Biere von der Insel des Windes

 Craft Beer aus Menorca

Menorca – die „kleinere Insel“ der Balearen – ist leise, zurückhaltend und von einer natürlichen Schönheit, die sich nur langsam offenbart. Fernab der lauten Schwester Mallorca zeigt sich eine Landschaft, die kontrastreicher kaum sein könnte: ein zerklüfteter, wilder Norden, vom Tramuntana-Wind geformt, und eine sanfte Südküste mit Kalkschluchten, Pinienwäldern und türkisfarbenen Buchten.

Im Inselinneren bestimmen grüne Weiden das Bild – mit friesischen Kühen, alten Steinmauern und dem 358 Meter hohen Monte Toro als ruhigem Wächter über einer Insel, die seit 1993 als Biosphärenreservat geschützt ist. Mit ihren prähistorischen Kulturen, ihrer Gelassenheit und ihrer tiefen Naturverbundenheit ist Menorca ein Ort, an dem Handwerk Zeit bekommen darf. Auch im Bier.


Grahame Pearce – Die Mikrobrauerei, die Menorca verändert hat

Unweit des Flughafens entstand 2011 ein Projekt, das die Bierkultur Menorcas nachhaltig prägen sollte: die Mikrobrauerei Grahame Pearce. Der Name stammt von einem Londoner Menorquiner, einem engen Freund der Familie Villa, die das renommierte Restaurant Es Molí de Foc betreibt.

Die Geschichte beginnt mit einer winterlichen Idee: gemeinsam Bier zu brauen. Gebraut wurde im Haus zwar nie – aber die Idee ließ sie nicht mehr los.
Vicent Villa und sein Sohn Roger bereisten Europa und die Welt, besuchten Brauereien, knüpften Kontakte, lernten von Fachleuten und legten mit einer 10-hl-Anlage von Kaspar Schulz den Grundstein für Menorcas erste moderne Craft-Brauerei.

Kurz nach der Fertigstellung der Anlage verstarb Grahame Pearce – und die Biere tragen seither seinen Namen. Eine Hommage, die auf der ganzen Insel Anerkennung findet.


Die ersten Jahre – klassische Bierstile für eine neue Bierkultur

Roger Villa, später Braumeister (Ausbildung an der VLB Berlin), begann bewusst mit Bierstilen, die dem menorquinischen Geschmack nahekommen: ein Lager nach Münchner Art, ein Hefeweizen, ein Brown Ale, ein Stout, ein tschechisches Pils.

Mit Workshops, Werksführungen, Festivals und unzähligen Verkostungen brachte die Brauerei den Menschen der Insel die Welt des Craft Beer Menorca näher.

Zwei Biere verdienen besondere Erwähnung:

• Das Lager: perfekt ausbalanciert, harmonisch zwischen Malz und floralem Hopfen, süffig und präzise gebraut.
• Das Brown Ale: Aromen von Toffee und Karamell, getragen vom britischen Hopfen Fuggles – elegant, nicht wuchtig, ein echtes Highlight.


Talaiot – Ein Bier aus 3.000 Jahren Geschichte

Menorca besitzt eine faszinierende Vergangenheit. Die bronzezeitliche Megalithkultur der Talaioten (ca. 6000–123 v. Chr.) ist überall sichtbar – und inspirierte das wohl außergewöhnlichste Bier der Insel: Talaiot, ein Gruitbier aus menorquinischen Kräutern und Pflanzen.

Ausgangspunkt war eine archäologische Ausgrabung in einer Höhle bei Alaior. In Keramikgefäßen fanden Forscher organische Rückstände aus prähistorischer Zeit. Mit pollenanalytischen Studien und viel Experimentierfreude entwickelten Roger und Dani ein Bier, das authentisch menorquinisch schmeckt: aromatisch, rund, ausgewogen, kräuterbetont – und überraschend trinkbar.

Ein seltenes Beispiel dafür, wie Geschichte und Brauhandwerk zu einem neuen Bierstil verschmelzen.


Philosophie: authentisch, lokal, handwerklich

Seit 2019 verfolgen Roger Villa und Dani Cardona eine klare Linie:
klassische europäische Bierstile ehren – und zugleich neue, originelle Biere schaffen, die Menorca schmeckbar machen.

Kooperationen mit lokalen Produzenten wie Gin Xoriguer, iSafrà, Torralbenc oder dem Museu de Menorca haben Biere hervorgebracht, die tief in der Kultur der Insel verankert sind.

Ihr Ziel:
ein verdader cervesa menorquina – ein echtes menorquinisches Bier, direkt aus der Landschaft und Geschichte der Insel.


Taproom in Ciutadella – und ein Netzwerk der Freundschaft

2022 eröffneten die Brauer einen eigenen Taproom in Ciutadella, wo Barmanager Gabriel Rodriguez mit Fachwissen, Gastfreundschaft und Enthusiasmus die Gäste empfängt.

Im Osten, in Mahon, schenkt Pedro Aranda in seiner Bierbar BeerO’Clock seit Jahren sechs Sorten von Grahame Pearce vom Fass aus – eine Freundschaft, die Bierkultur verbindet, statt Stadtgrenzen zu ziehen.


Zukunftspläne – Menorca bekommt seine eigenen Biergeschichten

Grahame Pearce setzt weiter auf handwerkliche Innovation: Festivals, Schulungen, Workshops, Verkostungen, Zusammenarbeit mit Experten für Landwirtschaft und Heilpflanzen.

Sogar eine eigene Mälzerei Menorcas steht im Raum – dank der fruchtbaren Böden und der wachsenden Zahl kreativer Projekte.

Klar ist: Die Grundlage für viele neue, authentische menorquinische Biere ist gelegt.

Menorca mag die Insel des Windes sein – aber im Glas findet man hier längst eine frische Brise Bierkultur.