Unterwegs in Brandenburg & Berlin

Unterwegs auf der Bierstraße und am Bierpuls der Hauptstadt
Bierkultur zwischen Spreewald, Havelland und Craft-Bier-Metropole


Warum Brandenburg & Berlin zusammengehören

„In Berlin kann man soviel erleben; in Brandenburg soll es wieder Wölfe geben!“ – Rainald Grebes Zeile kennen viele.
Und sie passt gut zu dem, was ich hier zeigen möchte: eine Region, in der Großstadttakt und weitläufige Landschaft, Kreativbiere und Traditionsbrauereien sich ideal ergänzen.

Brandenburg & Berlin gehören zusammen wie:

  • Bier & Brauhaus

  • Bed & Breakfast

  • Hohenzollern & Hauptstadt

Mit den fränkischen Hohenzollern wurden Alt-Kölln und Alt-Berlin im 15. Jahrhundert zum Zentrum der Mark Brandenburg. Heute ist Berlin nicht nur politische Hauptstadt, sondern auch eine der spannendsten Craft-Bier-Metropolen Europas – mit knapp 30 Mikrobrauereien.
Doch wer Berlin kennt, weiß: Das „jwd“ (janz weit draußen) gehört dazu. Also beginnen wir dort: draußen, im Land Brandenburg.


Der Süden Brandenburgs – Lausitz, Spreewald und Braukultur

Brandenburg ist flach, weit und ideal zum Radfahren. Die Brandenburger Bierstraße, entwickelt vom Verein der Klein- und Gasthausbrauereien, verbindet Brauereien, Landschaft und regionale Küche.

Finsterwalder Brauhaus – Sängerstadt & Sudkessel

In der Sängerstadtregion steht seit 1997 das Finsterwalder Brauhaus für:

  • unfiltrierte, naturbelassene, spritzige Biere

  • drei Standardsorten plus wechselnde Spezialbiere (Roggenbier, Rauchbier, Bock, Summer Ale)

  • Braukurse, die nicht nur informieren, sondern hängenbleiben

Braumeister Markus Klosterhof, gebürtiger Bremer, hat hier seine Heimat gefunden – und das schmeckt man. In der Nähe: die F60, eine gigantische Abraumbrücke mit beeindruckendem Blick über die Landschaft.

Weidwerk Bräu – vom Küchentopf zum Landbier

Zwischen Spreewald und Lausitzer Seenland braut Weidwerk Bräu in Frauendorf seit 2019.
Was als „Schnapsidee“ in der Küche begann, ist heute eine feste Adresse für charakterstarke, handwerklich gebraute Biere – klein, ehrlich, persönlich.

Babben & Schlepzig – Spreewald in flüssig

  • Stadtbrauerei Lübbenau (Babben)
    Braurecht seit 1670, Brauerei im Familienbesitz seit 1928, zwischendurch verstaatlicht, Mitte der 80er geschlossen – 1996 wiederbelebt. Heute steht Roberto Babben für Spreewaldbier mit Geschichte. Pflichtstopp für bieraffine Spreewaldbesucher.

  • Spreewälder Privatbrauerei 1788 / Schlepzig
    Blick in die Brauerei aus dem Brauhaus heraus, Spreewälder Pils, Dunkel, Zwickel, Hefeweizen – dazu Grützwurst, Schlepziger Sahnequark und Brauhausspezialitäten, 365 Tage im Jahr.
    Lausitz, Luisizi, slawisches Erbe – hier schmeckt man Historie ohne Folklore.


Der Westen – Havelland, Havel und historische Brauorte

Die Havel fließt gemächlich, verliert auf ihrem Weg kaum 40 Höhenmeter und nimmt sich „Zeit & Raum“ – Seen, Buchten, Weite. Das Havelland ist eine der schönsten Wasserlandschaften Deutschlands und gleichzeitig Bierland.

Braumanufaktur Forsthaus Templin – Bio-Bier am Templiner See

Seit 2007 brauen Diplom-Braumeister Jörg Kirchhoff und Diplom-Brauingenieur Thomas Köhler:

  • Bio-Hell

  • Bio-Dunkel

  • Potsdamer Stange (traditionelle Potsdamer Biermarke)

Im Biergarten und Schankraum am Templiner See verbinden sich regionale Küche, Bio-Bier und Wasserblick. Nicht weit entfernt: Einsteinhaus, Schloss Caputh, Parks und Havelufer.

