Wenn mein Großvater vom Krieg erzählte, veränderte sich etwas in ihm.
Ich war damals noch jung. Vieles von dem, was er erzählte, konnte ich vermutlich gar nicht wirklich begreifen. Mein Großvater hatte beide Weltkriege erlebt. Im Ersten Weltkrieg war er selbst an der Front und geriet in französische Gefangenschaft. Später erlebte er auch den Zweiten Weltkrieg.
Er hat mir einiges erzählt.
Und vieles hat er mit ins Grab genommen.
Ich weiß bis heute nicht, was er alles erlebt hat. Ich weiß auch nicht, was er selbst tun musste, um zu überleben. Aber ich erinnere mich daran, wie sich etwas in seinem Gesicht, in seiner Stimme, vielleicht in seinem ganzen Wesen veränderte, wenn er davon sprach.
Es war, als würde sich für einen Moment ein Schleier heben, den er über Jahrzehnte über diese Erinnerungen gelegt hatte.
Und dahinter lag etwas, das ich damals nur erahnen konnte.
Unvorstellbares Leid. Und eine Grausamkeit von Menschen gegenüber anderen Menschen, die offenbar so tief in ihm vergraben war, dass ein normales Leben nur möglich wurde, indem er diese Erinnerungen an den tiefsten Punkt seiner Seele verbannte.
Vielleicht hat meine Haltung zum Krieg dort begonnen.
Ich bin Kriegsgegner
Ich bin Kriegsgegner.
Nicht erst seit dem russischen Angriff auf die Ukraine. Nicht aufgrund einer Rede, einer Partei oder eines Politikers. Und auch nicht aufgrund der politischen Diskussionen der vergangenen Jahre.
Ich bin es seit meiner Jugend.
Als ich damals vor der Entscheidung stand, Wehrdienst zu leisten oder ihn zu verweigern, entschied ich mich für den Zivildienst.
Dahinter stand für mich eine ziemlich einfache Überzeugung:
Ich möchte keinen Menschen töten.
Daran hat sich bis heute nichts geändert.
Aber etwas ist hinzugekommen.
Ich bin Vater geworden.
Und damit bekommt diese Frage eine vollkommen andere Dimension.
Denn ich möchte nicht nur selbst keinen anderen Menschen töten.
Ich möchte auch meine Kinder niemals in einer Situation sehen, in der von ihnen erwartet wird, einen anderen Menschen zu töten.
Einen Menschen, den sie nicht kennen. Einen Menschen, der vielleicht selbst Kinder hat. Einen Menschen, der zufällig auf der anderen Seite einer Grenze geboren wurde.
Dieser Gedanke fällt mir schwer.
Aber er macht mich nicht blind gegenüber der Wirklichkeit.
Was tun, wenn der andere keinen Frieden will?
Denn natürlich gibt es Aggressoren.
Es gibt Diktatoren, Machtstreben, Imperialismus und Gewalt. Es gibt Staaten, die andere Staaten überfallen. Es gibt Menschen, die bereit sind, ihre politischen Ziele mit Gewalt durchzusetzen.
Und es gibt Situationen, in denen Diplomatie scheitert und ein Angreifer nicht deshalb aufhört, weil sein Opfer Frieden möchte.
Russland hat die Ukraine angegriffen.
Die Ukraine besitzt das Recht, sich zu verteidigen.
Das gehört zur Wahrheit und daran gibt es für mich nichts zu relativieren.
Aber daraus folgt für mich nicht, dass wir aufhören sollten, über Frieden zu sprechen.
Im Gegenteil.
Gerade wenn Menschen sterben, müssen Fragen erlaubt sein:
Wie kann dieser Krieg enden?
Welche politischen Möglichkeiten gibt es neben den militärischen?
Wann können oder müssen Verhandlungen beginnen?
Welche Kompromisse wären vertretbar – und welche würden einem Aggressor lediglich signalisieren, dass Gewalt sich lohnt?
Wie verhindert man, dass ein Frieden heute zum nächsten Krieg morgen führt?
Ich habe darauf keine einfachen Antworten.
Vielleicht gibt es sie auch nicht.
Aber mich erschreckt zunehmend, dass man offenbar bereits verdächtig werden kann, wenn man diese Fragen überhaupt stellt.
Seit wann muss man sich für Frieden rechtfertigen?
Vielleicht ist es genau das, was mich an unserer gegenwärtigen Debatte so irritiert.
