Begegnung bleiben, die mir wieder einmal zeigte, wie schnell sich durch ein gemeinsames Interesse Türen öffnen und interessante Gespräche entwickeln können.

Nach drei Tagen fühlten wir uns bereit, weiterzuziehen. Unser Weg führte zurück nach Đà Nẵng, allerdings mit einem Zwischenstopp, der uns gedanklich viele Jahrhunderte in die Vergangenheit versetzte.

Mỹ Sơn – Spuren eines alten Königreiches

Zwischen dicht bewachsenen Bergen liegen die Ruinen von Mỹ Sơn, dem einstigen religiösen Zentrum des Champa-Reiches. Wer heute zwischen den alten Ziegeltürmen unterwegs ist, begegnet einer Geschichte, die in vielen europäischen Vorstellungen von Vietnam kaum eine Rolle spielt.

Lange bevor das Land seine heutige Gestalt annahm, entwickelten sich entlang der zentralvietnamesischen Küste verschiedene Herrschaftsgebiete der Cham. Ihre Kultur war eng mit dem maritimen Handel Südostasiens verbunden und wurde über Jahrhunderte stark von religiösen und kulturellen Einflüssen aus Indien geprägt.

In Mỹ Sơn entstanden seit dem 4. Jahrhundert hinduistische Heiligtümer, die vor allem dem Gott Shiva gewidmet waren. Die kunstvoll errichteten Tempel aus gebrannten Ziegeln und Sandstein erzählen von einer Kultur, deren Handelsbeziehungen und geistige Verbindungen weit über die Grenzen des heutigen Vietnam hinausreichten.

Während wir durch die Anlage gingen, musste ich daran denken, wie selbstverständlich wir heute auf politische Landkarten schauen und die dort eingezeichneten Grenzen als gegeben hinnehmen. Dabei erzählen Orte wie Mỹ Sơn von einer Zeit, in der andere Reiche existierten, andere Sprachen gesprochen wurden und religiöse Vorstellungen über riesige Entfernungen hinweg ihren Weg fanden.

Die Tempel sind allerdings nicht nur Zeugen einer weit zurückliegenden Vergangenheit. Während des Vietnamkrieges wurden große Teile der Anlage durch amerikanische Bombardierungen zerstört oder schwer beschädigt. Zwischen den verbliebenen Türmen stehen deshalb auch Ruinen, die nicht allein durch die Jahrhunderte entstanden sind.

Mich berührte dieser Gegensatz. Bauwerke, die über viele Generationen hinweg errichtet und verehrt wurden, konnten innerhalb kurzer Zeit durch moderne Waffen zerstört werden. Was von ihnen übrig geblieben ist, erinnert heute sowohl an die schöpferischen Fähigkeiten früherer Kulturen als auch an die erschreckende Geschwindigkeit, mit der Menschen deren Hinterlassenschaften vernichten können.

Đà Nẵng – eine Stadt im Aufbruch

Nach unserem Besuch in Mỹ Sơn erreichten wir Đà Nẵng, und der Gegensatz hätte kaum größer sein können. Während wir zuvor durch die Überreste eines alten Königreiches gewandert waren, fanden wir uns nun in einer Stadt wieder, die an vielen Stellen von Aufbruch und Veränderung geprägt ist.

Wir nutzten unsere Zeit, um uns umzuschauen und einen Eindruck von dieser Küstenmetropole zu gewinnen. Moderne Hochhäuser, breite Straßen, lange Sandstrände und neue Bauprojekte prägen vielerorts das Stadtbild. Der Hàn-Fluss zieht sich durch die Stadt, überspannt von mehreren Brücken, unter denen besonders die gewaltige Drachenbrücke zu einem ihrer Wahrzeichen geworden ist.

Doch hinter der modernen Fassade verbirgt sich auch hier eine wechselvolle Geschichte. Die Region gehörte einst zum Einflussbereich des Champa-Reiches. Später entwickelte sich Đà Nẵng zu einem wichtigen Hafen, bevor 1858 mit einem französisch-spanischen Angriff auf die Stadt eine entscheidende Phase der kolonialen Eroberung Vietnams begann.

Während des Vietnamkrieges wurde Đà Nẵng schließlich zu einem bedeutenden amerikanischen Militärstützpunkt. Im März 1965 landeten hier die ersten regulären amerikanischen Bodenkampftruppen. Der nahe gelegene Luftwaffenstützpunkt entwickelte sich zu einer der wichtigsten militärischen Einrichtungen des Krieges.

Wenn man heute entlang der Küste unterwegs ist und die modernen Hotels, Restaurants und Strände betrachtet, fällt es schwer, sich diese Vergangenheit vorzustellen. Nur wenige Jahrzehnte liegen zwischen den Bildern des Krieges und jener Stadt, die sich heute als modernes Wirtschafts- und Tourismuszentrum präsentiert.

