Wandern auf den Ionischen Inseln – Lefkada, Kefalonia und Ithaka

Zwischen Olivenhainen, türkisfarbenem Meer und den Spuren des Odysseus

Der alte Pflasterweg zieht sich durch Olivenhaine, vorbei an einer Höhlenkirche und verlassenen Mauern. Zwischen Zypressen und Macchia öffnet sich immer wieder der Blick auf das Ionische Meer, tief unten liegt die geschützte Bucht von Vathi. Das Wasser leuchtet in verschiedenen Blau- und Türkistönen, während der Weg weiter durch eine Landschaft führt, in der Natur, Geschichte und Mythologie kaum voneinander zu trennen sind.

Spätestens auf einer solchen Wanderung wird verständlich, weshalb Ithaka seit Jahrhunderten mehr ist als nur eine kleine griechische Insel. Sie ist ein Sehnsuchtsort, verbunden mit Odysseus, mit Aufbruch und Heimkehr – und zugleich Teil einer Wanderregion, die in Deutschland noch immer weit weniger bekannt ist als Kreta, die Kykladen oder der Peloponnes.

Lefkada, Kefalonia und Ithaka bilden gemeinsam eine abwechslungsreiche Inselwelt. Alte Wege führen durch Eichenwälder, über Bergrücken, zu Klöstern, Ruinendörfern und abgelegenen Buchten. Das Meer bleibt dabei fast immer gegenwärtig. Mal liegt es weit unterhalb des Weges, mal endet die Wanderung direkt an einem Kiesstrand, an dem das Wasser so klar ist, dass selbst größere Tiefen sichtbar bleiben.

Ich war inzwischen dreimal auf diesen Inseln unterwegs. Dabei hat mir keine der drei besser gefallen als die anderen. Ihr besonderer Reiz liegt gerade in ihrer Abfolge. Lefkada ist ein wunderbarer Einstieg. Durch die Verbindung mit dem Festland wirkt die Insel offener und ist historisch noch einmal anders geprägt als ihre Nachbarinnen. Kefalonia erscheint anschließend größer, rauer und vor allem im Süden etwas karger. Ithaka bildet schließlich den ruhigeren, weniger touristischen, zugleich aber grünen, rauen und wilden Abschluss.

Daraus entsteht eine herrliche Dramaturgie. Schon die erste Wanderung auf Lefkada eröffnet phänomenale Ausblicke über das türkisfarbene Meer und die benachbarten Inseln. Auf Kefalonia werden die Landschaften weiter und schroffer, im Süden auch etwas karger, bevor auf dem grünen, rauen und wilden Ithaka die Königsetappe Natur, Mythologie und Vergangenheit zusammenführt. Immer wieder blickt man nicht nur auf das Meer, sondern auch auf Klöster, Festungen, alte Mauern und andere Monumente, die beinahe selbstverständlich in dieser Landschaft liegen.

Gerade diese Verbindung aus Wandern, Landschaft, Geschichte, Mythologie und griechischer Alltagskultur macht die Ionischen Inseln für mich zu einer der spannendsten Wanderregionen des Landes.

Wandern auf den Ionischen Inseln – das andere Griechenland

Wer bei griechischen Inseln zuerst an trockene Felsen, weiß getünchte Häuser und karge Berghänge denkt, erlebt die Ionischen Inseln beinahe als Gegenentwurf. Sie liegen vor der Westküste Griechenlands und erhalten deutlich mehr Niederschlag als viele Inseln der Ägäis. Entsprechend üppig ist ihre Vegetation: Olivenbäume, Zypressen, Pinien, immergrüne Macchia und stellenweise dichte Wälder bedecken große Teile der Berghänge.

Auf Kefalonia wächst am Mount Ainos sogar die endemische Kefalonische Tanne. An seinen Hängen liegen zudem Weinberge, in denen die Reben für den trockenen Weißwein Robola kultiviert werden. Lefkada wiederum überrascht im Inselinneren mit alten Eichenbeständen, Schluchten und Bergdörfern, während Ithaka auf kleinem Raum steile Hänge, geschützte Buchten, Olivenhaine und felsige Höhen vereint.

