Gedanken über Arbeit, Sinn, Gemeinschaft und ein anderes Bild vom Menschen
Seit Monaten beobachte ich in Südostasien Menschen bei der Arbeit. Wobei schon dieser Satz möglicherweise nicht stimmt. Denn oft lässt sich kaum sagen, wo die Arbeit beginnt und wo das übrige Leben aufhört.
Vor einem Haus stehen ein paar Tische. Jemand bereitet Essen zu, verkauft Getränke, spricht mit Nachbarn und kümmert sich zwischendurch um ein Kind. Ein Roller bringt Waren oder Fahrgäste von einem Ort zum anderen. In einer offenen Werkstatt wird etwas repariert, während Freunde danebensitzen und erzählen. Menschen arbeiten, warten, essen, reden und leben am selben Ort.
Irgendwann entstand daraus eine Frage, die mich seitdem nicht mehr loslässt: Wer von all diesen Menschen hat eigentlich einen Arbeitgeber?
Und gleich danach kam eine zweite: Arbeitet dieser Mensch gerade – oder lebt er?
Natürlich wäre es romantisch und falsch, darin nur Freiheit zu sehen. Wer kein verlässliches Einkommen, keine Krankenversicherung und kein soziales Netz besitzt, muss vielleicht jeden Tag etwas verkaufen, fahren oder reparieren. Was von außen selbstbestimmt aussieht, kann schlicht wirtschaftliche Notwendigkeit sein. Trotzdem irritiert mich, wie selbstverständlich wir in Deutschland Arbeit und Leben voneinander trennen. Wir fahren zur Arbeit, erfassen Arbeitszeit und sprechen von Freizeit als jener Zeit, die nach der Arbeit übrig bleibt.
Wir arbeiten, um leben zu können. Gleichzeitig bleibt vielen Menschen durch die Arbeit immer weniger Zeit für das Leben, das sie damit ermöglichen wollen.
Wem gehört diese Zeit?
Muss der Mensch angetrieben werden?
Hinter dieser Frage liegt eine Überzeugung, die mich schon lange begleitet. Ich glaube nicht, dass Menschen grundsätzlich durch Druck, Konkurrenz und Existenzangst zum Tätigsein gezwungen werden müssen. Ich glaube, dass sie einen eigenen Antrieb besitzen, zu lernen, zu gestalten, etwas beizutragen und ihrem Leben Bedeutung zu geben.
Bei kleinen Kindern lässt sich dieser Antrieb beinahe körperlich beobachten. Sie wollen laufen, sprechen, begreifen und mitmachen. Sie stellen Fragen, lange bevor jemand ihre Neugier bewertet. Sie bauen, malen, sammeln, erfinden Spiele, zerlegen Dinge und versuchen herauszufinden, wie die Welt funktioniert. Niemand muss einem kleinen Kind erklären, dass es sich entwickeln soll.
Später beginnt eine Veränderung. Lernen folgt Stundenplänen. Leistungen werden gemessen und verglichen. Fehler werden zu Defiziten. Aus Neugier wird eine Aufgabe, aus einer Aufgabe eine Bewertung und aus der Bewertung irgendwann ein Abschluss, der darüber mitentscheidet, welchen Platz ein Mensch in der Arbeitswelt einnehmen kann.
Damit will ich weder Kindergärten noch Schulen pauschal verurteilen. Dort arbeiten viele Menschen, die Neugier bewahren, Freiräume schaffen und Kinder ernst nehmen. Das Problem liegt tiefer. Große Institutionen müssen Menschen organisieren, Leistungen vergleichbar machen und auf eine arbeitsteilige Gesellschaft vorbereiten. Dabei vermitteln sie fast zwangsläufig auch ein bestimmtes Menschenbild: Ohne Vorgabe wird nicht gelernt. Ohne Bewertung gibt es keine Anstrengung. Ohne Kontrolle keine Leistung.
Später tritt an die Stelle der Note das Gehalt.
Vielleicht ist der Mensch aber gar nicht das Wesen, das ständig angetrieben werden muss. Vielleicht ist er eines, dem wir über viele Jahre beibringen, seinem eigenen Antrieb zu misstrauen.
