Von Nordböhmen, einer Dorfbrauerei und dem Nektar der Glückseligkeit
Ganz Europa ist von Braukonzernen besetzt… Ganz Europa? Nein. In einem kleinen Dorf in Nordböhmen braut eine Familie seit 2012 gegen den Strom – und ihr Zaubertrank trägt den Namen Nectar of Happiness.
Zichovec – ein Dorf, eine Vision, ein Volltreffer
Das Dorf Zichovec, knapp 45 Minuten von Prag und ebenso weit vom legendären Hopfengebiet Žatec, zählt gerade einmal 150 Einwohner. Hier gründete die Familie Husák 2012 ihre Brauerei – und veränderte damit ein Stück Bierwelt.
Mein eigener Erstkontakt war 2018, in einer Bierbar in der Prager Altstadt. Ich griff zu einer 0,75l-Flasche mit der Aufschrift Nectar of Happiness. Und seit diesem Moment gehörte Zichovec für mich zu den spannendsten Brauereineugründungen Europas.
Von der Dorfidee zur Pilgerstätte
Als Ivan Husák 2010 auf einer Familienfeier verkündete, eine Brauerei zu bauen, hielt man ihn für verrückt. „Magor“, sagte sein Bruder – verrückt. So hieß später eines der ersten Biere.
2012 startete Zichovec im Dorf: 5-hl-Anlage, 1.000 hl Jahresproduktion. Es war ein Familienprojekt im besten Sinne – inklusive Oma und Opa. Zwei gelernte Brauer aus dem Dorf halfen beim Start, und neben der Brauerei entstanden: Pension, Dorfladen, Gemeindeamt, Restaurant, Gesellschaftssaal und Kapelle.
Die Kapelle wurde zur visuellen Identität, zum Symbol von Zichovec.
Wachstum mit Bodenhaftung
Die Nachfrage wuchs so schnell, dass das Dorf zum Pilgerziel wurde. Um den ruhigen Charakter zu bewahren, zog die Produktion 2016 nach Louny um – auf ein rekonstruiertes Gelände mit einer 30-hl-Anlage.
Die nächste Generation übernahm: Ondra und Jan Husák. Sie etablierten die Handschrift, für die Zichovec heute steht:
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experimentelle IPA-Interpretationen
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komplexe Sauerbiere
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fassgereifte Biere
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Holzfasslagerung (über 100 Fässer im Einsatz)
Heute entstehen rund 60 verschiedene Biere pro Jahr.
Bier „on Tour“ – der Bierbus
Nordböhmen ist weit – zu weit für viele Fans. Also drehte Zichovec den Spieß um.
Ein alter Renault City Bus wurde zum mobilen Bierlokal umgebaut. Festivals, Events, Begegnungen – Bier, wo die Fans sind. Gelebte Nähe, und ein Grund, warum die Brauerei so treue Anhänger hat.
Zichovec Beer Fest
2018 fand das erste Zichovec Beer Fest statt: Musik, Streetfood und eine beeindruckende Auswahl der eigenen Biere. Das Festival ist heute eine feste Größe – ein Treffpunkt für Bierenthusiasten aus ganz Tschechien.
Von Flasche zu Dose – und warum das Sinn ergibt
Wie in den USA kommt die Dose immer stärker. Weniger Sauerstoff, weniger Licht, mehr Frische.
Zichovec investierte früh in eine Dosenlinie und will in den kommenden Jahren komplett umstellen.
Auch die Produktionsrealität hat sich gewandelt:
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Vor 2020: 80 % Fass, 20 % Flasche/Dose
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Heute: 10 % Fass, 60 % Flasche, 30 % Dose
Export findet bereits in rund zehn europäische Länder statt – Tendenz steigend.
Ondras Haltung ist dabei bemerkenswert:
„Mehr Menge bedeutet nicht weniger Respekt vor dem Handwerk – wir bleiben experimentell und ein bisschen verrückt.“
Die drei Biere, die alles erklären
1) Nectar of Happiness – NEIPA
Nicht umsonst der Name. Ein New England IPA mit irrwitzig viel Aromahopfen, der erst spät hinzugegeben wird.
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Aromen: Mango, Ananas, Zitrus, gelbe Melone
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Körper: samtig durch Haferflocken
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Hefestamm: wesentlich für die Fruchtigkeit
Ein Bier, das Flaschenöffnen in Glückseligkeit verwandelt.
2) Sour Passion Fruit – Sour Ale
Nach klassischem Kettle-Souring gebraut, mit Maracujapüree.
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spritzig
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fruchtig
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perfekt für Sommertage
3) Barrel Aged Imperial Stout with Coconut
18 Monate in ausgesuchten Bourbonfässern.
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Noten von dunkler Schokolade, Kaffee, Vanille, Kokos
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tiefdunkel, komplex
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Kaminfeuerbier
Warum Zichovec berührt
Zichovec ist mehr als eine Brauerei. Es ist ein Familienprojekt mit Charakter, geboren aus einer Idee, die man zunächst für Spinnerei hielt, und die heute europaweit Anerkennung findet.
Die Husáks beweisen, dass Bier nicht Uniform sein muss, und dass Kreativität, Demut und ein Hauch Wahnsinn sich hervorragend ergänzen.
Wer nach dem Nektar der Glückseligkeit sucht, sollte nach Louny fahren – oder im Webshop bestellen.
Obelix und die Gallier hätten es vermutlich genauso gemacht.