Wie Vulkane, Königreiche und Kulturen das Herz Indonesiens formten
Unsere Ostjava Rundreise führte uns vom Bromo über den Tumpak Sewu und den Semeru bis zum Ijen – und gleichzeitig tief hinein in die Geschichte, Geologie und Kultur Javas.
Kaum eine Insel hat die Geschichte Indonesiens so nachhaltig geprägt wie Java. Hier entstanden mächtige Königreiche, hier entwickelte sich das politische und wirtschaftliche Zentrum des Landes, und hier leben heute mehr als 150 Millionen Menschen – mehr als auf jeder anderen Insel der Erde. Doch die eigentliche Geschichte Javas beginnt lange bevor die ersten Menschen ihre Felder bestellten oder Herrscher Paläste errichteten. Sie beginnt tief unter der Erdoberfläche.
Seit Millionen von Jahren schiebt sich die Indisch-Australische Platte unter die Sunda-Platte. Bis heute entstehen dadurch Erdbeben und Vulkane entlang des Pazifischen Feuerrings – einer rund 40.000 Kilometer langen Zone, die sich wie ein Hufeisen um den Pazifik zieht und den Großteil aller aktiven Vulkane der Erde umfasst. Indonesien bildet einen seiner aktivsten Abschnitte. Mehr als 120 Vulkane sind hier noch immer aktiv, viele davon auf Java.
Was zunächst zerstörerisch erscheint, wurde gleichzeitig zur Grundlage einer außergewöhnlichen Entwicklung. Über Jahrtausende lagerten die Eruptionen immer neue Schichten vulkanischer Asche ab. Daraus entstanden einige der fruchtbarsten Böden der Welt. Sie ermöglichten mehrere Reisernten im Jahr und schufen die Voraussetzung dafür, dass sich auf Java schon früh große Siedlungen, mächtige Königreiche und schließlich das politische Zentrum des heutigen Indonesiens entwickeln konnten.
Genau diese Zusammenhänge wollten wir auf unserer Reise besser verstehen.
Nach einem Monat auf Borneo führte unser Weg erneut nach Indonesien. Zwei Monate zuvor hatten wir bereits Bali und Sulawesi bereist – nun sollte Java folgen. Keine andere Insel schien uns besser geeignet, die Geschichte und Gegenwart dieses faszinierenden Archipels zu begreifen.
Bevor wir in den Osten Javas aufbrachen, verbrachten wir zwei Tage in Jakarta. Bewusst hatten wir uns für eine Unterkunft im Norden der Millionenmetropole entschieden. Hier zeigte sich die Stadt von einer Seite, die viele Besucher vermutlich gar nicht kennenlernen. Sobald die Nachmittagshitze langsam nachließ, füllten sich die kleinen Straßenstände. Familien, Freunde und Nachbarn saßen auf einfachen Plastikstühlen zusammen, Kinder spielten zwischen den Tischen und aus unzähligen Garküchen stiegen die Düfte frisch zubereiteter Speisen auf. Es wurde gegessen, gelacht und erzählt – unkompliziert und entspannt.
Ganz anders erlebten wir Jakarta auf unseren Fahrten in den Süden der Stadt. Der Verkehr verlangsamte das Tempo oft erheblich. Trotz neuer MRT-Linien und weiterer Ausbauprojekte bleibt der öffentliche Nahverkehr hinter dem rasanten Wachstum der Metropole zurück. Im Vergleich zu Kuala Lumpur oder Bangkok benötigten wir für viele Strecken deutlich mehr Zeit. Gerade dieser Kontrast zwischen den lebendigen, beinahe dörflich wirkenden Straßen des Nordens und den endlosen Verkehrsströmen der Innenstadt machte Jakarta für uns besonders interessant.
Für mich durfte natürlich auch ein kleiner Blick auf die Bierszene nicht fehlen. Besonders der Besuch im Paulaner Bräuhaus blieb in Erinnerung. Dass mitten in Jakarta deutsches Bier direkt vor Ort gebraut wird, hätten wir hier kaum erwartet. Der Braumeister stammt aus Indonesien, absolvierte seine Ausbildung jedoch in München. Helles, Dunkles und Weißbier erinnerten geschmacklich tatsächlich an Deutschland und sorgten für einige Stunden für ein kleines Stück Heimat – Tausende Kilometer von Zuhause entfernt.
