Wie Singapurs Craftbeer-Pionier lernte, sich immer wieder neu zu erfinden
Mehr als dreißig Zapfhähne fallen mir hinter der langen Theke ins Auge, als ich das Brewerkz Singapore am Riverside Point betrete. Draußen erstreckt sich ein großer, offener Bereich direkt am Singapore River, aber auch die Innenräume sind erstaunlich weitläufig. Trotzdem wirkt das Restaurant nicht wie eine anonyme Bierhalle. Die Atmosphäre ist offen und einladend, und spätestens beim Blick in die Karte wird deutlich, dass Brewerkz längst mehr sein will als eine Brauerei mit angeschlossenem Ausschank. Neben den vielen eigenen Bieren gibt es Cocktails und Wein, und die Speisekarte ist wesentlich umfangreicher, als ich erwartet hatte.
Natürlich bin ich vor allem wegen des Bieres hier. Bei der großen Auswahl kommt mir entgegen, dass Brewerkz unterschiedliche Tasting Sets anbietet. So stehen bald mehrere kleine Gläser vor mir, und einige davon bleiben besonders in Erinnerung. Das Original IPA gefällt mir ausgesprochen gut: aromatisch und ausgewogen, mit einer deutlich wahrnehmbaren, aber keineswegs übertriebenen Bittere. Kein IPA, das versucht, mit möglichst viel Hopfen zu beeindrucken, sondern eines, bei dem die Balance stimmt. Bei den Pilsenern trifft das Italian Pilsner meinen persönlichen Geschmack besonders gut. Es ist schlank, leicht, dezent fruchtig und wunderbar sommerlich – genau die Art von Bier, die bei Singapurs tropischem Klima funktioniert. Auch Golden Ale und NEWBrew überzeugen mich.
Besonders positiv bleibt mir allerdings das Raspberry Probiotic Sour in Erinnerung. Eine Milliarde lebende probiotische Kulturen sollen in einer Portion stecken, was zunächst ein wenig nach einer cleveren Marketingidee klingt. Im Glas funktioniert das Bier aber vor allem deshalb, weil es schmeckt: fruchtig, angenehm säuerlich und erfrischend, ohne dass eine Komponente die andere überlagert. Noch mehr überrascht mich nur ein Bier, das aus einer klassischen Handpumpe ausgeschenkt wird. Das Copper Plate Cask Ale ist ein English Bitter mit 4,5 Prozent Alkohol – ein handgezogenes Cask Ale mitten in Singapur. Zwischen Probiotic Sour, modernen Lagerinterpretationen und einem Bier aus aufbereitetem Wasser wirkt das fast ein wenig aus der Zeit gefallen. Gleichzeitig erzählt gerade dieses Nebeneinander ziemlich viel über eine Brauerei, deren Geschichte inzwischen fast drei Jahrzehnte umfasst.
Einige ihrer Biere reichen bis in die Anfangsjahre zurück, während heute gleichzeitig mit Recyclingwasser, probiotischen Kulturen, Pandan, Lychee oder Reststoffen aus der Lebensmittelproduktion experimentiert wird. Wie es von einem klassischen, amerikanisch geprägten Brewpub zu diesem erstaunlich breiten Spektrum kam, ist allerdings keine geradlinige Erfolgsgeschichte. Tan Wee Tuck, Managing Director und Mitinhaber von Brewerkz, den eigentlich alle nur WT nennen, beschreibt einen entscheidenden Abschnitt der Unternehmensgeschichte mit einem bemerkenswert selbstkritischen Bild: „We were frogs in boiling water, slowly being cooked.“
Um zu verstehen, was er damit meint, muss man zurück ins Jahr 1997.