Nicht, dass Menschen unterschiedlicher Meinung darüber sind, wie Frieden erreicht werden kann. Darüber müssen wir streiten.
Mich irritiert, dass Menschen teilweise bereits dafür stigmatisiert werden, Frieden überhaupt zum Ausgangspunkt ihres Denkens zu machen.
Wer Waffenlieferungen infrage stellt, wird schnell zum Putin-Versteher.
Wer militärische Unterstützung für die Ukraine befürwortet, wird von der anderen Seite zum Kriegstreiber erklärt.
Wer vor einer weiteren Eskalation warnt, muss manchmal zunächst versichern, dass er selbstverständlich nicht auf der Seite Russlands steht.
Was ist das für eine gesellschaftliche Entwicklung?
Seit wann ist der Wunsch, dass Menschen aufhören, sich gegenseitig zu töten, etwas, für das man sich rechtfertigen muss?
Natürlich kann auch das Wort Frieden missbraucht werden.
Man kann unter diesem Begriff Aggression verharmlosen. Man kann Täter und Opfer vertauschen. Man kann von einem angegriffenen Land verlangen, sich einem Aggressor zu unterwerfen, und das anschließend Frieden nennen.
Das ist kein Frieden.
Aber daraus darf doch nicht folgen, dass Frieden selbst verdächtig wird.
Vielleicht zeigt sich gerade hier, was Polarisierung mit uns macht.
Wir hören ein Wort und fragen nicht mehr: Was meint dieser Mensch eigentlich?
Wir hören „Frieden“ und suchen nach dem politischen Lager dahinter.
Wir hören „Waffenlieferungen“ und suchen nach dem politischen Lager dahinter.
Wir hören „Verhandlungen“ – und manchmal steht unser Urteil bereits fest, bevor das Argument überhaupt ausgesprochen wurde.
Dann sprechen irgendwann nicht mehr Menschen miteinander.
Dann sprechen Lager gegeneinander.
Eine demokratische Gesellschaft müsste eigentlich das Gegenteil können.
Sie müsste Widersprüche aushalten.
Ich möchte sagen können:
Russland hat die Ukraine angegriffen.
Die Ukraine besitzt das Recht, sich zu verteidigen.
Aggressoren müssen abgeschreckt werden können.
Und trotzdem möchte ich Frieden.
Keine dieser Aussagen schließt die andere aus.
Hinter jeder Frontlinie steht ein Mensch
Wir haben uns gleichzeitig an eine merkwürdig abstrakte Sprache gewöhnt.
Frontverläufe. Geländegewinne. Raketenreichweiten. Munitionsbestände. Waffenpakete. Verteidigungshaushalte. Abschreckung.
Auf einer Landkarte verschiebt sich eine Linie um einige Kilometer.
Aber hinter dieser Linie steht vielleicht ein Haus.
In diesem Haus lebte eine Familie.
Vielleicht saß dort morgens ein Kind am Frühstückstisch. Vielleicht hing ein Foto an der Wand. Vielleicht lag im Kinderzimmer ein Spielzeug auf dem Boden.
Und irgendwann ist dieses Haus nur noch ein Punkt in einer militärischen Statistik.
Allein zwischen Januar und August 2026 dokumentierten die Vereinten Nationen in der Ukraine mindestens 2.222 getötete und 13.058 verletzte Zivilisten. Schon in diesen acht Monaten gab es damit mehr zivile Opfer als im gesamten Jahr 2025.
2.222 Tote.
Eine Zahl.
Aber kein einziger dieser Menschen ist als Zahl gestorben.
Krieg bedeutet, dass Menschen verbluten.
Dass Menschen verbrennen.
Dass Menschen Arme und Beine verlieren.
Dass Eltern ihre Kinder begraben und Kinder ohne Eltern aufwachsen.
Dass jemand seinen Freund neben sich sterben sieht.
Und Krieg bedeutet noch etwas anderes.
Menschen überleben ihn.
Der Krieg, der mit nach Hause kommt
Daran denke ich oft, wenn ich mich an meinen Großvater erinnere.
Irgendwann ist ein Krieg offiziell vorbei.
Ein Vertrag wird unterschrieben. Die Waffen schweigen. Soldaten kehren zurück.
Dann sollen sie wieder Menschen eines normalen Alltags sein.
Ehemänner. Ehefrauen. Väter. Mütter. Nachbarn. Arbeitskollegen.