Anschließend wollten wir weniger einzelne Brauereien kennenlernen als vielmehr ein Gefühl für die noch junge Craftbier-Szene Jakartas entwickeln. Zwei Bars genügten, um erste Eindrücke zu sammeln. Besonders die Inglourious Bastards Craft Beer Bar überzeugte mich mit ihrer lockeren Atmosphäre und einer abwechslungsreichen Auswahl indonesischer Craftbiere. Noch ist die Szene klein, doch sie entwickelt zunehmend ihren eigenen Charakter.
Der eigentliche Höhepunkt unserer Tage in Jakarta folgte jedoch erst am Abend. Nach langer Vorfreude landete Emilia aus Deutschland. Während Oskar dieses Abenteuer diesmal von zu Hause aus verfolgte, war unsere Reisegruppe nun fast vollständig. Für Emilia begann mit ihrer Ankunft nicht nur ein Urlaub, sondern unmittelbar eine Reise zu einigen der eindrucksvollsten Landschaften Indonesiens.
Bereits am nächsten Morgen brachte uns ein kurzer Flug nach Surabaya. Schon aus der Luft wurde sichtbar, weshalb Java bis heute das Herz Indonesiens bildet. Städte, Dörfer, Reisfelder und Plantagen schienen beinahe nahtlos ineinander überzugehen. Kaum eine andere Insel Südostasiens ist so dicht besiedelt und gleichzeitig so intensiv landwirtschaftlich genutzt.
Dass ausgerechnet Java zur bevölkerungsreichsten Insel der Erde werden konnte, ist kein Zufall. Die außergewöhnlich fruchtbaren Vulkanböden ermöglichten schon früh hohe landwirtschaftliche Erträge. Wo ausreichend Nahrung vorhanden war, entstanden Märkte, Städte und schließlich mächtige Reiche. Bereits im ersten Jahrtausend entwickelten sich auf Java bedeutende hinduistisch-buddhistische Königreiche. Später beherrschte das Majapahit-Reich große Teile des heutigen Indonesiens und gilt bis heute als historisches Vorbild für den modernen Inselstaat. Auch die niederländische Kolonialverwaltung konzentrierte ihre Macht auf Java, bevor Jakarta schließlich Hauptstadt des unabhängigen Indonesiens wurde. Wer Indonesien verstehen möchte, kommt an Java kaum vorbei.
Von Surabaya aus führte uns die Straße langsam ins Hochland Ostjavas. Mit jedem Kilometer veränderte sich die Landschaft. Reisfelder gingen in Gemüseanbau über, die Temperaturen wurden angenehmer und am Horizont tauchten schließlich die ersten Vulkane auf.
Unser Ziel war der Bromo-Tengger-Semeru-Nationalpark.
Schon die Anfahrt machte deutlich, dass dieser Ort seinem Ruf gerecht wird. Die Straße schlängelte sich durch kleine Dörfer und Felder stetig bergauf, bis sich die Landschaft plötzlich öffnete. Vor uns lag eine der spektakulärsten Vulkanlandschaften Südostasiens.
Viele Besucher verbinden den Bromo ausschließlich mit dem berühmten Sonnenaufgang.
Wir hatten uns bewusst für einen anderen Weg entschieden.
Bereits am Nachmittag fuhren wir hinunter in die gewaltige Tengger-Caldera. Über das breite Sandmeer näherten wir uns dem Bromo, dessen weißgraue Rauchfahne ununterbrochen aus dem Krater aufstieg. Die Landschaft wirkte beinahe surreal. Dunkle Vulkanhänge, feiner Aschesand und kaum Vegetation – eher eine Mondlandschaft als tropischer Regenwald.
Über die lange Treppe erreichten wir schließlich den Kraterrand. Dort standen wir unmittelbar über dem Schlund des aktiven Vulkans. Tief unter uns stiegen heiße Gase aus dem Schlot empor, begleitet von einem dumpfen Grollen, das immer wieder aus dem Inneren des Berges zu hören war. Gleichzeitig bot sich ein weiter Blick über die gesamte Caldera. Der markante Kegel des Batok erhob sich aus dem Sandmeer, dahinter dominierte der fast 3.700 Meter hohe Semeru die Szenerie. Während wir dort standen, stieg erneut eine Asche- und Gaswolke aus seinem Gipfel auf – ein erster Hinweis darauf, dass uns dieser Vulkan in den kommenden Tagen noch mehrfach begleiten würde.
