Wann begannen Menschen, über andere Menschen zu herrschen?

Gedanken über Monumente, Rausch, Religion, Transzendenz und Macht

Wer hat all diese Steine getragen?

Ich stehe auf Borobudur und schaue über eine Landschaft, die friedlicher kaum wirken könnte. Zwischen den steinernen Stupas öffnet sich der Blick auf Wälder, Felder und Berge. Menschen laufen über die Terrassen, fotografieren Buddhas und Reliefs. Mehr als tausend Jahre ist es her, dass dieses gewaltige Monument errichtet wurde.

Natürlich beeindruckt mich seine Größe. Aber während ich durch die Anlage gehe, kehrt eine Frage zurück, die mich eigentlich schon sehr lange begleitet: Wer hat das alles gebaut?

Damit meine ich nicht den Herrscher, unter dem der Bau begonnen wurde, und nicht die Dynastie, der wir Borobudur heute zuschreiben. Diese Namen finden wir in Geschichtsbüchern und auf Informationstafeln. Ich meine die Menschen, die tatsächlich hier standen. Die Steine brachen, transportierten und bearbeiteten, Gerüste errichteten, Reliefs meißelten, Werkzeuge herstellten, Lebensmittel anbauten und Essen zubereiteten.

Wir kennen ihre Namen nicht.

Vielleicht begann dieser Gedanke viel früher, als mir lange bewusst war. Ich bin im Bergischen Land aufgewachsen. Burgen und Schlösser waren dort keine exotischen Zeugnisse ferner Kulturen. Die Herren von Berg hatten ihre Spuren gewissermaßen vor meiner Haustür hinterlassen. Als Jugendlicher sah ich solche Bauwerke natürlich anders als heute, und trotzdem muss sich damals schon eine Frage festgesetzt haben: Wie entsteht eigentlich eine Welt, in der einige Menschen in Burgen und Schlössern leben und andere sie bauen?

Ähnliche Gedanken kamen beim Anblick großer Kirchen und Kathedralen. Vielleicht war es sogar der Kölner Dom, der diese Frage zum ersten Mal wirklich groß werden ließ. Man steht davor und bewundert vollkommen zu Recht das handwerkliche Können und die Vorstellungskraft der Menschen, die so etwas erschaffen konnten. Gleichzeitig haben Generationen daran gearbeitet. Steinmetze, Zimmerleute, Handwerker, Fuhrleute und unzählige andere Menschen haben einen Teil ihres Lebens in dieses Bauwerk gesteckt. Die meisten ihrer Namen kennen wir nicht.

Vielleicht begann damals schon meine Frage danach, wie Herrschaft und Macht überhaupt entstehen.

Später begann ich zu reisen. Und die Frage reiste mit.

Besonders intensiv erinnere ich mich an solche Gedanken in Mittelamerika. Tikal und Copán, Tempel, die aus dem tropischen Grün herausragen und noch heute etwas von der Macht der Gesellschaften vermitteln, die sie errichtet haben. Es gibt Momente an solchen Orten, in denen der Tourismus für einen Augenblick verschwindet. Man steht oben auf einem Tempel, schaut über den Dschungel, kaum ein anderer Mensch ist da, und plötzlich betrachtet man das Bauwerk anders.

Wer durfte damals hier oben stehen? Wer blieb unten? Wer führte die Rituale durch? Wer entschied, dass dieser Tempel gebaut werden sollte? Und wer trug die Steine?

Ähnliche Gedanken kamen später in Bagan wieder. Eine vollkommen andere Religion, eine andere Gesellschaft, eine andere Zeit – und trotzdem diese gewaltige Landschaft aus Tempeln und Pagoden. Wie viel menschliche Arbeit steckt in einer solchen Landschaft? Wie viele Menschen mussten Nahrung produzieren, Material herstellen, transportieren und verbauen, damit andere ihre Vorstellungen vom Kosmos, vom Jenseits oder von religiösem Verdienst in Architektur verwandeln konnten?

Irgendwann wurde mir bewusst, dass hinter fast jedem großen Kulturdenkmal zwei Geschichten liegen. Die eine erzählen wir Reisenden immer wieder. Sie handelt von Königen und Dynastien, Religionen und Architekturstilen, Schlachten und großen Reichen.

Die andere Geschichte ist schwieriger zu erzählen. Sie handelt von den Menschen, deren Hände all das geschaffen haben.

