Zu Besuch bei der Brauerei Kundmüller
Weiherer Bierkultur zwischen Tradition, Experiment und Familienbande
Zwischen Bamberg und Weiher – wo alles begann
Nur ein paar Kilometer von Bamberg entfernt, in den Hügeln rund um Weiher, steht eine Brauerei, die vieles vereint, was Oberfranken ausmacht:
Tiefe Verwurzelung, handwerkliche Konsequenz – und eine erstaunliche Lust auf Neues.
1874 wurde in Weiher zum ersten Mal gebraut – ein Bier, das dem heutigen Weiherer Lager ähnelt. Fast 100 Jahre lang konnte nur im Winter gebraut werden, ohne künstliche Kühlung, mit Felsenkeller und Holzfässern, die regelmäßig vom Büttner gepicht wurden. Die Gärung: offen im Bottich, wie damals üblich.
1969 eröffneten Anna und Erwin Kundmüller den Brauerei-Gasthof. Landwirtschaft, Gasthaus, Brauerei – alles unter einem Dach, alles im Familienrhythmus. Erwin braute neben der Feldarbeit, stellte die Hefe um – die Geburtsstunde des heutigen Weiherer Lagers.
Das Fundament: ein bernsteinfarbenes, unfiltriertes Lager, lagernd in 600-Liter-Mutterfässern, getragen in Butten, gekühlt im Felsenkeller.
Heute würde man sagen: Slow Brewing. Damals war es einfach Arbeit.
Vom Lager zum Bock – und zur modernen Bierlinie
Bis 1989 gab es in Weiher genau eine Biersorte: das Lager, ausgeschenkt im Gasthof.
Dann kam Roland Kundmüller.
Mit 18 entwickelte er den Weiherer Bock – und setzte damit den Startpunkt für die heutige Vielfalt. Aus der „Nebenrolle Bier“ zwischen Landwirtschaft und Gasthaus wurde Schritt für Schritt ein eigenständiges Profil.
Entscheidende Stationen:
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1990: neues Sudhaus – Grundlage für Wachstum
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1997: erste Flaschenabfüllung
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1998: Bügelflaschen
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Weiherer Weisse (erstes obergäriges Bier) und Weiherer Pils ergänzen das Sortiment
Roland ist Braumeister mit jeder Faser. Er hält das Reinheitsgebot hoch – und nutzt es gleichzeitig als Spielfläche:
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klassische fränkische Stile: Landbier, Lager, Märzen, Rauchbier
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kreative Linien:
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Schwärzla/Schwärzerla – dunkle fränkische Antwort auf Stout
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Weiherer India Pale Ale – hopfenbetont, modern, eigenständig
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Hopfenweizen – fruchtige Verbindung von Weizen und Aromahopfen
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Holzfass-Projekte: Bock im Bourbon- oder Rumfass, Dornfelder-Weizenbock im Rotweinfass aus den Südhängen um Weiher
Man spürt: Hier wird nicht „Craft“ nachträglich aufgeklebt. Hier entwickelt sich eine gewachsene Landbrauerei behutsam in die Gegenwart.
Familienbrauerei – im besten Sinne des Wortes
Viele Brauereien nennen sich Familienbetrieb. In Weiher ist das keine Floskel.
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Roland Kundmüller – Braumeister, Kopf der Sudhaus-Entwicklung
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Oswald Kundmüller – Geschäftsführer, Biersommelier, Vertrieb, Ideengeber
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Mutter Anna – Herz des Brauereigasthofs
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Vater Erwin – früher Brauer, heute Schnaps- und Brand-Spezialist
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Michael Kundmüller – Landwirtschaft, Rohstoffbasis
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Metzgermeister Tobias Kundmüller – Fleisch und Wurst für den Gasthof
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Dazu Ehepartner, Neffen, Nichten – alle eingebunden
Oswald wählte zunächst den kaufmännischen Weg, arbeitete außerhalb – und braute nebenher morgens und an Wochenenden mit. Irgendwann war klar: Die Zukunft liegt Schulter an Schulter mit Roland in Weiher.
Diese Doppelkompetenz – Brautechnik und Betriebswirtschaft – ist einer der Gründe, warum die Brauerei Kundmüller heute so gut dasteht.
