Nach fast vier Monaten Indonesien hätte der Wechsel kaum größer sein können. Drei Tage Singapur lagen zwischen uns und Thailand – drei Tage in einem Stadtstaat, der geografisch mitten in Südostasien liegt und sich in vielerlei Hinsicht doch wie eine andere Welt anfühlt.
Singapur und Ko Phangan könnten kaum unterschiedlicher sein – gerade dieser Wechsel machte die nächste Etappe unserer Reise so spannend.
Schon die Infrastruktur macht den Unterschied sichtbar. MRT und Busse erschließen praktisch die gesamte Stadt, Wege sind klar ausgeschildert, öffentliche Räume gepflegt. Selbst mit einem fünfjährigen Kind lässt sich Singapur erstaunlich unkompliziert erkunden.
Zumindest solange man in den richtigen Bus steigt.
Singapur – wenn selbst perfekte Infrastruktur nicht vor Umwegen schützt
Ulrike und Thore waren bereits zur National Gallery vorausgefahren. Dort konnte Thore basteln, während ich später hinterherkommen wollte. In einer Stadt mit einem derart gut ausgebauten Nahverkehr eigentlich keine große Herausforderung.
Ich nahm einen Bus – nur leider in die falsche Richtung.
Irgendwann wurde mir klar, dass die Umgebung immer weniger nach dem aussah, was ich erwartet hatte. Statt mich der National Gallery zu nähern, fand ich mich an der Kallang MRT Station wieder. Also neu orientieren, in die Bahn steigen, Richtung City Hall fahren und von dort zu Fuß weiter.
Am Ende traf ich Ulrike und Thore natürlich doch noch. Singapurs öffentlicher Nahverkehr hatte einwandfrei funktioniert. Der Fehler befand sich eindeutig zwischen Fahrplan und Fahrgast.
Überhaupt waren wir in diesen drei Tagen viel mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs. Gerade im Bus bekommt man eine Stadt anders zu sehen als in der MRT. Wohnviertel, Geschäftszentren, ältere Straßenzüge und moderne Hochhauslandschaften wechseln sich ab. Erst dabei wurde mir bewusst, wie unterschiedlich Singapur auf seiner kleinen Fläche ist.
Chinatown und Little India, Hawker Centre und Einkaufszentrum, Moschee, hinduistischer Tempel und buddhistisches Heiligtum liegen teilweise nur wenige Stationen voneinander entfernt. Chinesische, malaiische und indische Einflüsse sind überall sichtbar. Gleichzeitig hat Singapur daraus etwas sehr Eigenes geschaffen.
Und dann ist da natürlich die futuristische Seite der Stadt.
Dinosaurier, künstliche Bäume und Marina Bay
Mit Thore führte an den Gardens by the Bay kein Weg vorbei. Im Cloud Forest erhebt sich unter einer gewaltigen Glaskuppel ein dicht bewachsener künstlicher Berg, von dem Wasser in die Tiefe stürzt. Tropische Pflanzen wachsen auf mehreren Ebenen, Nebel zieht durch die Halle – und während unseres Besuchs kamen auch noch Dinosaurier dazu.
Für einen Fünfjährigen war damit ziemlich eindeutig geklärt, was zu den Höhepunkten Singapurs gehörte.
Am Abend standen wir unter den Supertrees. Die künstlichen Bäume wirken schon am Tag eigenartig futuristisch. Mit Einbruch der Dunkelheit begann die Lichtshow. Um uns herum saßen und lagen Hunderte Menschen und blickten nach oben, während Licht und Musik den Park veränderten.
Singapur beherrscht solche Inszenierungen.
Dabei ist vieles, was heute selbstverständlich zur Stadt gehört, vergleichsweise jung. Der Stadtstaat wurde 1965 nach der Trennung von Malaysia unabhängig. Ohne bedeutende eigene Rohstoffvorkommen entwickelte er sich innerhalb weniger Jahrzehnte zu einem wichtigen Handels- und Finanzzentrum Asiens. Seine Lage an einer der bedeutendsten Schifffahrtsrouten der Welt spielte dabei ebenso eine Rolle wie seine Wirtschafts- und Infrastrukturpolitik.
Selbst die Fläche, auf der sich Singapur ausbreitet, ist nicht unveränderlich. Durch Landgewinnung ist der Stadtstaat über Jahrzehnte gewachsen. Besonders rund um Marina Bay lässt sich kaum noch erahnen, wo früher einmal die natürliche Küstenlinie verlief.
Genau dort führte mich auch meine Bier-Recherche hin.
Bier im 33. Stock
Mit LeVeL33 hatte ich bereits vor unserer Ankunft Kontakt aufgenommen. Die Mikrobrauerei liegt tatsächlich im 33. Stock eines Hochhauses direkt an Marina Bay.