Wir bewundern Pyramiden, Maya-Tempel, Inka-Mauern, Burgen, Schlösser, Kathedralen, Pagoden, Borobudur und Prambanan. Wir verbinden sie mit Pharaonen, Königen, Kaisern, Fürsten, Priestern und Dynastien.

Aber keiner dieser Herrscher hat die Steine getragen.

Manche Menschen werden mit Überzeugung an solchen Bauwerken gearbeitet haben. Vielleicht waren sie stolz darauf, Teil eines gemeinsamen Werkes zu sein. Manche erfüllten religiöse oder gesellschaftliche Verpflichtungen. Andere waren zu Arbeitsleistungen verpflichtet und hatten kaum eine Möglichkeit, sich ihnen zu entziehen. Manche werden dabei gelitten haben, manche vielleicht gestorben sein.

Heute sehen wir davon fast nichts mehr.

Wir sehen das Monument.

Vielleicht liegt es daran, dass Stein länger hält als Erinnerung.

Doch gerade die Vorstellung, all diese Bauwerke seien einfach von versklavten Menschen unter unmittelbarer Gewalt errichtet worden, greift ebenfalls zu kurz. Gewalt allein erklärt kaum, wie Gesellschaften über Generationen hinweg enorme Teile ihrer Arbeitskraft für gemeinsame Projekte mobilisieren konnten.

Damit wird die Frage komplizierter: Was bedeutet eigentlich freiwillig in einer Gesellschaft, in der Religion, soziale Stellung und politische Ordnung kaum voneinander zu trennen sind? Wenn mein Dorf verpflichtet ist, Menschen für ein Bauprojekt bereitzustellen, arbeite ich dann freiwillig? Wenn ich davon überzeugt bin, dass mein Herrscher Teil einer göttlichen Ordnung ist? Wenn meine Familie durch meine Arbeit versorgt wird? Wenn alle Menschen um mich herum dieselbe Ordnung für selbstverständlich halten?

Lange habe ich vor solchen Monumenten gefragt: Wie konnten Menschen so etwas bauen?

Später wurde daraus: Warum haben sie es gebaut?

Und irgendwann kam eine weitere Frage hinzu:

Wer konnte andere Menschen dazu bewegen, einen erheblichen Teil ihrer Lebenszeit dafür einzusetzen – und warum akzeptierten Menschen, dass andere über diese Lebenszeit verfügen konnten?

Diese Frage führt erstaunlich weit zurück. Weiter als Borobudur, Bagan, die Maya oder die Pyramiden.

In eine Zeit, in der wir noch keine Könige kennen.

Und trotzdem bereits Monumente finden.

Monumente, bevor es Könige gab

Göbekli Tepe im Südosten der heutigen Türkei bringt unsere vertraute Vorstellung von der Entwicklung menschlicher Gesellschaften durcheinander. Vor ungefähr 11.000 Jahren errichteten Menschen dort monumentale Anlagen mit tonnenschweren Steinpfeilern. Wir kennen aus dieser Zeit keine Pharaonen, keine Könige, keine Schrift und keine Städte im späteren Sinne. Landwirtschaft und Sesshaftigkeit befanden sich selbst noch in einem tiefgreifenden Wandel.

Und trotzdem kamen Menschen zusammen, um etwas zu errichten, das weit über das unmittelbare Bedürfnis nach Nahrung und Schutz hinausging.

Das ist deshalb so interessant, weil wir die Geschichte lange gerne in einer übersichtlichen Reihenfolge erzählt haben: Menschen entwickelten Landwirtschaft, wurden sesshaft, produzierten Überschüsse, gründeten größere Siedlungen, entwickelten Hierarchien – und irgendwann waren ihre Gesellschaften komplex genug, um Tempel und Monumente zu errichten.

Göbekli Tepe zwingt zumindest dazu, diese Reihenfolge infrage zu stellen.

Vielleicht brachte nicht erst die komplexe Gesellschaft das Monument hervor. Vielleicht halfen gemeinsame Rituale, Versammlungen und das Errichten besonderer Orte selbst dabei, neue Formen gesellschaftlicher Organisation hervorzubringen.