Als Craft Beer in Singapur noch kaum ein Thema war
Die Bierwelt des Stadtstaates sah damals völlig anders aus. Die beiden Amerikaner Devin Otto Kimble und Daniel Flores hatten sich von der nordamerikanischen Brewpub-Bewegung inspirieren lassen. Die Idee, Bier dort zu brauen, wo es ausgeschenkt und zusammen mit Essen serviert wurde, war in den USA und Kanada bereits etabliert, in Singapur Mitte der 1990er-Jahre dagegen noch ungewöhnlich. 1997 eröffneten sie das Brewerkz Restaurant & Microbrewery am Riverside Point, direkt am Singapore River und in einer Gegend, die damals noch längst nicht die gastronomische und touristische Bedeutung des heutigen Clarke Quay hatte.
Das Konzept war zunächst stark nordamerikanisch geprägt: vor Ort gebrautes Bier, amerikanisches Essen und eine ungezwungene Mischung aus Restaurant und Bar. Es fand sein Publikum und Brewerkz wuchs. Flores verließ das Unternehmen bereits 2000, Kimble führte es weiter, und mit zunehmendem Absatz reichte die Produktion am Riverside Point irgendwann nicht mehr aus. Etwa ein Jahrzehnt nach der Eröffnung kam deshalb eine größere Produktionsbrauerei in Kampong Ampat hinzu. Aus dem ursprünglichen Brewpub wurde nach und nach ein Unternehmen, das seine Biere auch außerhalb des eigenen Restaurants verkaufen konnte.
Einer der Menschen, die diese frühe Braugeschichte wesentlich prägten, war der Kanadier Scott Robertson. WT bezeichnet ihn heute als einen der beiden Head Brewer, die für die Entwicklung von Brewerkz besonders wichtig waren. Einige der Biere aus dieser frühen Phase haben die Jahrzehnte überlebt. Golden Ale, IPA und Pilsner gehören nach WTs Aussage noch immer zu den meistgetrunkenen Bieren des Hauses. „These are the same beers from Day 1“, sagt er. Wenn ich heute am Riverside Point ein Golden Ale oder das Original IPA probiere, gibt es also zumindest geschmacklich noch eine Verbindung zu jener Zeit, in der Singapurs heutige Craftbeer-Szene gerade erst zu entstehen begann.
Dass diese Kontinuität irgendwann zum Problem werden könnte, dürfte damals kaum jemand geahnt haben.
Als Singapur Brewerkz überholte
WT erinnert sich an eine Zeit, in der Singapur international noch als vergleichsweise langweiliges Reiseziel wahrgenommen wurde. Brewerkz sei damals einer der wenigen „bright sparks“ gewesen. Doch in den folgenden zwei Jahrzehnten veränderte sich die Stadt in einem enormen Tempo. Neue Restaurants, Bars und Hotels eröffneten, internationale Gastronomiekonzepte kamen hinzu und aus einem eher überschaubaren Markt wurde eine der vielfältigsten und gleichzeitig konkurrenzintensivsten Gastronomieszenen Asiens.
Brewerkz dagegen veränderte sich irgendwann nicht mehr schnell genug. „Brewerkz stood still, innovated little and did not evolve with the market“, sagt WT rückblickend. Die Umsätze gingen zurück und das Unternehmen verbrannte Geld. Was lange als Beständigkeit funktioniert hatte, wurde zunehmend zur Belastung, weil sich das Umfeld schneller entwickelte als die Marke selbst.
Zu diesem Zeitpunkt hatte sich auch die Eigentümerstruktur längst verändert. Die Beteiligungsverhältnisse waren mehrfach gewechselt, bis schließlich die Familie Tan ins Spiel kam. WTs Brüder waren bereits seit fast zwei Jahrzehnten im Restaurant- und Weingeschäft tätig; er selbst kam später dazu, nachdem er viele Jahre in großen internationalen und lokalen Unternehmen gearbeitet hatte. Die ursprüngliche Motivation, sich an Brewerkz zu beteiligen, beschreibt er erstaunlich unspektakulär: Zunächst ging es schlicht darum, das bestehende Food-&-Beverage-Portfolio der Familie zu erweitern. Als sich später die Möglichkeit ergab, das Unternehmen vollständig zu übernehmen, griffen die Brüder zu.