Allein der Blick ist spektakulär. Unter einem liegen Marina Bay Sands, Hafenanlagen und die Hochhäuser des Finanzviertels, während wenige Meter entfernt gebraut wird.
Für mich war jedoch das Gespräch mindestens ebenso interessant wie die Aussicht. Seit Monaten beschäftige ich mich auf unserer Reise mit den unterschiedlichen Craftbiermärkten Südostasiens. Malaysia und Indonesien hatten bereits gezeigt, wie stark Gesetzgebung, Religion, Steuern, Importbedingungen und Kaufkraft bestimmen, welche Bierkultur sich überhaupt entwickeln kann.
Singapur besitzt wiederum ganz andere Voraussetzungen. Fläche und Personal sind teuer, Alkohol wird hoch besteuert. Gleichzeitig gibt es eine kaufkräftige internationale Bevölkerung und eine ausgeprägte Gastronomieszene. LeVeL33 verbindet Brauerei und Restaurant deshalb mit einer außergewöhnlichen Lage.
Ein ganz anderes Beispiel fanden wir bei Brewerkz. Statt der eleganten Mikrobrauerei hoch über Marina Bay erwartete uns eine lebendige Brewpub-Atmosphäre. Gerade dieser Unterschied machte den Besuch interessant: zwei Brauereien in derselben Stadt, aber zwei verschiedene Vorstellungen davon, wie selbst gebrautes Bier und Gastronomie zusammengehören.
Für meine weitere Beschäftigung mit der Bierkultur Südostasiens waren diese drei Tage aufschlussreicher, als ich erwartet hatte.
Dann mussten wir schon wieder zum Flughafen. Unser nächstes Ziel war Ko Samui – eine Insel, die für mich mit alten Erinnerungen verbunden ist.
Ko Samui – und plötzlich sind die Erinnerungen wieder da
Vor etwa 22 oder 23 Jahren war ich mehrfach auf Ko Samui gewesen.
Mit der Rückkehr kamen Bilder hoch, an die ich lange nicht gedacht hatte. Damals erkundeten wir die Insel mit Rollern, fuhren zu Wasserfällen und über kleine Straßen, kauften auf Märkten ein und machten uns am Abend Fruchtbowlen, die wir in ausgehöhlten Melonen servierten.
Es sind keine spektakulären Geschichten. Vielleicht sind es gerade deshalb die Erinnerungen, die geblieben sind: irgendwo anhalten, etwas essen, einen Wasserfall suchen und am Abend zusammensitzen.
Ko Samui hat sich seitdem gewaltig verändert. Die Insel ist heute eines der großen internationalen Urlaubsziele Thailands. Resorts und Villen prägen viele Küstenabschnitte, und der Verkehr hat zugenommen.
Diesmal wollten wir Ko Samui allerdings nicht erkunden. Für uns war die Insel das Tor nach Ko Phangan.
Am Fähranleger wurde deutlich, welche Dimension der Tourismus auf den Inseln im Golf von Thailand inzwischen erreicht hat. Familien mit Kindern standen neben Alleinreisenden, Backpackern und Gruppen junger Leute. Menschen aus vielen Ländern warteten mit Rucksäcken, Koffern und Taschen auf ihre Verbindung.
Zwischen all diesen Menschen fiel mir etwas auf, das zugleich neu und vertraut war: Überall hörte ich Hebräisch.
Israelis in Thailand – eine alte Verbindung, die sich verändert
Schon vor mehr als zwanzig Jahren waren mir in Thailand viele israelische Reisende begegnet. Häufig waren es Gruppen junger Leute, die nach dem Militärdienst für längere Zeit unterwegs waren. Thailand, Indien, Nepal und Südamerika gehörten zu den Zielen solcher Reisen. Nach Jahren in einem stark strukturierten Umfeld wollten viele Abstand gewinnen, reisen und feiern.
Gleichzeitig erinnere ich mich an ganz andere Begegnungen. Einzelne Israelis, die alleine unterwegs waren, hielten sich teilweise bewusst von größeren Reisegruppen fern. Einige erzählten mir, dass sie den Militärdienst verweigert hatten. Sie sprachen über gesellschaftlichen Druck und darüber, wie schwierig es sein konnte, mit dieser Entscheidung im eigenen Umfeld umzugehen.
Am Pier auf Ko Samui kamen diese Gespräche wieder hoch. Auf Ko Samui und später auf Ko Phangan begegneten uns israelische Reisende erneut sehr häufig. Unter ihnen waren junge Leute, aber auch Familien. Restaurants und hebräischsprachige Angebote zeigten, dass sich dort inzwischen eine Infrastruktur entwickelt hat, die über die klassische Reise nach dem Militärdienst hinausgeht.
