Borneo – Wo eine außergewöhnliche Craftbeer-Szene heranwächst

Borneo. Allein der Name weckt Bilder von dichtem Regenwald, Orang-Utans, gewaltigen Flüssen und dem majestätischen Kinabalu. Von den Kalksteinhöhlen im Norden bis zu den uralten Regenwäldern im Inselinneren zählt die drittgrößte Insel der Erde zu den faszinierendsten Natur- und Kulturräumen unseres Planeten.

Dabei ist Borneo keineswegs ein einheitliches Land. Die Insel wird von drei Staaten geteilt: Im Süden liegt Kalimantan, der indonesische Teil der Insel, im Norden das Sultanat Brunei und im Nordwesten die Bundesstaaten Sarawak und Sabah. Trotz dieser politischen Grenzen verbindet die Menschen vieler Regionen eine gemeinsame Geschichte, eine beeindruckende kulturelle Vielfalt und eine tiefe Verbundenheit mit ihrer Heimat. Mehr als 50 indigene Volksgruppen – allen voran die Dayak – prägen bis heute die Kultur Borneos. Seit Jahrhunderten werden hier Reiswein und Reisbier gebraut – lange bevor jemand an modernes Craft Beer dachte.

Umso erstaunlicher ist es, dass sich die junge Craftbeer-Bewegung fast ausschließlich in Sarawak entwickelt hat. In Brunei verhindern die strengen Alkoholgesetze eine vergleichbare Entwicklung. Im indonesischen Teil Borneos spielt Craft Beer bislang ebenfalls kaum eine Rolle. Dort konzentriert sich die noch junge Craftbeer-Szene vor allem auf Bali und einige Großstädte auf Java.

So ist Sarawak heute das kreative Zentrum der Braukultur auf Borneo. Und das ist kein Zufall.

Sarawak genießt weitreichende Autonomierechte und blickt auf eine lange Tradition lokaler Fermentationskultur zurück. Gleichzeitig herrscht hier eine größere kulturelle Vielfalt und Offenheit gegenüber alkoholischen Getränken als in vielen anderen Regionen der Insel. Vielleicht sind genau das die Zutaten, aus denen in den vergangenen Jahren etwas ganz Besonderes entstanden ist: eine Craftbeer-Szene mit einer eigenen Identität.

Vom Regenwald ins Bierglas

Nach mehreren Wanderungen im Kinabalu-Nationalpark, bewegenden Begegnungen mit Orang-Utans, Nasenaffen und den kleinsten Elefanten der Welt am Kinabatangan-Fluss sowie einem Besuch in Sandakan – jener Stadt, die im Zweiten Weltkrieg nahezu vollständig zerstört wurde – kehrten wir schließlich wieder nach Kota Kinabalu zurück.

Hinter uns lagen Tage voller Natur, Geschichte und unvergesslicher Eindrücke.

Als wenig später das erste Jungle Pale Ale von 1602 vor mir stand, wurde mir einmal mehr bewusst, wie eng regionale Genusskultur und Reisen miteinander verbunden sind. Ein gutes Bier ist weit mehr als nur ein Getränk. Es erzählt Geschichten über die Menschen, ihre Heimat und ihren Mut, neue Wege zu gehen. Genau deshalb gehören für mich Landschaft, Kultur, Kulinarik und Craft Beer untrennbar zusammen.


1602 – Der Pionier Borneos

Den Anfang machte 1602 Craft Beer in Kuching.

Schon der Name erzählt eine Geschichte. Im Jahr 1602 erschien eine der ersten Karten Borneos. Im gleichen Jahr legte in Europa die Entwicklung der modernen Lagerhefe den Grundstein für eine neue Braukultur. Zwei Ereignisse, die scheinbar nichts miteinander verbindet – und genau daraus entwickelte die Brauerei ihre Philosophie: europäische Braukunst mit der Identität Borneos zu verbinden.

Dabei geht es den Gründern nicht darum, möglichst extreme Bierstile zu brauen. Vielmehr möchten sie Bier schaffen, das zu Borneo passt.

Bier im Glas: Jungle Pale Ale

Für mich ist das Jungle Pale Ale das Aushängeschild der Brauerei. Es verbindet fruchtige Hopfenaromen mit einer angenehm zurückhaltenden Bittere. Kein überladenes Hopfenmonster, sondern ein wunderbar ausgewogenes Pale Ale, das perfekt zum tropischen Klima passt. Der Name verweist auf den Regenwald Borneos und macht deutlich, wofür die Brauerei steht: Biere mit regionaler Identität statt austauschbarer Standardrezepte.

Heute gilt 1602 weit über Kuching hinaus als Aushängeschild der jungen Craftbeer-Bewegung auf Borneo.

Zebrew – Die kreative Seele Kuchings

Während 1602 den professionellen Aufbau einer regionalen Marke verkörpert, steht Zebrew für den ursprünglichen Gedanken der Craftbeer-Bewegung.

