Kura Kura Beer – Wenn „Made in Bali“ zum Qualitätsversprechen wird

Als Putu Wiranatha zum Studium nach Melbourne ging, ahnte er vermutlich noch nicht, dass daraus Jahre später Kura Kura Beer auf Bali entstehen würde. Er lernte dort nicht einfach nur eine größere Auswahl an Bier kennen. Er erlebte, wie sich innerhalb weniger Jahre die Wahrnehmung eines ganzen Getränks verändern konnte. Als er 2008 nach Australien kam, dominierten auch dort die großen Biermarken. Bis zum Ende seiner Studienzeit war Craft Beer dagegen in Bars und Bottle Shops allgegenwärtig. Putu wohnte unweit einer Craftbrauerei, probierte sich durch deren Biere und beobachtete aus nächster Nähe, wie aus einer Nische ein selbstverständlicher Teil der Getränkekultur wurde.

Als er nach Bali zurückkehrte, fand er diese Entwicklung dort noch nicht in vergleichbarer Form vor. In den Regalen standen vor allem industriell produzierte Biere und importiertes Craft Beer aus Australien. Was ihm fehlte, war eine moderne Biermarke, die tatsächlich auf Bali gebraut wurde und ihre Herkunft nicht als exotische Kulisse benutzte, sondern selbstbewusst zum Bestandteil ihrer Identität machte.

Hinter dieser Idee steckte allerdings eine Beobachtung, die weit über Bier hinausging. Putu störte die in Indonesien verbreitete Wahrnehmung, ausländische Marken seien grundsätzlich hochwertiger, während einheimische Produkte eher als günstigere Alternative galten. Kura Kura sollte das Gegenteil beweisen: Ein indonesisches Produkt sollte nicht gekauft werden, obwohl es aus Indonesien kommt, sondern auch deshalb, weil es dort entstanden ist. Craft und handwerklich hergestellte Produkte hätten eine Seele, die industrieller Massenproduktion fehle, formuliert das Unternehmen heute. Kura Kura sollte diese Haltung mit einer zeitgemäßen indonesischen Marke verbinden.

2019 begann Putu gemeinsam mit seinem Vater Kadek Wiranatha, aus dieser Idee eine Brauerei zu machen. Nicht an einem der touristischen Hotspots der Insel, sondern im Hochland.

Plaga – und die Frage, wie lokal ein Bier sein kann

Etwa eine Autostunde von Denpasar entfernt liegt Plaga. Die Temperaturen sind dort niedriger als an der Küste, Landwirtschaft prägt die Umgebung, und vor allem gibt es etwas, das für Putu und seinen Vater bei der Standortwahl entscheidend war: Wasser.

Kura Kura bezieht Quellwasser aus der Region, das durch vulkanischen Untergrund gefiltert wird. Bei einem Getränk, das überwiegend aus Wasser besteht, ist dessen Qualität mehr als eine schöne Geschichte für das Marketing. Die Brauerei führt den Charakter ihrer Biere ausdrücklich auf dieses Wasser zurück und verzichtet nach eigenen Angaben auf zugesetzte Konservierungsstoffe.

Gerade Plaga führt aber zu einer interessanten Frage: Wie lokal kann ein balinesisches Bier eigentlich sein?

Malz, Hopfen und Hefe werden importiert. Indonesien produziert diese klassischen Braurohstoffe nach Angaben von Kura Kura nicht in den für die Brauerei benötigten kommerziellen Mengen. Lokal ist vor allem das Wasser.

Ein Bier aus Bali lässt sich deshalb kaum darüber definieren, dass sämtliche Zutaten von der Insel stammen. Bei Kura Kura entsteht Lokalität auf andere Weise: durch den Ort der Produktion, die Menschen hinter der Marke, das Wasser, die Gestaltung und die Geschichten – und schließlich durch die Frage, welches Bier überhaupt zu diesem Ort und seiner Lebensweise passt.

Noch bevor die junge Brauerei darauf im Markt eine Antwort geben konnte, geriet allerdings der gesamte Plan ins Wanken.

Eine Biermarke für Bali startet ohne Touristen

Der Aufbau der Brauerei hatte 2019 begonnen. 2020 sollte Kura Kura auf den Markt kommen. Dann kam die Pandemie.

