Eigentlich hatte ich etwas anderes erwartet.
Java ist das politische, wirtschaftliche und kulturelle Zentrum Indonesiens. Mehr als 150 Millionen Menschen leben auf der Insel, dazu kommen internationale Metropolen wie Jakarta, die Studenten- und Kreativstadt Bandung und Yogyakarta, eines der wichtigsten touristischen und kulturellen Zentren des Landes. Da müsste doch irgendwo eine lebendige Craftbeer-Szene auf Java existieren.
Nach mehreren Wochen auf Java blieb von dieser Erwartung erstaunlich wenig übrig.
Craftbeer gibt es durchaus. Bars verkaufen es, Restaurants führen es und in Jakarta trifft man Menschen, die eigene Bierideen entwickeln. Aber nahezu immer führt die Spur am Ende nach Bali.
Bayerisches Bier mitten in Jakarta
Die deutlichste Ausnahme steht ausgerechnet mitten in einem Einkaufszentrum.
Im Grand Indonesia befindet sich das Paulaner Bräuhaus Jakarta. Hinter Glas stehen die Sudkessel, und tatsächlich wird hier vor Ort gebraut. Drei Biere werden ausgeschenkt: Helles, Dunkles und Weißbier.
Der indonesische Braumeister hat sein Handwerk in München gelernt. Sämtliche Braurohstoffe kommen nach Auskunft des Hauses aus Deutschland.
Das Helle ist gegenüber seinem Münchner Vorbild etwas stärker auf den lokalen Geschmack zugeschnitten: ein wenig süßer, sehr süffig und unkompliziert. Das Dunkle fand ich hervorragend ausbalanciert und erstaunlich nah an dem, was ich aus Deutschland kenne. Mein Favorit war allerdings das Weißbier. Aromatisch hervorragend – nur leider deutlich zu kalt serviert. Erst nach einigen Minuten im Glas entwickelten sich Banane, Hefe und die typische Würzigkeit vollständig.
Auch in der Küche wird versucht, ein Stück Bayern nach Jakarta zu bringen. Ein Teil der Lebensmittel stammt aus Indonesien, spezielle Gewürze und Gewürzmischungen werden jedoch importiert. Selbst Produkte wie Schweinshaxe kommen nach Aussage des Personals aus Deutschland.
Interessanter als die Speisekarte war für mich allerdings eine andere Information.
Das dort gebraute Paulaner darf nach Aussage des Personals nur an diesem Standort ausgeschenkt werden. Eine Mitarbeiterin der Deutschen Botschaft erzählte uns außerdem von einer Veranstaltung, bei der Paulaner angeboten werden sollte – und dies aufgrund bestehender Vertriebsvereinbarungen nicht möglich gewesen sei.
Einen öffentlich zugänglichen Vertrag, der diese Aussage bestätigt, konnte ich nicht finden. Ein staatlich garantiertes Heineken-Monopol lässt sich ebenfalls nicht nachweisen.
Die wirtschaftlichen Verbindungen sind trotzdem bemerkenswert.
Multi Bintang Indonesia, Hersteller des allgegenwärtigen Bintang, gehört heute zum Heineken-Konzern. Und selbst die Paulaner Brauerei Gruppe ist über ein Joint Venture mit Heineken verbunden: 70 Prozent hält die Münchner Schörghuber-Gruppe, 30 Prozent Heineken.
Die Bierwelt ist auch in Jakarta kleiner, als sie auf den ersten Blick erscheint.
Eine Verbindung bis in die Kolonialzeit
Dass ausgerechnet ein niederländischer Konzern den indonesischen Biermarkt entscheidend prägt, besitzt eine historische Dimension.
Die Geschichte der heutigen Multi Bintang beginnt 1929, noch während der niederländischen Kolonialherrschaft. In Surabaya entstand die Nederlandsch-Indische Bierbrouwerijen, an der Heineken wenige Jahre später beteiligt war.
Nach der indonesischen Unabhängigkeit wurde die Brauerei 1957 verstaatlicht. Zehn Jahre später kehrte Heineken zurück und übernahm erneut die Kontrolle.
Daraus eine direkte Linie von der niederländischen Kolonialherrschaft zur heutigen Marktstellung Heinekens zu ziehen, wäre zu einfach. Aber die Kontinuität ist bemerkenswert: Einer der wichtigsten Akteure im heutigen indonesischen Biermarkt besitzt seine Wurzeln tatsächlich in der Kolonialzeit.
Inglourious Basterds – Ideen ohne eigene Brauerei
Nur wenige Kilometer entfernt begegnet uns eine völlig andere Bierwelt.
Inglourious Basterds gehört zu den Orten, an denen man gerne länger sitzen bleibt als geplant. Gedämpftes Licht, entspannte Musik, eine fast wohnzimmerartige Atmosphäre und Menschen, die offensichtlich nicht nur gekommen sind, um irgendein Bier zu trinken.