Mit der Zeit veränderte sich jedoch ihr Blick auf Brewerkz. Sie sahen darin nicht mehr nur ein Restaurant mit eigener Brauerei, sondern die Möglichkeit, eine eigenständige Marke aufzubauen. Gleichzeitig stand genau diese Marke wirtschaftlich zunehmend unter Druck. Die Familie musste entscheiden, ob sie aussteigen oder erneut Geld investieren und Brewerkz grundlegend verändern wollte. Sie entschied sich für die zweite Möglichkeit.
Von einer amerikanischen Brewpub-Idee zu einer singapurischen Marke
Mit der vollständigen Übernahme begann auch eine Auseinandersetzung mit der Frage, wofür Brewerkz eigentlich stehen sollte. Das Unternehmen war von Amerikanern gegründet worden und hatte sich ursprünglich stark an nordamerikanischen Brewpubs orientiert. WT widerspricht allerdings der Vorstellung, Brewerkz sei deshalb erst später zu einer lokalen Brauerei geworden. Das Unternehmen sei in Singapur entstanden, habe lokale Mitarbeiter beschäftigt und von Anfang an für den lokalen Markt gearbeitet. In diesem Sinne sei es immer „home-grown“ gewesen.
Trotzdem sieht er in der Übernahme durch die heutige Eigentümerfamilie einen Wendepunkt. Von nun an wurde bewusster versucht, Brewerkz als Plattform zu nutzen, um Geschichten aus Singapur zu erzählen. Für WT gehört das unmittelbar zum Wesen von Craft Beer: „Craft beer is about provenance.“ Herkunft bedeutet in diesem Zusammenhang nicht zwangsläufig, dass ein neuer, unverwechselbarer singapurischer Bierstil erfunden werden muss. Es kann ebenso bedeuten, lokale Zutaten, Ereignisse, Institutionen und Geschichten in einem Bier zusammenzubringen.
So entstand für das Grand Hyatt Singapore anlässlich seines 50-jährigen Bestehens ein Scotts Lager mit Pandanblättern. Zum 50. Jubiläum Sentosas braute Brewerkz ein Lychee Pale Ale. Für WT liegt die lokale Identität solcher Biere nicht allein in der ungewöhnlichen Zutat. Entscheidend ist, dass sie mit einer konkreten Geschichte verbunden sind und erklären, warum dieses Bier gerade hier entstanden ist.
Dieser neue Blick auf die Marke war Teil einer wesentlich umfassenderen Neuerfindung. Das Flaggschiff am Riverside Point wurde renoviert, das Bierportfolio erheblich erweitert, die Distribution ausgebaut und die Speisekarte grundlegend überarbeitet. Gleichzeitig begann Brewerkz verstärkt mit lokalen Institutionen und Unternehmen zusammenzuarbeiten. WT beschreibt diese Phase nicht als geradlinigen Masterplan. Man habe vielleicht 70 oder 80 Prozent Klarheit darüber gehabt, wohin die Reise gehen sollte, und den Rest unterwegs herausgefunden.
Dann war das erneuerte Riverside Point gerade wieder geöffnet, als Covid kam.
Neueröffnung – und dann die Pandemie
Der Zeitpunkt hätte kaum schlechter sein können. Brewerkz hatte Geld investiert, sein wichtigstes Restaurant umgebaut und sich strategisch neu ausgerichtet, als die Pandemie Singapurs Gastronomie traf. Plötzlich stand erneut die Existenz des Unternehmens zur Diskussion. WT beschrieb die damalige Situation später mit dem Bild eines fallenden Messers: Man könne versuchen, es aufzufangen und dabei bluten – oder das Geschäft aufgeben.
Die Familie entschied sich erneut fürs Weitermachen. Im Rückblick wirkt diese Entscheidung wie eine zweite Bewährungsprobe unmittelbar nach der ersten. Brewerkz hatte gerade erkannt, dass die Vergangenheit kein Geschäftsmodell für die Zukunft war, und musste nun eine Krise überstehen, die mit den eigenen Fehlern überhaupt nichts zu tun hatte.