Das Besondere liegt im ständigen Wechsel. Ein Weg beginnt in einem Dorf, verschwindet zwischen Bäumen, passiert eine kleine Kirche und öffnet sich plötzlich zu einem weiten Blick über die Inselwelt. Nach einer Stunde im Schatten steht man auf einem sonnenbeschienenen Hang. Und manche Wanderung endet nicht auf einem Gipfel, sondern an einer Bucht, in der das Meer fast unwirklich türkis erscheint.

Eine westliche Brücke der griechischen Welt

Die Ionischen Inseln lagen nie abseits. Ihre Lage zwischen dem griechischen Festland, der Adria und Süditalien machte sie schon früh zu Zwischenstationen für Seefahrer, Händler, Siedler und Eroberer. Wer von Griechenland nach Westen segelte, kam an dieser Inselwelt kaum vorbei.

Während der sogenannten Großen Griechischen Kolonisation vom 8. bis zum 6. Jahrhundert vor Christus waren die Inseln Teil eines Verkehrsraums, über den Griechen die Küsten Süditaliens, Siziliens und der Adria erreichten. Korfu, das antike Kerkyra, wurde um 734 oder 733 vor Christus von Korinth besiedelt und gehörte damit zu den frühesten griechischen Kolonien im Westen. Später trat es selbst als Kolonialmacht auf. Auch Lefkada wurde von Korinthern kolonisiert. Sie durchstachen den schmalen Isthmus und machten aus der Halbinsel eine tatsächliche Insel.

Es wäre trotzdem zu einfach zu behaupten, die gesamte griechische Kolonisation des Mittelmeerraums sei von den Ionischen Inseln ausgegangen. Wichtige Gründungsstädte lagen ebenso auf Euböa, dem Peloponnes und an anderen Küsten Griechenlands. Treffender ist es, die Ionischen Inseln als westliche Brücke zu verstehen: als Stützpunkte auf dem Weg in jene griechisch geprägte Welt, die später unter dem Namen Magna Graecia große Teile Süditaliens und Siziliens umfasste.

Auch die Sagen erzählen von Wanderungen, Neuanfängen und Besiedlungen. Nach dem Trojanischen Krieg kehrten die griechischen Helden nicht einfach nach Hause zurück. Ihre Irrfahrten, Umwege und neuen Herrschaften bilden einen eigenen Erzählkreis: die „Nostoi“, die Geschichten der Heimkehrer. Der bekannteste von ihnen ist Odysseus.

Daneben existieren Überlieferungen über Flüchtlinge aus Troja und Nachfahren des trojanischen Königshauses, die nach Westen gelangten. Der deutlichste ionische Gründungsmythos betrifft allerdings Zakynthos: Die Insel soll ihren Namen von Zakynthos erhalten haben, einem Sohn des Dardanos und damit einem Angehörigen des mythischen Geschlechts, aus dem auch die Könige Trojas hervorgingen. Solche Erzählungen sind keine historischen Siedlungsnachweise. Sie zeigen jedoch, wie eng die Inseln in der antiken Vorstellung mit dem großen Sagenkreis um Troja, Aufbruch und die Suche nach einer neuen Heimat verbunden waren.

Lefkada – alte Pfade zwischen Klöstern und Eichen

Lefkada ist durch eine schwimmende Brücke mit dem griechischen Festland verbunden, wirkt im gebirgigen Inselinneren aber schnell weit entfernt von den belebteren Küstenorten. Gerade hier zeigen sich Seiten der Insel, die Strandurlauber häufig übersehen.

Historisch nimmt Lefkada innerhalb der Ionischen Inseln eine besondere Stellung ein. Während die Nachbarinseln über lange Zeit vor allem venezianisch geprägt waren, geriet Lefkada 1479 unter osmanische Herrschaft. Abgesehen von einer kurzen venezianischen Unterbrechung blieb die Insel bis 1684 osmanisch. Damit war sie die einzige der größeren Ionischen Inseln, die über einen so langen zusammenhängenden Zeitraum unmittelbar vom Osmanischen Reich beherrscht wurde.