Sie sollen morgens zur Arbeit gehen, Geburtstage feiern, mit ihren Kindern lachen und nachts schlafen.
Aber der Krieg kommt möglicherweise mit ihnen nach Hause.
Manche haben Gliedmaßen verloren.
Andere tragen Verletzungen, die niemand sehen kann.
Manche haben Menschen getötet.
Andere haben Freunde sterben sehen.
Vielleicht haben sie Dinge getan, von denen sie vorher überzeugt gewesen wären, dass sie niemals dazu fähig seien.
Und dann sollen sie weiterleben.
Vielleicht war genau das etwas von dem, was ich bei meinem Großvater gespürt habe.
Jahrzehnte später.
Etwas tief Vergrabenes, das manchmal für einen kurzen Moment sichtbar wurde.
Und wenn ich heute junge Männer in der Ukraine sehe, denke ich deshalb nicht nur daran, wer morgen noch lebt.
Ich frage mich auch:
Wie viele dieser Männer werden in fünfzig Jahren vor ihren Enkelkindern sitzen?
Wie viele werden anfangen zu erzählen?
Wie viele werden mitten im Satz schweigen?
Und bei wie vielen wird ein Enkelkind irgendwann bemerken:
Jetzt verändert sich etwas in meinem Großvater.
Und der Soldat auf der anderen Seite?
Hier wird Menschlichkeit unbequem.
Denn Mitgefühl fällt uns leichter, solange es dem Menschen auf der Seite gilt, die wir für die richtige halten.
Aber was ist mit einem jungen russischen Soldaten?
Er trägt die Uniform der Armee, die ein anderes Land angegriffen hat.
Vielleicht unterstützt er diesen Krieg. Vielleicht glaubt er der Propaganda seines Landes. Vielleicht kämpft er wegen des Geldes. Vielleicht hat er selbst Schuld auf sich geladen. Vielleicht möchte er einfach nur überleben und nach Hause.
Ich weiß es nicht.
Aber ich weiß:
Auch er wurde irgendwann von einer Mutter geboren.
Auch er hatte irgendwann seinen ersten Schultag.
Vielleicht hat er eine Frau. Vielleicht Kinder.
Wenn er stirbt, verliert irgendwo jemand einen Menschen.
Das auszusprechen relativiert keinen Angriffskrieg.
Menschlichkeit ist keine Zustimmung zu einer Regierung.
Wenn wir beginnen, den Wert eines menschlichen Lebens danach zu bemessen, welchen Pass dieser Mensch besitzt oder welche Uniform er trägt, haben wir bereits etwas verloren.
Der Krieg hat viele Orte
Und vielleicht sollten wir ohnehin aufhören, beim Wort Krieg ausschließlich an die Ukraine zu denken.
In Gaza sind nach Angaben von UNICEF seit Oktober 2023 mindestens 21.700 Kinder als getötet gemeldet worden; rund 45.000 wurden verletzt. Der größte Teil der Bevölkerung Gazas wurde vertrieben.
Gleichzeitig wurden beim Angriff der Hamas und anderer bewaffneter Gruppen auf Israel am 7. Oktober 2023 etwa 1.200 Menschen getötet und 251 Menschen als Geiseln nach Gaza verschleppt.
Hinter beiden Zahlen stehen Familien.
Im Sudan erleben wir eine Katastrophe, die in unseren täglichen Nachrichten deutlich weniger Raum einnimmt. Fast 34 Millionen Menschen benötigen dort inzwischen humanitäre Hilfe. Die Vereinten Nationen sprechen von der weltweit größten humanitären und Vertreibungskrise.
Und auch im Iran, im Jemen, in Syrien und an anderen Orten erleben Menschen Krieg, staatliche Gewalt, Repression oder die Folgen geopolitischer Machtkämpfe – unter jeweils vollkommen unterschiedlichen Voraussetzungen.
Diese Konflikte sind nicht gleich.
Ihre Ursachen sind nicht gleich.
Ihre Geschichte ist nicht gleich.
Die Verantwortung ist nicht gleich.
Wir dürfen sie deshalb politisch nicht einfach nebeneinanderstellen.
Aber etwas verbindet sie.
Den Menschen.
Eine palästinensische Mutter liebt ihr Kind nicht weniger als eine israelische.
Eine Mutter im Sudan empfindet nicht weniger Schmerz, weil ihr Krieg in unseren Nachrichtensendungen weniger Minuten bekommt.