Interessant ist deshalb, wie WT heute auf die Jahre vor dieser Transformation zurückblickt. Den größten Fehler sieht er nicht in einer einzelnen Fehlentscheidung, sondern darin, über einen sehr langen Zeitraum zu wenig verändert zu haben. „For the first 20 years, the brand just kept doing the same thing.“ Warum sollte man schließlich etwas grundlegend verändern, das lange erfolgreich funktioniert? Genau darin lag nach seiner heutigen Einschätzung die Gefahr. Der Markt bewegte sich weiter, während Brewerkz darauf vertraute, dass das Bewährte auch künftig funktionieren würde.
Dafür benutzt er das Bild von den Fröschen im langsam heißer werdenden Wasser. Heute sei man deshalb „somewhat more paranoid“. Im Unternehmen werde ständig darüber nachgedacht, was sich verändern müsse, welche Ideen ausprobiert werden sollten und wie Brewerkz relevant bleiben könne. Das sei durchaus anstrengend, sagt WT, aber ein gewisses Maß an Paranoia sei notwendig, um nicht erneut selbstzufrieden zu werden.
Die heutige Bierauswahl zeigt ziemlich gut, was daraus entstanden ist.
Zwischen Klassikern und einer Milliarde probiotischer Kulturen
Auf der einen Seite stehen weiterhin Golden Ale, IPA und Pilsner als Verbindung zu den Anfangsjahren. Auf der anderen Seite entstehen Biere wie das Raspberry Probiotic Sour, das mir bei meinem Besuch besonders positiv auffällt. Entwickelt wurde es in Zusammenarbeit mit einem Startup aus dem Umfeld der National University of Singapore. Eine Portion enthält laut Brewerkz eine Milliarde lebende probiotische Kulturen, und das Bier verkauft sich nach WTs Angaben seit mehreren Jahren gut.
Die Zahl eignet sich natürlich hervorragend für eine Geschichte. Entscheidend ist für mich aber etwas anderes: Ich habe das Bier nicht deshalb in guter Erinnerung, weil mir jemand von einer Milliarde probiotischer Kulturen erzählt hat, sondern weil es mir geschmeckt hat. Die Himbeerfrucht, die Säure und die Frische funktionieren zusammen, ohne dass aus der ungewöhnlichen Idee eine bloße Spielerei wird. Genau dort entscheidet sich schließlich, ob ein experimentelles Bier dauerhaft interessant bleibt oder lediglich einmal Aufmerksamkeit erzeugt.
Das international wahrscheinlich bekannteste Brewerkz-Projekt bewegt sich in einem ähnlich ungewöhnlichen Spannungsfeld. Gemeinsam mit PUB, Singapurs nationaler Wasserbehörde, entwickelte die Brauerei NEWBrew. Verwendet wird NEWater, hochgradig gereinigtes Recyclingwasser, das eine wichtige Rolle in Singapurs langfristiger Wasserversorgung spielt. Die erste Version des Bieres wurde 2018 vorgestellt und das Projekt später mehrfach wiederholt.
NEWater schlicht als „Abwasser“ zu bezeichnen, wäre irreführend. Das Ausgangswasser durchläuft einen aufwendigen mehrstufigen Reinigungsprozess. Trotzdem lebt NEWBrew natürlich von der gedanklichen Hürde, die bei vielen Menschen entsteht, sobald sie erfahren, dass aufbereitetes gebrauchtes Wasser die Grundlage des Bieres bildet. WT formuliert diese Provokation bewusst: In vielen Ländern würden Menschen kein Recyclingwasser trinken. Wenn daraus aber ein qualitativ gutes Bier entstehe, könne sich die Wahrnehmung verändern.
Als ich NEWBrew am Riverside Point selbst probiere, wird genau diese Idee nachvollziehbar. Man kann lange über Wasserknappheit, Kreislaufwirtschaft und technische Wasseraufbereitung sprechen. Oder man stellt jemandem ein Glas Bier hin. Plötzlich wird aus einem abstrakten Thema etwas, das man riechen, schmecken und anschließend diskutieren kann.
