Ein Boot liegt in einer schmalen Schleuse. Mehrere Leinen halten es an seinem Platz. Die hohen Mauern schützen es vor Strömung und Wellengang, dahinter öffnet sich das Wasser.
Solange das Boot festgebunden ist, kann es nicht abtreiben.
Aber es kann auch nicht hinausfahren.
Vielleicht besitzt Sicherheit fast immer diese beiden Seiten. Sie schützt uns vor dem Unvorhersehbaren, kann aber zugleich unseren Bewegungsraum begrenzen. Wir wünschen uns Verlässlichkeit, weil wir nicht wissen, was morgen geschieht. Doch je stärker wir versuchen, jedes Risiko auszuschließen, desto mehr laufen wir Gefahr, auch Freiheit, Veränderung und Vertrauen aus unserem Leben auszuschließen.
In Deutschland verbinden wir Sicherheit häufig mit festen Strukturen: einem regelmäßigen Einkommen, einer Kranken- und Rentenversicherung, Kündigungsschutz, Rücklagen und möglichst einem unbefristeten Arbeitsvertrag. All das kann Menschen vor existenzieller Not schützen und gehört zu den großen Errungenschaften unserer Gesellschaft.
Trotzdem beseitigt keine dieser Sicherheiten die Unsicherheit des Lebens.
Ein Arbeitsplatz kann verschwinden. Geld kann an Wert verlieren. Menschen werden krank, Beziehungen zerbrechen und Gesellschaften geraten in Krisen. Selbst dort, wo wir uns bestmöglich abgesichert haben, bleibt etwas, das sich unserer Kontrolle entzieht.
Auf meinen Reisen bin ich Menschen begegnet, deren Leben mir aus meiner Perspektive zunächst sehr unsicher erschien. Sie verfügten weder über dieselben Versicherungen noch über die staatlichen Sicherungssysteme, die für uns selbstverständlich sind. Doch häufig trugen andere Dinge ihr Leben: Familie, Gemeinschaft, Fähigkeiten, Land, kulturelle Zugehörigkeit oder das Wissen, im Notfall nicht allein zu sein.
Dadurch begann ich mich zu fragen, ob Sicherheit tatsächlich ein Zustand ist, den man durch Verträge, Besitz und Institutionen erreichen kann – oder ob Menschen lediglich sehr unterschiedliche Wege gefunden haben, mit der Ungewissheit des Lebens umzugehen.
Was bedeutet Sicherheit, wenn sie für verschiedene Menschen auf vollkommen unterschiedlichen Grundlagen beruht?
Wenn die Familie die Versicherung ist
Vor vielen Jahren war ich in Tansania unterwegs.
Dort begegnete mir eine Vorstellung von Familie, die sich von meiner eigenen deutlich unterschied. Familie konnte einen sehr großen Kreis von Menschen umfassen – und Zugehörigkeit bedeutete Verpflichtung.
Wer Erfolg hatte, eine gute Position bekam oder vergleichsweise viel verdiente, von dem wurde häufig erwartet, andere mitzutragen.
Aus unserer Perspektive geraten solche Strukturen schnell in die Nähe dessen, was wir Vetternwirtschaft nennen. Tatsächliche Korruption gibt es selbstverständlich ebenfalls. Aber damit allein lässt sich dieses Geflecht nicht erklären. Dahinter stehen gesellschaftliche Verpflichtungen, die lange existierten, bevor es staatliche Sicherungssysteme nach unserem Verständnis gab.
Wer hat, unterstützt diejenigen, die weniger haben.
Darin liegt eine Form von Sicherheit: Wer Teil dieser Gemeinschaft ist, steht im besten Fall nicht allein.
Aber diese Sicherheit hat einen Preis.
Denn dieselbe Gemeinschaft, die auffängt, schafft Verpflichtungen. Wer wirtschaftlich aufsteigt, trägt plötzlich Verantwortung für viele andere. Und auch Tansania verändert sich. Gerade jüngere Menschen versuchen zum Teil, sich aus diesen Erwartungen zu lösen und ihr Leben unabhängiger davon zu gestalten.
Vielleicht zeigt sich darin ein Widerspruch, der weit über Tansania hinausgeht:
Gemeinschaft kann Sicherheit geben. Aber wie viel individuelle Freiheit sind wir bereit, dafür abzugeben?
Eine Frau auf einem Felsen
Ein Bild ist mir aus Nordindien bis heute geblieben.
Früh am Morgen war ich auf dem Weg zu einer Trekkingtour. Am Straßenrand saß eine ältere Frau auf einem großen Felsen, vielleicht zwei mal zwei Meter.
Mit einfachen Werkzeugen schlug sie Steine daraus.
Ich ging weiter.
Als ich viele Stunden später zurückkam, saß sie noch immer dort.
Nur der Felsen hatte sich verändert.
Vor ihr lagen Hunderte, vielleicht Tausende Pflastersteine, die sie im Laufe dieses Tages aus diesem einen Stück Fels geschlagen hatte.
Ich weiß nichts über diese Frau. Ich weiß nicht, wie viel sie dafür bekam. Ich weiß nicht, wie sie lebte, wer zu ihrer Familie gehörte oder ob sie sich sicher oder unsicher fühlte.
Ich erinnere mich nur noch sehr genau an meinen Respekt.
Und vielleicht ist gerade das wichtig: Ich kann ihr Leben von außen betrachten. Aber ich kann nicht wissen, wie sie selbst es empfunden hat.