Dass wir hier auf den Überresten eines gewaltigen Urvulkans standen, wird einem in diesem Moment erst richtig bewusst. Vor Zehntausenden von Jahren kollabierte der ursprüngliche Vulkan nach einer gewaltigen Eruption. Zurück blieb die riesige Tengger-Caldera, aus deren Innerem später neue Vulkankegel emporwuchsen – darunter der bis heute aktive Bromo. Diese Landschaft ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür, dass die Kräfte des Pazifischen Feuerrings bis heute unvermindert wirken.
Doch der Bromo erzählt nicht nur eine geologische Geschichte.
Für die Tengger, die diese Region seit Jahrhunderten bewohnen, ist der Vulkan ein heiliger Berg. Sie verstehen sich als Nachfahren des hinduistischen Majapahit-Reiches und bewahren bis heute Traditionen, die auf Java vielerorts längst verschwunden sind. Beim jährlichen Yadnya-Kasada-Fest steigen sie zum Kraterrand hinauf und werfen Reis, Obst, Gemüse und andere Opfergaben in den rauchenden Schlund – als Dank und Bitte zugleich. Kaum irgendwo sonst lässt sich so eindrucksvoll erleben, wie eng Natur, Religion und Geschichte miteinander verbunden sein können.
Zum Abschluss des Tages fuhren wir noch hinauf auf den Prahu Hill. Von dort wollten wir den Sonnenuntergang über der Caldera erleben. Kurz bevor die Sonne den Horizont erreichte, zogen jedoch dichte Wolken auf und verdeckten das Farbenspiel. Enttäuscht waren wir deshalb keineswegs. Hinter uns lag bereits ein außergewöhnlicher Tag. Wir hatten in den rauchenden Krater eines aktiven Vulkans geblickt, waren durch eine der beeindruckendsten Calderen Indonesiens gefahren und hatten begonnen zu verstehen, warum Java seit Jahrtausenden vom Feuer lebt.
Der Sonnenuntergang blieb uns zwar verborgen. Die Magie dieses Ortes jedoch ganz bestimmt nicht.
Vom Wasser geformt
Am nächsten Morgen ließen wir die Vulkanlandschaft des Bromo hinter uns. Während sich die Straße in zahlreichen Kurven aus dem Hochland hinabwand, veränderte sich die Landschaft erneut. Aus den kühlen Gemüsefeldern wurden wieder tropische Wälder, Bananenstauden säumten die Straßen und kleine Dörfer reihten sich aneinander. Doch selbst dort, wo die Vulkane längst hinter den Hügeln verschwunden waren, blieb ihr Einfluss sichtbar. Die tiefschwarzen Böden ermöglichten eine erstaunlich intensive Landwirtschaft. Reis, Mais, Gemüse, Obst und Gewürze wuchsen auf nahezu jeder nutzbaren Fläche. Das Feuer der Vulkane hatte diese Landschaft einst geschaffen – heute ernährte es Millionen von Menschen.
Unser nächstes Ziel war der Tumpak Sewu, für viele einer der spektakulärsten Wasserfälle Indonesiens. Schon die Anfahrt ließ erahnen, dass uns etwas Besonderes erwartete. Tief eingeschnittene Täler wechselten sich mit dichtem Regenwald ab, während über allem weiterhin der Semeru thronte.
Der eigentliche Höhepunkt begann jedoch erst mit dem Abstieg.
Über schmale Pfade, Treppen, Stahlbrücken und stabile Eisengeländer führte der Weg immer tiefer in die Schlucht. Immer wieder mussten kleine Wasserläufe überquert werden, während das intensive Rauschen des Wassers mit jedem Schritt lauter wurde. Zunächst erreichten wir mehrere kleinere Kaskaden, deren Wasser sich über moosbewachsene Felsen ergoss. Schon sie wären an vielen anderen Orten ein lohnendes Ausflugsziel gewesen.
