Die Arbeit der anderen

Über Reisen, Würde und die Menschen, deren Arbeit wir manchmal erst sehen, wenn wir genauer hinschauen.

Am Ijen auf Java stand ein Korb voller Schwefel. Unser Guide machte mich darauf aufmerksam und meinte, ich solle einmal versuchen, ihn anzuheben. Vielleicht rechnete er damit, dass ich es nicht schaffen würde.Ich bin gelernter Zimmermann, habe in meinem Leben schwere Balken getragen und auf Baustellen gearbeitet, bin auch heute noch ziemlich fit und probiere ohnehin gerne Dinge aus, wenn sich die Gelegenheit bietet. Also griff ich nach der Bambusstange, hob den Korb an und bekam ihn tatsächlich auf die Schulter.Ich weiß nicht genau, wie schwer er war. Mindestens 60 Kilogramm, würde ich schätzen, vielleicht auch mehr. Allein das Anheben war enorm anstrengend, und während ich diesen Korb für einen kurzen Moment auf der Schulter hatte, musste ich an die Männer denken, die wir zuvor unten im Krater gesehen hatten.Sie bauen dort Schwefel ab und tragen Lasten, die teilweise noch erheblich schwerer sind. 70, 80, manche wohl 90 Kilogramm. Zunächst geht es damit aus dem Krater hinauf zum Rand und anschließend den Berg hinunter, über einen Weg, für den Touristen beim Aufstieg anderthalb oder zwei Stunden benötigen.Unten hatten wir junge Männer bei der Arbeit gesehen, aber auch ältere. Gerade einige von ihnen wirkten ausgezehrt. Neben dem Schwefelabbau stand ein einfacher überdachter Verschlag, und ich wusste nicht, ob die Männer dort nur ruhten oder teilweise vielleicht sogar schliefen.Ich habe sie nicht fotografiert.Nicht, weil ich glaube, dass es grundsätzlich falsch wäre, Menschen bei ihrer Arbeit zu fotografieren. Ich fotografierte die Landschaft, den Krater und den See, während andere Besucher durchaus auch ihre Kameras auf die Arbeiter richteten. Mich beschäftigte dabei vielmehr eine Frage, die mich auf Reisen schon sehr lange begleitet: Wann schauen wir einem Menschen interessiert bei seiner Arbeit zu – und wann wird dieser Mensch für uns selbst zu einem Teil der Sehenswürdigkeit?

Wenn Arbeit zur Sehenswürdigkeit wird

Vielleicht habe ich für solche Situationen schon immer ein gewisses Gespür gehabt. Vor 25 oder 30 Jahren fotografierte ich auf Reisen ohnehin kaum, weil ich häufig das Gefühl hatte, durch eine Kamera etwas von dem Blick für das zu verlieren, was es tatsächlich zu sehen gab. Menschen haben mich trotzdem immer interessiert, vielleicht sogar mehr als Sehenswürdigkeiten: wie sie leben, womit sie ihr Geld verdienen, welche Bedeutung ihre Arbeit für sie besitzt und wie ihr Alltag aussieht.

Je länger man reist, desto deutlicher wird dabei, dass wir ständig Welten betreten, die für uns ein Erlebnis und für andere Menschen schlicht Alltag sind.

Am Ijen bezahlen wir dafür, auf einen Vulkan zu steigen. Wir bestaunen den Kratersee, die bizarre Landschaft und das Licht am frühen Morgen, machen Fotos und erzählen später vielleicht von einem außergewöhnlichen Erlebnis. Für die Schwefelträger ist derselbe Berg ein Arbeitsplatz.

Ich empfand keine Schuld, dort zu sein, und empfinde sie auch heute nicht. Wir hatten ganz bewusst einen einheimischen Guide genommen, weil ich es wichtig finde, dass die Menschen aus dem Umfeld auch wirtschaftlich vom Tourismus profitieren. Einige der Schwefelträger verdienen zusätzlich etwas mit kleinen Figuren aus Schwefel oder bekommen gelegentlich Geld von Besuchern. Auch ich gab dem einen oder anderen älteren Mann etwas, weil es mir schwerfiel, diese körperliche Arbeit zu sehen und einfach weiterzugehen.

