Die Donau berührt auf ihrer Gesamtlänge von fast 3.000 Kilometern zehn Länder – so viele wie kein anderer Fluss der Erde. Sie ist der zweitlängste Fluss Europas und formt an ihrer Mündung ins Schwarze Meer das Biosphärenreservat Donaudelta, einen einzigartigen Rückzugsraum für eine Vielzahl von Pflanzen und Tieren.
Seit Jahrtausenden ist die Donau eine der bedeutendsten europäischen Handels- und Verkehrsachsen. Sie verbindet Kulturräume, trennt Welten und schafft Übergänge. Bereits in Homers Ilias erwähnt und von Herodot beschrieben, siedelten entlang ihres Laufes thrakische Stämme. Herodot bezeichnete sie als das größte Volk nach den Indern. Die Thraker standen in engem Austausch mit der griechischen Kultur, und selbst einer der bekanntesten Götter des Olymps, Dionysos, hat thrakische Wurzeln.
Unter den Römern bildete die Donau fast durchgehend die Grenze zu den nördlichen Völkern – zugleich war sie Lebensader für Truppentransporte und die Versorgung stromabwärts gelegener Siedlungen. Jahrhunderte später wurde die Expansion der Osmanen entlang der Donau vor Wien gestoppt. Der Fluss war damit nicht nur militärische und wirtschaftliche Hauptschlagader, sondern auch politische, kulturelle und religiöse Grenze zwischen Morgen- und Abendland, zwischen Europa und Orient.
Politische Spannungen und Kriege führten immer wieder zu Sperrungen und Einschränkungen der Wasserstraße. Doch spätestens seit dem Fall des Eisernen Vorhangs hat die Donau ihre verbindende Bedeutung zurückgewonnen – als Lebensader, Begegnungsraum und stiller Zeuge europäischer Geschichte.
Eine Radreise entlang dieses Flusses eröffnet den Blick auf ein oft übersehenes Europa. Der erste Abschnitt führt durch Ungarn und Serbien und beginnt in Budapest, einer der eindrucksvollsten Städte des Kontinents. Die prachtvollen Bauten der Donaumonarchie erzählen von der Zeit Österreich-Ungarns und bilden den Auftakt zu einer Reise, die schnell ruhiger wird. Durch die Weite der ungarischen Puszta, entlang naturgeschützter, wildreicher Wälder, nähert man sich der serbischen Grenze.
In Serbien säumen mächtige Festungen den Weg. Auwälder und Wiesen lassen die Stille spürbar werden, und Städte wie Novi Sad – das „serbische Athen“ – laden zum Verweilen ein. Am sogenannten Heiligen Berg eröffnen orthodoxe Klöster Einblicke in den serbisch-orthodoxen Glauben. In Belgrad, einer der ältesten dauerhaft besiedelten Städte an der Donau, treffen Kulturen aufeinander. Die Stadt gilt als Tor zwischen Europa und Asien – ein Ort der Übergänge. Höhepunkt dieses Abschnitts ist das Eiserne Tor: Europas größte Flussschlucht, eingebettet zwischen den südlichen Karpaten und dem Banater Gebirge. Die Durchfahrt durch den kleinen und großen Kessel gehört zu den eindrucksvollsten Donau-Erlebnissen überhaupt.
Der zweite Abschnitt führt weiter nach Südosten, nach Rumänien und Bulgarien, bis hin zum Schwarzen Meer. Mehr als ein Drittel der gesamten Donau fließt durch Rumänien. Hinter den Schluchten des Balkans öffnet sich das bulgarische Hügelland, und der Fluss trägt den Reisenden in einem uralten Kulturraum dem Meer entgegen. Die Donauinsel Belene entpuppt sich als Vogelparadies, orthodoxe Klöster liegen still am Wegesrand. Thrakische Grabmäler, römische Städte und antike Siedlungsspuren lassen die Geschichte greifbar werden.
Ländliche Bilder, wie aus einer anderen Zeit, begleiten den Weg bis zum Finale im Donaudelta. Dieses einzigartige Labyrinth aus Wasser, Schilf und Himmel gilt nicht ohne Grund als „Arche Noah Europas“. Auf schmalen Barken gleitet man durch das größte Sumpf- und Feuchtgebiet des Kontinents – begleitet von Vogelrufen, weitem Horizont und dem Gefühl, am Rand Europas angekommen zu sein.
Eine Reise entlang der Donau ist keine gewöhnliche Radreise. Sie ist eine Bewegung durch Landschaften, Zeiten und Kulturen – und eine Einladung, Europa dort kennenzulernen, wo es leiser, tiefer und ursprünglicher ist.