Sicherheit kann ein Stück Land sein
Ähnliche Beobachtungen sind mir aus Mittel- und Südamerika geblieben.
In den Anden habe ich Quechua-Gemeinschaften erlebt, für die Landwirtschaft, Familie und die eigene kulturelle Identität eine große Rolle spielten. Das Leben in den Bergen kann hart und entbehrungsreich sein. Eine gesundheitliche und soziale Absicherung, wie wir sie kennen, existiert vielerorts nicht.
Und trotzdem wäre es überheblich anzunehmen, alle Menschen warteten nur darauf, unsere Vorstellungen von Wohlstand und Sicherheit übernehmen zu können.
Vielleicht kann Sicherheit auch bedeuten, ein Stück Land bewirtschaften zu können. Zu wissen, woher man kommt. Teil einer Gemeinschaft zu sein. Fähigkeiten zu besitzen, mit denen man sich und seine Familie ernähren kann.
Was davon gibt mehr Sicherheit?
Ein Arbeitsvertrag?
Ein Stück Land?
Eine große Familie?
Ein Bankkonto?
Können wir Unsicherheit überhaupt versichern?
Wir haben in Deutschland einen gewaltigen gesellschaftlichen Apparat geschaffen, um Risiken abzusichern.
Krankenversicherung. Rentenversicherung. Arbeitslosenversicherung. Berufsunfähigkeitsversicherung. Hausratversicherung.
Und eines meiner Lieblingswörter in diesem Zusammenhang:
Lebensversicherung.
Als ließe sich ausgerechnet das Leben versichern.
Natürlich sind diese Systeme wertvoll. Sie schützen Menschen vor existenziellen Risiken und gehören zu den großen gesellschaftlichen Errungenschaften.
Aber sie beseitigen die Unsicherheit nicht.
Ein sicher geglaubter Arbeitsplatz kann verschwinden. Geld kann an Wert verlieren. Menschen werden krank. Beziehungen zerbrechen. Gesellschaften geraten in Krisen.
Vielleicht gibt es Sicherheit gar nicht als Zustand.
Vielleicht haben Menschen lediglich sehr unterschiedliche Möglichkeiten entwickelt, mit Unsicherheit umzugehen.
Die Macht eines Versprechens
Wenn Sicherheit kein Zustand ist, den wir endgültig erreichen können, bekommt das Versprechen von Sicherheit eine enorme Macht.
Das lässt sich gerade auch in Deutschland beobachten.
Wir sprechen wieder intensiver über äußere Sicherheit, Verteidigungsfähigkeit, Aufrüstung, kritische Infrastruktur und darüber, wie sich unsere Gesellschaft auf mögliche Bedrohungen vorbereiten muss.
Vieles davon hat reale Gründe. Kriege finden statt. Internationale Ordnungen verändern sich. Bedrohungen verschwinden nicht dadurch, dass wir nicht über sie sprechen.
Und trotzdem lohnt sich gerade jetzt eine Frage:
Was macht Angst mit unserer Vorstellung von Sicherheit?
Denn je größer eine Bedrohung erscheint, desto größer kann unsere Bereitschaft werden, Dinge zu akzeptieren, die wir unter anderen Umständen vielleicht ablehnen würden.
Mehr Geld für Schutz. Mehr Kontrolle. Mehr Überwachung. Mehr Waffen. Einschränkungen von Freiheit. Vielleicht irgendwann sogar die Bereitschaft, selbst Teil einer militärischen Auseinandersetzung zu werden.
Das bedeutet nicht, dass solche Entscheidungen grundsätzlich falsch sind.
Aber es bedeutet vielleicht, dass wir gerade dann besonders aufmerksam sein sollten.
Denn wer unsere Angst beeinflusst, beeinflusst auch unsere Vorstellung davon, wie viel Sicherheit wir brauchen.
Und wer entscheidet eigentlich, wann wir sicher genug sind?
Vielleicht liegt genau darin die politische Macht dieses Wortes.
Sicherheit ist ein Versprechen, das niemals vollständig eingelöst werden kann.
Was bleibt?
Auf meinen Reisen habe ich viele Menschen gesehen, deren Leben mir aus meiner Perspektive unglaublich unsicher erschien.
Die Frau auf dem Felsen in Indien.
Den Träger am Kilimandscharo.
Den Kleinbauern in den Anden.
Die Familie mit ihrem kleinen Geschäft irgendwo in Südostasien.
Aber ich weiß nicht, ob diese Menschen ihr eigenes Leben als unsicherer empfunden haben als wir unseres.
Vielleicht liegt genau darin ein Denkfehler.
Vielleicht ist Sicherheit weniger ein Zustand als ein Gefühl.
Und vielleicht verbringen wir einen erstaunlich großen Teil unseres Lebens damit, dieses Gefühl herzustellen.
Mit Geld. Mit Arbeit. Mit Familie. Mit Versicherungen. Mit Gemeinschaft. Mit Grenzen. Mit Waffen.
Vieles davon kann notwendig und sinnvoll sein.
Aber nichts davon nimmt uns die eine Unsicherheit, die sich nicht beseitigen lässt:
Wir wissen nicht, was morgen geschieht.
Vielleicht besteht Sicherheit deshalb am Ende gar nicht darin, zu glauben, dass nichts passieren wird.
Vielleicht besteht sie in dem Vertrauen, mit dem umgehen zu können, was passiert.