Dabei möchte ich mich nicht besser darstellen, als ich bin. Mir geht es verdammt gut, und trotzdem gebe auch ich viel zu selten etwas. Vielleicht ist gerade dieses Wissen wichtig, weil Respekt nicht dadurch entsteht, dass man sich selbst auf die richtige Seite stellt.

Während ich dort stand, musste ich an eine Begegnung denken, die ungefähr ein Vierteljahrhundert zurücklag.

Damals war ich in Potosí in Bolivien und stieg in die Minen des Cerro Rico. Unser Guide hatte selbst dort gearbeitet, und bevor wir hineingingen, kauften wir Coca-Blätter, Zigaretten und andere Dinge, die wir den Bergleuten mitbrachten. Ich erinnere mich an die Enge unter Tage, an die Arbeiter und an die Sprengungen, die zu dieser Arbeitswelt gehörten, auch wenn sie nicht unmittelbar neben uns stattfanden.

Vor allem erinnere ich mich aber an die Rituale. Coca-Blätter wurden gekaut, Zigaretten geraucht, Alkohol getrunken und auch auf den Boden geschüttet. Pachamama, Mutter Erde, spielte eine Rolle, ebenso El Tío, jene dämonische Figur, die in der Welt unter Tage verehrt und gefürchtet wird.

Mich interessierte damals sehr, warum diese Dinge für die Bergleute wichtig waren. Vielleicht auch deshalb, weil ich versuchte zu begreifen, was es bedeutet, jeden Tag in einen Berg hineinzugehen, in dem eine reale Gefahr besteht, nicht gesund wieder herauszukommen. Coca, Alkohol, Zigaretten und Rituale waren nicht einfach exotische Eigenheiten, sondern Teil einer Lebens- und Arbeitswelt, die ich nur für wenige Stunden betreten würde.

Natürlich lässt sich im Nachhinein fragen, ob Touristen überhaupt in eine solche Mine gehören. Schließlich gingen wir freiwillig und aus Neugier an einen Ort, an dem andere Menschen ihren Lebensunterhalt unter Bedingungen verdienten, denen wir uns niemals dauerhaft ausgesetzt hätten.

Meine Erinnerung daran ist trotzdem nicht eindeutig negativ. Ich hatte durchaus den Eindruck, dass einige der Bergleute stolz auf ihre Tätigkeit waren und es schätzten, wenn jemand sich ernsthaft dafür interessierte. Wir hatten ihnen Dinge mitgebracht, die sie gebrauchen konnten, unser Guide kannte ihre Welt aus eigener Erfahrung, und die Begegnung fühlte sich für mich nicht wie eine Vorführung an.

Vielleicht liegt genau darin eine Schwierigkeit, die sich nicht mit einer einfachen Regel lösen lässt. Interesse kann voyeuristisch sein. Interesse kann aber auch Anerkennung bedeuten. Entscheidend ist möglicherweise weniger, ob wir hinschauen, sondern wie wir es tun.

Vier Kisten Bier im Himalaya

Einige Monate nach den Anschlägen vom 11. September war ich in Nepal und lief mit meiner damaligen Freundin die Annapurna-Runde. Es waren damals ungewöhnlich wenige ausländische Reisende unterwegs. Für uns war das angenehm, für viele Menschen in einer Region, deren Einkommen stark vom Tourismus abhing, war es natürlich eine schwierige Zeit.

Ich war damals ziemlich fit und hatte mit der körperlichen Anstrengung wenig Probleme. Meine Freundin brauchte häufiger eine Pause, wodurch wir immer wieder überholt wurden – erstaunlich oft nicht von anderen Touristen, sondern von Trägern.

Es waren häufig kleine, drahtige Männer, die in einfachen Schuhen oder Flipflops mit gewaltigen Lasten über die Bergwege zogen. Die Ladung wurde auf dem Rücken getragen und über ein Band an der Stirn stabilisiert. Ihre Trittsicherheit beeindruckte mich ebenso wie die Selbstverständlichkeit, mit der sie sich unter diesen Gewichten durch die Bergwelt bewegten.

Irgendwann überholte mich ein Mann mit vier Kisten Bier.