Für eine neue Biermarke auf einer Insel, deren Wirtschaft und Gastronomie massiv vom internationalen Tourismus abhängen, hätte der Zeitpunkt kaum ungünstiger sein können. Bars und Restaurants verloren ihre Gäste, der Reiseverkehr brach zusammen und genau jene Orte, an denen Menschen ein neues Craftbier normalerweise entdecken würden, fielen weitgehend aus.

Kura Kura entschied sich trotzdem für den Start. Im Juni 2020 kam das Bier auf den Markt.

Diese Entscheidung veränderte die Entwicklung der Marke. Statt sich zunächst auf Hotels, Bars, Restaurants und internationale Besucher verlassen zu können, musste Kura Kura stärker auf Einzelhandel und Konsum zu Hause setzen. Vor allem aber musste das Unternehmen viel früher eine Beziehung zu indonesischen Biertrinkern aufbauen. Genau jene Konsumenten, deren Wahrnehmung lokaler Marken Putu ursprünglich verändern wollte, wurden nicht zur späteren Ergänzung eines touristischen Geschäfts, sondern von Beginn an wichtig.

Kura Kura beschreibt die ungewöhnliche Situation rückblickend sogar als teilweise hilfreich. Menschen konnten ihr Geld nicht für Reisen, Unterhaltung und Ausgehen ausgeben; etwas Neues und Positives bekam dadurch Aufmerksamkeit in einer Zeit, in der wirtschaftlich und gesellschaftlich wenig Anlass zu Optimismus bestand. Die Sympathie, die dabei entstanden sei, habe die Marke auch nach der Wiederöffnung begleitet.

Ausgerechnet der Zusammenbruch des Bali-Tourismus zwang eine balinesische Biermarke also dazu, früher als geplant zu beweisen, ob ihre Idee auch ohne touristische Kulisse funktionierte.

Nicht die erste – aber mit einem eigenen Anspruch

Einen Punkt aus den Antworten von Kura Kura muss man historisch einordnen. Das Unternehmen bezeichnet sich darin als erste auf Bali gebraute Craftbeer-Option seiner Zeit. Dieser Anspruch lässt sich in dieser Form nicht halten. Stark Craft Beer produzierte bereits Jahre vor dem Marktstart von Kura Kura Bier auf Bali.

Für die Geschichte von Kura Kura ist dieser Pioniertitel allerdings weniger wichtig als das Konzept, mit dem die Marke 2020 antrat. Hier entstand eine vollständig balinesisch positionierte Biermarke mit eigener Produktion im Hochland, bewusst zugänglichen Bieren und einer Gestaltung, die Bali zeigen wollte, ohne einfach jene Bilder zu reproduzieren, die seit Jahrzehnten an Touristen verkauft werden.

Denn spätestens an dieser Stelle wird die Frage interessanter als jede Diskussion darüber, wer zuerst einen Sudkessel auf der Insel aufgestellt hat:

Was macht ein Bier eigentlich balinesisch?

Eine Schildkröte – aber kein Bali-Souvenir

Schon der Name führt zur kulturellen Herkunft der Marke. „Kura Kura“ bedeutet Schildkröte auf Indonesisch. Das Unternehmen bezieht sich dabei auf eine alte balinesische Überlieferung, nach der die Insel auf dem Rücken einer riesigen Schildkröte ruht. Die Schildkröte steht für Fundament und Gleichgewicht und wurde zum zentralen Symbol der Marke.

Doch ein indonesischer Name und eine Schildkröte auf einer Dose reichen Putu nicht aus, um ein Bier balinesisch zu machen. Kura Kura unterscheidet ausdrücklich zwischen einem Produkt, das lediglich mit Bali-Bildern dekoriert wird und theoretisch überall gebraut sein könnte, und einem Produkt, das tatsächlich etwas über den Ort seiner Entstehung erzählt.