Arbeit bleibt notwendig. Nahrung muss angebaut, Häuser müssen gebaut, Kranke versorgt und Dinge repariert werden. Doch Arbeit ist nicht dasselbe wie Erwerbsarbeit. Erwerbsarbeit ist eine gesellschaftliche Form, in der Menschen einen Teil ihrer Lebenszeit verkaufen, um Zugang zu den Dingen zu erhalten, die sie zum Leben benötigen.
Diese Form erscheint uns so selbstverständlich, dass wir sie leicht für ein Naturgesetz halten. Aber sie ist eine menschliche Ordnung. Und menschliche Ordnungen können hinterfragt werden.
Was halten wir eigentlich für sinnvoll?
Damit stellt sich eine größere Frage: Wozu ist eine Gesellschaft da?
Soll sie möglichst viel produzieren, wachsen und sich gegenüber anderen behaupten? Soll sie ihre Mitglieder effizient einsetzen und ihre Arbeitskraft bestmöglich verwerten? Oder sollte eine Gesellschaft vor allem Bedingungen schaffen, unter denen Menschen frei, verbunden und sinnvoll leben können?
Das Wort sinnvoll ist dabei keineswegs eindeutig. Für ein Unternehmen kann Gewinn sinnvoll sein. Für eine Volkswirtschaft Wachstum. Für einen Staat Stabilität und Durchsetzungsfähigkeit. Für einen einzelnen Menschen können Beziehungen, Selbstbestimmung, Fürsorge, Neugier und das Gefühl, etwas beizutragen, sinnvoll sein.
Diese Interessen stimmen nicht automatisch überein.
Ein Mensch kann wirtschaftlich produktiv sein und sein Leben trotzdem als leer empfinden. Umgekehrt kann eine Tätigkeit keinen messbaren Marktwert besitzen und dennoch unverzichtbar sein. Wer Kinder begleitet, Angehörige pflegt, Wissen weitergibt, Nachbarn unterstützt oder eine Gemeinschaft zusammenhält, trägt etwas bei. Trotzdem erscheint diese Tätigkeit in unserer wirtschaftlichen Ordnung oft erst dann als richtige Arbeit, wenn jemand dafür bezahlt wird.
Vielleicht verrät schon unsere Sprache, wie wir Menschen betrachten. Wir sprechen von Arbeitskräften, Beschäftigungsfähigkeit und Humankapital. Der Mensch wird zu einer Ressource unter anderen.
Ist unsere Gesellschaft für den Menschen da – oder wird der Mensch danach bewertet, wie gut er den Bedürfnissen des Systems entspricht?
Hat sich das sinnvollste System durchgesetzt?
Auf Reisen bin ich Gesellschaften und Gemeinschaften begegnet, die andere Antworten gefunden haben. Manche organisieren Land oder Arbeit gemeinschaftlicher. Familie und Nachbarschaft übernehmen Aufgaben, die bei uns Institutionen, Versicherungen oder der Staat tragen. Entscheidungen werden anders getroffen, Besitz hat eine andere Bedeutung und das einzelne Leben ist stärker in gemeinsame Verpflichtungen eingebunden.
Keine dieser Gesellschaften ist deshalb automatisch gerechter oder friedlicher. Gemeinschaft kann schützen und ausgrenzen. Tradition kann Orientierung geben und Entwicklung verhindern. Auch kleine Gemeinschaften kennen Macht, Status, Gewalt und Ungleichheit.
Trotzdem zeigen unterschiedliche Kulturen und historische Gesellschaften, dass unsere Verbindung aus Erwerbsarbeit, Eigentum, Wachstum und dauerhafter Hierarchie nicht die einzig mögliche Form menschlichen Zusammenlebens ist.
Vielleicht verwechseln wir häufig, was sich historisch durchgesetzt hat, mit dem, was für Menschen besonders sinnvoll war. Eine Gesellschaft kann ihren Mitgliedern ein erfülltes Leben ermöglichen und trotzdem schlecht darin sein, Territorien zu erobern, große Heere zu unterhalten und immer mehr Ressourcen zu mobilisieren. Ein Reich kann militärisch außerordentlich erfolgreich sein und einem großen Teil seiner Bevölkerung zugleich ein hartes und unfreies Leben zumuten.
Könnte es sein, dass sich nicht immer die menschlichste Gesellschaftsform durchgesetzt hat, sondern jene, die Menschen und Ressourcen am wirkungsvollsten für ihre Expansion organisieren konnte?