Nachhaltigkeit als Prozess
NEWBrew steht dabei nicht allein. WT beschreibt Nachhaltigkeit bei Brewerkz als eine Entwicklung, die mit verschiedenen Kooperationen immer weiter vorangetrieben wurde. Bei einem gemeinsamen Projekt mit Sentosa wurde beispielsweise der CO₂-Fußabdruck vom Rohstoffeinkauf bis zum fertigen Bier betrachtet und anschließend über Carbon Credits kompensiert. Gemeinsam mit Baker & Cook entstand später ein Sourdough Pale Ale, bei dem überschüssiges Sauerteigbrot in den Brauprozess gelangte, während Treber aus der Bierproduktion wiederum für Lebensmittel genutzt wurde. Mit NEWGrain+ entwickelte Brewerkz darüber hinaus Produkte wie Tortilla Chips aus aufgewertetem Biertreber.
Bemerkenswert finde ich, dass WT daraus keine Geschichte von der irgendwann vollkommen nachhaltigen Brauerei konstruiert. „To be 100% sustainable in how we brew is practically impossible“, sagt er. Deshalb gehe es ebenso darum, Aufmerksamkeit zu schaffen, Menschen zu informieren und über konkrete Projekte Verhaltensänderungen anzustoßen. Selbst Publicity müsse dabei nicht zwangsläufig etwas Negatives sein, denn ohne Aufmerksamkeit beginne häufig auch keine Veränderung.
Diese Haltung passt zu einer Brauerei, die inzwischen Kooperationen gezielt als Teil ihrer Entwicklung nutzt. Dabei geht es nicht nur um Nachhaltigkeit. Universitäten, Startups, Hotels, staatliche Institutionen und andere Brauereien werden zu Partnern. WT interessiert dabei besonders der Überraschungseffekt: Je unerwarteter eine Zusammenarbeit, desto größer könne ihr Potenzial sein. Gleichzeitig bleibt er Geschäftsmann. Eine Kooperation müsse am Ende auch kommerziell sinnvoll sein. Niemand könne vorher genau wissen, was beim Markt funktioniere; man treffe deshalb „educated bets“ – informierte Wetten.
Die Menschen, die das Bier brauen
Bei all den Markenstrategien und Kooperationen darf leicht in den Hintergrund geraten, dass am Ende Menschen das Bier brauen müssen. Neben Scott Robertson nennt WT deshalb einen zweiten Head Brewer, der die jüngere Geschichte entscheidend geprägt habe: Mitch Gribov. Unter seiner brautechnischen Leitung entwickelte sich Brewerkz auch bei Wettbewerben zu einer der erfolgreichen Brauereien der Region und erhielt bei den Asia Beer Championships mehrere Auszeichnungen, darunter Titel als Champion Mid-Sized Brewery of Asia und als Country Champion für Singapur.
Die Preise sind interessant, wichtiger ist für die Geschichte aber die Entwicklung dahinter. Eine Brauerei, deren Führung den eigenen größten Fehler darin sieht, über viele Jahre zu wenig verändert zu haben, produziert heute ein Spektrum, das vom klassischen Golden Ale über IPA und handgezogenes English Bitter bis zu Probiotic Sour und NEWBrew reicht.
Gerade deshalb gefällt mir das Copper Plate Cask Ale als kleines Symbol für Brewerkz. Eine klassische Handpumpe, ein English Bitter mit 4,5 Prozent Alkohol, keine exotische Zutat und keine große Nachhaltigkeitsgeschichte. Daneben stehen moderne Sours, Lager, IPA und experimentelle Projekte. Die Neuerfindung der Brauerei bedeutet also nicht, ihre Vergangenheit möglichst vollständig loszuwerden. Vielmehr scheint Brewerkz inzwischen besser darin geworden zu sein, zu unterscheiden, was bewahrt werden soll und wo Veränderung notwendig ist.