Ein ukrainisches Kind trauert nicht stärker um seinen Vater als ein Kind anderswo.
Und eine russische Mutter verliert nicht weniger ihren Sohn, weil dessen Armee einen Angriffskrieg führt.
Schmerz besitzt keine Nationalität.
Wenn Krieg zum Geschäft wird
Und dann gibt es eine Seite des Krieges, über die ebenfalls gesprochen werden muss.
Krieg vernichtet.
Aber Krieg schafft gleichzeitig Märkte.
2025 gab die Welt nach Berechnungen des Stockholmer Friedensforschungsinstituts SIPRI 2,887 Billionen US-Dollar für das Militär aus. Es war das elfte Jahr in Folge, in dem die weltweiten Militärausgaben stiegen. Innerhalb eines Jahrzehnts nahmen sie real um 41 Prozent zu.
Die hundert größten Rüstungs- und Militärdienstleistungsunternehmen der Welt erzielten 2024 zusammen 679 Milliarden Dollar Rüstungsumsatz – mehr als jemals zuvor von SIPRI erfasst. SIPRI führt die steigende Nachfrage unter anderem auf die Kriege in der Ukraine und Gaza, geopolitische Spannungen und steigende Militärhaushalte zurück.
Man muss dafür nicht einmal weit schauen.
Rheinmetall erzielte 2025 knapp 9,94 Milliarden Euro Umsatz – 29 Prozent mehr als im Vorjahr. Das operative Ergebnis stieg um 33 Prozent auf 1,84 Milliarden Euro, der Auftragsbestand erreichte 63,8 Milliarden Euro.
Das sind beeindruckende wirtschaftliche Zahlen.
Aber ich möchte daraus keine einfache Verschwörungserzählung machen.
Dass ein Unternehmen an Waffen verdient, beweist nicht, dass es einen Krieg verursacht oder verlängert.
Ein angegriffener Staat braucht Waffen, wenn er sich verteidigen will. Eine Gesellschaft, die einen Aggressor abschrecken möchte, benötigt möglicherweise militärische Fähigkeiten.
Auch das gehört zur Wahrheit.
Und trotzdem bleibt ein Widerspruch, den wir nicht einfach übergehen sollten:
Was für den einen Menschen Tod und Verstümmelung bedeutet, kann an anderer Stelle Umsatz, Wachstum und Rendite bedeuten.
Kriege verändern darüber hinaus Energie- und Rohstoffmärkte, Handelswege und politische Einflussmöglichkeiten. Sie erzeugen neue Nachfrage nach Logistik und Sicherheit. Und irgendwann entstehen beim Wiederaufbau erneut gewaltige wirtschaftliche Ströme.
Das bedeutet nicht, dass jeder, der daran verdient, Krieg möchte.
Aber Krieg schafft wirtschaftliche Interessen.
Und eine demokratische Gesellschaft muss darüber sprechen dürfen.
Wer entscheidet über das Sterben?
Vielleicht ist das eine der Fragen, die mich am meisten beschäftigt.
Die großen Entscheidungen werden an langen Tischen getroffen.
Von Präsidenten.
Ministern.
Generälen.
Diplomaten.
Manchmal Tausende Kilometer entfernt.
Aber sterben müssen andere.
Ein junger Ukrainer.
Ein junger Russe.
Ein Kind in Gaza.
Eine Mutter im Sudan.
Menschen, deren Namen wir niemals erfahren werden.
Das bedeutet nicht, dass politische oder militärische Entscheidungen deshalb grundsätzlich falsch sind. Manchmal kann gerade die Entscheidung, sich nicht zu verteidigen, noch viel mehr Menschen der Gewalt eines Aggressors ausliefern.
Aber vielleicht sollte genau deshalb bei jeder Entscheidung eine Frage mit am Tisch sitzen:
Was bedeutet das für den einzelnen Menschen?
Ich möchte meine Kinder nicht in den Krieg schicken
Und damit lande ich wieder bei einer ganz persönlichen Frage.
Bei meinen Kindern.
Ich möchte nicht, dass sie eines Tages lernen müssen, einen anderen Menschen zu töten.
Ich möchte nicht, dass jemand ihnen erklärt, der Mensch dort drüben sei jetzt ihr Feind.
Ich möchte nicht, dass sie mit Erinnerungen nach Hause kommen, die sie anschließend fünfzig Jahre lang irgendwo am tiefsten Punkt ihrer Seele vergraben müssen.