Darauf gibt es keine einfache historische Antwort. Gesellschaften verschwanden oder veränderten sich durch Kriege, Krankheiten, Klima, Handel, technische Entwicklungen, Kolonisierung und viele weitere Einflüsse. Die Vorstellung von den friedlichen Gemeinschaften, die lediglich von aggressiveren Gesellschaften ausgelöscht wurden, wäre ebenso zu einfach wie die Behauptung, Hierarchie sei der natürliche Endpunkt jeder Entwicklung.
Aber die Frage bleibt: Was sagt das Überleben eines Systems über seine Menschlichkeit aus?
Gemeinschaft, die trägt
Ich habe erlebt, wie stark Gemeinschaft Menschen tragen kann. Bei Quechua-Gemeinschaften in den Anden begegnete mir eine Verbindung von Familie, Land, Identität und gegenseitiger Verantwortung, die sich mit unserer Vorstellung individueller Absicherung kaum vergleichen lässt. In Toraja auf Sulawesi wurde mir erneut deutlich, wie verlässlich eine Großfamilie sein kann. Menschen tragen gemeinsam Verantwortung, organisieren Feste und Rituale und halten die Verbindung zwischen Lebenden, Verstorbenen und Herkunft auf eine Weise aufrecht, die mich tief beeindruckt hat.
Auch in Indien, Nepal und Bali begegneten mir gesellschaftliche Ordnungen, in denen Zugehörigkeit nicht nur eine private Entscheidung ist. Herkunft, Familie, Religion und sozialer Status geben einem Menschen einen Platz. Dieser Platz kann Halt bedeuten. Er kann aber ebenso festlegen, was von ihm erwartet wird und welche Wege ihm offenstehen.
Gemeinschaft ist zudem nicht für alle Menschen gleich. Wer innerhalb der Ordnung anerkannt ist, wirtschaftliche Möglichkeiten besitzt oder in der Hierarchie weiter oben steht, erlebt dieselbe Tradition anders als jemand, der unten steht. Männer können die Geborgenheit einer Gemeinschaft anders erfahren als Frauen, für die ein Ausbruch aus familiären und sozialen Erwartungen häufig mit einem wesentlich höheren Preis verbunden ist.
Ist Zugehörigkeit noch freiwillig, wenn das Verlassen der Gemeinschaft den Verlust der wirtschaftlichen Existenz, der Familie und der eigenen Identität bedeuten kann?
Vielleicht zeigt sich der Wert einer Gemeinschaft nicht nur daran, wie gut sie ihre Mitglieder trägt. Vielleicht zeigt er sich ebenso daran, wie frei sie diese gehen lässt.
Ein System gegen ein anderes
Meine Suche nach anderen Lebensformen führte mich auch in Ökodörfer und Communities. Einige Tage verbrachte ich im Ökodorf Sieben Linden. Ich schaute mir an, wie Entscheidungen getroffen, Kreise gebildet und Verantwortungsbereiche verteilt wurden. Ich erlebte die Atmosphäre und begegnete Menschen, die vieles von dem infrage stellten, was auch ich infrage stellte: Konsum, Eigentum, Arbeit, Entscheidungsstrukturen und unseren Umgang mit der Natur.
Eigentlich hätte mich das befreien können. Stattdessen machte es mir eher Angst.
Ich hatte das Gefühl, ein bestehendes System gegen ein anderes einzutauschen. Wieder würde ich mich in eine Ordnung einfügen, ihre Regeln lernen und mich auf gemeinsame Vorstellungen verständigen müssen. Ich fragte mich, wie viel Raum darin für meine eigene Wahrnehmung bliebe.
Ob dieses Gefühl dem tatsächlichen Leben in Sieben Linden gerecht wurde, weiß ich nicht. Ich war nur wenige Tage dort. Vielleicht erzählte meine Reaktion mindestens ebenso viel über mich wie über das Ökodorf. Aber sie war da. Und ich kann sie nicht aus meiner Erfahrung herausstreichen, nur weil sie nicht zu meiner Vorstellung einer alternativen Gemeinschaft passte.