Welche Gründe einzelne Menschen für ihren Aufenthalt hatten, konnten wir von außen nicht wissen. Einige wollten vielleicht Urlaub machen, andere länger bleiben oder nach schwierigen Erfahrungen Abstand gewinnen. Für mich war vor allem der Vergleich mit meinen früheren Reisen interessant: Die Verbindung zwischen Israel und Thailand bestand schon damals. Heute erschien sie mir auf diesen Inseln noch viel sichtbarer.
Dann legte unsere Fähre ab. Die Überfahrt nach Ko Phangan dauerte nicht lange.
Eine Nacht in Thong Sala
Unsere erste Nacht auf Ko Phangan verbrachten wir in Thong Sala.
Der Hauptort ist für viele Besucher nur der Platz, an dem die Fähre anlegt und von dem es anschließend möglichst schnell zu einem Strand weitergeht. Wir blieben und konnten uns am Abend mitten ins Treiben stürzen.
Besonders rund um die Essensstände zeigte sich ein Thailand, das ich mag. Es dampfte aus großen Töpfen, auf den Grills brutzelten Fleisch und Fisch. Daneben gab es Currys, Suppen, Reisgerichte, Obst, Säfte und Süßigkeiten. Einheimische holten sich ihr Abendessen, Reisende gingen zwischen den Ständen hindurch und überlegten, was sie probieren wollten.
Thong Sala ist nicht hübsch im klassischen Sinne, aber lebendig.
Gegenüber meinen früheren Thailandreisen hatte sich das Straßenbild allerdings auffällig verändert: Zwischen Restaurants, Massagesalons und Rollervermietungen standen nun auch zahlreiche Cannabisgeschäfte.
Cannabis – vom Verbot zum Boom
Wer Thailand von früher kennt, erinnert sich an eine harte Drogenpolitik. Umso überraschender war für mich die Veränderung, die nach der Streichung von Cannabis aus der thailändischen Liste verbotener Betäubungsmittel im Jahr 2022 sichtbar wurde.
Eigentlich sollte damit vor allem die medizinische Verwendung gefördert werden. Weil die Regeln zunächst erhebliche Spielräume ließen, entstanden jedoch rasch zahlreiche Verkaufsstellen – besonders in Bangkok und den touristischen Regionen. Ko Phangan machte da keine Ausnahme.
Inzwischen versucht die thailändische Politik, diesen Freizeitmarkt wieder stärker einzuschränken und die Verwendung medizinisch zu kontrollieren. Für mich war weniger die Droge selbst interessant als die Geschwindigkeit der Veränderung. Wer Thailand noch aus den 1990er- und frühen 2000er-Jahren kennt, hätte sich ein solches Straßenbild kaum vorstellen können.
Nach einer Nacht in Thong Sala fuhren wir quer über die Insel an die Ostküste.
Thong Nai Pan Yai – bewusst wegen der Kinder
Thong Nai Pan Yai hatten wir nicht zufällig ausgewählt.
Wir wussten, dass der lange Strand bei Familien beliebt ist. Nach Monaten unterwegs sollte Thore wieder andere deutschsprachige Kinder treffen, mit denen er einfach spielen konnte.
Die Entscheidung erwies sich als richtig. Am Strand begegneten wir mehreren deutschen Familien. Es waren keine Langzeitreisenden wie wir, sondern Familien, die für zwei, drei oder auch fünf Wochen Urlaub machten. Für die Kinder spielte das keine Rolle. Sie fanden zusammen und spielten.
Wir blieben ungefähr eine Woche. Thong Nai Pan Yai liegt in einer breiten Bucht an der Ostküste, eingerahmt von grünen Bergen. Der Strand ist lang genug, dass sich die Besucher verteilen. Im kleinen Ort gibt es Restaurants, Geschäfte und alles, was man für einige Tage braucht.
Am Abend wurde es ruhig. Nach einer Woche wollten wir noch weiter die Ostküste hinunter – an einen Ort, den ich ebenfalls von früher kannte.
Than Sadet – zurück nach mehr als zwei Jahrzehnten
Schon die Lage macht Than Sadet besonders. Die Bucht liegt am Than Sadet–Ko Phangan National Park, und die dicht bewachsenen Berge reichen fast bis ans Meer.
Als ich vor mehr als zwanzig Jahren hier gewesen war, war die Gegend schwieriger zu erreichen. Ko Phangan hatte weniger ausgebaute Straßen, Unterkünfte waren einfacher, und gerade die Ostküste fühlte sich wesentlich abgeschiedener an.
Heute kommt man bequemer nach Than Sadet. Einen Teil seiner Abgeschiedenheit hat der Ort dennoch bewahrt.
Wir wollten vier Tage bleiben. Dann kam der Regen.
