Südtiroler Bierwelten

Südtiroler Handwerksbrauereien – Vielfalt zwischen Wachturm, Hof und Hopfengarten


In Südtirol hat sich in den letzten Jahren eine eigene, sehr charaktervolle Bierszene entwickelt.
Derzeit sind 15 Craft-Bier-Brauereien Mitglied im Verein der Südtiroler Handwerksbrauereien – vom traditionellen Wirtshausbrauer bis zur hopfenverliebten NEIPA-Schmiede. Was sie verbindet: handwerkliche Herstellung, regionale Verwurzelung und der Anspruch, Bier als Genussmittel sichtbar zu machen.

Drei Brauereien stehen exemplarisch für diese Vielfalt: Hopfen & Co. in Bozen, der Hubenbauer bei Brixen und Finix Brewing Co. im Raum Bruneck.


Hopfen & Co. – Brauerei im 800 Jahre alten Wachturm

Mitten in Bozen, in einem rund 800 Jahre alten ehemaligen Stadtmauer-Wachturm, braut Matthias Obkircher für Hopfen & Co. Heute ist das Gebäude Wirtshaus, Brauhaus und Geschichtenträger zugleich – früher sogar Rathaus, seit gut 20 Jahren Heimat einer Wirtshausbrauerei.

  • rund 1.000 hl Jahresausstoß, fast ausschließlich für den Ausschank im eigenen Haus

  • vier Sorten im Kernsortiment, davon eines immer ein saisonales Spezialbier

  • offene, urbane Bierkultur im historischen Gemäuer

Hopfen & Co. war die zweite Wirtshausbrauerei Südtirols – ein echter Pionier. Als sie startete, wusste niemand so recht, wie man dieses Modell steuerlich einordnen sollte. Es durfte nur das Bier ausgeschenkt werden, das auch im eigenen Haus gebraut wurde. Heute ist das selbstverständlich – damals war es Neuland.


Hubenbauer – Bauernhof, Brauerei, Hopfengarten

Ein paar Kilometer nördlich, in Vahrn bei Brixen, liegt der Hubenbauer: ein Hof aus dem 12. Jahrhundert, ursprünglich Wachturm, später Kirchenbesitz, heute ein geschlossener Hof mit Landwirtschaft, Gastronomie und Brauerei.

Gregor Wohlgemut, Brauer und Präsident des Vereins der Südtiroler Handwerksbrauereien, beschreibt das Konzept schlicht:

„Wir wollen Landwirtschaft und Gastronomie verbinden – und so viel wie möglich selbst produzieren.“

Konkret heißt das:

  • eigener Anbau von Braugerste, Weizen und Roggen,

  • 80 % der Getreidemengen stammen von den eigenen Feldern,

  • Mälzung in einer Mälzerei in Memmingen (Allgäu),

  • eigener Hopfengarten mit Hallertauer Perle, zwei Biere werden ausschließlich damit gebraut,

  • eigene Metzgerei, Gemüse aus eigenem Anbau, Hofgastronomie mit klarer Herkunft.

Gebaut wurde vieles wortwörtlich mit den eigenen Händen:
Das erste Sudhaus (250 Liter) entwarfen und bauten Gregor und sein Freund Alexander selbst, heute läuft eine 5/10-hl-Anlage in einer zur Brauerei umgebauten Scheune. Gregor ist Autodidakt – eigentlich Musiker, später Biersommelier, geprägt von vielen Besuchen bei Braukollegen in ganz Europa.

Der Hubenbauer darf als landwirtschaftlicher Betrieb nur an 180 Tagen im Jahr geöffnet haben. Deshalb:

  • Fassbier für ausgewählte Gastronomen

  • Flaschenbier über regionale Getränke- und Hofhändler

So bleibt die Herkunft klar – und die Biere bleiben ein Produkt der Region.


Finix Brewing Co. – Hazy, Juicy & American in Südtirol

Finix Brewing Co. bringt eine andere Farbe in die Südtiroler Bierlandschaft.
Gründer Zeke stammt aus Maine, der Heimat des New England IPA. Gebraut hat er seit Teenager-Tagen – klassisch amerikanisch in der Garage, gemeinsam mit seinem Vater.

Nach Stationen in Europa und dem prägenden Besuch der kleinen Südtiroler Brauerei Spinni reift der Traum von einer eigenen Brauerei in den Alpen. Heute betreibt er mit seiner Partnerin Finix Brewing Co., mit Fokus auf:

  • Pale Ales, IPAs, New England IPAs

  • viel Aromahopfen, gerne hazy, juicy, cloudy

  • typische „US-Garagen-Mentalität“, aber technisch auf hohem Niveau

Aktuell läuft eine 3-hl-Anlage, der Ausbau auf 10 hl Sudhaus mit mehreren 20-hl-Lagertanks ist geplant.
Ein wichtiger Schritt: die Entscheidung, komplett auf Dosen zu setzen – auch im Restaurant.