Ähnliche Fragen stellen sich bei anderen megalithischen Gesellschaften. Auf Mallorca und Menorca bin ich Bauwerken begegnet, die ebenfalls lange vor unseren modernen Staaten und Institutionen zeigen, wie viel gemeinsame Arbeitskraft Menschen für symbolisch oder gesellschaftlich bedeutende Orte aufbringen konnten. Auf Menorca lässt sich über die Entwicklung der talayotischen Monumente sogar beobachten, wie sich gesellschaftliche Strukturen über lange Zeit veränderten und offenbar stärker differenzierten.

Das Monument muss also nicht mit einem König beginnen.

Vielleicht beginnt es mit einer Gemeinschaft.

Und wenn viele Menschen zusammenkommen, um gemeinsam zu bauen oder Rituale zu feiern, stellt sich irgendwann eine beinahe banale Frage: Was geschah bei solchen Zusammenkünften eigentlich?

Menschen werden gesprochen, gegessen, gefeiert, vielleicht getanzt und vermutlich auch Erfahrungen gesucht haben, die über den gewöhnlichen Alltag hinausgingen.

Und genau hier taucht eine Spur auf, die mich natürlich auch aus einem anderen Grund interessiert.

Bier.

In der Raqefet-Höhle im heutigen Israel wurden Spuren gefunden, die Archäologen als Herstellung eines fermentierten Getränks aus Getreide vor ungefähr 13.000 Jahren interpretieren. Die Menschen der natufischen Kultur waren noch keine Bauern im späteren Sinne. Sie nutzten Wildgetreide, und die Herstellung dieses bierähnlichen Getränks scheint mit rituellen Zusammenkünften und Bestattungen verbunden gewesen zu sein.

Damit bekommt die alte Idee vom „Beer before Bread“ zumindest einen ernst zu nehmenden Hintergrund.

Natürlich beweist Raqefet nicht, dass Menschen die Landwirtschaft erfanden, weil sie Bier trinken wollten. So schön diese Geschichte für einen Biersommelier auch wäre – dafür ist die Vergangenheit zu kompliziert.

Aber die Frage bleibt interessant: Was brachte Menschen dazu, große Mengen Getreide zuverlässig verfügbar haben zu wollen?

Hunger ist eine Antwort.

Vielleicht waren Feste eine andere.

Wenn viele Menschen regelmäßig zusammenkommen, braucht man Nahrung. Für fermentierte Getränke braucht man Rohstoffe, Gefäße, Zeit und Wissen. Vorräte müssen angelegt und verteilt werden. Jemand muss organisieren.

Aus einem Fest entsteht damit nicht automatisch ein Staat.

Aber aus einem Fest kann gesellschaftliche Organisation entstehen.

Und vielleicht auch Prestige.

Wer viele Menschen bewirten kann, zeigt, dass er über Ressourcen verfügt. Wer ein Ritual leitet, besitzt besonderes Wissen. Wer verteilen kann, kann Beziehungen schaffen. Aus Großzügigkeit können Verpflichtungen entstehen.

Vielleicht beginnt Macht nicht immer mit Gewalt.

Vielleicht beginnt sie manchmal mit einem Geschenk.

Als aus Gemeinschaft Hierarchie wurde

Die Frage wird noch komplizierter, wenn man sich von der Vorstellung verabschiedet, Landwirtschaft sei für den einzelnen Menschen zwangsläufig ein großer Fortschritt gewesen.

Bioarchäologische Untersuchungen zeigen für verschiedene frühe bäuerliche Populationen Hinweise auf einseitigere Ernährung, stärkeren Krankheitsdruck, Wachstumsstress und hohe körperliche Belastungen. Das gilt nicht überall und nicht zu jeder Zeit, aber es reicht aus, um die einfache Geschichte vom glücklichen Fortschritt vom Jäger zum Bauern infrage zu stellen.

Warum setzte sich Landwirtschaft dann überhaupt durch?

Vielleicht lautet ein Teil der Antwort: Sie musste das Leben des Einzelnen gar nicht verbessern.

Sie konnte mehr Menschen ernähren.

Sesshafte Gemeinschaften konnten wachsen. Nahrung ließ sich speichern. Land wurde wichtiger. Tiere und Vorräte konnten besessen werden. Besitz konnte weitergegeben werden.

Und plötzlich gab es etwas, das sich dauerhaft kontrollieren ließ.