Vier ruhige Tage im Nationalpark
Es regnete nicht nur einmal kurz am Nachmittag. Immer wieder zogen schwere Wolken herein, Regen rauschte durch die Vegetation, und Wasser lief über Wege und Hänge. Unser Bewegungsradius wurde entsprechend klein.
Wir verbrachten viel Zeit in unserer Unterkunft und auf dem Balkon, nutzten die Regenpausen und sahen zu, wie sich Wald und Meer mit dem Wetter veränderten. Die Farben wurden kräftiger, Nebel hing zwischen den Hängen, und überall rauschte und tropfte es.
Eines Abends saßen wir auf dem Balkon, als sich direkt vor uns etwas bewegte.
Ein Loris kletterte in der Dunkelheit an uns vorbei. Mit seinen großen Augen und den langsamen Bewegungen konnten wir das nachtaktive Tier aus nächster Nähe beobachten – ohne danach gesucht zu haben.
Für Thore war die Sache eindeutig: Der Loris war der Star von Than Sadet.
Auch die Geschichte des Ortes ist bemerkenswert. Der Wasserlauf von Than Sadet ist eng mit der thailändischen Monarchie verbunden. König Chulalongkorn, Rama V., besuchte ihn mehrfach; Inschriften in den Felsen erinnern an königliche Besuche.
Nach vier überwiegend regnerischen Tagen fuhren wir weiter an die Westküste.
Haad Yao – noch einmal Zeit für uns
In Haad Yao blieben wir fast eine Woche. Besonders schön war, dass wir drei weitere Familien aus Deutschland trafen. Die Kinder spielten beinahe jeden Tag miteinander, und auch wir genossen die entspannteren Tage.
Einmal fuhren wir mit dem Roller in den Norden der Insel. Bei Ko Ma gingen wir über die schmale Verbindung hinüber zur kleinen vorgelagerten Insel und entdeckten dort aufgeschichtete Steinfiguren. Später besuchten wir den abgelegeneren Strand Haad Khom. So bekamen wir zum Ende unseres Aufenthalts noch einmal eine andere Seite Ko Phangans zu sehen.
Ein letzter Abend in Thong Sala
Unseren letzten Abend verbrachten wir wieder in Thong Sala. Es war Wochenende, und auf dem Abendmarkt standen zwischen Kleidung und anderen Waren zahlreiche Essensstände. Wir ließen uns durch das Treiben treiben und suchten uns etwas zu essen.
Am nächsten Tag nahmen wir die Fähre zum Festland. Ich genoss die Fahrt über den Golf von Thailand: noch einmal Wasser und Inseln, bevor wir in Surat Thani in den Nachtzug nach Bangkok stiegen.
Der Zug war komfortabel. Trotzdem kamen wir am nächsten Morgen alle etwas müde an.
Zwei Tage Bangkok – und eine Spur nach Myanmar
Für Bangkok hatten wir diesmal nur zwei Tage. Vieles spielte sich rund um das Terminal 21 ab. Im Foodcourt Pier 21 aßen wir mehrmals und waren wie immer begeistert. Zwischen den vielen Ständen konnte jeder etwas finden, auf das er gerade Lust hatte.
Mit Thore gingen wir außerdem kurz in ein Kindercafé und besuchten den Chatuchak-Markt. Wir hatten kein großes Besichtigungsprogramm. Wir ließen uns durch die Stadt treiben, aßen gut und fanden zwischendurch Orte, an denen auch Thore auf seine Kosten kam.
Ganz zufällig entdeckte ich dann noch eine Craftbierbar von Burbrit. Damit tauchte mitten in Bangkok ein Land auf, mit dem ich mich auf dieser Reise ebenfalls beschäftigen möchte: Myanmar.
Burbrit wurde in Yangon gegründet und eröffnete dort 2017 seinen ersten Schankraum. Die Brauerei gehört zu den Pionieren der modernen Craftbierszene Myanmars und betreibt inzwischen auch eine Bar in Bangkok. Auf der Bierkarte standen unter anderem ein Burma Pale Ale und ein Mandalay Wheat.
An der Wand erzählte eine Tafel von der älteren Braugeschichte des Landes und von der Mandalay Brewery, die 1886 gegründet wurde. Für einen Moment verband dieser Fund meine Bier-Recherche mit einer möglichen späteren Etappe unserer Reise: Wenn die politische Situation es zulässt, würden wir Burbrit im Januar gerne auch in Yangon besuchen. Ob das möglich sein wird, bleibt offen.
Dann war unsere Zeit in Bangkok schon wieder vorbei.
Vor uns lag der Flug nach Vietnam. Nach Singapurs geordneten Straßen, den Wochen auf Ko Phangan und zwei Tagen im Trubel Bangkoks wartete nun eine Stadt, auf die ich mich besonders freute:
Hanoi.