Meierei Potsdam – Sudkessel, Jungfernsee und Berliner Weiße

Mit dem Potsdamer Wassertaxi lässt sich eine wunderbare Tour fahren:
Vom Forsthaus Templin vorbei an Marmorpalais, Schloss Babelsberg und Glienicker Brücke bis zur Meierei am Schloss Cecilienhof.

Braumeister Jürgen-M. Solkowski und seine Frau bieten:

  • Meierei Hell (malzig-würzig, vollmundig)

  • Meierei Weisse

  • Saisonbiere: Märzen, Rotbier, Maibock, Schwarzbier, Herbstbock, Weihnachtsbier

Kupferne Sudgefäße, offene Gärbottiche im historischen Eiskeller, Biergarten mit Blick auf den Jungfernsee – und eine Berliner Weiße nach Ur-Rezepten des 19. Jahrhunderts.
Ein idealer Ort, um Potsdams Hohenzollern-Geschichte sacken zu lassen.

Werder – Blütenstadt mit Neuaufbruch

Werder ist durch das Baumblütenfest bekannt. Seit 2014 braut das Hotel & Restaurant „Zum Rittmeister“ wieder eigenes Bier und knüpft an die alte Brautradition der Blütenstadt an. Obst, Wasser, Bier – eine schöne Dreifaltigkeit.


Der Norden – Elbe, Prignitz und Uckermark

Elbe Resort Wittenberge – zurück zur eigenen Brauerei

In Wittenberge hat Bierbrauen Tradition seit mindestens 1567.
Nach fast 20 Jahren Pause sorgt das Elbe Resort mit seiner Schaubrauerei (seit 2009) wieder für:

  • mild-herbes Pils

  • vollmundiges Spezial

  • Dunkles mit betonter Hopfenaromatik

Gebraut im Zwei-Geräte-Sudwerk, ausgeschenkt vor Ort.

Prignitzer Hofbräu – Schnitzel, Schaum und regionale Handschrift

Im Prignitzer Hof (Landhotel bei Pritzwalk) hat sich Inhaber Rico Knorr einen Traum erfüllt: eigenes Bier brauen.

  • Helles

  • Dunkles

  • „Wolfsblut“ – nach originalem Pritzwalker Rezept

Dazu: überregional bekannte „Schnitzelschmiede“, Biergarten, engagiertes Team – sehr empfehlenswert.

Uckermark & Schwedt – Oder, Auenland und Brautradition

Die Uckermark, benannt nach dem slawischen Stamm der Ukraner, bietet:

  • Nationalpark Unteres Odertal

  • urige Fluss- und Auenlandschaften

  • Ausgangspunkt Schwedt

Hier beleben Wolf Mieczkowski und Ronald Steinke die Schwedter Brautradition neu.
Karthäusermönche brachten einst das Bier in die Stadt, die Amtsbrauerei am Karthaus versorgte die Region. Heute setzt die neue Gasthausbrauerei im Altstadtquartier diese Geschichte zeitgemäß fort.

Etwas südlich liegt das Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin mit dem Grumsiner Buchenwald (UNESCO-Weltnaturerbe), Kloster Chorin und dem historischen Schiffshebewerk Niederfinow – ideal kombinierbar mit Brauereistopps.


Der Osten – Barnim, Oderland und wiederbelebte Braurechte

Barnimer Brauhaus – Gesangskarriere meets Braukunst

Nicht weit von Niederfinow braut das Barnimer Brauhaus (Nora und Sören von Billerbeck) mit einem modernen 5-hl-Sudhaus.

Die beiden sind ursprünglich klassische Sänger, haben weltweit Biere und Brauer kennengelernt, Sensorikkurse absolviert, Praktika gemacht und eine Biersommelier-Ausbildung drangehängt.
Heute stehen hier charaktervolle, sehr sauber gebraute Biere im Mittelpunkt – der Aufwand hat sich gelohnt.

Fürstenwalder Rathausbräu – Brautradition im Gewölbekeller

Seit 2012 wird im historischen Rathausgewölbekeller der Domstadt Fürstenwalde wieder gebraut:

  • Pils

  • Roggenbier (Spezialität)

  • „Krüger Kersten“ (Craft-Bier)

  • saisonale Sorten

Im kleinen Brauereimuseum lässt sich die Biergeschichte Fürstenwaldes seit 1451 nachverfolgen – am besten mit einem frisch gezapften Rathausbräu in der Hand.