Das Zentrum dieser Herrschaft lag an der Festung Agia Mavra, auch Santa Maura genannt, am schmalen Übergang zum Festland. Die Osmanen bauten die Befestigungen aus und errichteten einen langen, von zahlreichen Bögen getragenen Übergang durch die Lagune. Spätere venezianische Umbauten und Erdbeben haben viele Spuren überformt, doch die fast zweihundertjährige osmanische Epoche gehört wesentlich zur Geschichte Lefkadas. Sie erklärt zugleich, weshalb die Insel kulturell nicht ausschließlich über ihre spätere Verbindung mit Venedig verstanden werden kann.

Eine besonders schöne Wanderregion liegt rund um Kollivata und den bewaldeten Höhenzug des Skaros. Alte Pfade führen von der sogenannten Roten Kirche, dem historischen Kloster Evangelistria, durch felsiges Gelände und unter mächtigen Eichen hindurch. Verlassene Klöster, kleine Kirchen, Brunnen und überwachsene Mauern erinnern daran, dass diese Wege lange vor dem modernen Tourismus genutzt wurden. Am Ende wartet kein spektakulär inszeniertes Ziel, sondern ein Dorf, eine Taverne und das Gefühl, eine Landschaft nicht nur gesehen, sondern durchquert zu haben.

In Kollivata gehört für mich die Begegnung mit Maria zu diesen bleibenden Erinnerungen. Als ich sie kennenlernte, war sie seit einem Jahr verwitwet. Sie ist eine ausgesprochen herzliche und gastfreundliche ältere Dame, die sich ehrlich über den Besuch von Gästen freut. Wer bei ihr einkehrt und ihre kleine Lokalität ein wenig unterstützt, erlebt keinen für Reisende inszenierten Ort. Man sitzt in ihrem authentischen Haus und spürt ihre Herzlichkeit. Solche Begegnungen erzählen manchmal mehr über eine Insel als jede Sehenswürdigkeit.

Auch die Wege zur Küste besitzen ihren eigenen Reiz. Von den Bergdörfern führen alte Verbindungen hinunter zu stillen Buchten, vorbei an Olivenhainen und Wiesen, die im Frühjahr voller Blüten stehen. Die Höhenunterschiede sind meist überschaubar, doch steinige Abschnitte und längere Abstiege verlangen Aufmerksamkeit.

Lefkada eignet sich deshalb hervorragend als Einstieg in die Region. Die Insel verbindet erste Wanderungen mit Badebuchten, Bergdörfern und einer Küche, in der sich das Ionische Meer ebenso wiederfindet wie die bäuerliche Tradition des Inselinneren.

Auch die Mythologie ist in die Landschaft eingeschrieben. Am Kap Lefkatas, wo weiße Felsen steil ins Meer fallen, befand sich in der Antike ein Heiligtum des Apollon Leukatas. Apollon galt dort unter anderem als Beschützer der Seefahrer und als Gott der Reinigung. Spätere Überlieferungen verbanden den Ort mit Liebenden, die sich von den Klippen stürzten, um von ihrer Leidenschaft erlöst zu werden. Die berühmteste Geschichte erzählt von der Dichterin Sappho. Einer anderen Sage zufolge riet Apollon sogar Aphrodite, vom Felsen ins Meer zu springen, um ihre unglückliche Liebe zu Adonis zu überwinden.

Kefalonia – große Landschaft und sichtbare Geschichte

Kefalonia ist die größte der Ionischen Inseln und landschaftlich besonders kontrastreich. Berge steigen fast unmittelbar aus dem Meer auf, Wälder wechseln mit kargen Hängen, und zwischen den Höhen liegen Dörfer, Weinberge und Buchten, deren Wasser von Smaragdgrün bis Tiefblau reicht.