Heimatliebe & Nachhaltigkeit
Heimat ist hier kein Marketingbegriff:
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Rohstoffe kommen weitgehend aus der Region
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die Familie ist weiterhin Landwirt und Brauer
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2011: Zertifizierung als Bio-Brauerei
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Einführung von Weiherer Urstöffla und Weiherer Keller-Pils als Bio-Biere
Parallel wurde konsequent in nachhaltige Technik investiert:
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Solarbier-Auszeichnung (Teile der Produktpalette rein mit erneuerbarer Energie)
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Photovoltaik-Anlage, später erweitert um über 120 kWp
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energieeffiziente neue Brauerei mit moderner Kälteanlage und Labor
Hier wird nicht nur über Nachhaltigkeit gesprochen – sie ist Teil der Investitionsstrategie.
Neubau mit Weitblick – Brauerei 2.0 in Weiher
Der konsequente nächste Schritt folgte 2019/2020:
Die Entscheidung für einen kompletten Neubau.
Seit 2020 wird auf einer neuen, energieeffizienten Anlage gebraut:
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60 hl 5-Geräte-Sudhaus
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neue Schroterei
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Hefe-, Gär- und Lagerkeller mit zwei offenen Gärtanks (Tradition bewusst erhalten)
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zentrale Kälteanlage
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Labor & Sozialräume
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Besucherpodest – Brauen zum Anschauen
Dazu kamen:
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Palettierroboter
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Vollkastenkontrolle
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moderne Leerflascheninspektion
Investitionsvolumen: über drei Millionen Euro.
Ergebnis: volle Kontrolle vom Schrot bis zur Flasche – und ein Betrieb, der ökologisch wie wirtschaftlich zukunftsfähig aufgestellt ist.
Preise, die Geschichten erzählen
Die Liste der Auszeichnungen ist lang – aber sie zeigt, wie breit die Brauerei heute aufgestellt ist.
Auswahl:
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World Beer Cup Silber für Weiherer Rauch – international höchst renommiert
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mehrfach „Bestes deutsches Pils“ & „Kellerpils des Jahres“
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„Imperial IPA des Jahres“, „Session Ale des Jahres“, „Bestes deutsches Bock“ (u. a. beim Meininger Craft Beer Award)
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Titel wie „Beste deutsche Privatbrauerei“ und „Craft Brauerei des Jahres“
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„Future Award“ für vorbildliche und nachhaltige Betriebsführung
Besonders eindrucksvoll:
Beim World Beer Award erhielt Weiherer Bier jüngst 16 Auszeichnungen, darunter:
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Gold & „Bestes deutsches Pils“ – Weiherer Pils
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„Bestes deutsches Session IPA“ – Grischbeerla (Collab mit Fat Head’s, Ohio)
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„Bestes deutsches Speciality IPA“ – Hopferla IPA (ebenfalls Collab Fat Head’s)
Dazu kommen Kollaborationen mit:
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Cervejaria Bamberg (Brasilien) – Rauchbock, ausgezeichnet beim European Beer Star
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internationalen Partnern, die zeigen: Weiher ist global vernetzt, ohne den Boden zu verlieren.
Aus dem Nähkästchen – wenn Brüder sich Biere schenken
Wie eng Roland und Oswald zusammenstehen, merkt man auch an zwei sehr persönlichen Bieren:
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Weiherer Rolator – ein Doppelbock als Geburtstagsgeschenk von Oswald an Roland zum 50. Ein Augenzwinkern in Flaschenform: Anknüpfung an den Weiherer Bock von 1989 plus der typisch bockige „-ator“-Name.
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Weiherer OSw-Alt – Rolands Gegengeschenk zum 50. von Oswald: ein charakterstarkes Altbier mit schöner Hopfenaromatik, der Name eine doppelte Anspielung auf Initialen und Bierstil.
Diese Biere sind mehr als Produkte.
Sie sind flüssige Fußnoten einer Familiengeschichte.
Warum ein Besuch in Weiher lohnt
Wer nach Weiher kommt, erlebt keine „Show-Brewery“. Man erlebt eine gewachsene Familienbrauerei, die:
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ihre Wurzeln ernst nimmt,
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offen gärt, wo es Sinn ergibt,
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konsequent in Technik und Nachhaltigkeit investiert,
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und sich gleichzeitig kreativ in alle Richtungen vorwagt – vom Rauchbier bis zum Imperial IPA.
Gasthof, Biermuseum, Hopfengarten, neue Brauerei – alles liegt eng beieinander.
Man kann hier:
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klassisches Landbier trinken
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sich durch die Weiherer Ales probieren
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einen Bock aus dem Holzfass entdecken
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und im Gespräch mit den Kundmüllers schnell spüren, dass „Familienbrauerei“ hier wörtlich zu nehmen ist.
Für mich ist Kundmüller ein wunderbares Beispiel dafür, was passiert, wenn eine ländliche Brauerei nicht „übernommen“, sondern weitergedacht wird:
Schulter an Schulter, Generation für Generation.