Seit den wirtschaftlichen Reformen des Đổi Mới hat Vietnam eine bemerkenswerte Entwicklung durchlaufen. Đà Nẵng gehört zu den Städten, in denen dieser Wandel besonders sichtbar wird. Mit seinem internationalen Flughafen, dem Hafen, den Universitäten, der wachsenden Wirtschaft und seiner Lage zwischen mehreren bedeutenden Kulturstätten hat sich die Stadt zu einem der wichtigsten Zentren Zentralvietnams entwickelt.

Natürlich wirft eine solche Entwicklung auch Fragen auf. Neue Straßen, Hotels und Wohnviertel verändern nicht nur das Stadtbild, sondern ebenso die Lebensbedingungen der Menschen. Wirtschaftliches Wachstum schafft Möglichkeiten, kann aber gleichzeitig bestehende Strukturen verdrängen und neue Ungleichheiten hervorbringen.

Mich beschäftigte besonders, wie dicht hier Vergangenheit und Gegenwart beieinanderliegen. Innerhalb weniger Tage hatten wir die alten Handelshäuser von Hội An, die hinduistischen Tempel von Mỹ Sơn und nun eine moderne Küstenstadt erlebt, die ihre Zukunft mit bemerkenswerter Geschwindigkeit gestaltet.

Dass wir von hier aus noch eine der ungewöhnlichsten touristischen Anlagen unserer bisherigen Reise kennenlernen würden, passte beinahe zu diesem Eindruck.

Über den Baumwipfeln in eine andere Welt

Bei meinen Recherchen zur vietnamesischen Bierkultur war ich auf ein Projekt gestoßen, das mich allein wegen seines Standortes neugierig gemacht hatte. Auf mehr als 1.500 Metern Höhe, mitten in den Bà-Nà-Bergen, befindet sich eine Brauerei. Sie gehört zu Sun World Bà Nà Hills, einer gewaltigen touristischen Anlage, die mit ihren Seilbahnen, Gebäuden und Attraktionen zu den außergewöhnlichsten Projekten zählt, die wir bisher in Südostasien gesehen haben.

Nach einem vorherigen Kontakt mit der Sun Group erhielten wir drei kostenfreie Eintrittsmöglichkeiten und konnten uns selbst ein Bild davon machen.

Schon die Fahrt mit der Seilbahn war ein Erlebnis, das ich so schnell nicht vergessen werde. Unter uns erstreckte sich dichter Bergwald, während unsere Gondel immer weiter an Höhe gewann. Die Bäume wurden kleiner, die Landschaft öffnete sich, und plötzlich tauchte unter uns ein gewaltiger Wasserfall auf. Wir schwebten tatsächlich über ihn hinweg. Tief unter unseren Füßen stürzten die Wassermassen über die Felsen, eingerahmt von steilen, dicht bewachsenen Berghängen. Ich konnte meinen Blick kaum davon lösen. In diesem Moment interessierten mich weder technische Rekorde noch die Frage, wie viele Millionen der Bau einer solchen Anlage gekostet haben mochte. Es war einfach dieses unglaubliche Bild, das sich uns bot und das wir aus einer Perspektive erleben durften, die ohne die Seilbahn niemals möglich gewesen wäre.

Erst anschließend begann ich darüber nachzudenken, welche technische und logistische Leistung hinter dem gesamten Projekt steckt. Mehrere Seilbahnstrecken führen in unterschiedlichen Richtungen auf den Berg und verbinden die einzelnen Bereiche miteinander. Eine der Bahnen stellte bei ihrer Eröffnung im Jahr 2013 gleich mehrere Weltrekorde auf, darunter für ihre enorme Länge und den überwundenen Höhenunterschied.

Doch die Seilbahnen sind lediglich der Anfang. Oben angekommen, fanden wir uns in einer künstlich geschaffenen Welt wieder, deren Ausmaße mich regelrecht überwältigten. Gewaltige Gebäude, Plätze, Gärten, Restaurants und Attraktionen erstrecken sich über das Bergplateau. Vieles ist einer europäischen Architektur nachempfunden, sodass man sich stellenweise eher in einer Fantasieversion eines französischen Ortes als mitten in den Bergen Vietnams wähnt.

Und tatsächlich wird hier oben auch Bier gebraut.

Allein die Vorstellung, eine Brauerei in dieser Höhe zu errichten und zu betreiben, faszinierte mich. Dass sie Teil einer derart gigantischen touristischen Anlage ist, macht das Ganze noch ungewöhnlicher. Für mich als ehemaligen Brauer war es natürlich ein besonderer Anziehungspunkt, doch selbst ohne diese Leidenschaft hätte mich der Ort wohl sprachlos gemacht.