Altlandsberg – Schlossgut, Brau- und Brennhaus

Altlandsberg, vor den Toren Berlins, ist ein Kleinod:

  • sanierte Altstadtgassen

  • historische Kulturlandschaft

  • Schlossgut mit Brau- und Brennhaus (Geschichte seit 1685)

2016 entstand hier die erste Gasthausbrauerei im Landkreis Märkisch-Oderland – und die einzige Kombination aus Brauerei und Brennerei unter einem Dach in Brandenburg. Nach 357 Jahren wurde die Brauhaustradition wiederbelebt.

Erste Bernauer Braugenossenschaft – Börnicke braut zurück

Bernau erhielt 1423 das Privileg, Bier zollfrei zu vertreiben. Im 16. Jahrhundert waren 146 von 360 Häusern Bierhäuser, dann erlosch die Brautradition.

Seit 2016 gibt es die Erste Bernauer Braugenossenschaft e.G..
In Börnicke wurde die alte Brennerei zum Braustandort mit Ausschank und Terrasse ausgebaut. Gebraut werden:

  • „Das Bernaer“ (helles Vollbier nach Pilsner Brauart)

  • „Rathaus“ (Pale Ale)

  • „Kantor“ (Dunkles Lager)

  • dazu Saisonbiere

Die Brandenburger Bierstraße ist kein starrer Weg, sondern ein roter Faden, der all diese Orte miteinander verbindet.


Berlin – Hauptstadt der Bierstile und Kreativbrauer

Schon seit dem 16. Jahrhundert kennt Berlin die Berliner Weiße, vermutlich aus Breslauer Schöps oder Broyhan entwickelt. Nach 1700 wurde sie zum Lieblingsgetränk der Berliner, von Napoleons Soldaten „Champagne du Nord“ genannt.

Seit den 2010er Jahren erlebt die Berliner Weiße eine Renaissance – u. a. durch Lemke, Schneeeule und BRLO.
Doch Berlin bietet weit mehr: eine lebendige, vielfältige Craft-Bierszene, die man am besten nach Stadtteilen erkundet.


Berlin-Mitte & Charlottenburg – Lemke & die Beer Machine

Lemke Berlin ist eine der prägenden Craft-Brauereien der Stadt.

  • 1998 kehrt Oliver Lemke nach Stationen in Venezuela, Japan und anderswo nach Berlin zurück

  • baut seine erste Anlage in einer Garage

  • entwickelt daraus eine der bekanntesten Berliner Brauereien

Heute gibt es Lemke-Standorte in Charlottenburg, am Hackeschen Markt und am Alexanderplatz.
Gebraut werden:

  • klassische Sorten

  • IPAs

  • Barrel-Aged-Biere

  • Berliner Weiße

  • insgesamt rund 22 Biere

Mit dem Projekt Beer Machine gibt Lemke überschüssiger Kreativität Raum: „Once-only“-Sude, ungewöhnliche Hopfensorten, seltene Hefen, Collabs – konsequent in Dosen.


Friedrichshain & Prenzlauer Berg – Hops & Barley, Straßenbräu, Bräugier

Hops & Barley – Institution im ehemaligen Schlachtereiviertel

Am 02.02.2008 öffnet Hops & Barley in einer alten Fleischerei in Friedrichshain.
Philipp Brokamp, Brauer und Ruhepol, startet mit einer kleinen Braxonia-Anlage (4 x 50 l am Tag) und erweitert bald auf 500 l.

Heute gibt es:

  • acht Biere vom Hahn plus Cider

  • eine zweite Produktionsstätte „Zur alten Börse“ in Friedrichsfelde (bis zu 30 hl pro Woche)

  • eine Kneipe, die für viele bieraffine Berlinbesucher Pflichtprogramm ist

Straßenbräu – Bar, Brauerei, Online-Shop

2015 beginnt die Geschichte von Straßenbräu am Ostkreuz.
Kleine Bar, integrierte Brauanlage, keine große Eröffnungsshow – dafür stetiges Wachstum.

Heute:

  • Bar in Friedrichshain

  • eigene Brauerei in Marzahn

  • wachsender Online-Shop

Chefbrauer Seba (belgischer Italo-Schweizer) entwickelt und braut die Biere – mit klarer Haltung: Bier als Kulturgut, das Menschen verbindet.

Bräugier – Neugier im Glas

Seit 2017 baut Brian Trauth in Prenzlauer Berg an der Marke Bräugier.
Ein ehemals heruntergekommener Platz wird zum Brewpub mit Mikrobrauerei hinten, gemütlicher Schankstube vorn.