  • hohe Investition in zwei Dosenabfüllanlagen (aus den USA, da dort die Technik für kleine Chargen weiter ist)

  • konsequenter Markenauftritt über die Dose

  • zusätzliche Dienstleistung: Lohnabfüllung in Dose für andere Brauereien in der Region

Das erste Bier war bewusst zugänglich: ein American Blond Ale, süffig, aber deutlich anders als die üblichen Standardbiere in der Umgebung.


Warum ein Verein? – Vom Wirtshaus zur Handwerksbrauerei

2014 gründeten sechs Betriebe – darunter Hopfen & Co. – den Verein der Südtiroler Wirtshausbrauereien. Inzwischen wurde der Name in Südtiroler Handwerksbrauereien geändert, um auch Brauereien ohne eigenen Gasthof einzubeziehen.

Die Ziele:

  • Vernetzung & Austausch

    • gegenseitige Besuche, schnelle Hilfe bei Engpässen, gemeinsames Lernen

  • Gemeinsame Projekte

    • ein Buch zur Südtiroler Biergeschichte

    • regionaler Getreideanbau in Kooperation mit Landwirten, um möglichst viele Biere mit lokalem Malz zu brauen

    • Entwicklung eines Bierradwegs, auf dem man von Brauerei zu Brauerei radeln kann – inklusive Stempelpass

  • Bewusstsein für handwerkliches Bier

    • Social Media (vor allem Instagram & Facebook)

    • Fokus auf Regionalität, Qualität, Vielfalt

    • Aufklärung: Bier ist so facettenreich wie Wein – und wertvoll.

Über den Dachverband IDM sind die Brauereien mit dem Tourismus und regionalen Qualitätsinitiativen vernetzt:

  • Nutzung von Qualitätssiegeln für Südtiroler Produkte

  • Zugang zu EU-Fördermitteln für gemeinsame Projekte

Die Website des Vereins wird überarbeitet, der inhaltliche Fokus bleibt klar:
Handwerkliche Biere mit hohem regionalem Bezug und großer stilistischer Bandbreite.


Markt, Preise & Publikum – zwischen Genuss und Gewohnheit

Südtirol ist in vielerlei Hinsicht ein Spannungsfeld:

  • Einheimische, die oft „einfach Bier“ bestellen, ohne Brauerei oder Stil zu hinterfragen

  • Touristen, für die Regionalität und Authentizität wichtiger wird

  • italienischer Einfluss, der Genuss und Wertschätzung für hochwertige Produkte stärkt

  • ein Biermarkt, der in Italien zu den am schnellsten wachsenden zählt

Die Mitglieder des Vereins sehen ihre Aufgabe darin,

  • den Unterschied zwischen Industrie- und Handwerksbier zu erklären,

  • zu zeigen, dass verschiedene Bierstile unterschiedliche Preise haben dürfen,

  • und deutlich zu machen: Vielfalt ist kein Luxus, sondern kultureller Mehrwert.

„Sind die Leute bereit, höhere Preise zu zahlen?“ – Zeke antwortet spontan: „Nein.“
Und lacht – aber nur halb im Scherz. Denn der Weg vom „Wirkungstrinken“ zum „Genusstrinken“ braucht Zeit und viel Kommunikation.

Gleichzeitig gilt:

  • Regionalität ist in Südtirol ein großes Thema – das hilft.

  • Der Tourismus bringt neugierige Gäste, die bewusst nach lokalen Spezialitäten fragen.

  • Die wachsende Zahl an Brauereien wird nicht als Konkurrenz, sondern als Bereicherung verstanden: jede Brauerei spricht andere Menschen an, zusammen zeigen sie die ganze Bandbreite dessen, was Bier sein kann.


Zusammenarbeit statt Konkurrenz

Die Brauerei-Landschaft Südtirols ist klein, aber gut vernetzt:

  • gemeinsame Treffen 2–3 Mal im Jahr

  • viel Austausch über Messenger & Social Media

  • spontane Hilfe, wenn Rohstoffe, Technik oder Know-how fehlen

„Das Miteinander funktioniert wirklich gut“, sagt Matthias.
In einer Region, in der 15 Handwerksbrauereien dicht an dicht zwischen Bergen, Tälern und Tourismus-Hotspots arbeiten, ist das mehr als eine nette Randbemerkung – es ist ein Standortvorteil.


Ist Südtirol das neue Portland Europas?

Die Frage steht am Ende scherzhaft im Raum.
Zeke kontert: „Portland, Oregon oder Portland, Maine?“ – und alle lachen.

Die ehrlichere Antwort ist: Südtirol muss niemandes Kopie sein.

Es ist eine eigene, gewachsene Bierregion:

  • mit Wirtshausbrauereien in jahrhundertealten Gebäuden,

  • mit Bauernhöfen, die ihre Felder, ihre Tiere und ihr Bier verbinden,

  • mit hopfenverliebten, international geprägten Craft-Brauern,

  • mit einem Verein, der Vielfalt, Regionalität und Qualität sichtbar macht.

Und genau das macht den Reiz aus:
Wer in Südtirol ein Bier bestellt, bekommt im Idealfall nicht „irgendein“ Bier – sondern ein Glas Landschaft, Handwerk und Haltung.