Seit ihrer Entstehung nach der letzten Eiszeit trägt die Ostsee viele Namen. In römischen Quellen ist vom Aestenmeerdie Rede, benannt nach den Aesti, den Ostleuten. In den meisten Sprachen jedoch kennt man sie als Mare Baltikum. Mit rund 22.000 Kilometern Küstenlinie – mehr als die Hälfte einer Erdumrundung – verbindet dieses Meer neun Anrainerstaaten, unzählige Landschaften, Kulturen und Geschichten.
Die Ostsee ist kein Meer der Extreme. Sie wirkt verbindend, ruhig, oft zurückhaltend. Und genau darin liegt ihre Kraft. Wer sich entlang ihrer Küsten bewegt, entdeckt eine beeindruckende Vielfalt: zerklüftete Schären, endlose Sandstrände, dichte Wälder, lebendige Städte und stille Inselwelten. Über Jahrhunderte war das Mare Baltikum Handelsraum, Kulturbrücke und politischer Brennpunkt – heute ist es ein idealer Raum für entschleunigtes, bewusstes Reisen.
Eine vollständige Umrundung der Ostsee per Rad ist mehr als eine sportliche Idee. Sie ist eine Reise durch Mentalitäten, Landschaften und Lebensweisen. Zwei große Etappen schließen diesen Kreis besonders eindrucksvoll.
Finnische Schärenküste – wo das Glück zuhause ist
Die Reise beginnt in Helsinki, einer der fünf Hauptstädte am Baltischen Meer. Auf einer Halbinsel im Finnischen Meerbusen gelegen, verbindet die Stadt modernes Design mit großzügigen Grünflächen und einer bemerkenswert entspannten Lebensart. Schon hier wird spürbar, warum Finnland regelmäßig als eines der glücklichsten Länder der Welt gilt.
Von Helsinki aus führen erste Radtouren hinaus in die Natur – zu Wäldern, Seen und kulturellen Orten wie Hvitträsk, dem ehemaligen Künstleratelier und heutigen Nationalmuseum. In Turku, der alten Hauptstadt und Hansestadt Finnlands, zeigt sich die historische Tiefe des Landes, bevor sich der Blick weitet: auf die einzigartige Inselwelt der Turkuer Schären.
Fast 50.000 Inseln bilden diesen Archipel. Fähren, Brücken und schmale Straßen verbinden sie zu einem faszinierenden Mosaik aus Wasser, Fels und Wald. Eine weitere Überfahrt bringt einen auf die Ålandinseln – eine weitgehend autonome Inselgruppe, finnisch verwaltet und doch schwedischsprachig. Die Landschaft wirkt offen, ruhig und maritim. Drei intensive Radtage offenbaren ihre ganze Schönheit. Geschichten von gesunkenen Schiffen, jahrhundertealtem Champagner und ein Hauch Seefahrtsromantik gehören hier ganz selbstverständlich dazu.
Den Abschluss bildet Stockholm – prächtig, historisch, lebendig. Seit über sieben Jahrhunderten ist die schwedische Hauptstadt politisches und kulturelles Zentrum und begeistert durch ihre Lage auf dem Wasser ebenso wie durch ihre Architektur.
Schärenküste und Inseln der Ostsee – Schweden im Sommer
Auch diese Etappe beginnt in Stockholm. Ein Spaziergang durch die Altstadt, ein Besuch im Vasa-Museum und erste Eindrücke schwedischer Gelassenheit stimmen auf das Kommende ein. Schon bald führt eine kurze Zugfahrt hinaus aus der Stadt – hinein in die weiten Wälder und stillen Seenlandschaften Südschwedens.
Die erste längere Radstrecke endet in Nynäshamn, von wo aus eine Fähre nach Gotland übersetzt. Die ehemalige Hansestadt Visby mit ihrer vollständig erhaltenen Stadtmauer ist ein architektonisches Juwel. Entlang der Westküste Gotlands eröffnen sich weite Blicke über die Ostsee, windgeformte Landschaften und eine besondere Ruhe.
Eine Inselumrundung vertieft diesen Eindruck, bevor ein Abstecher nach Fårö folgt. Die bizarren Kalksteinformationen – die Raukar – wirken fast surreal. Filmfreunde finden hier zudem das Ingmar-Bergman-Museum, das einen weiteren kulturellen Akzent setzt.
Auf Öland dominieren offene Landschaften, Küstenwälder und weite Horizonte. Der Besuch der Gärten von Schloss Solliden, der Sommerresidenz der schwedischen Königsfamilie, und die mächtige Ruine von Borgholm verbinden Natur und Geschichte auf eindrucksvolle Weise. Die letzte Etappe führt nach Småland – in jene Region, die viele mit Astrid Lindgren, roten Holzhäusern und stiller Kindheitsnostalgie verbinden.
Ein Kreis schließt sich
Die Umrundung der Ostsee ist keine lineare Reise von A nach B. Sie ist ein langsames Annähern an einen Raum, der Vielfalt nicht ausstellt, sondern lebt. Wer sich auf das Mare Baltikum einlässt, entdeckt Unterschiede – und erstaunlich viele Gemeinsamkeiten.
Eine Reise, die bleibt.
Nicht laut.
Aber nachhaltig.