Ein erfolgreicher Jäger kann Ansehen besitzen. Ein charismatischer Mensch kann andere überzeugen. Ein Ritualspezialist kann besonderes Wissen haben. Aber wenn diese Stellung mit ihm verschwindet, entsteht daraus noch keine Dynastie.

Entscheidend wird der Moment, in dem Macht den Menschen überlebt, der sie ursprünglich erworben hat.

Nicht mehr: Wir folgen dir, weil du uns überzeugst.

Sondern: Wir folgen dir, weil du Herrscher bist.

Und irgendwann: Wir folgen deinem Sohn, weil er dein Sohn ist.

Aus Prestige wird Position. Aus Einfluss wird Institution. Aus Unterschieden können dauerhafte Hierarchien werden.

Doch wann wurden aus solchen Unterschieden dauerhafte Herrschaft und Macht?

Dabei darf auch diese Entwicklung nicht zu einer neuen einfachen Fortschrittsgeschichte werden. Landwirtschaft führte nicht überall zum König. Sesshaftigkeit führte nicht zwangsläufig zum Staat. In Papua-Neuguinea entstanden seit sehr langer Zeit intensive Formen der Landwirtschaft, ohne dass sich daraus ein Äquivalent zu einem ägyptischen Pharaonenstaat entwickelte. Die Archäologie Amazoniens zeigt inzwischen wiederum große Siedlungen, Erdwerke, Straßen und komplexe regionale Netzwerke, die mit der alten Vorstellung kleiner isolierter Gruppen im nahezu unberührten Regenwald wenig zu tun haben. Afrika zeigt ohnehin nahezu die gesamte Bandbreite von dezentral organisierten Gesellschaften bis zu mächtigen Königreichen und Staaten.

Vielleicht gab es also nie den einen Weg zur Zivilisation.

Vielleicht haben Menschen immer wieder unterschiedliche Antworten auf dieselbe Frage gefunden: Wie organisieren wir das Zusammenleben vieler Menschen?

Bei den Inka gehörte dazu die mit’a, ein System verpflichtender Arbeitsleistungen, mit dem auch große staatliche Projekte realisiert werden konnten. Im alten Ägypten wurden ebenfalls enorme Mengen menschlicher Arbeitskraft organisiert. Die populäre Vorstellung, die Pyramiden seien einfach von riesigen Heeren angeketteter Sklaven errichtet worden, gilt heute als irreführend. Fachkräfte und andere Arbeiter wurden organisiert, untergebracht und mit Nahrungsmitteln versorgt. Brot und Bier spielten dabei eine wichtige Rolle.

Gerade dieses Beispiel fasziniert mich, weil darin so vieles zusammenkommt, was wir heute voneinander trennen würden: Arbeit, Versorgung, Religion, Herrschaft, Gemeinschaft – und ein fermentiertes Getränk.

Vielleicht lassen sich frühe Gesellschaften gar nicht sinnvoll in unsere heutigen Kategorien von Politik, Wirtschaft, Religion und Freizeit zerlegen.

Für die Menschen, die eine Pyramide errichteten, war der Pharao nicht einfach ein Arbeitgeber.

Und damit kommen die Götter ins Spiel.

Wenn aus einer Idee eine Institution wird

Religion ist für mich keine rein historische Frage. Ich bin selbst in einem christlich geprägten Umfeld aufgewachsen, irgendwo zwischen katholischer und evangelischer Tradition. Als Kind hinterfragt man vieles zunächst nicht. Es gibt Gott, Jesus, Kirche, Gebete und Rituale. Es gibt Vorstellungen davon, was richtig und falsch ist und davon, wie die Welt beschaffen sein soll.

Mit fünfzehn oder sechzehn begann sich mein Blick darauf zu verändern. Mich beschäftigte zunehmend der Unterschied zwischen einer Idee und der Institution, die sich auf diese Idee beruft. Da war Jesus von Nazareth und das, was von seinen Gedanken und Lehren überliefert worden war. Und da war eine mächtige Institution, die sich über Jahrhunderte daraus entwickelt hatte.

Damals wurde mir etwas bewusst, das mich bis heute beschäftigt: Wenn eine Idee institutionalisiert wird, entsteht Macht.

Eine Institution bewahrt eine Idee. Ohne Menschen, die Geschichten weitererzählen, Texte überliefern, Rituale wiederholen und Wissen vermitteln, würden viele Vorstellungen verschwinden. Institutionen schaffen Kontinuität.