Ähnlich ging es mir bei Meditationsseminaren und längeren Meditationswochen. Ich konnte die Stille, die Praxis und einzelne Gedanken mitgehen. Doch irgendwann kam häufig ein Punkt, an dem ich meinte, nicht mehr nur eine Methode kennenzulernen. Ich sollte mich auf einen Weg einlassen, der seine eigenen Erklärungen, Regeln und Autoritäten mitbrachte.
Ich kann einen Weg eine Zeit lang mitgehen, ohne ihn zu meinem einzigen Weg erklären zu wollen.
Vielleicht werde ich genau dort unruhig, wo eine Gemeinschaft nicht nur einen Raum schafft, sondern auch festlegt, wie die Menschen in diesem Raum zu denken, zu fühlen oder zu leben haben.
Freireisend
Diese Spannung begleitet mich vermutlich schon sehr lange. Auf der Walz gab es die Möglichkeit, einem Schacht beizutreten. Ein Schacht bietet Tradition, Regeln, Zugehörigkeit, Schutz und ein Netzwerk. Ich entschied mich schnell dafür, als Freireisender unterwegs zu sein.
Damit war mehr Unsicherheit verbunden. Aber ebenso mehr Raum für meine eigenen Wahrnehmungen.
Ich wollte die Welt nicht durch die Regeln einer neuen Gemeinschaft erklärt bekommen. Ich wollte ihr selbst begegnen.
Vielleicht hat diese Entscheidung mit der Welt zu tun, in der ich aufgewachsen bin. Das Dorf und später die Stadt boten Verlässlichkeit und ein gewisses Vertrauen. Menschen kannten einander, halfen sich und wussten, wohin sie gehörten. Gleichzeitig gab es traditionelle und konservative Vorstellungen davon, wie man leben sollte, was vernünftig war und wie weit man von den Erwartungen abweichen durfte.
Vieles davon empfand ich als eng. Ich wollte hinaus.
Doch es wäre falsch, meine Herkunft nur als Begrenzung zu beschreiben. Sie gab mir offenbar genug Vertrauen, um diese Begrenzung wahrzunehmen und sie schließlich zu verlassen. Vielleicht bin ich nicht gegangen, obwohl ich dort verwurzelt war. Vielleicht konnte ich gehen, weil ich verwurzelt war.
Neugier wird häufig mit Mut verwechselt. Vielleicht braucht ein Mensch für den Aufbruch aber vor allem ein grundlegendes Vertrauen: dass die Welt nicht nur feindlich ist, dass Menschen ansprechbar sind und dass sich auch dann ein Weg finden lässt, wenn er noch nicht zu sehen ist.
Ich musste die vertraute Welt nicht verlassen, weil dort alles falsch war. Ich musste sie verlassen, um herauszufinden, ob sie die ganze Welt war.
Wie viel Gemeinschaft hält Freiheit aus?
Damit stehe ich vor einem Widerspruch. Ich wünsche mir Gemeinschaft und werde gleichzeitig unruhig, wenn sie mir zu genau erklären will, wie ich zu leben und die Welt zu verstehen habe.
Der individualisierte Mensch kann frei sein, aber auch einsam, verletzlich und wirtschaftlich abhängig. Die enge Gemeinschaft kann tragen, aber ebenso kontrollieren und begrenzen. Gesucht wäre eine Form des Zusammenlebens, die beides ermöglicht: Zugehörigkeit, ohne Gleichheit der Lebensentwürfe zu verlangen. Freiheit, ohne Verantwortungslosigkeit zu fördern. Nähe, ohne Kontrolle auszuüben. Verbindlichkeit, ohne Menschen festzuhalten.
Wie viel Individualität hält Gemeinschaft aus – und wie viel Gemeinschaft braucht ein freier Mensch?
Vielleicht liegt das Problem nicht in Regeln an sich. Auch Commons und selbstorganisierte Gemeinschaften benötigen Vereinbarungen, Verfahren für Konflikte und eine gerechte Verteilung notwendiger Aufgaben. Freiheit ist nicht Regellosigkeit. Die entscheidende Frage lautet, wer die Regeln schaffen und verändern kann, wer durch sie Macht gewinnt und ob Menschen widersprechen dürfen, ohne ihre Zugehörigkeit zu verlieren.