Nach Lefkada wirkt Kefalonia rauer und besonders im südlichen Teil etwas karger. Zusätzliche Spannung erhält die Insel durch eine bis heute diskutierte Frage: Lag das Ithaka Homers womöglich gar nicht auf der heutigen Insel Ithaka, sondern auf Paliki, der westlichen Halbinsel Kefalonias? Die ursprüngliche Annahme, Paliki sei in der Bronzezeit durch einen Meereskanal vom übrigen Kefalonia getrennt gewesen, gilt nach geologischen Untersuchungen als widerlegt. Neuere philologische Überlegungen weisen jedoch darauf hin, dass Homer Ithaka nirgends ausdrücklich als Insel bezeichnet. Paliki bleibt daher eine mögliche, aber keineswegs bewiesene Verortung. Allein diese offene Frage verändert den Blick auf die Landschaft.

Im Norden gehört Fiskardo zu den wenigen Orten der Insel, die das schwere Erdbeben von 1953 weitgehend überstanden haben. Deshalb ist dort noch viel von der älteren Architektur erhalten. Der Ort wirkt mit seinem kleinen Hafen ausgesprochen idyllisch und besitzt trotz seiner Beliebtheit eine entspannte Atmosphäre. Allerdings kann Fiskardo touristisch etwas überlaufen wirken. Von hier führen Wege durch die bewaldete Küstenlandschaft zu versteckten Buchten und Aussichtspunkten.

Weiter südlich begegnet man einer wesentlich älteren Geschichte. Mächtige Steinblöcke in antiken Befestigungsmauern werden bis heute als Zyklopenmauern bezeichnet, weil sich spätere Generationen kaum vorstellen konnten, dass Menschen solche Steine bewegt hatten. Die Wanderung nach Antisamos verbindet diese Geschichte mit einer großartigen Landschaft. Besonders eindrucksvoll ist der Kontrast, wenn ein schattiger Weg plötzlich oberhalb der Bucht endet und zwischen den Berghängen das helle Wasser sichtbar wird. Wie fast überall rund um die Ionischen Inseln ist die Wasserqualität hervorragend.

Auch die venezianische Vergangenheit ist auf Kefalonia präsent. Über Assos erhebt sich eine weitläufige Festungsanlage. Der Aufstieg wird mit gigantischen Ausblicken über die Halbinsel, den Ort und das offene Meer belohnt. Anschließend warten unten im Dorf kleine Tavernen mit ausgezeichnetem Essen und jener herzlichen ionischen Gastfreundschaft, die viele Begegnungen auf diesen Inseln prägt. Solche Orte machen deutlich, dass die Inseln nicht am Rand der Geschichte lagen. Sie befanden sich über Jahrhunderte an wichtigen Seewegen und wurden von unterschiedlichen Mächten geprägt.

Auch der Name Kefalonias führt in die Sagenwelt. Nach einer verbreiteten Überlieferung ist die Insel nach dem Helden Kephalos benannt, der gemeinsam mit Amphitryon gegen die Taphier und Teleboer gezogen sein soll. In anderen Erzählungen erscheint Taphios, ein Sohn Poseidons, als früher Herrscher dieser Inselwelt. Antike Quellen verorten auf dem Gipfel des Ainos zudem ein Heiligtum des Zeus Ainesios. So verbanden die Mythen Meer, Berge und Herrschaft mit denselben Landschaften, durch die heute die Wanderwege führen.

Im Inselinneren führen Wanderungen an den Hängen des Dinati durch eine stillere Landschaft. Verlassene Dörfer und überwachsene Mauern erzählen von Erdbeben, Abwanderung und tiefgreifenden Veränderungen. Hier zeigt sich eine Seite Kefalonias, die hinter den bekannten Stränden leicht verschwindet.

Ithaka – wenn Mythologie zur Landschaft wird

Die Überfahrt nach Ithaka ist kurz, und doch verändert sich die Atmosphäre. Schon bei der Ankunft mit der Fähre wird deutlich, wie klein und übersichtlich die Insel ist. Vom Hafen auf der Westseite führen die Wege entweder hinüber zur Ostküste oder weiter nach Norden, wo kleine, idyllische Orte einen unmittelbaren Zugang zum Inselleben und zur ionischen Kultur eröffnen.