Dabei war meine Begeisterung keineswegs frei von Widersprüchen. Einerseits bewunderte ich die Vorstellungskraft und die technischen Möglichkeiten, mit denen ein solches Projekt verwirklicht wurde. Andererseits fragte ich mich, welcher Aufwand dafür notwendig gewesen sein musste, wie viel Material in diese Berge transportiert worden war und welche langfristigen Auswirkungen ein solcher Eingriff auf die Landschaft haben könnte.

Vielleicht ist es genau diese Mischung aus Faszination und Skepsis, die mir von Bà Nà Hills besonders in Erinnerung bleiben wird.

Natürlich wollten wir auch die berühmte Golden Bridge sehen, jene Fußgängerbrücke, die scheinbar von zwei gigantischen steinernen Händen getragen wird. Ihre Bilder sind längst um die Welt gegangen, und selbst wenn man sie bereits unzählige Male gesehen hat, ist die Konstruktion vor Ort beeindruckend.

Während wir dort oben standen, dachte ich noch einmal an die vergangenen Tage zurück. In Hội An hatten wir die Spuren eines alten internationalen Handelshafens entdeckt, in Mỹ Sơn die Überreste einer hinduistischen Tempelkultur kennengelernt und in Đà Nẵng eine moderne, aufstrebende Großstadt erlebt. Nun befanden wir uns in einer künstlich geschaffenen Erlebniswelt hoch über den Wäldern Zentralvietnams.

Unterschiedlicher könnten Orte kaum sein, und doch erzählen sie alle etwas über dieses Land: über kulturellen Austausch, wirtschaftliche Veränderungen, den Umgang mit Geschichte und die Vorstellungen davon, wie Zukunft aussehen könnte.

Und wieder beginnt etwas Neues

Als wir die Bà-Nà-Berge verließen, ging auch unsere Zeit in Zentralvietnam zu Ende. Ulrike hatte sich inzwischen deutlich erholt, und wir konnten endlich wieder etwas unbeschwerter an die nächsten Tage denken.

Rückblickend waren die vergangenen Wochen ganz anders verlaufen, als wir sie ursprünglich geplant hatten. Wir hatten Freunde wiedergetroffen, waren mit Fahrrädern durch die Kalksteinlandschaft von Tam Cốc gefahren, hatten die Berge Nordvietnams erwandert und eine Nacht zwischen den Kalksteininseln der Hạ-Long-Bucht verbracht. Anschließend waren wir ausgerechnet in Tam Cốc, dem Ort unseres so schönen Wiedersehens, für eine ganze Woche unfreiwillig zum Stillstand gekommen.

Danach hatten uns die alten Gassen von Hội An, die Tempel von Mỹ Sơn und die moderne Küstenstadt Đà Nẵng noch einmal ganz unterschiedliche Seiten Vietnams gezeigt. Und schließlich waren wir mit einer Seilbahn über einen gewaltigen Wasserfall geschwebt, bevor wir auf einem Bergplateau zwischen künstlichen Schlössern und einer Brauerei standen.

Wenn ich darüber nachdenke, sind es nicht allein die Orte, die diese Wochen so besonders gemacht haben. Es sind vor allem die Begegnungen, die unerwarteten Veränderungen und jene Augenblicke, in denen man seine eigenen Vorstellungen vom Reisen hinterfragen muss.

Vielleicht liegt gerade darin einer der größten Unterschiede zwischen einer Urlaubsreise und einer langen Reise um die Welt. Man kann nicht ständig Höhepunkte aneinanderreihen, und man kann schon gar nicht erwarten, dass das Leben unterwegs immer einfacher ist als zu Hause. Auch hier wird man krank, macht sich Sorgen, muss Pläne ändern und Entscheidungen treffen, auf die man eigentlich keine Lust hat.

Aber gerade dadurch entstehen manchmal Erfahrungen, die weit über das hinausgehen, was man ursprünglich gesucht hat.

Nun wartete der nächste Abschnitt auf uns. Von Đà Nẵng flogen wir nach Đà Lạt, bevor es von dort weiter an die Küste nach Mũi Né gehen sollte. Nach den Bergen, den alten Städten und den vielen Kilometern unterwegs freuten wir uns auf das Meer und hoffentlich einige ruhigere Tage.

Vietnam hatte uns bis hierher bereits viel gezeigt. Vor allem aber hatte es uns einmal mehr daran erinnert, dass die interessantesten Geschichten einer Reise selten diejenigen sind, die man vorher geplant hat.