Warum gutes Bier allein in Singapur nicht reicht
Damit komme ich wieder zu meiner ersten Beobachtung am Riverside Point zurück. Die umfangreiche Speisekarte ist keineswegs nur ein nettes Zusatzangebot zum Bier. Für WT ist sie ein wesentlicher Teil des Geschäftsmodells. „Not everyone drinks but everyone eats“, sagt er, und in einer Stadt wie Singapur bekommt dieser einfache Satz eine besondere Bedeutung.
Die Gastronomieszene reicht vom Hawker Centre bis zur internationalen Spitzengastronomie und der Wettbewerb ist enorm. Ein Restaurant mit mittelmäßigem Essen werde hier langfristig kaum bestehen, selbst wenn die Getränke hervorragend seien. Deshalb musste sich auch die Küche von Brewerkz von ihrer ursprünglich stark amerikanisch geprägten Ausrichtung weiterentwickeln. Bier und Essen sind nicht zwei voneinander unabhängige Bereiche, sondern müssen gemeinsam dafür sorgen, dass Menschen überhaupt kommen und wiederkommen.
Dahinter steckt eine noch grundsätzlichere wirtschaftliche Herausforderung. Singapur besitzt nur einen kleinen heimischen Markt, während eine professionelle Brauerei hohe Investitionen in Anlagen, Personal, Rohstoffe und Distribution erfordert. Bleibt der Betrieb sehr klein, erreicht er nur einen begrenzten Teil des Marktes und kann, wie WT es formuliert, schnell zu einem „very expensive hobby“ werden. Wer dagegen skalieren will, muss erneut investieren und erhöht damit die finanzielle Hürde.
Die eigenen Restaurants schaffen für Brewerkz deshalb einen zusätzlichen Einnahmestrom, lösen das Problem aber nicht einfach. Restaurants seien „another beast altogether“, sagt WT, und teilweise sogar anspruchsvoller als der Betrieb einer Brauerei. Hinter der romantischen Vorstellung vom Craft Brewer steht damit ein ausgesprochen arbeitsintensives Geschäft. „There is some romance but it’s a very hands-on business that requires relentless focus and attention.“
Wenn ich nun auf den großen Außenbereich, die weitläufigen Innenräume, die vielen Zapfhähne und die umfangreiche Karte am Riverside Point schaue, sehe ich sie etwas anders. Was zunächst einfach nach einem großzügigen Brewpub aussieht, ist das Ergebnis jahrzehntelanger Anpassung an einen der teuersten und wettbewerbsintensivsten Märkte der Region.
Was könnte ein Bier aus Singapur eigentlich sein?
Aus dieser Entwicklung ergibt sich schließlich eine Frage, die weit über Brewerkz hinausgeht: Wann entwickelt eine junge Craftbeer-Szene eine eigene Identität? Muss dafür ein unverwechselbarer Bierstil entstehen, oder reicht es, wenn Brauereien beginnen, ihre Umgebung, ihre Kultur und ihre Geschichten in ihren Bieren abzubilden?
WT sieht für Singapur einen möglichen Weg über lokale Zutaten und lokales Storytelling, verbunden mit leichteren Bieren, die zum tropischen Klima passen. Pandan im Lager und Lychee im Pale Ale sind offensichtliche Beispiele. NEWBrew erzählt wiederum eine Geschichte, die kaum stärker mit Singapur verbunden sein könnte, weil die besondere Wasserversorgung des Stadtstaates darin unmittelbar zum Bestandteil des Bieres wird.
Vielleicht gehört aber auch mein Italian Pilsner am Riverside Point zu dieser Entwicklung, obwohl daran zunächst nichts spezifisch singapurisch klingt. Ein Bier muss nicht zwangsläufig Pandan oder eine tropische Frucht enthalten, um in Singapur Sinn zu ergeben. Ein leichtes, schlankes, dezentes und erfrischendes Bier kann bei 30 Grad möglicherweise ebenso viel über die Bedingungen seines Marktes erzählen.
