Der Lykische Weg – Patara bis Boğazcık

Eine Woche zwischen Meer, Bergen und Stille

Antalya, die Perle der türkischen Riviera, schmiegt sich wie ein funkelndes Mosaik zwischen dem azurblauen Mittelmeer, endlosen Sandstränden und den majestätischen Flanken des Taurusgebirges. Ein lebendiges, atmendes Landschaftsgemälde, das Mustafa Kemal Atatürk 1930 so tief berührte, dass er ausrief: „Ohne Zweifel ist Antalya der schönste Ort der Welt.“

Von hier aus lockt der Lykische Weg – ein 540 Kilometer langes Wander-Epos entlang antiker Pfade, durch pinienduftende Täler, über sonnenverbrannte Hochplateaus und an schwindelerregenden Küstenrücken entlang. Der gesamte Weg ist eine Einladung an jeden ambitionierten Wanderer, der Weite, Wildnis und Geschichte sucht. Unsere einwöchige Tour von Patara bis Boğazcık ist dabei eine besonders eindrucksvolle Teilpassage dieses großen Fernwanderweges: intensiv, fordernd, landschaftlich überwältigend und kulturell tiefgründig.


Patara – Auftakt zwischen Dünen und Antike

Der Weg beginnt in der mythischen Ruinenstadt Patara. Weite Sanddünen, vom Wind modelliert, treffen auf mächtige Säulenreste, halb überwachsene Tempel und das monumentale Theater, das noch immer wie ein steinernes Gedächtnis der lykischen Vergangenheit über die Ebene wacht. Schon die ersten Schritte lassen erahnen: Dies ist kein Spaziergang, sondern ein Pfad mit Charakter, Geschichte und rauer Schönheit.

Von Patara aus folgt der Weg abwechslungsreich dem türkisfarbenen Ufer Richtung Kalkan – vorbei am leisen Flüstern eines römischen Aquädukts, über schmale Pfade mit Ausblicken, die das Herz stocken lassen. Der Weg verlangt Trittsicherheit und Schwindelfreiheit, doch er belohnt mit einer der spektakulärsten Küstenlandschaften des Mittelmeers. Schließlich erreicht man das weißgetünchte Örtchen Kalkan, wo kleine Cafés, duftender Çay am Hafen und ein goldglühender Sonnenuntergang den Wandertag sanft beschließen.


Hinauf in die Berge – Berzigan und Sarıbelén

Weiter führt der Pfad schweißtreibend über mehr als 1000 Höhenmeter hinauf zum zeitlosen Bergdorf Berzigan. Hier scheinen die Uhren langsamer zu ticken. Schafe ziehen über sanfte Hänge, steinerne Terrassen säumen die Felder, und der Wind trägt das leise Murmeln einer alten, landwirtschaftlich geprägten Welt.

In Sarıbelén zeigt sich die herzliche anatolische Gastfreundschaft in ihrer schönsten Form: Tee wird gereicht, Blicke ausgetauscht, Worte sind oft überflüssig. Man spürt, dass man nicht nur durch eine Landschaft wandert, sondern durch eine lebendige Kultur, die seit Jahrhunderten im Einklang mit diesen Bergen lebt.


Auf dem Weg nach Gökçeören – Küste, schmale Pfade und große Stille

Der Abschnitt nach Gökçeören entfaltet eine andere, leisere Schönheit. Immer wieder öffnen sich Blicke hinab zur schimmernden Küste, während sich der Pfad schmal durch die Berglandschaft windet. Die Luft ist warm, würzig nach Pinien, und die Stille wirkt fast greifbar.

Es ist ein Weg der Einkehr: Weit weg von Lärm und Hektik, getragen nur vom eigenen Atem und dem rhythmischen Knirschen der Steine unter den Schuhen. Hier zeigt sich der Lykische Weg von seiner kontemplativen Seite – wild, ruhig und unendlich weit.

In Gökçeören empfängt Hüseyin seine Gäste in seiner Pension mit selbst geernteten, regionalen Köstlichkeiten. Nach einem langen Wandertag schmecken einfache, lokale Gerichte besonders intensiv – und man spürt, wie gut diese Ruhe Körper und Geist tut.


Gökçeören nach Kaş – Taurus, Antike und Weite

Die Etappe von Gökçeören nach Kaş zählt zu den eindrucksvollsten dieses Abschnitts. Jetzt öffnet sich der Blick immer wieder auf die phänomenalen Gipfel des Taurusgebirges – schroff, erhaben und majestätisch, als stünden sie wie steinerne Wächter über dem Land.

Der Pfad führt durch bachdurchzogene Täler, über felsige Höhenrücken und entlang luftiger Grate. Besonders eindrücklich sind die Überreste der versunkenen Stadt Phellos, deren verstreute Säulen und Steine wie ein archäologisches Puzzle bis hinunter zur Küste reichen.

Diese Etappe schenkt Weitblick und Staunen – doch sie fordert auch Respekt: Trittsicherheit bleibt der ständige Begleiter.


Ruhetag in Kaş – Ankommen, Verweilen, Durchatmen

In Kaş ist bewusst ein Ruhetag eingeplant.

Kaş ist ein kleiner, lebendiger und ausgesprochen charmanter Küstenort – ein Ort, der Leichtigkeit und Gelassenheit zugleich ausstrahlt. Weiß getünchte Häuser mit bunten Türen, verwinkelte Gassen, Bougainvilleen in sattem Rosa und ein Hafen, in dem Boote sanft schaukeln, prägen das Stadtbild.

Zahlreiche Cafés und Bars laden zum Verweilen ein, kleine Boutiquen und Kunsthandwerksläden zum Stöbern. Man kann am Meer frühstücken, durch die Altstadt schlendern, im glasklaren Wasser schwimmen oder einfach auf einer Bank sitzen und den Moment genießen.

Kaş ist lebhaft, aber nie hektisch – der perfekte Ort, um die Seele baumeln zu lassen und neue Kraft zu sammeln, bevor es weitergeht.


Boğazcık – Ziel mit Aussicht

Von Kaş führt der Weg schließlich weiter Richtung Boğazcık – noch einmal durch eine Landschaft, in der Meer, Berge und Geschichte untrennbar miteinander verwoben sind. Hier endet diese Teilpassage des Lykischen Weges, doch das Gefühl bleibt: Man hat ein Stück eines der schönsten Fernwanderwege der Welt erlebt – intensiv, ursprünglich und tief berührend.


Der Klang der Dörfer – Moscheen und Muezzin

Was diese Wanderung besonders prägt, ist nicht nur die Natur, sondern auch die kulturelle Atmosphäre. In jedem Dorferhebt sich eine Moschee, und die Gesänge des Muezzins hallen weit durch die Bergwelt.

Diese Rufe sind wie unsichtbare Wegweiser: Sie kündigen an, dass man bald wieder eine Siedlung erreicht, und verleihen der Wanderung eine spirituelle, fast meditative Dimension. Der Lykische Weg ist damit nicht nur ein landschaftliches, sondern auch ein akustisches Erlebnis.