Unterwegs im Fränkischen Seenland
Bierkultur zwischen Brombachsee, Altmühlsee und Spalter Hopfen
„Wir sind nicht wie jeder andere. Angepasstheit ist nicht unser Ding… Denn wir finden, dass im Mainstream eines allzu oft untergeht: die Eigenart.“
Dieser Auszug aus dem Spalter Manifest beschreibt nicht nur eine Brauerei – er charakterisiert eine ganze Region: das Fränkische Seenland. Hier lässt sich Bierkultur erleben, nicht konsumieren.
Knapp 50 Kilometer südwestlich von Nürnberg hat der Mensch Seen geschaffen, die heute wirken, als hätte sie die Landschaft seit jeher gewollt: Großer Brombachsee, Kleiner Brombachsee, Igelsbachsee, Altmühlsee und Rothsee.Für Wassersport, Wandern und Radfahren sind sie längst ein Magnet – und für uns Bierfreunde eine Bühne regionaler Vielfalt.
Mittelfranken ist Bierfranken.
Das Fränkische Seenland ist ein lebendiger Beweis dafür.
Spalt – Stadt des Hopfens und der Eigenart
Gerade einmal sechs Kilometer nördlich des Brombachsees liegt Spalt, umgeben von Hopfengärten, die dieser Stadt ihren besonderen Ruf eingebracht haben.
Der Spalter Aromahopfen ist seit dem 14. Jahrhundert dokumentiert; 1538 gab es bereits ein Hopfensiegel. Heute ist Spalt das älteste Hopfenanbaugebiet Deutschlands und das viertgrößte in der Fläche.
Herzstück ist die Spalter Stadtbrauerei – die einzige kommunale Brauerei Deutschlands. Seit 1879 gehört sie der Bürgerschaft. Rund 5.000 Spalter sind somit gemeinsam Brauereibesitzer – und wohl die größte Bierbotschaftergemeinschaft des Landes.
Seit 2013 ist Spalt Mitglied bei den Slow Brewers. Hier wird nicht über Geschwindigkeit gesprochen, sondern über Zeit: langsame Gärung, schonende Reifung und handwerkliche Prozesse. Man schmeckt Haltung.
Hopfen Bier Gut – das Must-Visit in Spalt
Das Hopfen Bier Gut im historischen Kornhaus verbindet die Region mit ihrer Geschichte. Interaktive Stationen, historische Exponate und sensorische Eindrücke machen Hopfen und Bier nicht erklärbar, sondern erlebbar.
„Erleben, schmecken, staunen“ – selten trifft ein Motto so präzise.
Einkehren in Spalt: „Bayerischer Hof“ und „Zur frischen Quelle“
Im Gasthaus-Hotel Bayerischer Hof kombiniert man traditionelle Küche aus eigener Schlachtung mit den Bieren der Stadt – ehrlich, bodenständig, authentisch.
Eine kurze Wanderung führt zur „Frischen Quelle“. Der Blick über Spalt und das Umland verlangt förmlich nach einem Spalter Pils:
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feinherb
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schlank
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kräuterige Bittere
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Hopfenprofil, das man selten findet
Wer dort verweilt, versteht Spalt.
Von Spalt nach Pyras – Rotbier und 6-Korn-Kunst
20 Kilometer nordöstlich, am Rothsee, liegt Pyras. Die Pyraser Landbrauerei (gegründet 1870) wird heute in 11. Generation geführt. Viele Mitarbeitende verbringen ihr gesamtes Berufsleben hier – und manche Geschäftsbeziehungen bestehen seit über 100 Jahren.
Über 20 Biersorten stehen im Portfolio. Zwei verdienen besondere Erwähnung:
Pyraser Rotbier
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Kupferfarbe, leicht rötlicher Schaum
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Noten von Toffee und Nuss
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dezente brotige Malzbasis
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Hopfen: Hersbrucker und Saphir
Pyraser 6-Korn-Bier
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Dinkel, Gerste, Weizen, Roggen, Hafer, Emmer
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naturtrüb, rötlich schimmernd
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fruchtige, honigsüße, leicht nussige Noten
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cremiger Körper
Am schönsten erlebt man Pyras im eigenen Biergarten – ein Ort, an dem Bierkultur Heimathafen ist.
Kleine Orte, große Biere: Pleinfeld, Heideck, Gunzenhausen
Pleinfeld
Im ehemaligen Vogteischloss lebt eine Mini-Öko-Brauerei. Hier wird Biergeschichte greifbar gemacht – nicht als Museum, sondern als Erlebnis.
Heideck
Die Heidecker Lindbräu bietet in einem restaurierten Fachwerkhaus vier Hausbiere. Das Lindwurm Dunkelbier ist ein Geheimtipp, der hier besonders zur Geltung kommt.
Gunzenhausen
Schorschbräu braut Starkbiere mit Kultstatus – handwerklich, kompromisslos, weltweit gefragt. Bis hin zum „stärksten Bier der Welt“ mit 57 % Alkohol. Kein Bier für nebenbei, aber eines, das zeigt, wie spannend Bier sein kann.
Gutmann in Titting – Weizenbier mit Charakter
Titting liegt zwar knapp außerhalb des Seenlandes, doch Gutmann Hefeweizen gehört zur Region wie der Hopfen zu Spalt. Die Familienbrauerei im Tittinger Wasserschloss (1645) braut in 6. Generation.
Weizenbier ist hier Handwerk und Geschichte:
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offene Gärung in Kellerbottichen
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eigener Hefestamm
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Flaschengärung
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keine Filtration
Das Ergebnis ist ein Weizenbier von eindrucksvoller Authentizität. Das klassische Gutmann Hefeweizen Hell gehört für mich zu den besten in Deutschland. Und beim Tittinger Kellerfest unter Kastanienbäumen versteht man diese Bierkultur endgültig.
Warum das Fränkische Seenland mehr ist als Urlaub
Seen, Strände, Radwege und Wanderwege sind nur der Rahmen.
Die Essenz entsteht durch:
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regionale Brauereien, die Haltung zeigen
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Gasthäuser mit Identität
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Menschen, die ihre Heimat leben
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Bierkultur, die sich nicht verstellt
Wer hier unterwegs ist, wird entschleunigt.
Man erlebt Landschaft, Braukunst und Gastlichkeit in einem Fluss – ohne Eile, ohne Effekthascherei.
Das Fränkische Seenland ist ein Plädoyer für das gute, langsame Leben.
Und jede Brauerei erzählt ein Kapitel davon.