Besonders sichtbar wird dieser Anspruch in der Zusammenarbeit mit indonesischen Künstlern. Für die Single Batch Series gestalten Künstler limitierte Verpackungen und Tap-Medaillons. Bei weiteren Projekten werden Billboards zur Ausstellungsfläche, begleitet von Videos über die Menschen und ihre Arbeit. Unter dem Namen Island Artisan porträtiert Kura Kura darüber hinaus Köche, Schmuckdesigner, Handwerker und andere Kreative.

Dahinter steckt eine bewusste Abgrenzung von jener Bildwelt, auf die Bali international häufig reduziert wird. Kura Kura möchte zeitgenössische indonesische Kreativität zeigen: selbstbewusst und modern, wie es im Interview heißt, „not packaged as a barong for a tourist audience.“

Das ist für eine Marke aus Bali ein bemerkenswerter Anspruch. Kaum eine Insel Südostasiens wird international so stark über wiederkehrende Bilder vermarktet: Tempel, Reisfelder, Barong, Strände und Sonnenuntergänge sind längst Teil einer globalen touristischen Vorstellung von Bali. Eine moderne balinesische Marke steht deshalb vor der Herausforderung, ihre Herkunft sichtbar zu machen, ohne sie selbst zum Souvenir zu reduzieren.

Beim Bier versucht Kura Kura eine ähnliche Balance.

Wie muss ein Bier schmecken, das zu Bali passt?

Wer die internationale Craftbeer-Bewegung über viele Jahre verfolgt hat, kennt ihren Hang zum Extremen. Mehr Hopfen, mehr Alkohol, Double und Triple IPA, Imperial Stout und immer neue Zutaten wurden zeitweise beinahe zu einem Wettbewerb darum, wie weit sich Bier geschmacklich treiben lässt.

Kura Kura setzt einen anderen Schwerpunkt.

Bali ist heiß und feucht. Vieles findet draußen statt: am Strand, beim langen Mittagessen, mit Freunden oder zum Sonnenuntergang. Für solche Situationen hält die Brauerei schwere, alkoholreiche Biere nicht für die naheliegendste Antwort. Das Kernsortiment ist deshalb bewusst auf gute Trinkbarkeit und moderate Alkoholgehalte ausgerichtet. Man soll über einen Nachmittag mehr als ein Bier trinken können, ohne dass der Alkohol den Rest des Tages bestimmt.

Kura Kura fasst diese Philosophie in einem Claim zusammen:

„Life is in session.“

Darin steckt eine interessante Vorstellung von lokaler Bieridentität. Ein Bier muss nicht zwangsläufig eine balinesische Frucht enthalten, um etwas über Bali zu erzählen. Vielleicht ist entscheidender, dass es für das Klima, das Essen und die Art entwickelt wird, wie Menschen an diesem Ort trinken.

Die Frage verändert sich dadurch. Nicht: Welche Zutat lässt dieses Bier nach Bali schmecken?

Sondern: Wie muss ein Bier beschaffen sein, damit es zum Leben auf Bali passt?

Braucht Indonesien überhaupt einen eigenen Bierstil?

Die Frage nach lokaler Identität begegnet mir bei meiner Recherche zur Craftbeer-Szene Südostasiens immer wieder. Wann entsteht eine eigenständige Bierkultur? Muss sie einen unverwechselbaren Stil hervorbringen? Braucht sie heimische Zutaten? Oder entsteht sie bereits dann, wenn Menschen internationale Brautraditionen an ihre eigene Umgebung anpassen?

Kura Kura sieht eine balinesische und indonesische Craftbeer-Identität im Entstehen, ohne sie auf einen einzelnen Stil reduzieren zu wollen. Lokales Wasser und Produkte, tropische Früchte, Kaffee oder Rosella können dazugehören, ebenso die Zusammenarbeit mit indonesischen Künstlern. Auffällig sei zugleich eine Tendenz zu zugänglichen, gut trinkbaren Bieren, während Teile der internationalen Craftbeer-Szene lange von stark hopfenbetonten und alkoholreichen Extremstilen geprägt waren.

Das ist die Perspektive von Kura Kura, keine allgemeingültige Definition indonesischen Craft Beers. Gerade darin liegt aber ihr Wert. Eine junge Bierkultur muss nicht dadurch eigenständig werden, dass irgendwann alle Brauereien denselben „indonesischen Bierstil“ herstellen.