Hier entsteht tatsächlich eigenes Craftbeer – zumindest geistig.
In kleinen Mengen werden Rezepturen entwickelt und ausprobiert. Wenn daraus ein kommerzielles Bier werden soll, wird es anschließend extern gebraut.
Das ist kein Zufall.
Die Produktion alkoholischer Getränke ist in Indonesien stark reguliert. Produktionsgenehmigungen, Verbrauchsteuer, Registrierungen und regionale Vorschriften machen den Aufbau einer kleinen kommerziellen Brauerei schwierig und teuer. Was in Deutschland mit einem kleinen Sudhaus beginnen könnte, braucht hier wesentlich mehr Kapital und Verwaltungsaufwand.
Contract Brewing wird damit nicht nur zur wirtschaftlichen Entscheidung, sondern fast zum Geschäftsmodell einer jungen Szene.
Besonders interessant ist dabei eine Verbindung, auf die ich später noch zurückkommen werde: Hinter Inglourious Basterds steht derselbe Betreiber wie hinter Beaches Brewing Co. im Norden Balis.
Die Ideen entstehen also in Jakarta – die Brauinfrastruktur findet sich auf Bali.
Beer Belly – Craftbeer ohne lokale Brauerei
Noch deutlicher wurde dieses Muster wenige Straßen weiter.
Beer Belly wirkt urbaner und etwas hipper. Im Kühlschrank stehen zahlreiche bunte Dosen, dazu kommen vier oder fünf Biere vom Hahn.
Die Auswahl entspricht ziemlich genau dem internationalen Craftbeer-Zeitgeist: Hazy und New England IPAs, weiche Pale Ales, fruchtige Aromen, wenig Bittere und häufig eine merkliche Restsüße.
Doch auch hier kamen die indonesischen Craftbiere überwiegend aus Bali.
Jakarta besitzt also durchaus ein Publikum für modernes Bier. Es gibt Bars, Biernerds, Gastronomen und Menschen, die eigene Rezepte entwickeln.
Was fehlt, sind die kleinen Brauereien.
Craftbeer in Yogyakarta und Bandung
In Yogyakarta erwartete ich noch weniger.
Umso überraschender war das Mediterranea Restaurant. Zwischen mediterraner Küche und internationalem Publikum findet sich dort eine erstaunlich gute Auswahl indonesischer Craftbiere.
Doch wiederholt sich auch hier das gleiche Muster: Die interessanten Biere kommen aus Bali.
Bandung schien zunächst vielversprechender. In der Vergangenheit entstanden dort Homebrew-Projekte und sogar eine Bandung Craft Beer Society. Doch von einer dauerhaft etablierten kommerziellen Mikrobrauereiszene kann heute kaum gesprochen werden.
Es gibt Menschen, die brauen.
Es gibt Menschen, die Craftbeer trinken.
Aber dazwischen fehlt die Infrastruktur, aus der eine eigenständige Szene entstehen könnte.
Warum kommt das Craftbeer aus Bali?
Religion allein erklärt das nicht.
Indonesien ist mehrheitlich muslimisch und Alkohol gesellschaftlich und politisch sensibel. Auf Java ist diese Zurückhaltung vielerorts deutlich spürbarer als auf Bali.
Doch mindestens genauso wichtig sind die wirtschaftlichen und gesetzlichen Rahmenbedingungen.
Wer Alkohol produzieren möchte, benötigt Genehmigungen. Wer ihn vertreiben möchte, ebenfalls. Hinzu kommen Verbrauchsteuern, Produktregistrierungen und teilweise zusätzliche regionale Einschränkungen.
Für eine kleine Brauerei bedeutet das hohe Fixkosten – bevor der erste kommerzielle Sud verkauft ist.
Bali besitzt dagegen etwas, das für eine Craftbrauerei entscheidend ist: einen konzentrierten Markt aus internationalem Tourismus, Gastronomie, Hotels und Bars sowie eine lokale Kultur, in der Alkohol weniger tabuisiert ist.
Damit lohnt sich dort, was auf Java schnell zum wirtschaftlichen Risiko wird.
Craftbeer gibt es – eine Craftbeer-Bewegung kaum
Nach Jakarta, Yogyakarta und Bandung bleibt deshalb ein überraschendes Fazit.
Java besitzt keine ausgeprägte eigenständige Craftbeer-Bewegung.
Es gibt interessante Bars. Es gibt Homebrewer. Es gibt kreative Köpfe und Menschen, die neue Biere entwickeln. Und es gibt mit dem Paulaner Bräuhaus sogar eine echte Mikrobrauerei mitten in Jakarta.
Doch sobald man fragt, wo die modernen indonesischen Craftbiere tatsächlich gebraut werden, landet man erstaunlich oft wieder bei derselben Insel.
Bali.
Vielleicht erzählt genau das mehr über die indonesische Bierkultur als jede Liste der besten Craftbeer-Bars.