Ithaka ist ruhiger und weniger touristisch als Kefalonia. Zugleich ist die Insel grün, rau und wild. Ihre Küste ist stark gegliedert, die Berghänge fallen steil zu geschützten Buchten ab, und zwischen Olivenbäumen, Zypressen und Macchia liegen kleine Dörfer und einzelne Kapellen. Für mich ist sie damit der folgerichtige Abschluss der Reise.

Ithaka gilt traditionell als Heimat des Odysseus. Ob sich alle geografischen Angaben aus Homers „Odyssee“ eindeutig auf die heutige Insel übertragen lassen, ist wissenschaftlich umstritten. Für das Erleben der Landschaft ist diese Unsicherheit jedoch kein Nachteil. Im Gegenteil: Mythologie erscheint hier nicht als festgeschriebene historische Wahrheit, sondern als eine weitere Schicht, durch die wir die Insel wahrnehmen.

Im Epos wird die Insel zugleich zum Schauplatz eines Konflikts der Götter. Athena begleitet und schützt Odysseus. Poseidon verfolgt ihn mit seinem Zorn, nachdem Odysseus den Kyklopen Polyphem geblendet hat. Das Meer ist damit nicht bloß Kulisse, sondern Macht und Gegenspieler. Die Nymphen wiederum stehen für die verborgenen, heiligen Orte der Heimkehr – und erhalten auf der großen Wanderung eine beinahe greifbare Landschaft.

Eine Wanderung führt über hügelige Pfade, durch Pinien- und Zypressenwald bis zum abgelegenen Gidaki-Strand. Eine andere beginnt in der Höhe beim Kloster Kathara, eröffnet weite Blicke über nahezu die gesamte Insel und folgt anschließend einem alten Pflasterweg hinab nach Anogi und weiter in Richtung Kioni. Solche Wege zeigen, wie stark das heutige Ithaka noch von seinen historischen Verbindungen zwischen Dörfern, Feldern, Kirchen und Häfen geprägt ist.

Die große Wanderung über Ithaka

Die eindrucksvollste Tour der Region ist für mich die Königsetappe und zugleich der Schlusspunkt dieser Dramaturgie. Sie vereint vieles, was Ithaka ausmacht: alte Olivenhaine, eine kleine Höhlenkirche, historische Pflasterwege und eine stille Berglandschaft. Unterwegs öffnen sich immer wieder weite Blicke über das türkisfarbene Meer, auf die anderen Inseln und auf die nahezu kreisförmige Bucht von Vathi, deren natürliche Form sie wie einen großen geschützten Hafen erscheinen lässt.

Auch eine Höhle, die traditionell mit der Nymphengrotte aus der „Odyssee“ verbunden wird, liegt an der Strecke. Der Überlieferung nach verbarg Odysseus nach seiner Heimkehr dort die Geschenke der Phäaken. Ob genau diese Höhle Homers Beschreibung entspricht, lässt sich nicht abschließend beweisen. Doch wenn man sich ihr zu Fuß nähert, nachdem man bereits mehrere Stunden durch die Landschaft gegangen ist, erhält der Mythos eine andere Nähe als beim Lesen eines Hinweisschildes.

Später führt der Weg an den Ruinen einer mittelalterlichen Siedlung vorbei. Mauern, Kirchenreste und Terrassen liegen zwischen Bäumen und Gestrüpp. Von hier geht es weiter hinunter in Richtung Vathi. Die Tour ist technisch nicht extrem, verlangt mit ihren steinigen Wegen und längeren Abstiegen jedoch Trittsicherheit. Gerade ihre Vielschichtigkeit macht sie so besonders: Natur, Meerblicke, Mythologie und sichtbare Geschichte folgen nicht nacheinander, sondern greifen ständig ineinander.

Eine andere Geschwindigkeit

Was von den Ionischen Inseln bleibt, sind jedoch nicht nur die Wanderungen und Ausblicke. Es sind ebenso die Begegnungen mit den Menschen. Dafür muss man sich ein wenig Zeit lassen: in ein kleines Café gehen, dem alltäglichen Treiben zuschauen und nicht sofort wieder aufbrechen.