Bräugier „lebt, atmet und trinkt“ Neugier – klassische Stile, moderne Interpretationen, Ales mit Charakter.
Seit einem Jahr gibt es zusätzlich einen Taproom in Friedrichshain.


Tegel & Wedding – Schneeeule, Vagabund, Eschenbräu

Schneeeule – Berliner Weiße neu erzählt

Ulrike Genz probiert während ihres Studiums an der TU Berlin eine „richtige“ Berliner Weiße – gebraut von Curt Marshall (VLB).
Das Erlebnis ist so prägend, dass sie 2016 die Brauerei Schneeeule gründet (seit 2017 in Tegel).

  • Berliner Weiße nach historischen Rezepten

  • teils mit langer Reifung, Brettanomyces, Spezialblends

  • international stark nachgefragt

Seit 2020 gibt es mit dem Schneeeule Salon im Wedding wieder eine klassische Weißeschänke – ein Muss für Fans dieses Stils.

Vagabund – von der Band zur Brauerei

Die drei Amerikaner Matt, Tom & David wollten eigentlich eine Band starten.
Ihr Pale Ale wurde erfolgreicher als ihre Musik – 2011 entsteht die Vagabund Brauerei, 2013 eröffnet der Schankraum.

Seit 2015 verstärkt Braumeister Erik Mell das Team, 2020 startet das Kesselhaus in den Osram Werken:

  • moderne Produktionsbrauerei

  • 4.500 Liter pro Sud

  • starker Fokus auf Community & Kreativbiere

Eschenbräu – Pionier im Kiez

Unweit des Leopoldplatzes liegt das Eschenbräu.
Martin Eschenbrenner, Diplom-Braumeister (TU Berlin), startet 2001 und gehört zu den Pionieren gegen den Einheitsgeschmack.

Biere wie:

  • Pankegold

  • Alter Schwede

  • Schwarze Molle

  • Weddinator

haben klaren Charakter. Die Location vereint Biergarten, Kneipe, Hausbrauerei, Brennerei und Saftpresse – sehr berlin-typisch, sehr eigen.


Kreuzberg & Spandau – Schoppe Bräu & BRLO

Schoppe Bräu – Holy Shit & Katerfrühstück

Thorsten Schoppe ist eines der Urgesteine der Berliner Craft-Szene.
2001 gründet er Schoppe Bräu, braut im Südstern, eröffnet später das Bier Kombinat Kreuzberg (heute Taproom) und zieht dann zur Schankhalle Pfefferberg.

Seine Biere:

  • „Holy Shit Ale“

  • „Katerfrühstück“

  • diverse IPAs und Spezialitäten

sind programmatisch und prägen die Szene bis heute.

BRLO – Container, Gemüse & Craft-Zentrum

BRLO wird 2014 von einer Fränkin, einem Berliner und einem Mecklenburger gegründet.
2017 eröffnet das BRLO BRWHOUSE am Gleisdreieck:

  • 38 umgebaute Überseecontainer

  • eigene Brauerei

  • Biergarten

  • Küche mit Gemüse im Mittelpunkt, Fleisch als Beilage

2019 folgt das BRLO Craft Zentrum in Spandau:

  • Produktionskapazität: 25.000 hl

  • Flaschen-, Dosen- und Fassabfüllung

  • Bio-zertifiziert

  • Lohnbrau-Kapazität für befreundete Brauer

Damit unterstützt BRLO viele junge Brauprojekte und verstärkt die Vielfalt der Berliner Bierszene.


Fazit – eine Region, die Bier ernst nimmt

Brandenburg & Berlin zeigen eindrucksvoll:

  • wie historische Brautradition (Zoigl, Berliner Weiße, Stadtbrauereien)

  • und moderne Kreativbierszene (IPAs, Barrel Aged, Collabs)

  • mit Landschaft, Geschichte und Lebensgefühl verschmelzen

Die Brandenburger Bierstraße ist eher ein Konzept als eine Route – ein roter Faden durch Seen, Wälder, Flusslandschaften und Dörfer mit Braukessel.
Berlin ergänzt das Ganze mit einer enormen Dichte an Brauhäusern, Bars und Bierideen.

Es gäbe noch viel mehr zu erzählen – aber irgendwo muss man aufhören.
Oder, um es berlinisch zu sagen:

Für heute ist gut.
Der Rest wird vor Ort getrunken.