Alles begann mit einigen begeisterten Hobbybrauern, die ihre eigenen Rezepte entwickelten und mit viel Leidenschaft experimentierten. Aus diesem kleinen Projekt entstand eine der spannendsten jungen Brauereien der Insel.

Mit Bieren wie dem Meow Meow Lager, einer augenzwinkernden Hommage an die Katzenstadt Kuching, oder dem hopfenbetonten Santubong Lager zeigt Zebrew, dass Kreativität und Regionalität hervorragend zusammenpassen. Hier wird mit viel Leidenschaft gebraut – ohne den Anspruch, internationale Trends einfach zu kopieren.

Sibu – Die heimliche Hauptstadt der Innovation

Die meisten Reisenden kennen Sibu kaum. Eigentlich schade.

Denn ausgerechnet hier entstehen gleich zwei weitere spannende Brauereien.

Leyd Brewing Co. verfolgt einen Ansatz, der mich besonders begeistert. Statt amerikanische oder europäische Bierstile einfach nachzubrauen, suchen die Brauer nach einem ganz eigenen Ausdruck Borneos.

Bier im Glas: Bario & Sea Salt Gose

Das beste Beispiel dafür ist das Bario & Sea Salt Gose. Hochlandreis aus Bario trifft auf Meersalz von der Küste Borneos. Das Ergebnis ist ein wunderbar leichtes, fein säuerliches Bier mit einer dezenten Salznote. Es wirkt unglaublich frisch und zeigt eindrucksvoll, wie regionale Zutaten einem klassischen Bierstil eine völlig neue Identität verleihen können. Genau solche Ideen machen für mich den Reiz der Craftbeer-Bewegung aus.

Ebenfalls in Sibu beheimatet ist die Hornbill Brewery. Noch ist sie klein und außerhalb Borneos kaum bekannt. Genau das macht ihren Charme aus. Hier wird nicht für den Weltmarkt gebraut, sondern für die Menschen der Region – authentisch, bodenständig und mit viel Herzblut.


Und Sabah?

Wer nach Borneo reist, landet meist in Kota Kinabalu.

Von dort geht es weiter zum Kinabalu-Nationalpark, nach Sepilok, an den Kinabatangan-Fluss oder in die weltberühmten Tauchreviere vor der Ostküste. Jahr für Jahr zieht Sabah deutlich mehr internationale Besucher an als Sarawak.

Gerade deshalb hätte ich erwartet, dass hier die ersten Craftbeer-Brauereien der Insel entstehen würden.

Doch bislang ist das Gegenteil der Fall.

Zwar findet man in Kota Kinabalu inzwischen einige hervorragende Bars mit einer beachtlichen Auswahl regionaler Biere aus Sarawak und internationalen Craftbieren. Eine eigene Craftbeer-Produktion hat sich bisher jedoch kaum entwickelt.

Warum eigentlich?

Vielleicht liegt es daran, dass der Tourismus in Sabah bislang vor allem von seiner spektakulären Natur lebt. Vielleicht fehlten bisher einfach die mutigen Gründer. Vielleicht braucht jede Bewegung ihren eigenen Ausgangspunkt.

Ich hoffe jedenfalls sehr, dass der Funke bald überspringt.

Denn die Voraussetzungen könnten kaum besser sein. Nach einer Wanderung am Kinabalu, einer Bootssafari auf dem Kinabatangan oder einem Tauchtag vor den Inseln Sabahs ein charaktervolles Bier aus einer kleinen lokalen Brauerei zu genießen – das wäre weit mehr als nur ein Getränk. Es wäre ein weiterer Ausdruck regionaler Identität und ein wunderbarer Botschafter für die Kultur dieser außergewöhnlichen Insel.

Mehr als nur Bier

Was mich an der Craftbeer-Szene Borneos besonders fasziniert, sind nicht allein die Biere.

Es sind die Geschichten dahinter.

Während viele Brauereien weltweit um den nächsten besonders extremen Bierstil konkurrieren, erzählen die Brauer Borneos lieber von ihrer Heimat. Ihre Biere tragen die Namen von Bergen, Flüssen oder Städten, greifen regionale Zutaten auf und spiegeln die Identität einer Insel wider, die zu den letzten großen Naturparadiesen unserer Erde gehört.

Vielleicht steht die Craftbeer-Bewegung auf Borneo tatsächlich noch ganz am Anfang. Gerade deshalb lohnt es sich, jetzt hinzuschauen. Denn wer heute eine der kleinen Brauereien in Kuching oder Sibu besucht, erlebt nicht nur gutes Bier, sondern Menschen, die mit viel Leidenschaft etwas Eigenes aufbauen.

Ich würde mir wünschen, dass diese Entwicklung auch auf Sabah überspringt. Die Voraussetzungen dafür wären jedenfalls hervorragend. Vielleicht trägt ja gerade der wachsende Tourismus dazu bei, dass sich neben den spektakulären Naturerlebnissen künftig auch eine eigenständige regionale Bierkultur entwickelt. Es wäre eine Bereicherung für Borneo – und für alle, die eine Region nicht nur bereisen, sondern auch über ihre regionale Genusskultur verstehen möchten. 🍻