Belgien – wo Bier Kultur ist
Brügge & Gent für Bierenthusiasten
Aldous Huxley schrieb: „Reisen bedeutet herauszufinden, dass alle Unrecht haben mit dem, was sie über andere Länder denken.“
Wer nach Belgien reist, merkt schnell: Hier ist Bier keine Beilage – es ist Identität.
Mehr als 500 Biersorten und über 2.000 verschiedene Biere, von spontanvergorenen Lambics und Trappistenbieren bis hin zu Gewürz- und Verschnittbieren: Belgien ist ein Paradies für Bierliebhaber. 2016 wurde die belgische Bierkultur sogar als immaterielles UNESCO-Weltkulturerbe anerkannt.
Zwei Städte stehen exemplarisch für diese Vielfalt: Brügge und Gent.
Für beide zusammen sollte man mindestens vier bis fünf Tage einplanen.
Brügge – Mittelalterkulisse & Bierkultur
Brügge ist bequem mit der Bahn erreichbar; das belgische Schienennetz ist dicht und zuverlässig. Wer aus Deutschland kommt, passiert meist Brüssel – allein schon eine Pilgerstätte für Bierfreunde –, fährt diesmal aber weiter gen Westen.
In Brügge scheint die Zeit stehengeblieben zu sein:
Seit dem späten Mittelalter hat sich das Stadtbild kaum verändert. Fachwerk, Stufengiebel, enge Gassen, Kanäle – Gebäude, die jünger als 200 Jahre sind, gelten hier beinahe als „Neubauten“. Kein Wunder, dass die gesamte Altstadt UNESCO-Weltkulturerbe ist.
Erster Abend: Brügger Bär, Gambrinus & Glaspoesie
Nach dem Einchecken ins Hotel führt der erste Weg dorthin, wo in Brügge Bierkultur atmet:
-
’t Brugs Beertje
Das wohl bekannteste Biercafé der Stadt, mit einer Karte von über 300 Bieren.-
Publikum: Einheimische und Gäste aus aller Welt
-
Atmosphäre: leicht morbider Charme, zwei kleine Räume, sofortige Geselligkeit
-
Service: hervorragend geschult, hilft sicher durch die Bierkarte
-
-
Brasserie Cambrinus (nur ein paar Schritte entfernt)
Holzvertäfeltes Biercafé, eine Hommage an König Gambrinus, den legendären „Schutzherrn“ des Bieres.-
fast 400 Biere auf der Karte
-
jedes Bier im eigenen Glas – logistische Herausforderung, aber Teil der Inszenierung
-
schöne belgische Tradition:
Wenn man auf ein bestimmtes Bier warten muss, weiß man, dass alle Gläser dieser Sorte bereits im Einsatz sind – ein stilles Kompliment für die eigene Wahl.
-
-
Bierproeverij Café Cambrinus
Moderner, lebendiger Ableger mit rund 20 Fassbieren.
Hier erfährt man beiläufig, dass Gambrinus wohl auf Johann I. von Brabant zurückgeht – einen Fürsten, der den Gerstensaft sehr zu schätzen wusste.
Käse- und Wurstplatten stillen den ersten Hunger – und bereiten den Gaumen auf die nächsten Tage vor.
Brügge erleben – Stadt, Kanäle, Brauerei & Verschnittbier
Brügge lässt sich am besten zu Fuß entdecken:
-
Marktplatz & Belfried – eines der schönsten Ensembles Flanderns
-
Burg & Rathaus – Architekturen, die Vorbild für viele flämische Rathäuser wurden
-
Heilig-Blut-Basilika – umrankt von Legenden und Wallfahrtsgeschichte
Ein lohnender Stopp für Bierinteressierte:
-
Bruges Beer Experience
Interaktives Biermuseum mit-
Geschichte der belgischen Bierstile
-
Rohstoffen, Brauprozess, Sensorik
-
angeschlossener Bar mit Verkostungsmöglichkeit
-
Nur wenige Minuten entfernt:
-
Gruuthuse & Liebfrauenkirche
-
Gruuthuse erinnert an die Zeit, als Bier noch mit Gruit – einer Kräutermischung – gewürzt wurde
-
In der Liebfrauenkirche ruhen Karl der Kühne und Maria von Burgund
-
Ein Spaziergang führt weiter zum Minnewater-See und zum Beginenhof – einer grünen Oase der Stille –, bevor es bierkulturell wieder konkret wird:
De Halve Maan – Brauerei mit Pipeline
Am Walplein liegt die letzte Altstadtbrauerei Brügges:
-
De Halve Maan – Familienbrauerei seit 1856
-
Klassiker: Brugse Zot und Straffe Hendrik
-
Besonderheit: eine 3 km lange Bierpipeline, die das in der Stadt gebraute Bier zur Flaschenabfüllung außerhalb transportiert – ein genialer Kompromiss zwischen historischem Standort und moderner Logistik.