Eine freie Gemeinschaft müsste Menschen tragen, ohne sie zu besitzen. Sie müsste Orientierung geben, ohne die Welt abschließend zu erklären. Sie müsste Unterschiede zulassen, ohne sie sofort in eine Rangordnung zu verwandeln. Und sie müsste den Austritt ermöglichen, ohne dass ein Mensch dadurch sein Recht auf ein würdiges Leben verliert.
Das alte System in der neuen Gemeinschaft
Alternative Gemeinschaften geraten dabei von zwei Seiten unter Druck. Von außen bleiben sie in Eigentumsrecht, Steuern, Sozialversicherungen, Energiepreise und Märkte eingebunden. Ein Kollektiv kann Land gemeinschaftlich nutzen wollen. Nach außen braucht das Grundstück häufig trotzdem einen Eigentümer, die Bank einen Vertragspartner und eine Behörde einen Verantwortlichen.
Dadurch können Hierarchien durch die Hintertür zurückkehren. Wer das Grundstück besitzt, den Kredit unterschrieben hat, besonders viel Wissen mitbringt oder die Kontakte nach außen pflegt, verfügt strukturell über mehr Einfluss – auch wenn niemand das beabsichtigt hat.
Aber das bestehende System wirkt ebenso in den Menschen weiter. Wir bringen unsere Erfahrungen mit: Konkurrenz, Angst vor Ablehnung, den Wunsch nach Anerkennung, die Gewohnheit, Verantwortung nach oben abzugeben oder selbst Kontrolle zu übernehmen. Manche Menschen reden viel, andere kaum. Charismatische Personen gewinnen informelle Macht. Fürsorgearbeit bleibt unsichtbar. Alte Verletzungen tauchen in neuen Konflikten wieder auf.
Wir können eine Hierarchie verlassen. Aber damit hat die Hierarchie uns noch lange nicht verlassen.
Vielleicht sind wir durch unsere Gesellschaft so geprägt und an manchen Stellen so verletzt, dass wir uns selbst nur schwer vollständig annehmen können. Das Wort traumatisiert wäre für eine ganze Gesellschaft möglicherweise zu groß und zu klinisch. Doch viele Menschen haben gelernt, wesentliche Teile ihres Erlebens zurückzustellen, um zu funktionieren. Müdigkeit gilt als Schwäche, Unsicherheit als Mangel, ein Fehler als persönliches Versagen.
Später erwarten alternative Gemeinschaften von denselben Menschen, selbstbestimmt, konfliktfähig, gemeinschaftlich und innerlich frei zu handeln. Vielleicht verlangen sie Fähigkeiten, die unsere bisherigen Institutionen nur unzureichend fördern.
Wir wünschen uns eine freie Gesellschaft, haben aber häufig gelernt, entweder zu gehorchen oder selbst Kontrolle auszuüben.
Wie verlassen wir den Kreislauf?
Es wäre verführerisch, nun ein neues System zu entwerfen. Ein weltweites Grundeinkommen, gemeinschaftliches Eigentum, weniger Erwerbsarbeit und mehr direkte Beteiligung könnten wichtige Bestandteile sein. Doch keine einzelne Reform wird den Widerspruch auflösen.
Ein Grundeinkommen könnte das Recht auf Leben ein Stück weit von wirtschaftlicher Verwertbarkeit trennen. Wer nicht jede Arbeit annehmen muss, um zu überleben, kann Nein sagen. Dieses Nein verändert Macht. Schwere, gefährliche und gesellschaftlich notwendige Tätigkeiten müssten dann besser bezahlt, gerechter verteilt, technisch erleichtert oder automatisiert werden.
Eine sichere Grundversorgung mit Wohnen, Bildung, Medizin, Mobilität und Zugang zu Wissen könnte ähnliche Freiheit schaffen. Kürzere Erwerbsarbeitszeiten könnten Produktivitätsgewinne nicht nur in mehr Konsum, sondern in mehr verfügbare Lebenszeit übersetzen. Rechtlich geschützte Commons und Genossenschaften könnten Räume schaffen, in denen Land, Wissen und Infrastruktur nicht immer wieder privatisiert werden.
Aber strukturelle Veränderungen allein genügen nicht. Ein neues System kann mit alten Ängsten, alten Machtmustern und dem alten Wunsch nach Kontrolle gefüllt werden.