Doch sie waren nur der Auftakt.
Je weiter wir der Schlucht folgten, desto dichter wurde der feine Sprühnebel. Schließlich öffnete sich die Felswand vor uns und gab den Blick auf den eigentlichen Tumpak Sewu frei. Unzählige Wassermassen stürzten nahezu kreisförmig über die steilen Basaltwände in die Tiefe und vereinigten sich am Boden zu einem tosenden Fluss.
Anders als viele bekannte Wasserfälle fällt das Wasser hier nicht über eine einzelne Felskante. Vielmehr scheint die gesamte Felswand aus Wasser zu bestehen. Genau deshalb trägt Tumpak Sewu auch seinen Namen – sinngemäß „tausend Wasserfälle“. Betrachtet man ihn vom Grund der Schlucht aus, versteht man sofort, weshalb dieser Ort als einer der eindrucksvollsten Wasserfälle Südostasiens gilt.
Für Thore war dieser Tag natürlich ein einziges Abenteuer. Zwischen Felsen, Brücken und kleinen Wasserläufen hindurchzuklettern und schließlich mitten im feinen Wasserdunst zu stehen, war für ihn mindestens genauso spannend wie der Vulkan am Vortag. Und auch Emilia konnte nur wenige Tage nach ihrer Ankunft bereits eines der großen Naturwunder Indonesiens erleben.
Doch auch dieser Wasserfall erzählt letztlich dieselbe Geschichte wie der Bromo.
Sein Wasser entspringt den Hängen des Semeru. Über Jahrtausende schnitten sich Flüsse immer tiefer durch die mächtigen Schichten vulkanischer Asche und Lava. So entstand eine Landschaft, in der Feuer und Wasser bis heute gemeinsam arbeiten – der Vulkan baut neues Land auf, während Flüsse und Wasserfälle es gleichzeitig wieder formen. Gerade diese Gegensätze machen Java so faszinierend.
Während wir unsere Reise nach Osten fortsetzten, begleitete uns der Semeru beinahe ununterbrochen. Mal verschwand er hinter Wolken, dann tauchte seine gewaltige Silhouette wieder am Horizont auf. Immer wieder blieb unser Blick an seinem Gipfel hängen. Etwa alle fünfzehn bis zwanzig Minuten stieg eine neue Gas- und Aschewolke empor. Zunächst wirkte sie klein und unscheinbar, doch langsam breitete sie sich über dem Gipfel aus und wurde schließlich vom Wind verweht.
Es waren keine spektakulären Explosionen. Gerade das machte die Beobachtung so faszinierend.
Der höchste Berg Javas erinnerte uns in regelmäßigen Abständen daran, dass unter unseren Füßen noch immer dieselben Kräfte wirken, die diese gesamte Insel geformt haben.
Mit seinen 3.676 Metern ist der Semeru nicht nur der höchste Vulkan Javas, sondern zugleich einer der aktivsten Indonesiens. Sein ursprünglicher Name Mahameru stammt aus der hinduistischen Mythologie und bedeutet „Großer Berg“. Nach alter Überlieferung brachten die Götter den heiligen Weltenberg Meru nach Java, um die Insel im Gleichgewicht zu halten. Bis heute besitzt der Semeru deshalb für viele Javaner eine besondere spirituelle Bedeutung.
Auch geologisch nimmt er eine Sonderstellung ein. Anders als der Bromo, der innerhalb einer riesigen Caldera entstand, wächst der Semeru bis heute weiter. Jede seiner Eruptionen lagert neues Material an seinen Flanken ab und verändert den Berg ein wenig. Es ist faszinierend, einen Vulkan zu beobachten, dessen Entstehungsgeschichte noch längst nicht abgeschlossen ist.
Je weiter wir Richtung Osten fuhren, desto häufiger öffnete sich der Blick auf den Indischen Ozean. Die Landschaft wirkte rauer als an vielen anderen Küsten Indonesiens. Hohe Wellen rollten unaufhörlich an die dunklen Strände, während der Wind salzige Gischt über die Küste trug.