Brewerkz selbst bewegt sich damit in einem interessanten Spannungsfeld. Die Brauerei bewahrt Bierstile aus ihren frühen Jahren, experimentiert mit lokalen Zutaten und ungewöhnlichen Rohstoffen und versucht gleichzeitig, über Kooperationen Geschichten aus Singapur zu erzählen. Es geht offenbar weniger darum, den einen singapurischen Bierstil zu erfinden, als darum, Bier als Ausdruck eines Ortes zu begreifen.
Fast dreißig Jahre später
2027 wird Brewerkz dreißig Jahre alt. Der Riverside Point ist noch immer da, und Golden Ale, IPA und Pilsner schaffen eine Verbindung zu den frühen Jahren. Gleichzeitig hat sich das Unternehmen grundlegend verändert. Aus dem klassischen Brewpub ist eine Unternehmensgruppe mit Restaurants, einer eigenständigen Produktionsbrauerei, Distribution und zahlreichen institutionellen Partnerschaften geworden. Aus der stark amerikanisch geprägten Gastronomie wurde eine wesentlich breitere Küche, und aus einer ursprünglich nordamerikanischen Brewpub-Idee entwickelte sich eine Marke, die heute bewusst Geschichten aus Singapur erzählen will.
Als ich WT frage, was in zehn Jahren unbedingt noch als Brewerkz erkennbar sein sollte, nennt er bemerkenswerterweise kein bestimmtes Bier. Nicht Golden Ale, nicht IPA und auch nicht NEWBrew. Er möchte den Geist der Innovation bewahren: immer wieder Neues ausprobieren und bereit sein, sich erneut zu verändern. Wachsen soll dagegen die Reichweite der institutionellen Partnerschaften. Was Brewerkz in Singapur aufgebaut hat, möchte das Unternehmen künftig stärker in die Region tragen.
Dann sagt WT einen Satz, der ziemlich gut beschreibt, wie weit sich Brewerkz seit 1997 entwickelt hat: „Craft beer is a cultural asset.“ Craft Beer als kulturelles Gut. Brewerkz möchte damit Singapur künftig auch über die Grenzen des Stadtstaates hinaus repräsentieren.
Damit schließt sich nach fast drei Jahrzehnten ein bemerkenswerter Kreis. Zwei Amerikaner brachten in den 1990er-Jahren eine Idee aus Nordamerika nach Singapur und eröffneten am Singapore River eine Mikrobrauerei in einer Stadt, in der eine lokale Craftbeer-Kultur gerade erst entstehen musste. Fast dreißig Jahre später denkt dasselbe Unternehmen darüber nach, den umgekehrten Weg zu gehen und mit seinem Bier ein Stück Singapur in die Region zu tragen.
Vor mir am Riverside Point stehen mehrere kleine Verkostungsgläser. Das Original IPA hat mir gefallen, das Italian Pilsner meinen persönlichen Geschmack vielleicht noch etwas besser getroffen, Golden Ale und NEWBrew haben überzeugt und das Raspberry Probiotic Sour wird mir besonders in Erinnerung bleiben. Nicht weit davon entfernt steht die Handpumpe für das Copper Plate Cask Ale. Fast drei Jahrzehnte Brauereigeschichte lassen sich natürlich nicht in ein paar Gläsern zusammenfassen, aber dieses Nebeneinander aus Bewährtem und Neuem erzählt zumindest einen Teil davon.
Vielleicht ist deshalb gar nicht die Tatsache bemerkenswert, dass Brewerkz fast dreißig Jahre überlebt hat. Interessanter ist, was das Unternehmen offenbar irgendwann lernen musste: Beständigkeit kann eine Stärke sein, solange sie nicht zum Stillstand wird. Wer über Jahrzehnte bestehen will, muss wissen, was er bewahren möchte – und gleichzeitig rechtzeitig erkennen, wann es Zeit ist, sich zu verändern.