Ebenso wenig genügt die Arbeit am einzelnen Menschen. Wenn wir von jedem verlangen, er müsse nur bewusster, konfliktfähiger und innerlich freier werden, verwandeln wir gesellschaftliche Probleme in private Aufgaben. Dann wird selbst Befreiung zu einer Form der Selbstoptimierung.
Individuelle Veränderung ohne strukturelle Veränderung wird leicht zur Selbstoptimierung. Strukturelle Veränderung ohne innere Veränderung reproduziert leicht die alten Machtverhältnisse in einer neuen Organisation.
Beides müsste gleichzeitig beginnen.
Individuell könnte das heißen, den eigenen Wert nicht länger vollständig mit Leistung zu verbinden, die eigene Motivation wieder wahrzunehmen, Grenzen zu setzen und Konflikte auszuhalten. Gemeinschaftlich hieße es, Macht sichtbar zu machen, Regeln veränderbar zu halten, Fürsorge anzuerkennen und Widerspruch nicht als Verrat zu behandeln. Strukturell müsste es möglich werden, die Existenz zumindest teilweise von Erwerbsarbeit zu lösen und Menschen die materielle Freiheit zu geben, eine Arbeit, eine Familie oder eine Gemeinschaft verlassen zu können.
Vielleicht verlassen wir den Kreislauf nicht durch einen großen Sprung. Vielleicht entsteht innerhalb des bestehenden Systems schrittweise mehr Raum für andere Erfahrungen.
Was würde uns das schenken?
Dieser Prozess klingt zunächst anstrengend. Nach täglicher Arbeit an sich selbst, nach Routinen, Reflexion und einer weiteren Aufgabe, die erfüllt werden muss.
Doch sobald wir sagen, ein freier Mensch müsse besonders intensiv an sich arbeiten, drohen wir erneut die Logik des Systems zu übernehmen. Dann wird auch das eigene Menschsein zum Projekt. Aus wirtschaftlicher Selbstoptimierung wird seelische Selbstoptimierung.
Vielleicht geht es weniger darum, härter an uns zu arbeiten, als darum, uns selbst aufmerksamer zu begegnen.
Was könnten wir dadurch gewinnen? Vielleicht müssten wir weniger Kraft dafür aufwenden, ein bestimmtes Bild von uns zu verteidigen. Wir müssten unseren Wert nicht permanent beweisen. Kritik bedrohte nicht sofort unsere ganze Person. Ruhe müsste nicht erst verdient werden. Neugier bräuchte keinen wirtschaftlichen Nutzen.
Wir könnten wieder Tätigkeiten nachgehen, bei denen Tätigkeit und Sinn zusammenfallen: bauen, schreiben, musizieren, gärtnern, forschen, kochen, reparieren, wandern, erzählen oder für andere da sein. Nicht weil diese Dinge immer angenehm sind, sondern weil wir in ihnen anwesend sind.
Vielleicht würden Menschen ohne Erwerbszwang nicht aufhören zu arbeiten. Vielleicht würden sie nur aufhören, jede Tätigkeit danach zu beurteilen, ob sich mit ihr Geld verdienen lässt.
Wir könnten Beziehungen führen, in denen der andere weniger für unser Selbstbild zuständig ist. Wir könnten widersprechen, ohne Zugehörigkeit sofort infrage zu stellen. Wir könnten weniger besitzen müssen, wenn Konsum nicht länger Anerkennung, Trost, Sicherheit und Identität zugleich ersetzen soll.
Was wir gewinnen würden, wäre keine Vollkommenheit und vermutlich auch keine dauerhafte Zufriedenheit. Vielleicht wäre es etwas Schlichteres: mehr verfügbare Lebenszeit, tiefere Beziehungen, größere Neugier und das Gefühl, im eigenen Leben tatsächlich anwesend zu sein.
Die Chance der Globalität
Zum ersten Mal sind große Teile der Menschheit technisch unmittelbar miteinander verbunden. Wissen kann weltweit geteilt, Zusammenarbeit über Grenzen hinweg organisiert und die Verteilung von Ressourcen zumindest grundsätzlich global gedacht werden.
Bisher hat die Globalisierung vor allem Märkte, Waren, Daten und Kapital verbunden. Die entscheidende Chance könnte darin liegen, daraus eine Globalität menschlicher Verantwortung entstehen zu lassen.
Was wäre, wenn die maßgebliche Gemeinschaft nicht mehr Nation, Religion, Ethnie oder soziale Klasse wäre, sondern die Menschheit?