Dieses Bild ist mir bis heute geblieben, weil sich dadurch mein Blick auf etwas scheinbar völlig Selbstverständliches veränderte. Das Bier, das wir am Abend in einem Gasthaus bestellten, war schließlich nicht einfach dort. Jemand hatte es hinaufgebracht. Dasselbe galt für Lebensmittel und viele andere Dinge, die wir unterwegs konsumierten und die das Reisen in dieser Bergregion überhaupt erst so komfortabel machten.

Für uns war die Annapurna-Runde ein Abenteuer und eine der großen Trekkingtouren der Welt. Für die Träger waren dieselben Wege Teil ihres Arbeitsalltags und einer Lieferkette.

Wenn wir ihnen Platz machten, damit sie vorbeikamen, begegnete uns häufig ein freundliches Lächeln. Manchmal sahen wir mehrere von ihnen gemeinsam an einer Wegbiegung sitzen, eine Zigarette rauchen oder Dal Bhat essen, Reis mit Linsen, das einfache Gericht, das viele Menschen dort zwei- oder dreimal am Tag essen.

Mich haben diese Männer damals beeindruckt, und vielleicht liegt dort sogar ein Teil des Ursprungs meiner späteren Vorliebe für Flipflops und sehr reduzierte Schuhe. Vor allem aber begann ich stärker darüber nachzudenken, wie viel Arbeit anderer Menschen hinter Dingen steckt, die wir auf Reisen als selbstverständlich wahrnehmen.

Wenn aus Arbeit ein Bild wird

Jahre später begegnete mir an der Südküste Sri Lankas eine andere Variante dieses Verhältnisses.

Die Stelzenfischer gehören zu den ikonischen Bildern des Landes: Männer, die auf einfachen Holzgestellen über dem Meer sitzen und angeln. An touristisch stark frequentierten Orten hatte sich diese Tätigkeit allerdings längst verändert. Nicht unbedingt der gefangene Fisch war dort noch das wirtschaftlich interessanteste Produkt, sondern zunehmend das Bild des Fischers selbst.

Wer fotografieren wollte, sollte bezahlen.

Grundsätzlich finde ich daran überhaupt nichts Verwerfliches. Warum sollte ein Mensch kostenlos zum Fotomotiv eines anderen werden? Wir reisen mit unseren Kameras durch die Welt und glauben manchmal erstaunlich selbstverständlich, Menschen fotografieren zu dürfen, weil sie anders aussehen, anders gekleidet sind oder etwas tun, das uns interessant erscheint. Für mich gehört es zum Respekt, zu fragen und gegebenenfalls auch bereit zu sein, für ein Foto zu bezahlen.

Damals wurde allerdings eine Summe verlangt, die ich als völlig überzogen empfand. Also machte ich kein Foto. Auch Respekt funktioniert für mich nicht nur in eine Richtung.

Interessanter als dieser kleine Konflikt war für mich jedoch die Veränderung, die dahinterstand. Aus einer traditionellen Tätigkeit war ein weltweit bekanntes Bild geworden, aus diesem Bild eine touristische Attraktion und daraus wiederum eine neue Einnahmequelle.

Man könnte darüber klagen, dass Tradition zur Inszenierung verkommt. Ähnliche Erfahrungen habe ich an vielen Orten gemacht, bei folkloristischen Aufführungen ebenso wie bei vermeintlich authentischen Begegnungen, die längst vor allem für Besucher stattfinden. Aber auch diese Sicht wäre mir zu einfach. Wenn Menschen erkennen, dass sie mit dem Bild ihrer traditionellen Tätigkeit mehr verdienen können als mit der Tätigkeit selbst, wer bin ich dann, ihnen vorzuwerfen, diese Möglichkeit zu nutzen?

Vielleicht verändert Tourismus Traditionen. Vielleicht erhält er manche aber gerade dadurch, dass sie plötzlich einen wirtschaftlichen Wert bekommen. Und manchmal tut er vermutlich beides gleichzeitig.

Den Menschen sehen

Für diese Fragen braucht es allerdings weder einen Vulkan noch eine Silbermine, den Himalaya oder Stelzenfischer an einem tropischen Strand. Eigentlich begegnen sie uns auf jeder Reise, häufig gerade dort, wo wir gar nicht mehr darüber nachdenken.

Jemand nimmt am Flughafen meinen Rucksack entgegen und lädt ihn später in ein Flugzeug. Ein anderer holt ihn am Ziel wieder heraus. Ein Fahrer bringt mich zur Unterkunft, jemand putzt das Zimmer, ein anderer kocht mein Essen und vielleicht trägt jemand meinen Koffer eine Treppe hinauf.