-
Empfehlung:
-
Teilnahme an einer Brauereiführung
-
Panoramablick über Brügge vom Dach
-
Abschluss mit einem frischen, ungefilterten Brugse Zot exklusiv für Tourteilnehmer
-
-
Einkehr im Brauhaus – z. B. mit Straffe Hendrik und Käseplatte
Bourgogne des Flandres, Beer Wall & le Trappiste
Später am Tag:
-
Grachtefahrt – kurze Bootstour durch die Kanäle, um Brügge vom Wasser aus zu erleben
-
Brauerei Bourgogne des Flandres
-
Terrassen direkt an der Gracht
-
Spezialität: flämisches Verschnittbier – Mischung aus dunklem, süßlichem Bier und saurem Lambic
-
-
Gegenüber: die Beer Wall
-
hunderte ausgestellte Flaschen
-
Shop & Bar mit mehreren Bieren vom Fass
-
Am Abend wartet ein Geheimtipp:
-
le Trappiste
-
historisches Kellergewölbe
-
große Bierauswahl
-
Möglichkeit, ein Tasting mit mehreren Bieren nach eigener Wahl zusammenzustellen
-
Fort Lapin & Abschied von Brügge
Bevor es nach Gent weitergeht, lohnt ein Spaziergang auf dem grünen Festungsring rund um die Stadt zur Mikrobrauerei:
-
Fort Lapin (Starker Hase)
-
seit 2011
-
moderne Interpretationen klassischer belgischer Stile
-
zeigt, wie belgische Craft-Brauer die Tradition vertiefen, statt sie zu brechen
-
Durch stille Viertel geht es zurück über Zollhaus und Jan-van-Eyck-Platz – eine Brücke zu Gents berühmtestem Kunstwerk, dem Genter Altar.
Gent – Rebellisch, lebendig, bierverliebt
Mit dem Zug sind es nur etwa 40 Minuten von Brügge nach Gent.
Gent ist mit gut 250.000 Einwohnern deutlich größer – und war im Mittelalter neben Paris die wichtigste Stadt nördlich der Alpen.
Die Stadt hat:
-
eine rebellische, stolze Geschichte
-
beeindruckende Industriekultur
-
ein junges, kreatives Stadtbild
-
und eine außergewöhnlich lebendige Bierkneipenszene
Zurecht trägt Gent Namen wie „historisches Herz Flanderns“ oder „bestgehütetes Geheimnis Europas“.
Eine CityCard kann sinnvoll sein: Sie deckt ÖPNV und viele Sehenswürdigkeiten ab.
Erste Begegnung: Gruut & Dulle Griet
Vom Bahnhof Gent-Dampoort geht es vorbei an der ehemaligen St.-Bavo-Abtei und zum Zusammenfluss von Leieund Schelde (keltisch: Ganda – daher „Gent“).
Schon beim Einchecken im Hotel zeigt sich: Wer „Bier“ sagt, bekommt Empfehlungen im Dutzend.
Ein Gesetz spielte in Belgien eine unerwartete Rolle für die Biervielfalt:
Das Vandervelde-Gesetz von 1919 verbot den Ausschank von Spirituosen in Bars. Die Folge: stärkere Biere wurden beliebt. Erst 1983 wurde das Gesetz aufgehoben.
Gentse Gruut – Bier wie im 13. Jahrhundert
Erster Anlaufpunkt:
-
Gentse Gruut Stadtbrauerei
Gegründet 2009 von Annick De Splenter, der Tochter einer Brauereifamilie.
Besonderheit:
-
Vier der Biere werden ohne Hopfen, sondern mit Gruit-Kräutermischungen gebraut – ganz wie im Mittelalter.
-
Sorten: Gruut White, Blond, Amber, Bruin, Inferno
-
Für historisch interessierte Bierfreunde ein Muss.
Dulle Griet – Schuh gegen Max
Am Abend:
-
Dulle Griet – urige Kneipe mit mittelalterlichem Interieur, benannt nach einer Kanone aus dem 15. Jahrhundert gleich nebenan.