Aber sie tun noch etwas anderes.

Sie legen aus.

Sie bestimmen, welche Interpretation richtig ist, schaffen Regeln, definieren Zugehörigkeit und entscheiden darüber, wer innerhalb dieser Ordnung Autorität besitzt.

Damit entsteht neben der Bewahrung zwangsläufig die Möglichkeit der Beeinflussung.

Meine damalige Konsequenz war, den christlichen Glaubensraum, in dem ich aufgewachsen war, zu verlassen. Nicht weil ich plötzlich auf alle großen Fragen eine Antwort gehabt hätte. Im Gegenteil. Vielleicht begannen einige davon damals überhaupt erst.

Heute, nach all den Reisen und den Begegnungen mit sehr unterschiedlichen religiösen Traditionen, erscheint mir deshalb auch die Entwicklung von Religion komplizierter, als ich sie als Jugendlicher wahrgenommen habe.

Religion wurde nicht irgendwann von einigen besonders schlauen Herrschern erfunden, damit die anderen gehorchen.

Das wäre viel zu einfach.

Gemeinsame Vorstellungen können Menschen verbinden, die sich persönlich überhaupt nicht kennen. Sie können Vertrauen ermöglichen, Identität schaffen, Trost geben, moralische Grenzen setzen und sogar die Macht eines Herrschers begrenzen.

Aber genau dieselbe Fähigkeit kann Herrschaft legitimieren.

Ein Herrscher muss dann nicht mehr nur sagen: Ich bin stärker als du.

Er kann sagen: Die Welt ist so geordnet.

Damit bekommt Macht einen Himmel.

Vielleicht liegt darin eine der wirkungsvollsten Möglichkeiten gesellschaftlicher Ordnung. Gewalt zwingt einen Menschen von außen. Ein Narrativ kann dazu führen, dass Menschen eine Ordnung selbst für richtig oder selbstverständlich halten.

Auch die Entwicklung des Monotheismus lässt sich vor diesem Hintergrund betrachten, allerdings nicht als einfache Leiter von vermeintlich primitiven Naturreligionen über Polytheismus zum angeblich höher entwickelten Glauben an einen Gott. Große Reiche funktionierten über lange Zeit hervorragend polytheistisch. Und universelle religiöse Vorstellungen benötigen überhaupt keinen Schöpfergott, wie der Buddhismus zeigt.

Vielleicht liegt der entscheidende Schritt deshalb nicht in der Zahl der Götter.

Vielleicht liegt er darin, dass eine Vorstellung universell werden kann.

Nicht nur unser Dorf. Nicht nur unser Tal. Nicht nur unser Königreich.

Eine Ordnung, die grundsätzlich für jeden Menschen gelten kann.

Damit wird auch ein Narrativ skalierbar.

Vielleicht besitzt ein universelles Narrativ aber noch eine zweite Seite. Solange eine gemeinsame Vorstellung nur erklärt, warum unsere Gesellschaft so organisiert ist, legitimiert sie zunächst die Ordnung nach innen. In dem Moment, in dem daraus eine Wahrheit wird, die grundsätzlich für alle Menschen gelten soll, kann sie jedoch auch den Blick auf diejenigen verändern, die außerhalb dieser Ordnung leben.

Dann geht es nicht mehr nur um die Frage, warum ein Mensch einen anderen beherrscht. Ganze Gemeinschaften beginnen, über andere Gemeinschaften zu herrschen.

Auch dafür haben Menschen immer wieder Geschichten gefunden. Die anderen waren Barbaren, Ungläubige, rückständig oder unzivilisiert. Sie verehrten die falschen Götter, lebten nach der falschen Ordnung oder mussten – angeblich zu ihrem eigenen Wohl – zur richtigen geführt werden. Solche Vorstellungen waren keineswegs auf Religion beschränkt. Reiche, Kolonialmächte und später auch politische Ideologien haben sehr unterschiedliche Begründungen dafür entwickelt, warum die eigene Ordnung nicht nur überlegen, sondern manchmal sogar berechtigt sei, anderen aufgezwungen zu werden.

