Es gibt sie noch – oder besser gesagt: wieder. Unberührte Wildnis mitten im Kulturland Deutschland. Orte, an denen Natur nicht inszeniert wird, sondern einfach geschieht.
Zwischen dem Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin und dem Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft eröffnet sich ein Naturraum, der still wirkt und doch voller Leben ist. Wer sich hier zu Fuß auf den Weg macht, taucht mit allen Sinnen ein – und merkt schnell: Diese Landschaft verlangt keine Aufmerksamkeit, sie schenkt sie.
Schon der Ausgangspunkt Eberswalde erzählt von Wandel. Einst als „Märkisches Wuppertal“ bekannt, hat sich die frühere Industriestadt zu einem Ort der Nachhaltigkeit entwickelt. Ein leiser, aber konsequenter Übergang – passend zu einer Region, die gelernt hat, sich neu zu erfinden.
Vom Döllnsee aus, tief eingebettet im Herzen der Schorfheide, führt der Weg hinein in uralte Wälder. Hier hinterlassen Biber ihre Spuren, formen Landschaften nach ihren eigenen Regeln. Ranger geben Einblick in die Bedeutung der UNESCO-geschützten Buchenwälder, doch vieles erschließt sich auch ohne Worte: durch genaues Hinsehen, durch Stille, durch Geduld.
Pfadlosigkeit wird hier zur Einladung. Fährten im Boden erzählen von Mufflon und Rotwild, manchmal auch vom Wolf. Die Nähe zur Wildnis ist spürbar – nicht spektakulär, sondern selbstverständlich. Eine abendliche Begegnung mit einem Wolfsrudel hinterlässt Eindrücke, die nicht laut sind, aber lange nachhallen.
Am nächsten Tag verändern sich Richtung und Rhythmus. Der Blick folgt den Zugrouten der Kraniche gen Norden, bis zur Halbinsel Fischland-Darß-Zingst. Dort öffnet sich der Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft – ein Ort von archaischer Kraft. Wenn tausende Kraniche abends in die flachen Boddengewässer einfliegen und ihre Rufe Raum und Zeit durchdringen, berührt das etwas sehr Ursprüngliches. Man versteht plötzlich, warum der Kranich in vielen Kulturen als Symbol der Glückseligkeit gilt.
Nicht weniger eindrucksvoll sind die weiten, nahezu unberührten Strände – und das tiefe, durchdringende Röhren der Hirschbullen während der Brunft. Kein Geräusch, das man hört. Sondern eines, das man spürt.
Das ist der Ruf der Wildnis.
Und vielleicht auch eine Erinnerung daran, wie es sich anfühlt, Teil von ihr zu sein.