Wer an Bali denkt, denkt wahrscheinlich zuerst an Tempel und Reisfelder, an Strände, Palmen und vielleicht an ziemlich viele Motorroller. An eine Wanderinsel eher nicht.
Und tatsächlich gehört Bali nicht zu den großen Wanderregionen dieser Welt. Es gibt keine Fernwanderwege, die man unbedingt einmal gegangen sein muss, keine alpinen Höhenwege und auch keine ausgeprägte Wanderkultur. Doch vielleicht liegt gerade darin ein Teil des Reizes. Denn wer die Straße verlässt und zu Fuß weitergeht, entdeckt auf erstaunlich kleinem Raum sehr unterschiedliche Landschaften.
Im Norden verschluckt tropisches Grün schmale Wege, irgendwo zwischen den Bäumen kündigt das Rauschen den nächsten Wasserfall an. Wenige Kilometer weiter liegen stille Bergseen in alten Vulkanlandschaften. Am Mount Batur knirscht schwarzes Lavagestein unter den Schuhen, während in Sidemen Wasser durch schmale Kanäle von einem Reisfeld zum nächsten fließt.
Bali muss kein Wanderparadies sein. Aber die Insel lässt sich wunderbar erwandern.
Munduk – dem Rauschen des Wassers folgen
Munduk liegt im grünen Hochland Nordbalis auf etwa 800 Metern Höhe. Die Luft ist hier oben oft angenehmer als an der Küste, Kaffee, Kakao und Nelken wachsen an den Hängen und zwischen den Bergen ziehen sich Reisfelder durch die Täler. Vor allem aber gibt es Wasser.
Und irgendwann hört man es.
Zunächst ist da vielleicht nur ein fernes Rauschen zwischen Vogelstimmen und dem Rascheln der Blätter. Dann wird es lauter, der Weg fällt ab, Stufen verschwinden zwischen dichtem Grün – und schließlich steht man vor einem Wasserfall.
Besonders schön ist eine Wanderung, bei der sich gleich fünf davon miteinander verbinden lassen. Etwas mehr als zehn Kilometer führen durch eine Landschaft, die unterwegs immer wieder ihren Charakter verändert. Mal geht es auf schmalen Waldwegen weiter, mal über lange Treppen, durch kleine Plantagen oder entlang von Hängen, an denen Kaffee und Gewürze wachsen.
Auch die Wasserfälle selbst unterscheiden sich. An manchen trifft man auf andere Wanderer und Tagesausflügler, an anderen wird es überraschend still. Wer möchte, kann unterwegs ins Wasser springen und aus einem guten halben Wandertag ganz nebenbei einen längeren machen.
Gerade die Wege zwischen den Wasserfällen machen diese Runde besonders. Man läuft nicht von Attraktion zu Attraktion, sondern bewegt sich durch eine Landschaft, in der Wasser, Landwirtschaft und tropische Vegetation eng miteinander verbunden sind.
Munduk ist deshalb vielleicht kein Ort, für den man die Wanderschuhe allein nach Bali bringen würde. Hat man sie aber dabei, sollte man sie hier unbedingt anziehen.
Tamblingan – 470 Stufen hinunter ins Grün
Nur wenige Kilometer entfernt verändert sich die Atmosphäre. Die Bergseen Buyan und Tamblingan liegen in einer alten Vulkanlandschaft, umgeben von dichtem Wald. Besonders Tamblingan wirkt stellenweise fast ein wenig entrückt. Nebel hängt immer wieder zwischen den Bäumen, Tempel liegen am Ufer und auf dem dunklen Wasser gleiten schmale traditionelle Boote.
Die komplette Umrundung des Sees ist trotzdem nicht die beste Wanderung. Ein längerer Abschnitt führt an der Straße entlang und nimmt der Tour genau jene Ruhe, die sie zuvor so besonders gemacht hat. Schöner ist eine Variante, bei der Wald, See und die ungewöhnlich lange Treppe im Mittelpunkt stehen.
Oben an der Straße beginnt der Abstieg. Rund 470 Stufen führen steil hinunter und immer tiefer hinein in die Vegetation. Mit jedem Abschnitt verschwinden Motorengeräusche und Straße ein wenig mehr. Die Luft wird feuchter, zwischen den Bäumen fällt Licht auf Farne und Moose und irgendwann schimmert unten der See hindurch.
Am Wasser angekommen, führt der Weg durch den Bergregenwald und entlang des Ufers weiter bis zum Eingang des Naturgebietes. Gerade dieser Abschnitt besitzt jene stille Atmosphäre, wegen der sich Tamblingan lohnt.
Am Parkeingang kann die Wanderung enden. Wer mehr daraus machen möchte, verbindet sie mit einer Fahrt in einem der traditionellen Boote. Ein Stück über das Wasser, anschließend wieder zu Fuß durch den Wald – damit wechseln Perspektive und Tempo noch einmal vollständig.
Und wer zum ursprünglichen Ausgangspunkt zurückkehren möchte, trifft irgendwann wieder auf die Treppe. Diesmal von unten.
470 Stufen können plötzlich erstaunlich lang sein. Gleichzeitig gehört gerade dieser Aufstieg zu den Abschnitten, die im Gedächtnis bleiben: Stufe um Stufe gewinnt man Höhe, bis zwischen den Bäumen wieder die Straße auftaucht.
Zusammen mit einer Wanderung durch die Reisfelder und Kulturlandschaft rund um Munduk entsteht so ein zweiter Wandertag, der mit der Wasserfallrunde kaum etwas gemeinsam hat – obwohl nur wenige Kilometer dazwischenliegen.