So wie vielleicht mein Großvater.
Gleichzeitig möchte ich auch nicht, dass meine Kinder eines Tages einem Aggressor wehrlos gegenüberstehen.
Und genau darin liegt der Widerspruch, auf den ich keine einfache Antwort habe.
Vielleicht muss ich sie auch nicht haben.
Vielleicht ist es wichtiger, diesen Widerspruch niemals aus den Augen zu verlieren.
Eine Gesellschaft muss sich möglicherweise verteidigen können.
Aber sie darf sich niemals an Krieg gewöhnen.
Sie darf Waffen niemals mit Begeisterung betrachten.
Sie darf tote Soldaten niemals zu bloßen Zahlen machen.
Und sie sollte jede politische Möglichkeit nutzen, damit aus Abschreckung nicht irgendwann Töten wird.
Frieden ist nicht naiv
Vielleicht müssen wir uns deshalb gegen eine Vorstellung wehren:
Dass Frieden etwas für Naive sei.
Frieden verlangt gerade keine Blindheit.
Er verlangt, einen Aggressor als Aggressor zu benennen.
Er verlangt, Machtinteressen zu erkennen.
Er verlangt möglicherweise Abschreckung und Verteidigungsfähigkeit.
Aber er verlangt ebenso, niemals aufzuhören, nach einem Weg zu suchen, auf dem Menschen nicht mehr aufeinander schießen.
Man kann Putin verurteilen und Frieden wollen.
Man kann das Recht der Ukraine auf Verteidigung anerkennen und trotzdem über Verhandlungen sprechen.
Man kann das Leid israelischer Opfer sehen und gleichzeitig das Leid palästinensischer Kinder.
Man kann einen russischen Soldaten als Teil einer angreifenden Armee betrachten und trotzdem den Menschen in ihm sehen.
Und man kann unterschiedlicher Meinung darüber sein, wie Frieden erreicht werden kann, ohne dem anderen deshalb die moralische Integrität abzusprechen.
Vielleicht ist gerade diese Fähigkeit eine Voraussetzung für Frieden.
Der Schleier
Wenn ich heute an meinen Großvater denke, sehe ich wieder diesen Moment vor mir.
Einen alten Mann, der von etwas erzählte, das viele Jahrzehnte zurücklag.
Und plötzlich veränderte sich etwas.
Für einen kurzen Augenblick hob sich dieser Schleier.
Ich werde nie erfahren, was vollständig dahinterlag.
Er hat es mit ins Grab genommen.
Aber heute verstehe ich vielleicht besser, was mir diese Momente gezeigt haben.
Ein Krieg endet nicht, wenn die letzte Waffe schweigt.
Er lebt weiter.
In Körpern.
In Erinnerungen.
In Albträumen.
In Familien.
Manchmal über Generationen.
Und deshalb bin ich Kriegsgegner.
Nicht weil ich glaube, dass es keine Aggressoren gibt.
Nicht weil ich Putin vertraue.
Nicht weil ich glaube, dass man jeden Konflikt mit einem freundlichen Gespräch lösen kann.
Sondern weil ich weiß, dass hinter jedem Krieg Menschen stehen.
Menschen, die töten.
Menschen, die getötet werden.
Menschen, die zurückbleiben.
Und Menschen, die überleben und anschließend versuchen müssen, wieder ein normales Leben zu führen.
Vielleicht sollten wir deshalb bei jeder Diskussion über Krieg einen Moment lang die Landkarten, Strategien und Milliardenbeträge beiseitelegen.
Und uns eine sehr einfache Frage stellen:
Was bedeutet unsere Entscheidung für den einzelnen Menschen?
Denn am Ende entscheidet sich für mich genau dort, was Frieden bedeutet.
Nicht bei Putin.
Nicht bei Selenskyj.
Nicht bei der NATO.
Nicht in Moskau, Washington, Brüssel, Jerusalem oder Teheran.
Sondern bei der Frage, ob wir im Menschen auf der anderen Seite noch immer zuerst einen Menschen sehen können.
Und ob wir alles dafür tun, dass unsere Kinder eines Tages nicht erleben müssen, was Generationen vor ihnen erleben mussten.
Ich jedenfalls möchte keinen Menschen töten.
Und ich möchte nicht, dass meine Kinder es jemals tun müssen.
Das macht mich nicht zum Freund irgendeines Aggressors.
Es macht mich zu einem Menschen, der Frieden will.