Vielleicht verändert sich Macht genau an diesem Punkt noch einmal. Aus der Überzeugung „Unsere Ordnung ist richtig“ kann irgendwann der Anspruch werden: „Unsere Ordnung sollte auch für euch gelten.“

Religion kann dafür eine Begründung liefern. Vorstellungen von Erwählung, göttlichem Auftrag oder universeller Wahrheit können Grenzen zwischen einem „Wir“ und den „anderen“ verstärken. Aber auch hier wäre es zu einfach, Religion allein verantwortlich zu machen. Dieselbe Logik begegnet uns in säkularer Form: in Vorstellungen kultureller Überlegenheit, in Nationalismus, Rassismus oder dem Anspruch, andere Gesellschaften „zivilisieren“ zu müssen.

Vielleicht ist deshalb nicht entscheidend, ob das Narrativ religiös oder weltlich ist.

Entscheidend wird es dort, wo eine Gemeinschaft aus der eigenen Vorstellung von Wahrheit ein Recht über andere ableitet.

Wer verwaltet die Transzendenz?

Mit meinem Abschied von der Religion verschwand die Frage nach Transzendenz allerdings nicht. Vielleicht wurde sie damals überhaupt erst wirklich interessant.

Meine ersten Erfahrungen mit verändertem Bewusstsein hatte ich, wie vermutlich viele Jugendliche, keineswegs aus philosophischen Gründen. Mit sechzehn kam Bier ins Spiel. Später auch Cannabis, und erst mit zweiundzwanzig oder dreiundzwanzig Psilocybin. Gleichzeitig entwickelte sich bei mir eine ganz andere Neugier. Mit neunzehn oder zwanzig beschäftigte ich mich mit Heilfasten, Rückzug und Kontemplation. Ich setzte mich hin und beobachtete meinen Atem. Ich probierte aus, was mehrere Tage ohne Nahrung mit Körper und Wahrnehmung machen.

Das eine schien zunächst wenig mit dem anderen zu tun zu haben. Auf der einen Seite Rausch, auf der anderen Stille und Konzentration.

Rückblickend frage ich mich allerdings, ob ich nicht auf sehr unterschiedlichen Wegen immer wieder derselben Sache begegnet bin: der Erfahrung, dass der Bewusstseinszustand, in dem wir unseren normalen Alltag verbringen, keineswegs der einzig mögliche ist.

Viele Jahre später geriet ich eher zufällig im Norden Thailands in eine zweiwöchige Vipassana-Meditation. Zwei Wochen Schweigen und Meditieren klingen von außen vielleicht ereignislos. Wenn die Ablenkungen verschwinden, bleibt allerdings erstaunlich viel übrig. Gedanken kommen und gehen, der Körper meldet sich, das Verhältnis zur Zeit verändert sich.

Irgendwann stellte sich etwas ein, das ich bis heute schwer anders beschreiben kann als mit einer tiefen inneren Zufriedenheit.

Keine Euphorie. Keine Offenbarung. Schon gar nicht das Gefühl, nun irgendeine endgültige Wahrheit gefunden zu haben.

Eher die erstaunliche Erfahrung, dass Zufriedenheit entstehen kann, ohne dass von außen etwas Neues hinzukommen muss.

Auch daraus ist für mich keine neue Religion geworden. Ich bin kein Missionar der Meditation und glaube nicht, dass jeder Mensch zwei Wochen schweigen sollte. Meditation ist für mich heute eine tägliche Routine, weil sie mir guttut. Gleichzeitig ist meine Neugier auf andere Formen der Erfahrung geblieben.

Vielleicht interessiert mich deshalb weniger, welcher Weg zur Transzendenz der richtige ist, sondern warum Menschen überhaupt seit Jahrtausenden danach suchen, die Grenzen ihres alltäglichen Bewusstseins zu überschreiten.

Und plötzlich bekommen einige Dinge, denen ich auf meinen Reisen und bei der Beschäftigung mit Religionen begegnet bin, einen Zusammenhang.

Fermentierte Getränke bei frühen Festen. Soma in der vedischen Tradition, dessen genaue Zusammensetzung wir bis heute nicht kennen. Alkohol. Psychoaktive Pflanzen. Tanz und Trance. Fasten. Gebet. Meditation. Kontemplation.