Globalität garantiert keinen Frieden. Dieselben Technologien ermöglichen Überwachung, Manipulation und eine enorme Konzentration von Macht. Weltweite Märkte können Ressourcen verteilen oder ihre Ausbeutung beschleunigen. Digitale Netzwerke können Verständnis schaffen oder Feindbilder vervielfachen.
Deshalb kommt es darauf an, welches Menschenbild wir in unsere globalen Strukturen einschreiben. Gehen wir davon aus, dass Menschen kontrolliert, motiviert und gegeneinander in Konkurrenz gesetzt werden müssen? Dann wird eine globale Ordnung dieses Misstrauen vergrößern. Trauen wir ihnen zu, sich zu entwickeln, beizutragen und zu kooperieren, wenn ihre Grundbedürfnisse gesichert sind? Dann könnten globale Strukturen genau dafür Räume schaffen.
Das Globale müsste das Lokale dabei nicht auflösen. Vielleicht liegt die Chance in einer neuen Verbindung: lokal überschaubar leben, regional kooperieren und global Verantwortung übernehmen.
Eine gemeinsame Ordnung müsste nicht überall dieselbe Lebensform vorschreiben. Sie könnte grundlegende Sicherheit, Würde, Rechte, ökologische Grenzen und Zugang zu Wissen garantieren – und innerhalb dieses Rahmens sehr unterschiedliche Antworten darauf zulassen, was ein sinnvolles Leben ist.
Wem gehört unsere Zeit?
Je länger ich darüber nachdenke, desto weniger geht es mir um die Abschaffung von Arbeit. Menschen werden immer tätig sein müssen. Und vermutlich wollen sie tätig sein. Sie wollen lernen, gestalten, helfen, erfinden und etwas hinterlassen.
Die eigentliche Frage lautet, unter welchen Bedingungen sie das tun.
Tun sie es aus Angst, ohne Einkommen ihr Recht auf ein würdiges Leben zu verlieren? Tun sie es, weil eine Familie, eine Tradition oder eine Institution ihren Platz festgelegt hat? Oder können sie selbst entdecken, was sie beitragen möchten und welche Verantwortung sie übernehmen können?
Vielleicht braucht ein friedlicher Planet nicht zuerst ein vollkommen ausgearbeitetes neues Wirtschaftssystem. Vielleicht braucht er eine neue Erzählung darüber, was Menschen tun, wenn man aufhört, sie durch Angst zum Funktionieren zu zwingen.
Diese Erzählung dürfte nicht behaupten, der Mensch sei von Natur aus vollkommen gut. Menschen können egoistisch, gewalttätig und machtbesessen handeln. Sie tragen Konkurrenz und Kooperation, Angst und Vertrauen, Machtstreben und Fürsorge in sich. Entscheidend ist, welche Seiten die Bedingungen fördern, unter denen sie aufwachsen und leben.
Welche Gesellschaft bringt die Menschen hervor, die sie anschließend als Begründung für ihre eigene Ordnung benutzt?
Ich habe die Enge der Welt, in der ich aufgewachsen bin, verlassen wollen. Gleichzeitig gab sie mir offenbar genug Vertrauen, um überhaupt aufzubrechen. Seitdem habe ich andere Gesellschaften, Gemeinschaften und Lebensentwürfe kennengelernt. Keine davon hat mir die endgültige Antwort gegeben. Jede hat jedoch eine Selbstverständlichkeit infrage gestellt.
Vielleicht beginnt eine friedlichere Gesellschaft nicht mit der einen richtigen Ordnung. Vielleicht beginnt sie mit einem anderen Vertrauen: dass Menschen dazugehören können, ohne gleich sein zu müssen; dass sie tätig sein wollen, ohne durch Angst angetrieben zu werden; und dass sie Verantwortung übernehmen können, ohne andere zu beherrschen.
Eine gute Gemeinschaft würde nicht sagen: Du bist sicher, solange du bei uns bleibst und so wirst wie wir.
Sie würde sagen: Du gehörst zu uns. Und deshalb darfst du deinen eigenen Weg suchen.
Wem gehört unsere Zeit?
Vielleicht beginnt Veränderung dort, wo wir uns diese Frage nicht mehr nur allein stellen.