-
größter Biervorrat Gents
-
Hausbier „Dulle Griet“
-
Origineller Brauch:
Wer ein Max-Bier (im großen Stiefelglas) bestellen möchte, hinterlegt als Pfand einen Schuh – der in einem Körbchen unter die Decke gezogen wird. Ein spielerischer Hinweis darauf, dass Genuss hier ernst genommen wird.
Gent entdecken – Altstadt, Altar & Bierachsen
Der nächste Tag startet mit einem Klassiker:
-
St.-Bavo-Kathedrale & Genter Altar
-
eine der bedeutendsten Tafeln der Kunstgeschichte
-
empfehlenswert: AR-Tour (ca. 40 Minuten), die das mittelalterliche Gent eindrucksvoll ins Heute holt
-
In wenigen hundert Metern Entfernung reihen sich Sehenswürdigkeiten:
-
Schloss von Gerhard dem Teufel
-
Rathaus
-
Belfried & Stadthalle
-
St.-Nikolaus-Kirche
Der wohl schönste Blick der Stadt bietet sich von der St.-Michael-Brücke:
-
eine Seite: St.-Michael-Kirche, deren Brauerszunft im Bildersturm mit Freibier versuchte, Zerstörungen zu verhindern
-
andere Seite: Graslei & Korenlei – das Herz der alten Kornhandelsstadt mit prachtvollen Fassaden und dem wohl ältesten Treppengiebel der Welt
Wo Kornhandel war, waren Brauereien nie weit.
Hal 16 & Dok Brewing Company – Gent im Jetzt
Entlang der Leie geht es zur HAL 16, einer alten Industriehalle, die heute ein kulinarischer Marktplatz ist:
-
Dok Brewing Company – innovative Mikrobrauerei
-
rund 30 Biere vom Hahn (eigene und Gastbiere)
-
-
Food-Konzepte drumherum:
-
RØK – Räuchern & Grillen
-
BØEF – (vegane) Burger & Fingerfood
-
Officina Raffaelli – toskanische Küche
-
Bier- und Genusskultur verschmelzen hier auf engstem Raum. Auf Anfrage ist ein Brauereibesuch mit Verkostung möglich.
Haeseveld & Brouwbar – grüne Oase & Stadtbraukunst
Etwas außerhalb:
-
Mikrobrauerei Haeseveld – direkt am Radweg Gent–Antwerpen
-
ehemaliger Großgartenbau-Betrieb
-
heute: Gasthof, Brauerei, riesiger Biergarten
-
kupferne Kessel, restaurierte Backsteinarchitektur, viel Grün – Entschleunigung inklusive
-
Zurück im Zentrum, im Patershol:
-
Brouwbar – kleine Stadtbrauerei mit Genter Charakter:
-
rebellisch, aber in belgischer Tradition verankert
-
Verkostung direkt zwischen den Kesseln
-
von spritzigem Saisonbier bis zur Hopfenbombe; Brauer erzählen gern über ihre Sude
-
Bier Central Gent – belgische Vollbedienung
Direkt am Belfried:
-
Bier Central Gent – Mekka für belgische Biervielfalt
-
ausschließlich belgische Biere
-
„Bierzyklopädie“ als Karte
-
30 Fassbiere, Hunderte aus der Flasche
-
Tasting-Boards mit vier Bieren – ideal zum Abschluss eines erlebnisreichen Tages
-
Abschied in Rosa – Huyghe & Delirium
Zum Abschluss bietet sich ein kurzer Abstecher an:
-
Melle, nur etwa 10 Minuten mit der Bahn von Gent
-
hier hat die Brauerei Huyghe ihr Zuhause
-
weltbekannt durch Delirium Tremens mit dem rosa Elefanten
-
Eine gut zweistündige Führung durch die Familienbrauerei bietet:
-
Einblicke in die Geschichte
-
Überblick über das Portfolio
-
und natürlich eine großzügige Verkostung – ein würdiger Abschied von Flandern.
Fazit
Brügge und Gent zeigen, warum Belgien als Hochburg der Bierkultur gilt:
-
Brügge – mittelalterliche Postkarte mit klassischer Biertradition und Brauerei-Pipeline
-
Gent – rebellische, lebendige Stadt, in der Vergangenheit und Zukunft der Bierkultur Hand in Hand gehen
Wer hier reist, entdeckt nicht nur neue Biere, sondern relativiert ganz nebenbei seine Vorstellungen über Land, Leute – und darüber, was Bier alles sein kann.