Natürlich dürfen wir all diese Erfahrungen nicht einfach gleichsetzen. Wir wissen nicht, was ein Mensch vor 10.000 Jahren während eines Rituals empfand. Ein buddhistischer Mönch verfolgt mit Meditation andere Ziele als jemand, der ein berauschendes Getränk bei einem Fest konsumiert. Und Meditation ist ohnehin keineswegs auf den Buddhismus beschränkt. Auch hinduistische Traditionen und insbesondere verschiedene Formen des Yoga haben über Jahrhunderte meditative und kontemplative Praktiken entwickelt und bewahrt.

Aber vielleicht verbindet all diese Praktiken eine sehr alte menschliche Möglichkeit: Wir können unseren gewöhnlichen Bewusstseinszustand verändern.

Vielleicht ist deshalb gar nicht der Rausch die Konstante.

Vielleicht ist es die Suche nach Transzendenz.

Und wenn das stimmt, führt die Frage wieder zurück zur Macht.

Was geschieht, wenn aus persönlicher Erfahrung ein Ritual wird, aus einem Ritual eine Institution und diese Institution irgendwann festlegt, welche Form der Transzendenz richtig ist?

Welche Erfahrung kommt von Gott und welche vom Bösen?

Welche Substanz ist heilig und welche verboten?

Welche Vision ist Offenbarung und welche Irrtum?

Wer darf das Ritual durchführen?

Wer darf das Heilige interpretieren?

Vielleicht besteht religiöse Macht deshalb gar nicht unbedingt darin, das menschliche Bedürfnis nach Transzendenz zu unterdrücken. Vielleicht besteht sie häufig darin, ihm einen Rahmen zu geben und darüber zu bestimmen, wie eine Erfahrung interpretiert werden darf.

Dabei bleibt die Ambivalenz bestehen. Dieselbe Institution, die kontrolliert, kann Erfahrungen auch bewahren. Ohne buddhistische, hinduistische und andere religiöse Traditionen wären Meditationstechniken möglicherweise nicht über Jahrhunderte und Jahrtausende weitergegeben worden. Ohne religiöse Gemeinschaften wären Texte, Rituale und Erfahrungen verschwunden.

Die Institution bewahrt – und sie verwaltet.

Vielleicht liegt genau darin ihre Macht.

Unsere unsichtbaren Monumente

Wenn ich diesen Gedanken weiterverfolge, führt er erstaunlich schnell zurück in unsere Gegenwart.

Vielleicht hat sich die Frage nach der Kontrolle von Transzendenz inzwischen sogar verändert.

Religionen konnten erklären, welche Wege zum Heiligen erlaubt waren. Staaten konnten und können Substanzen verbieten – bei vielen psychoaktiven Stoffen gilt das bis heute und in großen Teilen der Welt. Gesellschaften konnten Erfahrungen als heilig, sündhaft, vernünftig oder gefährlich definieren.

Doch neben solchen weiterhin bestehenden Verboten ist etwas anderes hinzugekommen.

Wir tragen die Ablenkung in der Hosentasche.

Nachrichten, Bilder, Videos, Unterhaltung, Empörung und Bestätigung begleiten uns vom Aufwachen bis zum Einschlafen. Kaum entsteht ein leerer Augenblick, können wir ihn füllen.

Vielleicht verschwindet dadurch unser Bedürfnis nach Transzendenz nicht.

Vielleicht hören wir es nur nicht mehr.

Wenn ich an die zwei Wochen Schweigen in Thailand zurückdenke, erscheint mir der Gegensatz beinahe absurd. Wenn äußere Reize verschwinden, wird es zunächst nicht unbedingt angenehmer. Im Gegenteil. Plötzlich ist all das da, was sonst überlagert wird.

Heute besitzen wir dagegen vielleicht als erste Gesellschaft der Menschheitsgeschichte die technische Möglichkeit, nahezu jeden stillen Augenblick sofort zu verhindern.

Was macht das mit uns?

Ich weiß es nicht.

Und ich möchte daraus auch keine Verschwörungserzählung machen, nach der irgendwo einige Menschen beschlossen hätten, uns mit Smartphones von Erkenntnis oder Transzendenz fernzuhalten. Die Wirklichkeit ist vermutlich viel banaler. Aufmerksamkeit lässt sich verkaufen. Unternehmen konkurrieren darum. Algorithmen werden darauf optimiert, uns möglichst lange bei einer Anwendung zu halten.

Aber Macht muss nicht geplant sein, um Macht zu entfalten.