Dann kommt man beinahe automatisch ins Gespräch. Meist sind es keine großen Unterhaltungen, sondern alltägliche Sätze, Fragen und kleine Geschichten. Gerade deshalb bleiben sie in Erinnerung. Sie vermitteln ein Gefühl für eine andere Geschwindigkeit auf den Inseln – für ein Leben, das sich nicht ausschließlich an den Sehenswürdigkeiten und Zeitplänen der Besucher orientiert.

Inseln zwischen Ost und West

Die Geschichte der Ionischen Inseln unterscheidet sich in mehreren Punkten von jener vieler anderer griechischer Regionen. Während große Teile Griechenlands über Jahrhunderte zum Osmanischen Reich gehörten, standen die meisten Ionischen Inseln lange unter venezianischer Herrschaft. Lefkadas fast zweihundertjährige osmanische Epoche bildet dabei eine wichtige Ausnahme. Nach dem Ende der Republik Venedig 1797 folgten französische Herrschaftsphasen und von 1815 bis 1864 das britische Protektorat der „Vereinigten Staaten der Ionischen Inseln“. Erst 1864 wurden die Inseln mit dem griechischen Staat vereinigt.

Das Meer hat diese Inseln von Italien getrennt und zugleich mit ihm verbunden. Venedig war nicht nur politische Herrscherin, sondern auch Handelsmacht und kultureller Bezugspunkt. Italienische und venezianische Einflüsse finden sich in Wörtern, Familiennamen, Festungen, Glockentürmen, Hafenorten und auf dem Teller. Sie wurden jedoch nicht einfach übernommen, sondern mit griechischen Traditionen und den Produkten der Inseln zu einer eigenen ionischen Kultur verbunden.

Gleichzeitig reichen die sichtbaren Spuren viel weiter zurück. Mykenische und antike Mauern, Kultplätze und archäologische Funde verweisen auf eine Besiedlung, die lange vor Homer begann.

Allerdings ist vieles nicht so ungebrochen erhalten, wie es zunächst erscheinen mag. Das Erdbeben von 1953 zerstörte auf Kefalonia und Ithaka zahlreiche Orte fast vollständig. Die heutige Architektur ist deshalb vielerorts das Ergebnis von Wiederaufbau, Erinnerung und dem Versuch, regionale Formen zu bewahren.

Wandern gehört hier auch zur Kulinarik

Eine Wanderregion erschließt sich nicht allein über Wege und Aussichtspunkte. Auf den Ionischen Inseln gehört die Einkehr in einer Taverne ebenso zum Erlebnis wie der Duft von Salbei, Thymian und Rosmarin am Wegesrand.

Die besondere Verbindung zu Italien ist hier nicht nur an Festungen und Architektur, sondern auch in der Küche spürbar. Jahrhunderte venezianischer Herrschaft brachten Begriffe, Zubereitungsarten und Rezepte auf die Inseln. Daraus entstand keine italienische Küche in Griechenland, sondern eine eigenständige ionische Verbindung aus westlichen Einflüssen, griechischer Kochtradition und lokalen Zutaten.

Auf Lefkada zählt die würzige luftgetrocknete Salami zu den bekanntesten Spezialitäten. Der Überlieferung nach brachten italienische Einwanderer aus Burano die Herstellungstechnik auf die Insel. Hinzu kommen die mit Olivenöl zubereitete Ladopita und der Likör Rosoli. Kefalonia ist für Robola-Wein, Käse, Honig und seine kräftige Fleischpastete bekannt. In Gerichten wie Bourdeto, einem pikanten Fischeintopf, oder Aliada, einer kräftigen Knoblauch-Kartoffel-Creme, klingen ebenfalls Verbindungen über das Ionische Meer hinweg an. Dazu kommen gegrillter Fisch, Meeresfrüchte, geschmortes Gemüse, Hülsenfrüchte, Salate und Oliven – je nach Taverne und Jahreszeit immer etwas anders.

