Hamburg – Zugspitze 2

Jedem Ende wohnt ein Anfang inne | Teil 2

Die geschwächten Fichten fallen dem Borkenkäfer zum Opfer. Was dramatisch wirkt, ist in Wahrheit ein Prozess natürlicher Auslese. Der Ansatz im Nationalpark Harz ist klar: Weg von anfälligen Monokulturen, hin zu widerstandsfähigen Mischwäldern mit Totholz, Vielfalt und Zeit. Rund um den Brocken gilt deshalb ein ebenso einfacher wie radikaler Grundsatz: Natur Natur sein lassen.

„Nichts zu tun, scheint das Schwierigste zu sein, was der Mensch zulassen kann“, sagt Hendrik. Er vertraut der Eigenregeneration des Waldes – und ist überzeugt, dass wir viel von der Natur lernen können, wenn wir bereit sind, ihr Raum zu geben.

Und tatsächlich lässt sich dieser Wandel beobachten. Neue Mischwälder entstehen, die Biodiversität nimmt sichtbar zu. Pioniergehölze wie Birke, Eberesche und Bergahorn verbessern die Bodenqualität. Umgestürzte Bäume wirken als natürlicher Verbissschutz, halten Feuchtigkeit im Boden und bremsen den Wind, der sonst austrocknend wirken würde. Durch das offene Kronendach erreicht Sonnenlicht den Waldboden – es entstehen neue Lebensräume für Kräuter und Gräser, die wiederum Nahrung für Rot- und Rehwild bieten.

Derzeit werden rund 70 Prozent der Waldfläche im Nationalpark sich selbst überlassen – die sogenannte Kernzone. Dieser Anteil soll weiter wachsen. Weitere Flächen dienen der behutsamen Entwicklung hin zu einem natürlichen Harzer Mischwald. Nur ein sehr kleiner Teil bleibt gezielt genutzt, etwa als Bergwiesen oder Zwergstrauchheiden.

Nebenbei erfahre ich, dass die Brockenkuppe eine subalpine Vegetation aufweist. Ursprünglich hätten im Harz bis etwa 700 Meter Höhe Buchenwälder dominiert, darüber Mischwälder aus Laub- und Nadelbäumen, ab etwa 800 Metern schließlich Bergfichtenwälder bis zur Waldgrenze auf rund 1.100 Metern.

Die alten Wälder waren im Mittelalter oft sogenannte Hutewälder – parkähnliche Landschaften, in die Vieh getrieben wurde. Auch die ursprünglichen Urwälder waren deutlich offener als viele es sich heute vorstellen. Sie boten Raum für große Tiere wie Wisente, Auerochsen oder Braunbären – mit Sträuchern, Kräutern, Grasflächen und reichlich Totholz.

Auf meine Frage, warum er Ranger geworden ist, antwortet Hendrik ohne Zögern:
„Ich möchte etwas Sinnvolles tun. Ich wünsche mir, dass Menschen verstehen, was Natur ist. Dass sie ein Gefühl dafür entwickeln, selbst Teil davon zu sein. Und dass sie begreifen, wie wertvoll es ist, Natur zu schützen – nicht aus Eigennutz, sondern für kommende Generationen. Ich liebe es, hier unterwegs zu sein. Kein Tag ist wie der andere.“

Unsere gemeinsame Tour neigt sich dem Ende zu. Und während ich mich langsam verabschiede, bleibt ein Gedanke besonders hängen – schlicht, klar und zeitlos:

Jedem Ende wohnt ein Anfang inne.