Mount Batur – den Vulkan sehen, auf den man steigt
Der Mount Batur ist wahrscheinlich der bekannteste Wanderberg Balis. 1.717 Meter hoch erhebt sich der aktive Vulkan innerhalb einer gewaltigen Caldera, die weite Teile dieser Landschaft prägt.
Fast alle angebotenen Touren beginnen mitten in der Nacht. Stirnlampe auf, im Dunkeln hinauf und möglichst rechtzeitig zum Sonnenaufgang auf dem Gipfel stehen. Wenn das Wetter mitspielt, kann das zweifellos ein eindrucksvoller Moment sein. Nur sieht man beim Aufstieg kaum etwas von dem Berg, auf den man gerade steigt.
Es lohnt sich deshalb, über eine Wanderung bei Tageslicht nachzudenken.
Schon während des Aufstiegs verändert sich die Landschaft sichtbar. Die Vegetation wird spärlicher, der Boden dunkler. Lavagestein liegt am Weg, Asche und loses vulkanisches Material knirschen unter den Schuhen. Je höher man kommt, desto weiter öffnet sich der Blick in die Caldera und hinunter auf den Batur-See.
Plötzlich wird verständlich, dass der heutige Berg nur ein Teil einer viel größeren vulkanischen Landschaft ist. Am Krater erinnert warmer Dampf, der an einigen Stellen aus dem Boden tritt, daran, dass diese Geschichte keineswegs abgeschlossen ist. Der Batur ist kein erloschenes Denkmal vergangener Erdgeschichte, sondern ein aktiver Vulkan.
Der Aufstieg ist technisch nicht besonders schwierig, verlangt aber Kondition und Trittsicherheit. Vor allem lohnt es sich, Zeit mitzubringen und gelegentlich stehen zu bleiben – nicht nur, um Luft zu holen, sondern um diese ungewöhnliche Landschaft wahrzunehmen.
Wer unbedingt die Sonne vom Gipfel aufgehen sehen möchte, muss früh aus dem Bett. Wer den Vulkan sehen möchte, auf den er steigt, darf etwas länger schlafen.
Sidemen – wenn der Weg wichtiger wird als das Ziel
Sidemen im Osten Balis braucht keinen spektakulären Gipfel und eigentlich auch keinen festgelegten Endpunkt. Die Landschaft selbst gibt den Rhythmus vor.
Schmale Wege ziehen sich zwischen Reisfeldern hindurch, verschwinden hinter kleinen Häusern und tauchen an Bewässerungskanälen wieder auf. Bananenstauden, Kokospalmen und andere tropische Pflanzen säumen die Wege, Bauern arbeiten auf den Feldern und über allem erhebt sich bei klarer Sicht der Mount Agung.
Manchmal hört man vor allem Wasser. Es läuft neben dem Weg durch kleine Kanäle, verschwindet unter einem Pfad und taucht wenige Meter später auf der nächsten Reisterrasse wieder auf. Was auf Bali so selbstverständlich zur Landschaft gehört, bekommt beim Wandern plötzlich eine Struktur.
Grundlage dafür ist das Subak-System, über das Wasser seit Jahrhunderten gemeinschaftlich verteilt wird. Landwirtschaft, Dorfgemeinschaft und religiöse Vorstellungen sind dabei eng miteinander verbunden. Die berühmten Reisterrassen sind deshalb weit mehr als eine schöne Kulisse für Fotos. Sie sind eine lebendige und bis heute genutzte Kulturlandschaft.
Zu Fuß lässt sich das unmittelbar erleben. Es braucht dafür keine festgelegte „beste Wanderung“. Rund um Sidemen lassen sich kurze Spaziergänge ebenso unternehmen wie längere Touren durch Reisfelder, Dörfer und Plantagen. Gerade wer ohne Eile unterwegs ist, entdeckt hinter einer Wegbiegung immer wieder kleine Szenen, an denen ein Fahrzeug längst vorbeigefahren wäre.
Vielleicht ist Sidemen deshalb einer der Orte auf Bali, an denen Wandern am wenigsten nach Wandern aussieht – und trotzdem besonders viel von der Landschaft und vom Leben auf der Insel erzählt.
Bali muss keine Wanderinsel sein
Bali muss nicht zum Wanderparadies erklärt werden. Die Insel besitzt andere Qualitäten und wäre vermutlich auch ohne einen einzigen Wanderweg eines der faszinierendsten Reiseziele Südostasiens.
Doch wer zu Fuß unterwegs ist, verändert den Maßstab.
In Munduk wird aus einem Wasserfall eine Landschaft aus Wald, Wasser und Plantagen. Am Tamblingan führen 470 Stufen aus der Welt der Straßen hinunter an einen stillen Bergsee. Auf dem Batur wird aus einem bekannten Sonnenaufgangsziel wieder ein Vulkan. Und in Sidemen verwandelt sich das Postkartenmotiv der Reisterrassen in eine Landschaft, in der Menschen leben und arbeiten.
Keine dieser Wanderungen ist eine große Expedition, keine verlangt wochenlange Vorbereitung oder außergewöhnliche bergsteigerische Fähigkeiten. Ihr Reiz liegt woanders: Sie ermöglichen es, für ein paar Stunden das Tempo zu reduzieren und Landschaft nicht nur anzuschauen, sondern sich tatsächlich durch sie hindurchzubewegen.
Denn manchmal beginnt eine Reise in eine Landschaft genau dort, wo die Straße aufhört – und man einfach zu Fuß weitergeht.