Vielleicht ist das sogar eine Verbindung zu den Gesellschaften, über die ich auf Borobudur nachdenke. Auch dort muss nicht irgendwann eine Gruppe von Priestern und Herrschern zusammengesessen und beschlossen haben, eine Religion zu erfinden, damit die Bevölkerung gehorcht. Systeme können entstehen, sich verstärken und irgendwann Strukturen hervorbringen, von denen einige Menschen stärker profitieren als andere.

Und damit taucht die Frage vom Anfang wieder auf – nur in einer anderen Form:

Wer verfügt eigentlich über unsere Lebenszeit, unsere Aufmerksamkeit und darüber, wie wir die Welt wahrnehmen?

Vor Borobudur fragte ich mich, wer Menschen dazu bringen konnte, Jahre ihres Lebens in Stein zu verwandeln. Heute muss Macht dafür keinen Tempel mehr errichten lassen. Sie kann sich darin zeigen, wohin unsere Aufmerksamkeit fließt, welchen Systemen wir unsere Zeit geben und welche Strukturen wir kaum noch wahrnehmen, obwohl sie unseren Alltag bestimmen.

Damit verändert sich auch das Bild des Monuments.

Die Monumente früherer Gesellschaften können wir sehen. Wir können vor ihnen stehen, sie umrunden, ihre Größe bestaunen und irgendwann versuchen zu verstehen, welche gesellschaftlichen Strukturen sie hervorgebracht haben.

Unsere eigenen Machtstrukturen sind wesentlich schwerer zu erkennen.

Kapital bewegt sich innerhalb von Sekunden um die Erde. Unternehmen operieren über Staatsgrenzen hinweg. Digitale Plattformen erreichen Milliarden Menschen. Algorithmen beeinflussen, welche Informationen wir sehen, welche Produkte wir kaufen und welche gesellschaftlichen Debatten überhaupt unsere Aufmerksamkeit erreichen.

Unsere gesellschaftliche Ordnung wird nicht mehr unbedingt in Stein gemeißelt.

Sie besteht aus Institutionen, Verträgen, Daten, Finanzströmen, Netzwerken und Algorithmen.

Vielleicht sind das unsere Monumente.

Nur können wir sie nicht mehr umrunden.

Damit komme ich wieder zurück zu Borobudur.

Die Herrscher, unter denen dieses Monument entstand, sind verschwunden. Ihre Reiche existieren nicht mehr. Die Namen der meisten Menschen, die ihre Steine getragen haben, kennen wir nicht.

Die Steine sind geblieben.

Wann begannen Menschen, über andere Menschen zu herrschen?

Ich weiß es noch immer nicht.

Vielleicht gibt es darauf überhaupt keinen einzelnen Zeitpunkt. Vielleicht entstanden Hierarchien immer wieder und verschwanden wieder. Vielleicht akzeptierten Menschen sie, weil sie Schutz boten, Zusammenarbeit ermöglichten, weil sie an die zugrunde liegende Ordnung glaubten, davon profitierten oder keine Möglichkeit hatten, sich ihr zu entziehen.

Je mehr dieser Orte ich auf meinen Reisen gesehen habe, desto weniger selbstverständlich erscheint mir jedenfalls unsere eigene gesellschaftliche Ordnung.

Vielleicht ist genau das einer der Gründe, warum ich reise.

Nicht um irgendwo die endgültige Antwort zu finden.

Sondern um immer wieder zu entdecken, dass Dinge, die zu Hause selbstverständlich erscheinen, anderswo – und zu anderen Zeiten – überhaupt nicht selbstverständlich waren.

Menschen haben sehr unterschiedliche Möglichkeiten gefunden, miteinander zu leben. Sie haben Götter verehrt und Götter verworfen, Könige eingesetzt und Könige gestürzt. Sie haben Tempel gebaut, Religionen gegründet, sich berauscht, meditiert, Gemeinschaften geschaffen und andere Menschen unterworfen.

Und immer wieder haben sie Geschichten darüber erzählt, warum ihre jeweilige Ordnung die richtige sei.

Vor mehr als tausend Jahren haben Menschen auf Java eine solche Weltordnung in Stein verwandelt.

Heute laufen wir als Reisende darüber und glauben, ihre Machtstrukturen erkennen zu können.

Unsere eigene Weltordnung können wir nicht sehen.

Vielleicht macht sie gerade das so mächtig.