Zwischen Fischerei, Plantagen und kolonialem Erbe
Schließlich erreichten wir Puger, einen der bedeutendsten Fischereihäfen an der Südküste Ostjavas. Schon von weitem waren die unzähligen bunt bemalten Fischerboote zu erkennen, die dicht an dicht im Hafen lagen. Einige kehrten gerade vom Meer zurück, andere wurden für die nächste Ausfahrt vorbereitet. Überall wurden Netze repariert, Motoren überprüft oder der frische Fang entladen. Das geschäftige Treiben wirkte zugleich lebendig und erstaunlich entspannt – ein Alltag, der sich hier seit Generationen kaum verändert hat.
Nicht weit vom Hafen erinnert ein alter Leuchtturm an die Zeit, als die Niederländer die wirtschaftliche Bedeutung dieser Küste erkannten. Zwar war die Südküste Javas wegen ihrer starken Brandung nie so bedeutend wie die geschützten Häfen an der Nordküste, doch auch hier entstanden wichtige Anlaufpunkte für die Fischerei und den regionalen Handel. Der Leuchtturm half den Booten dabei, sicher in die schmale Hafeneinfahrt zurückzufinden – besonders während der oft rauen Bedingungen des Indischen Ozeans.
Von der Küste aus fiel unser Blick auf Nusa Barung, eine dicht bewaldete Insel, die nur wenige Kilometer vor der Südküste liegt. Wie eine grüne Festung erhebt sie sich aus dem Meer und wirkt aus der Ferne beinahe unberührt. Tatsächlich gehört sie zu den ältesten Schutzgebieten Indonesiens. Bereits während der niederländischen Kolonialzeit wurde ihr außergewöhnlicher Naturwert erkannt und die Insel unter Schutz gestellt.
Heute ist Nusa Barung ein wichtiges Naturreservat. In ihren Wäldern leben unter anderem Java-Languren, Muntjaks, Warane und zahlreiche Vogelarten. An den abgelegenen Stränden legen Grüne Meeresschildkröten und Karettschildkröten ihre Eier ab. Dass ein solcher Rückzugsort unmittelbar vor einer der am dichtesten besiedelten Inseln der Erde existiert, erscheint fast unwirklich.
Während wir unsere Fahrt fortsetzten, wurde die Landschaft erneut grüner. Zwischen kleinen Dörfern und sanften Hügeln wechselten sich Reisfelder mit Plantagen ab. Kaffee, Kakao, Zuckerrohr und Tabak prägten das Bild. Die fruchtbaren Vulkanböden ermöglichten hier seit Jahrhunderten eine außergewöhnlich produktive Landwirtschaft.
Unser Tagesziel war Jember.
Auf den ersten Blick wirkt die Stadt wenig spektakulär. Wer historische Altstädte, große Tempelanlagen oder eindrucksvolle Paläste erwartet, wird vielleicht enttäuscht sein. Doch gerade Jember erzählt eine andere, mindestens ebenso spannende Geschichte Javas.
Es ist die Geschichte der Plantagen.
Erst unter der niederländischen Kolonialherrschaft entwickelte sich Jember zu einem der wichtigsten landwirtschaftlichen Zentren Ostjavas. Ab dem 19. Jahrhundert entstanden riesige Plantagen für Tabak, Kaffee und Kakao. Die Kolonialverwaltung investierte in Straßen, Eisenbahnlinien und Verarbeitungsbetriebe, um die wertvollen Erzeugnisse möglichst effizient zu den Häfen zu transportieren. Bis heute prägen diese Strukturen die Region.
Mein eigenes Ziel war schnell gefunden.Ich wollte Zigarren kaufen.
Für Zigarrenliebhaber besitzt Jember einen ausgezeichneten Ruf. Der berühmte Besuki-Tabak, benannt nach der historischen Region im Osten Javas, zählt seit mehr als einem Jahrhundert zu den begehrtesten Deckblatt-Tabaken der Welt. Anders als klassische Zigarrentabake aus Kuba oder der Dominikanischen Republik wird er häufig nicht als Einlage verwendet, sondern als besonders feines Deckblatt, das hochwertigen Zigarren ihre elegante Oberfläche verleiht. Dass Tabak aus Ostjava in vielen Premiumzigarren steckt, wissen selbst viele passionierte Aficionados nicht.