Für Genießer ist diese Verbindung aus griechischer und italienischer Kulinarik beinahe ein Lottogewinn. Unabhängig von allen regionalen Besonderheiten sollte man außerdem wenigstens einmal ein langsam geschmortes Stifado probieren. Der griechische Klassiker mit viel Zwiebel, kräftigen Gewürzen und einer dichten Sauce passt besonders gut zu einem langen Abend nach der Wanderung.

Entscheidend ist dabei weniger eine Liste berühmter Speisen als die Art, wie gegessen wird. Nach einer Wanderung stehen mehrere Teller auf dem Tisch, Brot wird geteilt, Wein nachgeschenkt und aus einer kurzen Pause wird leicht ein langer Abend. Landschaft und Küche gehören zusammen: Die Olivenhaine, Weinberge, Kräuter und Ziegen, an denen man tagsüber vorbeigekommen ist, begegnen einem später auf dem Teller wieder.

Für wen eignet sich die Region?

Die Wanderungen auf Lefkada, Kefalonia und Ithaka sind überwiegend moderat, sollten aber nicht unterschätzt werden. Viele Wege sind steinig, alte Pflaster können uneben sein und Abstiege belasten die Knie stärker als die reinen Höhenmeter vermuten lassen. Gute Wanderschuhe, Trittsicherheit und eine Kopfbedeckung gehören deshalb zur Grundausstattung. Vor allem ausreichend Wasser ist unverzichtbar. Zusätzlich sollte ein kleiner energiereicher Snack in den Rucksack, falls unterwegs der Blutzuckerspiegel absinkt.

Auch beim Fotografieren ist Aufmerksamkeit wichtig. Für ein Bild oder den Blick auf das Mobiltelefon sollte man stehen bleiben. Wer sich während des Gehens vom Display ablenken lässt, übersieht auf den unebenen Wegen schnell eine lose Steinplatte, eine Wurzel oder den nächsten Tritt.

Die angenehmsten Reisezeiten sind das Frühjahr ab Ende April und der Herbst. Im Frühjahr blüht die Landschaft und die Inseln zeigen sich besonders grün. Im Herbst ist das Meer noch warm, während die größte Sommerhitze meist vorüber ist. Beide Jahreszeiten bieten Temperaturen, bei denen sich die Wanderungen gut bewältigen lassen. Im Juli und August können längere Touren wegen der hohen Temperaturen dagegen anstrengend werden.

Wer individuell unterwegs ist, sollte die Logistik sorgfältig planen. Viele Ausgangs- und Endpunkte der Wanderungen liegen nicht an derselben Stelle, öffentliche Busverbindungen sind außerhalb der Hauptorte begrenzt und Fährpläne können sich je nach Saison ändern. Ein Mietwagen, vorab organisierte Transfers oder geschickt kombinierte Taxifahrten erleichtern die Planung. Für wenig markierte Wege sind aktuelle GPS-Daten sinnvoll.

Drei Inseln, eine Wanderregion

Lefkada, Kefalonia und Ithaka sind keine Inseln, die sich allein über ihre Strände erklären lassen. Ihre eigentliche Stärke liegt im Zusammenspiel von Bergen und Meer, alten Wegen und lebendigen Dörfern, antiken Mauern, osmanischer und venezianischer Geschichte, Tavernen und stillen Buchten.

Wer hier wandert, bewegt sich nicht nur durch eine schöne Landschaft. Er folgt Wegen, die über Jahrhunderte Dörfer, Felder, Klöster und Häfen miteinander verbunden haben. Zugleich begegnet er einer Inselwelt, die Griechenland früh mit Italien und dem westlichen Mittelmeer verband. Hinzu kommen Apollon am Kap Lefkatas, Zeus auf dem Ainos, Athena und Poseidon auf Ithaka sowie die großen Erzählungen von Troja – nicht als historisch eindeutig belegbare Kulisse, sondern als Geschichten über Aufbruch, Irrfahrt, Verlust und Heimkehr, die bis heute unsere Wahrnehmung der Inseln prägen.

Vielleicht ist genau das der Grund, weshalb diese Region so lange nachwirkt: Hinter jeder Wegbiegung wartet nicht nur ein neuer Blick auf das türkisfarbene Meer, sondern auch eine weitere Geschichte.