Unterwegs in Brandenburg & Berlin (Teil 2)

Berlin – Hauptstadt der Kreativbierbewegung

Mit dem Einzug der fränkischen Hohenzollern wuchsen im 15. Jahrhundert die Dörfer Alt-Kölln und Alt-Berlin zum Zentrum der Mark Brandenburg. Damit beginnt die Geschichte jener Metropole, die heute wie kaum eine andere Stadt für Bierkreativität, Experimentierfreude und eine neu erwachte Brautradition steht.

Bereits im 16. Jahrhundert entstand wahrscheinlich die Berliner Weiße, beeinflusst von Breslauer Schöps und Halberstädter Broyhan. Nach 1700 wurde sie das Lieblingsgetränk der Berliner – so sehr, dass Napoleons Soldaten sie als „Champagner des Nordens“ rühmten.
Nach Jahrzehnten der Vergessenheit erlebt dieser Stil seit den 2010er-Jahren durch Brauereien wie Lemke, Schneeeuleund BRLO eine Renaissance.
Doch Berlin bietet weit mehr: IPAs, Sauerbiere, Lager, Barrel Aged, Hazy, Craft Classics – hier findet jeder Bierliebhaber sein Zuhause.


Berlin-Mitte & Charlottenburg – Lemke, Georgbräu und die Wiege der Moderne

Als Oliver Lemke 1998 aus internationalen Brauprojekten nach Berlin zurückkehrte und in der Garage eines Freundes seine erste Anlage zusammenschweißte, begann eine der großen Berliner Biergeschichten.
Heute betreibt Lemke Brauhäuser am Alexanderplatz, in Charlottenburg und am Hackeschen Markt und verbindet klassische deutsche Bierstile mit Fasslagerungen, IPAs und Berliner Weiße.

Mit der Beer Machine schuf Lemke ein Ventil für ungezähmte Kreativität: einmalige Sude, abgefüllt in Dosen, mit seltenen Hefen, wilden Hopfenkombinationen und Kollaborationen mit deutschen und internationalen Brauereien.

Unweit davon, im Nikolaiviertel, liegt das Georgbräu direkt an der Spree. Seit 1992 werden hier frische Hausbiere ausgeschenkt, begleitet von Klassikern wie Georgbräu Bock oder dem Berlin Mitte Pale Ale. Ein Traditionshaus, das Berliner und Touristen gleichermaßen in die historische Mitte der Stadt zieht.


Friedrichshain & Prenzlauer Berg – das Epizentrum der Craft-Bewegung

Hier schlägt das Herz der Berliner Kreativbierszene.

Hops & Barley – die Institution

Seit 2008 ist Philipp Brokamps Brauhaus eine Pilgerstätte für Biernerds.
Dort, wo einst eine Fleischerei stand, fließen heute acht Biere vom Hahn – von Hausklassikern bis zu saisonalen Spezialitäten. Die Nachfrage führte 2014 zur zusätzlichen Produktionsstätte Zur alten Börse. Friedrichshain ohne Hops & Barley? Undenkbar.

Straßenbräu – das kreative Kraftwerk

2015 eröffnete Timo Thoennißen sein Straßenbräu am Ostkreuz.
Seitdem sorgen Timo und Braumeister Sebo für einen Strom neuer Biere, die sich kompromisslos an Qualität, Vielfalt und Experimentierfreude orientieren.
Ihr Motto: Bier ist Kultur – und Kultur gehört auf die Straße.

Bräugier – neugierig aus Prinzip

Gegründet 2017 von Brian Trauth, entwickelte sich der BrewPub im Prenzlauer Berg zur Heimat einer engagierten Community. Seit 2020 setzt Braumeister Ryan Sandersfeld die Vision um: Bier als Ausdruck von Neugier – experimentell, mutig und handwerklich sauber.

Flessa Bräu – klein, regional, charakterstark

Biere von Christoph Flessa entstehen im wahrscheinlich kleinsten Sudhaus Berlins.
Pils, Export, Weizen, IPA und das fantastische Red Lager Mandarina zählen zu den Geheimtipps der Szene – regional begrenzt, handwerklich präzise, geschmacklich herausragend.