All diese Menschen sind Teil meiner Reise, und trotzdem nehmen wir häufig eher ihre Funktion wahr als den Menschen dahinter. Wir sehen den Fahrer, den Gepäckträger, die Reinigungskraft oder den Kellner und vergessen leicht, dass hinter jeder dieser Tätigkeiten ein eigenes Leben steht.

Natürlich darf ich mir einen Koffer tragen lassen. Jemand bietet diese Dienstleistung an, ich bezahle dafür und kann zusätzlich Trinkgeld geben. Aber ich kann mir vorher auch überlegen, ob dieser Koffer tatsächlich 30 Kilogramm wiegen muss. Wenn ich weiß, dass ein anderer Mensch ihn irgendwann tragen wird, kann ich mein Gepäck innerhalb meiner Möglichkeiten so reduzieren, dass ich ihm die Arbeit nicht unnötig erschwere.

Das verändert nicht die Welt. Es ist nur eine Kleinigkeit, aber vielleicht beginnen Veränderungen häufig genau dort.

Dabei geht es mir ausdrücklich nicht um Mitleid. Ich möchte weder den Schwefelträger am Ijen noch den Bergmann in Potosí, den Träger in Nepal oder den Fischer in Sri Lanka zum Opfer erklären. Auch das wäre letztlich eine Form von Überheblichkeit, denn ich weiß nicht, wie diese Menschen ihr eigenes Leben empfinden, worauf sie stolz sind, was sie verändern möchten oder welche Vorstellungen sie von einem guten Leben haben.

Vor allem weiß ich nicht, ob meine Vorstellungen davon automatisch ihre sein müssen.

Was für mich allerdings nicht verhandelbar ist, ist die Würde eines Menschen. Derjenige, der meinen Koffer trägt, besitzt nicht weniger davon als ich, nur weil ich mir seine Dienstleistung leisten kann. Der Schwefelträger ist nicht weniger wert als der Tourist, der ihn fotografiert, und der Bergmann nicht weniger als der Reisende, der für einige Stunden seine Arbeitswelt besucht.

Vielleicht ist das eine der wichtigsten Erkenntnisse, die sich für mich über Jahrzehnte des Reisens immer weiter verstärkt hat: Andere Kulturen, Lebensentwürfe und Sichtweisen müssen nicht unseren entsprechen, um gleichwertig zu sein.

Reisen bedeutet für mich deshalb auch nicht, dass wir uns aufgrund unseres Wohlstands das Recht verdient hätten, irgendwohin zu fliegen und uns dort aufzuführen, wie wir möchten. Ein Flugticket, ein Hotelzimmer oder eine gebuchte Reise kaufen uns Dienstleistungen, aber sie kaufen uns keinen Anspruch auf einen anderen Menschen.

Das Wichtigste beim Reisen ist für mich deshalb Respekt. Nicht als große moralische Forderung und schon gar nicht aus einer Position heraus, in der wir anderen erklären, wie sie leben sollten, sondern als Bereitschaft, wahrzunehmen, dass die Menschen, denen wir begegnen, nicht die Kulisse unserer eigenen Reise sind.

Am Ijen standen viele Menschen mit Kameras und sahen die Schwefelträger. Ob sie dabei auch die Arbeit und die Menschen dahinter gesehen haben, kann ich nicht beurteilen.

Ich kann diese Frage ohnehin nur an mich selbst richten, denn auch ich übersehe Menschen, bin manchmal bequem, könnte häufiger etwas geben und profitiere auf meinen Reisen jeden Tag von der Arbeit anderer.

Vielleicht geht es deshalb gar nicht darum, als Reisender alles richtig zu machen. Das wird ohnehin nicht gelingen. Entscheidend scheint mir vielmehr, aufmerksam zu bleiben für die Menschen, deren Arbeit unsere Reisen erst möglich macht, und ihnen mit derselben Würde zu begegnen, die wir für uns selbst selbstverständlich beanspruchen.

Vielleicht beginnt respektvolleres Reisen nicht mit großen moralischen Forderungen, sondern mit etwas viel Einfacherem:

den anderen überhaupt zu sehen.