Hamburg – Zugspitze 1

Jedem Ende wohnt ein Anfang inne | Teil 1

Auf zum Blocksberg – wie der Brocken im Volksmund genannt wird.
Mit seinen 1.141 Metern ist er der höchste Berg Norddeutschlands und liegt mitten im sagenumwobenen Mittelgebirge Harz. Statt auf einem Hexenbesen trägt mich an diesem Tag mein mir lieb gewonnener Drahtesel nach Wernigerode, der bunten Stadt am Nordrand des Harzes und Ausgangspunkt meines Besuchs im Nationalpark.

Wernigerode empfängt mit Fachwerkidylle, liebevoll restaurierten Häusern und dem Schloss, das majestätisch über der Stadt thront. Ein historischer Stadtkern, der sofort entschleunigt. Nur wenige Kilometer südwestlich liegt Drei Annen Hohne – der östlichste Punkt des Nationalparks Harz und mein nächstes Ziel.

Ich steige in die Harzer Schmalspurbahn. Auf meterspurigem Streckennetz ziehen hier überwiegend dampfbetriebene Lokomotiven ihre Wagen durch die Landschaft – ganzjährig, zuverlässig, entschlossen nostalgisch. Das Pfeifen der Lok, die Dampfschwaden, das langsame Vorankommen durch dichte Wälder: Die knappe Stunde Fahrt vergeht wie im Flug und stimmt perfekt auf das ein, was folgt.

In Drei Annen Hohne angekommen, herrscht reges Treiben. Von hier startet die Brockenbahn, die seit 1991 wieder den Gipfel ansteuert. Für viele ist der Brockenbahnhof auf 1.125 Metern – der höchste Schmalspurbahnhof Deutschlands – das Ziel des Tages. Für mich beginnt hier erst der eigentliche Weg. Ich halte Kurs auf das Naturerlebniszentrum Hohnehof, wo bereits Nationalpark-Ranger Hendrik Behrens auf mich wartet.

Hendrik ist seit 2019 Ranger im Nationalpark Harz. Nach mehreren Stationen sei er hier „angekommen“, sagt er. Mit seiner ruhigen Art, der tiefen Stimme und dem markanten Vollbart strahlt er eine Gelassenheit aus, die sofort Vertrauen schafft. Insgesamt rund 40 Ranger sind heute im Nationalpark Harz tätig – angestellt bei den Bundesländern Sachsen-Anhalt und Niedersachsen.

Wenn Hendrik von seiner Arbeit spricht, wird schnell klar: Ranger sein bedeutet weit mehr als Kontrolle oder Aufsicht. Ein wesentlicher Teil seiner Aufgabe ist die Vermittlung. Führungen, Gespräche, Erklären. „Es ist mir wichtig, auf die Menschen einzugehen und sie dort abzuholen, wo sie stehen“, sagt er. Viele Gäste interessieren sich weniger für einzelne Arten als für das große Ganze – für die Idee des Nationalparks und die ökologischen Zusammenhänge.

Ich erfahre, dass der Nationalpark Harz nur etwa ein Zehntel der gesamten Harzfläche ausmacht. Der Name Harz stammt vom mittelalterlichen Begriff Hart – Bergwald. Das Mittelgebirge wirkt wie eine natürliche Wetterbarriere: Feuchte Luftmassen vom Atlantik stauen sich an den Westhängen, regnen ab und prägen seit Jahrhunderten Klima und Vegetation.

Doch Hendrik berichtet auch von den Schattenseiten der letzten Jahrzehnte. Der Klimawandel ist hier längst Realität. Zu wenig Niederschlag, steigende Temperaturen. Die großflächigen Fichtenmonokulturen, einst wirtschaftlich gewollt, geraten aus dem Gleichgewicht. Ohne ausreichend Wasser fehlt den Fichten die Kraft, genügend Harz zu bilden – ihre natürliche Abwehr gegen den Borkenkäfer, den sogenannten „Buchdrucker“, dessen Fraßspuren an aufgeschlagene Buchseiten erinnern.

Die vielen abgestorbenen Bäume im Nationalpark sind kein Zeichen von Vernachlässigung, sondern Teil eines Prozesses. Natur im Wandel. Natur, die sich neu ordnet.

Hier, zwischen Dampf, Wald und Weitblick, wird spürbar, worum es geht: Nicht um das Festhalten am Alten um jeden Preis, sondern um das Zulassen von Veränderung. Vielleicht gilt genau das auch für Wege, für Reisen – und für das Leben selbst.

Fortsetzung folgt in Teil 2: „Jedem Ende wohnt ein Anfang inne“.