Tegel & Wedding – Heimat der Berliner Weißen

In Tegel lebt die Berliner Weiße wieder auf – dank Ulrike Genz.
Ihre Brauerei Schneeeule hat den historischen Stil weltweit wieder ins Gespräch gebracht.

Mit dem Schneeeule Salon in Berlin-Wedding existiert seit 2020 erstmals wieder eine originale Weißeschänke – ein Muss für Liebhaber wilder Hefen, Brettanomyces und elegant gealterter Sauerbiere.

Vagabund Brewery – vom Bandtraum zur Biermarke

Drei Amerikaner mit Musikwunsch gründeten 2011 die Vagabund Brewery.
Heute produziert das Team im imposanten Kesselhaus der Osram-Werke, während der Schankraum im Wedding eine der charmantesten Bierbars des Bezirks ist.

Eschenbräu – ein Berliner Original

Seit 2001 braut Martin Eschenbrenner im Wedding Biere mit Charakter:
Pankegold, Alter Schwede, Weddinator.
Biergarten, Brennerei, Schankraum – hier lebt Berliner Braukultur in Reinform.


Kreuzberg & Spandau – Pioniere und Schwergewichte

Schoppe Bräu – Berliner Braukult

Thorsten Schoppe gründete 2001 seine eigene Brauerei und stellte Berlin erstmals moderne Craft-Bierstile wie IPA vor.
Heute fließen seine Biere im Bier Kombinat Kreuzberg – darunter Klassiker wie das legendäre Holy Shit Ale.

Heidenpeters – Street-Art im Sudkessel

In den Gewölben der Markthalle Neun entstand 2012 eine Brauerei, die Kunst und Bier verbindet.
Direkt über den Sudkesseln zapft man naturtrübe, unbehandelte Biere – frisch, charaktervoll und immer wieder überraschend.

BRLO – Berlin in 38 Containern

2017 eröffnete das BRLO BRWHOUSE am Gleisdreieck – Biergarten, Brauerei, Restaurant, ikonische Architektur.
Herzstück ist eine von Gemüse inspirierte Küche und eine Brauerei, deren Kapazitäten 2019 in das BRLO Craft Zentrum nach Spandau erweitert wurden.
Mit 25.000 hl Kapazität, Dosen-, Fass- und Flaschenlinie und Bio-Zertifizierung ist BRLO heute eines der wichtigsten Zentren der deutschen Craft-Beer-Szene.

Brauhaus Spandau – Tradition seit 1994

Ein roter Backsteinbau aus dem 19. Jahrhundert beherbergt heute eine lebendige Gasthausbrauerei.
Zwölf Jahresbiere, ein idyllischer Biergarten und ein Hauch Garnisonsgeschichte machen das Brauhaus zu einem beliebten Ziel am westlichen Rand der Stadt.


Neukölln – Rollberg: Bier nur aus dem Fass

Seit 2009 brauen Wilko Bereit und Nils Heins ausschließlich Fassbier – aus Überzeugung und aus Respekt vor der Frische.
Ihr Rollberger Hell und das Rollberger Rot gehören zu den besten klassischen Bieren der Hauptstadt.
Eine Brauerei, die zeigt: Haltung kann ein Stilmittel sein.


Köpenick – Bier zwischen Wald und Wasser

In der Altstadt Köpenicks findet sich die Schlossplatzbrauerei, möglicherweise die kleinste Brauerei Deutschlands.
Hier entstehen sechs unterschiedliche Biere, darunter ein Babylonisches Bier nach Reinheitsgebot von 1760 v. Chr. – ein Stück Geschichte im Glas.


Berlin – ein endloses Bierkapitel

Berlin ist ein Biotop für Kreativität, Tradition, Vielfalt und Experimente.
Wer sich darauf einlässt, entdeckt hinter jedem Tresen eine neue Geschichte, einen neuen Geschmack, eine neue Brauerei.

Die Stadt ist nicht nur Hauptstadt – sie ist ein lebendiges Labor der modernen Bierkultur.
Und irgendwann muss auch dieser Artikel enden, obwohl es noch unendlich viel zu erzählen gäbe.