Während wir durch die Umgebung fuhren, wurde deutlich, weshalb gerade hier so hervorragender Tabak wächst. Wieder waren es die Vulkane, die den entscheidenden Beitrag leisteten. Mineralreiche Böden, ein tropisches Klima und die Erfahrung vieler Generationen schaffen ideale Bedingungen für den Anbau. Dasselbe gilt für Kaffee und Kakao, die ebenfalls zu den wichtigsten Exportprodukten der Region zählen.
Auch hier schloss sich für uns der Kreis.
Ob am Bromo, am Tumpak Sewu oder nun auf den Plantagen rund um Jember – immer wieder zeigte sich dieselbe Verbindung: Ohne die Vulkane gäbe es diese außergewöhnlich fruchtbaren Böden nicht. Und ohne diese Böden wäre Java vermutlich niemals zum wirtschaftlichen und politischen Zentrum Indonesiens geworden.
Am späten Nachmittag setzten wir unsere Fahrt weiter nach Osten fort.
Vor uns lag der letzte große Vulkan unserer Reise durch Java. Der Ijen.
Noch ahnten wir nicht, dass uns dort einer der eindrucksvollsten Sonnenaufgänge unserer gesamten Weltreise erwarten würde – und zugleich der erste Blick hinüber nach Bali, wo bereits das nächste Kapitel unseres Indonesien-Abenteuers auf uns wartete.
Am Rand des Feuers
Mit jeder Kurve kamen wir dem östlichsten Zipfel Javas näher. Hinter uns lagen rauchende Vulkane, tosende Wasserfälle, Fischerhäfen und die fruchtbaren Plantagen Ostjavas. Vor uns wartete mit dem Ijen einer der bekanntesten Vulkane Indonesiens – und zugleich der letzte Höhepunkt unserer Reise über diese außergewöhnliche Insel.
Viele Besucher verbinden den Ijen vor allem mit dem berühmten Blue Fire. Für uns spielte dieses Naturschauspiel jedoch ganz bewusst keine Rolle. Zu viele Menschen drängen sich dafür Nacht für Nacht auf dem schmalen Weg in den Krater. Uns ging es nicht darum, möglichst viele Sehenswürdigkeiten abzuhaken. Wir wollten den Berg selbst erleben – die Stille vor Sonnenaufgang genießen und den ersten Blick in den erwachenden Krater in aller Ruhe auf uns wirken lassen.
Deshalb klingelte der Wecker bereits um 3.30 Uhr. Thore blieb an diesem Morgen bewusst im Hotel. Der frühe Start und der lange Aufstieg wären für ihn schlicht zu anstrengend gewesen. So machten sich Emilia und ich gemeinsam auf den Weg.
Gegen 4.30 Uhr begann unsere Wanderung.
Eine Stirnlampe brauchten wir nicht. Der Mond stand fast voll am Himmel und tauchte den Weg in ein überraschend helles, silbriges Licht. Diese natürliche Beleuchtung verlieh der Landschaft eine besondere Ruhe. Immer wieder kamen uns Gruppen mit hellen Taschenlampen entgegen, deren Lichtkegel durch die Dunkelheit wanderten. Wir dagegen konnten den Aufstieg ohne künstliches Licht genießen – ein kleiner Unterschied, der die Atmosphäre für uns deutlich intensiver machte.
Die ersten Minuten verlangten Emilia einiges ab. Der Weg steigt vom Parkplatz aus zunächst recht steil an und unser Tempo war anfangs etwas zu hoch. Nach den ersten Passagen fanden wir jedoch unseren Rhythmus. Gemeinsam arbeiteten wir uns Schritt für Schritt nach oben. Als wir schließlich den Kraterrand erreichten, war alle Anstrengung vergessen.
Vor uns öffnete sich einer der außergewöhnlichsten Krater der Erde.
Langsam krochen die ersten Sonnenstrahlen über den Kraterrand. Mit jeder Minute veränderte sich die Farbe des riesigen Säuresees. Was zunächst dunkel und geheimnisvoll wirkte, leuchtete wenig später in kräftigen Türkis- und Smaragdtönen. Schwefeldämpfe zogen immer wieder über das Wasser, verdeckten den Blick für wenige Augenblicke und gaben ihn anschließend wieder frei. Dieses ständige Wechselspiel aus Licht, Farben und Nebel ließ die Landschaft beinahe unwirklich erscheinen.