Vielleicht zeigt sich Eigenständigkeit viel eher darin, dass unterschiedliche Produzenten anfangen, selbst zu entscheiden, welche internationalen Einflüsse sie übernehmen und welche nicht. Ein Bier kann technisch an europäischen oder amerikanischen Stilen orientiert sein und trotzdem etwas über den Ort erzählen, an dem es entsteht.

Bei Kura Kura sind das das Wasser aus Plaga, die Produktion auf Bali, das tropische Klima, eine bewusst hohe Drinkability und eine Gestaltung, die zeitgenössisches Indonesien zeigen möchte.

Doch Putus ursprüngliche Idee wäre nur halb erfüllt, wenn dieses Bier am Ende hauptsächlich von Touristen getrunken würde.

Die größere Aufgabe liegt außerhalb Balis

Tourismus bleibt für Kura Kura wichtig. Für viele internationale Besucher dürfte eine Reise nach Bali der erste Kontakt mit der Marke sein. Doch die langfristige Wachstumsstrategie richtet sich ausdrücklich stärker auf Indonesien selbst.

Der Vertrieb wird nach Angaben des Unternehmens über Bali hinaus nach Java und auf weitere Inseln ausgeweitet. Export spielt ebenfalls eine Rolle; Kura Kura nennt Hongkong und Taiwan als bestehende Auslandsmärkte. Die größte Bedeutung misst das Unternehmen jedoch dem heimischen Markt bei.

Das ist folgerichtig, denn genau dort entscheidet sich letztlich, ob Putus ursprüngliche Idee funktioniert.

Als er aus Australien zurückkehrte, störte ihn die Vorstellung, dass ein importiertes Produkt automatisch hochwertiger sein müsse als ein indonesisches. Kura Kura sollte zeigen, dass eine lokale Marke Qualität, Gestaltung und eine eigene kulturelle Identität miteinander verbinden kann.

Inzwischen geht es deshalb um mehr als die Frage, ob auf Bali gutes Craft Beer gebraut werden kann.

Die größere Herausforderung besteht darin, daraus etwas Alltägliches zu machen.

Nicht das „lokale Bier“, das man im Urlaub aus Neugier einmal bestellt. Nicht die hübsch gestaltete Dose, die nach Bali aussieht. Und auch nicht die günstigere Alternative zu einer internationalen Marke.

Sondern ein Bier, zu dem jemand in Denpasar, Jakarta oder Surabaya greift, weil er genau dieses Bier trinken möchte.

Wenn Herkunft keine Rechtfertigung mehr braucht

Kura Kura war nicht die erste Craftbrauerei Balis. Vielleicht ist das rückblickend auch gar nicht die interessante Frage.

Interessanter ist, was seit 2020 entstanden ist: Putu Wiranatha erlebt in Australien, wie kleine Brauereien die Wahrnehmung von Bier verändern, und kehrt mit der Idee zurück, dass ein indonesisches Produkt nicht hinter einem importierten zurückstehen sollte. Gemeinsam mit seinem Vater baut er im Hochland von Plaga eine Brauerei auf. Kurz vor dem Marktstart bricht der internationale Tourismus zusammen und zwingt die junge Marke, wesentlich früher als geplant jene Menschen zu erreichen, für die sie langfristig ohnehin relevant sein wollte: Indonesier selbst.

Daraus entwickelt sich eine Vorstellung davon, was ein modernes Produkt aus Bali sein kann – lokal verwurzelt, ohne folkloristisch zu werden; international inspiriert, ohne seine Herkunft zu verstecken; zugänglich, ohne beliebig zu sein.

Für die kommenden Jahre setzt Kura Kura deshalb vor allem auf den heimischen Markt. Indonesisches Craft Beer soll für indonesische Konsumenten irgendwann eine ebenso selbstverständliche Wahl sein, wie Putu es Jahre zuvor in Australien erlebt hatte.

Das wäre möglicherweise der größere Erfolg als jeder Pioniertitel.

Denn dafür müsste Kura Kura nicht länger beweisen, dass ein Bier aus Bali genauso gut sein kann wie ein importiertes.

Es müsste irgendwann niemandem mehr einfallen, diese Frage überhaupt zu stellen.