Mit einem pH-Wert von teilweise unter 0,5 gehört der Kratersee des Ijen zu den sauersten natürlichen Seen der Erde. Seine intensive Farbe entsteht durch gelöste Mineralien und Schwefelverbindungen – ein faszinierendes Beispiel dafür, wie selbst lebensfeindliche Bedingungen eine Landschaft von außergewöhnlicher Schönheit hervorbringen können.
Während die Sonne weiter stieg, zeichnete sich am Horizont langsam auch Bali ab. Nur die schmale Bali-Straße trennt die beiden Inseln. Für uns war dieser Moment etwas Besonderes. Hinter uns lag unsere Reise über Java – vor uns wartete bereits das nächste Kapitel unserer Weltreise.
Doch der Ijen ist weit mehr als ein beeindruckendes Fotomotiv.
Bis heute wird hier Schwefel abgebaut. Tief unten im Krater lösen Arbeiter die erstarrten Schwefelablagerungen aus dem Gestein und füllen sie in zwei Körbe, die über eine einfache Holzstange miteinander verbunden sind. Anschließend tragen sie 50 bis 90 Kilogramm Schwefel zunächst den steilen Anstieg bis zum Kraterrand hinauf und danach den gesamten Weg hinunter bis zum Fuß des Berges.
Wer diese Männer beobachtet, kann kaum ermessen, welche körperliche Leistung sie Tag für Tag erbringen. Während wir den Aufstieg als außergewöhnliches Naturerlebnis empfanden, ist derselbe Weg für sie harte Arbeit und die Grundlage ihres Lebensunterhalts. Kaum ein Ort macht deutlicher, wie eng faszinierende Natur und oft entbehrungsreicher Alltag miteinander verbunden sein können.
Der Abstieg führte uns anschließend zügig talwärts. Jetzt zeigte sich, wie beliebt der Ijen inzwischen geworden ist. Dichte Reihen neuer Besucher kamen uns entgegen. Viele Einheimische ließen sich auf einfachen zweirädrigen Karren den Berg hinauf- oder wieder hinunterfahren. Auch dieser Service schafft Arbeitsplätze und zeigt, wie der Tourismus für zahlreiche Familien zu einer wichtigen Einnahmequelle geworden ist.
Natürlich wäre der Ijen mit weniger Besuchern noch eindrucksvoller.
Und dennoch würden wir unsere Entscheidung jederzeit wieder genauso treffen.
Der frühe Aufbruch, der ruhige Aufstieg im Mondlicht und der Sonnenaufgang am Kraterrand machten diesen Morgen zu einem der schönsten Erlebnisse unserer gesamten Reise durch Indonesien.
Mit dem Ijen endete unsere Zeit auf Java.
Eine Insel, deren Geschichte vor Millionen von Jahren mit gewaltigen tektonischen Kräften begann und deren Vulkane bis heute das Leben ihrer Menschen bestimmen. Sie schufen fruchtbare Böden, ermöglichten mächtige Königreiche, machten Java zum politischen und wirtschaftlichen Zentrum Indonesiens und prägen noch immer Landschaft, Landwirtschaft und Kultur.
Als wir wenig später die Fähre nach Bali bestiegen und Java langsam hinter uns verschwand, wurde uns noch einmal bewusst, wie außergewöhnlich diese Insel ist. Der rauchende Bromo, der unermüdlich arbeitende Semeru, der Tumpak Sewu, die Fischer von Puger, die Plantagen rund um Jember und schließlich der türkisfarbene Kratersee des Ijen erzählten letztlich alle dieselbe Geschichte.
Es ist das Feuer im Inneren der Erde, das Java seit Jahrmillionen formt – und das diese Insel bis heute zum Herz Indonesiens macht.
Diese Java Rundreise hat uns eindrucksvoll gezeigt, wie eng Natur, Geschichte und Kultur miteinander verbunden sind. Wer Indonesien wirklich verstehen möchte, sollte sich Zeit für diese faszinierende Region nehmen.